Migration ist eine wunderbare Sache – Afropopkolumne

kel-assouf-black-tenereMigrierende Sounds sind die Spezialität von Ekiti Sound: Da tanzen etwa in dem Video „Ife“ von Ekiti Sound drei junge nigerianische Frauen anmutig in einem Hinterhof in Lagos. Wenn traditionelle Tänze der Ibo, Yoruba und Hausa die treibenden perkussiven Rhythmen liefern, dann wummst der tiefe Sub-Bass, tschirpen die Computerspiel-Melodien direkt aus einem Londoner Techno-Club herüber. Hinter dem interkontinentalen Mash-Up von Ekiti Sound steckt der Nigerianer Leke aka CHIF. Sein Debut „Abeg No Vex“ (Crammed Discs) lässt ahnen, dass er schon verdammt Vieles um die Ohren hatte. Leke pendelte seit seiner Jugend zwischen Lagos und London hin und her, hatte zuletzt einen Job als Film-Sound-Designer für Nollywood, das nigerianische Pendant zu Hollywood, und wenn er nun Drum’n Bass, Afrobeat, Funk, britisch-nigerianischen Rap, Elektronik und Talking Drums zusammenspannt, wirkt das wie der Soundtrack eines Films über einen durchgedrehten Club-Nomaden. Avantgarde möchte man sagen – würde diese strenge Vokabel nicht darüber hinweg täuschen, wie enorm tanzbar, sommerlich lebensfreudig und ansteckend die Songs dieses Albums daherkommen: mit flirrenden Highlife-Gitarren, ätherischen Synthies und den raspelnden Chants von Mitstreiter Prince G vertonen sie traditionelle Sprichwörter wie „Jeder Sünder kann ein Heiliger sein/ und jeder Heiliger ein Sünder“.

Eine andere Art von Afropunk liefert das neue Album von Kel Assouf. Auf „Black Tenere“ (Glitterbeat) stampft die Band um einiges ruppiger als die Tuareg-Konkurrenz von Tinariwen oder Tamikrest. Die Kritiker brachte das ins Rätseln: Ist das „afrikanischer Heavy Metal“? „Eine Mischung aus Led Zeppelin, Black Sabbath und Wüsten-Blues“? Oder gar eine „Briefbombe aus der Sahara“? Nun gut, verletzen können Kel Assoufs Sound bestenfalls Weltmusik-Romantiker, die den Gitarrenrock der Tuareg (oder wie sie sich selbst nennen: Tamashek) zur nostalgischen Wüstenmeditation verklären. „Black Tenere“ will alles andere: Das macht Frontmann und Bandleader Anana Ag Haroun schon mit der Wahl seiner Flying V-Gitarre deutlich. Aufgewachsen im Niger und sozialisiert mit westlichem Rock, hat er nach seinem familiär bedingten Umzug nach Brüssel seinen Gitarren-Verstärker immer lauter aufgedreht. Auf seinem dritten Album mit Kel Assouf gibt sich Haroun nicht nur politisch-kämpferisch mit Songs wie „Fransa“, die Frankreichs Kolonialpolitik verdammen. Er entdeckt auch die elektronische Musik für sich. Zu verdanken ist das seinem Produzenten und Keyboarder Sofyann Ben Youssef. Der Tunesier schoss letztes Jahr unter seinem Alias Ammar 808 nordafrikanische Arabesken mit Hilfe synthetischer Basslinien in die Techno-Umlaufbahn. Nun legt er Club-Beats und schiebende Synthesizer unter Harouns kreiselnde Riffkürzel und schafft selbst auf den leiseren Songs, die etwa die Sahara-Landschaft und das „Parfum der Akazien“ besingen, das psychedelische Ambiente eines aus der Ferne fauchenden Sandsturms. „Musik“, sagt Haroun, „muss reisen und fremde Klänge mitnehmen, um interessant zu bleiben“.

Das würde wohl auch Bassekou Kouyate unterschreiben. Seit seinem 2007er Debut „Segu Blu“ elektrisierte der malische Griot seine Ngoni-Laute, schaltete Feedback und Wah-Wah-Pedale zu, experimentierte zuletzt auf „Ngoni Ba“ gar mit Indie-Rock-Anleihen. Nun kehrt Kouyate auf „Miri“ (Outhere Records) zu seinen Wurzeln zurück. Dem semi-akustischen Setting der Familienband. Dem pentatonischen Bamana-Groove. Und einer wunderbaren Melancholie irgendwo zwischen Verletzlichkeit, Trotz und „Insch‘allah“. Tatsächlich hatte sich der Musiker nach dem Tod seiner Mutter wochenlang mit seiner Ngoni in sein Heimatdorf ans Ufer des Niger zurückgezogen – um die Klage über diesen Verlust und den Zustand seines Landes in anrührende Songs zu gießen. Songs wie „Wele Ni“: Das Epos über einen historischen malischen König, der sich in seiner Überheblichkeit nicht um seine Untertanen scherte, wird jeder Malier als Anspielung auf die korrupte Regierung verstehen. Sahel-typische Gitarrenlicks verstärken die Aura des Verlorenen. Vor allem aber legt der Flow sich verzahnender Ngoni-Riffs Kouyates immer wieder die Startrampe für die melismatischen Gesänge von Kouyates Ehefrau Amy Sacko. An anderer Stelle mag man Latino-Rhythmen heraushören. Dass Kouyate sich illustre Gäste wie Habib Koité, Afel Boucoum, Abdoulaye Kouyate und die kubanischen Rapper von Madeira Limpia eingeladen hat, schön und gut. Die stoische Kraft seiner Musik aber kommt von innen. Aus der eigenen Tradition, die ihre afroamerikanischen Blues-Cousins umarmt. Migration ist eine wunderbare Sache.   JONATHAN FISCHER

SZ 23.4.2019

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