Können diese Tattoos lügen? Kein Problem für Gucci Mane! Die Autobiografie des selbsternannten „Trap God“ lässt ahnen, dass viel mehr hinter Trap steckt als eine bloße Hip-Hop-Mode

Woran erkennt man einen Trap-Rapper? Lassen wir mal den düsteren, basslastigen Beat beiseite, dann gibt das Erscheinungsbild ein paar Anhaltspunkte: Tattoos im Gesicht, codeinhaltiger Hustensaft im Becher, Raps, die um Juwelen und Begräbnisse kreisen. Keiner hat diese Klischees besser bedient als Gucci Mane. Gefängnis, Mixtape, Gefängnis, Mixtape … In diesem, nun ja, Rhythmus spielte sich im letzten Jahrzehnt das Leben dieses Rappers aus Atlanta ab.

  Und wer glaubte, sein 39-monatiger Aufenthalt in einem Hochsicherheitsgefängnis würde den Mann brechen oder aus dem Showbusiness katapultieren, der hatte sich geirrt. Als Gucci Mane im September 2016 vor Millionen Instagram-Followern seine elektronischen Fußfesseln durchschneidet, feiert die Hip-Hop-Welt die Rückkehr ihres Lieblingsschurken. Drake besucht ihn mit einem fertigen Song, junge Trap-Superstars wie Migos oder Fetty Wap geben ihrem erklärten Vorbild „Shout-outs“. Längst haben Christina Aguilera, Rihanna oder Beyoncé den Sound in den Mainstream getragen, für den sich Gucci Mane einst zum „Trap God“ ausrufen ließ.

  Nun ist Gucci Manes im letzten Jahr veröffentlichte Autobiografie auf Deutsch erschienen. „Die Autobiografie von Gucci Mane“ (Kunstmann) gehört zu den lesenswerteren Hip-Hop-Beichten. Anders etwa als Kanye Wests schmalbrüstige Sprüchesammlung „Thank You and You’re Welcome“ wirken die Geständnisse, die der 38-jährige Mane mithilfe des Journalisten Neil Martinez-Belkin verfasst hat, angenehm uneitel.

  Er wendet sich unmittelbar an den Leser, gesteht diverse Lebenslügen und füllt das Phänomen Trap mit seiner Geschichte. Aus gelebter Gewalterfahrung, gelebter Drogenerfahrung. „Ich war die letzten 20 Jahre stets stumpf“, gesteht der Mann, der darüber rappte, Angst lindernde Pillen wie „baked beans zu futtern“. Wer diese Lebensgeschichte des in ärmlichen Verhältnissen als Radric Davis in Bessemer, Alabama, aufgewachsenen Jungen liest, der entdeckt jemanden, der seinen Wert beweisen möchte, aber nicht weiß, wie das geht.

  Sein Großvater war der Erste, der sich Gucci nannte – nachdem er als Soldat während des Zweiten Weltkrieges in Italien Geschmack an der dortigen Mode gefunden hatte. Radrics Vater, ein Spieler und Betrüger, war dem Sohn zwar keine Stütze, brachte ihm aber einige Tricks bei. Etwa, wie man die Körpersprache seines Gesprächspartners lesen und ihn manipulieren kann. Mit neun Jahren sollte Radric mit seiner Mutter in eine raue Gegend von Atlanta ziehen. In der neuen Heimat musste sich der Junge mit dem gedehnten Hinterwäldlerakzent – „man“ etwa wird zu „mane“ – erst einmal beweisen. Zunächst als Drogendealer. Dann als rappender Drogendealer. Und nach einem Überfall auf ihn, bei dem es um Songrechte und einen „Beef“ unter Rappern ging, gewann er auch noch den zweifelhaften Ruf, in einen Mord verwickelt zu sein. Das Gericht sprach ihn wegen Notwehr frei. Seine Fans verziehen das nicht nur, sie verbuchten das als „street cred“, die für Trap unbedingt notwendige Straßenkredibilität.

  Trap: Das bezeichnet den Ort, an dem Drogengeschäfte gemacht werden, und seit etwa 2003, als der Atlanta-Rapper TI ein Album „Trap Muzik“ nannte, auch eine lokale Hip-Hop-Spielart: Verlangsamte Tempi, ratternde Snaredrums und dräuende Roland-TR-808-Synthies schleppen das Lebensgefühl einer abgehängten schwarzen Jugend mit wie die Eisenkugel einer Gefängniskette.

  Wir, das scheinen deren Songs zu sagen, leben immer noch den Blues. Einen aberwitzigen, gewalttätigen Blues, den Gucci Mane in genuschelten Grobheiten wie: „Ich werde dem Nigga die Füße abschneiden“ einfängt. Das „Wie“ ist hier wichtiger als das „Was“. Gucci Mane nuschelt seine Raps oft wie im Halbschlaf, zieht Sätze zusammen, dreht Silben hin und her, bis sie wie Kinderreime wirken. Oft hat selbst seine Angeberei etwas Kindliches – etwa in Gucci Manes Erkennungssong „Lemonade“: Die Nummer aus dem Jahr 2009 lebt vom Staunen eines ehemaligen Straßendealers, der sich nicht an den Farben seiner ersten Juwelen sattsehen kann.

  Glamourös aber waren meist nur die Videos. Gucci Mane erinnert sich, dass keine größere Radiostation die in nächtlichen, codeinvernebelten Sessions produzierten Nummern spielen wollte. Dass er verlorene Studiokosten durch Straßendeals wieder hereinholen musste. Dass er seine ersten Hits aus dem Kofferraum, an Tankstellen und in Clubs verkaufte und seine selbstgebrannten CDs oft auch als Zugabe zu einem Tütchen Crack vertickte.

  Schon damals hatte der Mann, dessen Diskografie heute über 50 Mixtapes und gut 2000 Songs umfasst, ein unglaubliches Arbeitspensum. Länger als zehn Minuten, sagt er, durfte das Basteln an einem Beat nicht dauern – dann improvisierte er spontan ein paar Reime dazu. Oder er las sie von Spickzetteln ab, die er beim letzten Gefängnisaufenthalt geschrieben hatte. Ein neues Album in sechs Tagen? Kein Problem für Gucci Mane! Und dann schob er mit seiner eigenen Plattenfirma noch die Karrieren künftiger Superstars wie Young Thug, Future, Nicki Minaj und Migos an.

  Heute gilt ein Gucci-Mane-Rap als Gütesiegel der Straße. Die anderen mögen über das Ghetto reden, er riecht danach. Auch deshalb liefern Stars wie Drake und Kanye West gerne ein paar Verse für den Rapper aus Atlanta ab. Man braucht sich gegenseitig. Für Gucci Manes aktuelle Single „Wake Up In The Sky“ etwa ist Bruno Mars mit von der Partie. „I know I’m superfly“, protzt Gucci Mane, „ich weiß, dass ich geil rüberkomme“. Für das Video wiegt er sich mit weißem Pelzmantel und behangen wie ein Juwelier-Schaufenster vor dem Spiegel hin und her. Zwischen New Orleans und Atlanta ist das ein Riesending. Im Rest der Welt bloß ein Chart-Mitläufer.

  Bis auf sein „I Get The Bag“ aus dem Jahre 2017 ist Gucci Mane ein regionales Phänomen geblieben, er gilt als einer, der keine Pop-Kompromisse eingeht und seine Beats bei seinem Jugendfreund Zaytoven bestellt. Gucci Manes Mythos lebt vom Unterhaltungswert. Dem schillernden Vexierspiel zwischen Schurke und Spinner. Grotesken Selbstinszenierungen, wie dem spontanen Entschluss des Rappers, sich eine bunte Eiswaffel samt „Brrrr“ auf die Backe tätowieren zu lassen.

  Einen „Volkshelden“ nennt ihn der New Yorker, „die Art Entertainer, die mindestens genau so viel Lust macht, über sie zu reden, wie ihr zuzuhören“. Klar, Gucci Mane stellt sich immer wieder selbst ein Bein: Da verschleudert er 150 000 Dollar in einem Stripclub, schubst eine Frau aus dem fahrenden Jeep oder er zieht einem Fan, der ihn um ein Autogramm bittet, eine Champagnerflasche über den Schädel.

  Noch bevor er für den versuchten Totschlag seine Haftstrafe antritt, beleidigt Gucci Mane in einem Twittersturm Freunde, Feinde und Geschäftspartner. Ein Hip-Hop-Magazin bastelt dazu sogar eine Hitliste von Gucci Manes „21 lustigsten Tweets“.

  Mit alldem soll jetzt Schluss sein. Gucci Mane erzählt in seiner Biografie von dem harten Entzug hinter Gittern. 35 Kilo hat er sich dort abtrainiert und neben der Bibel auch Selbsthilfebücher wie Deepak Chopras „Heilung“ gelesen. „Ich habe die Zeit im Gefängnis genutzt“, schreibt er, „um ein besserer Mensch zu werden.“

  Manche Fans trauten ihren Augen und Ohren nicht – und setzten Verschwörungstheorien von einem Gucci-Mane-Klon in Umlauf. Selfies vor Salatschüsseln, Ratschläge zur Drogenabstinenz, Modeln für Luxusmarken in der GQ: Das soll aus dem fetten Sirup-Schlucker von einst geworden sein? Zehn Jahre früher wäre so viel Bürgerlichkeit der sichere Tod jeder Trap-Karriere gewesen. Aber Legenden, das wissen wir ja, dürfen alles – sogar erwachsen werden. 

JONATHAN FISCHER

SZ 12.12.2018Gucci-Mane

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