Yeehaw! Sex oder Beten? „Jesus“ oder „Baby“? Al Green plagten einst die gleichen Gewissensbisse wie viele Soulsänger. Dann wurde er Prediger. Ein Besuch in seinem Gottesdienst in Memphis

Wer den Elvis Presley Boulevard in Memphis Richtung Süden fährt, der passiert Dutzende von Fast-Food-Restaurants, Reifenhändler und Autowerkstätten, bevor eine unscheinbare kleine Teerstraße abbiegt. Nach ein paar hundert Meter durch Brachland und Vorstadtgärten ein großes Schild: Full Gospel Tabernacle Church. Ein „Amen“ donnert durch den achteckigen Kirchenbau, während Neuankömmlinge händeschüttelnd durch die Reihen gehen: Die Männer in Anzügen, die Frauen in Flieder- und Minz-farbenen Kostümen und mit extravaganten Hutschleifen. Es riecht nach Parfum, die Luft steht warm und dick. Einige der church ladies in den vorderen Reihen sind von ihren Bänken aufgesprungen, nehmen mit den Hüften den Rhythmus der Kirchenband auf. Ein stampfender, sich steigernder Groove, dem ein hinter dem Altar wogender Chor göttliches Feuer einbläst: „Jesus is right on time/ he will work it out…“

Es könnte ein ganz normaler Gottesdienst in einer der zigtausend Baptistenkirchen Afroamerikas sein. Wären da nicht die drei dutzend Jeans- und T-Shirt-Touristen, die auf den Hinterbänken ungeduldig hin und her rutschen und eigentlich nur auf ihn warten, den Sex-Propheten und einstigen Superstar, dessen Stimme sie über den Soundtrack von „Pulp Fiction“, „The Sopranos“ oder auch einen der Classic Soul Sender erwischt hat: Al Green.

Seit 2012 hat der Soulsänger und Reverend keine Konzerte mehr gegeben. Die Zeit, in der er von der Bühne rote Rosen an die Damen verteilte: Vorbei. Dass Al Green nun – zehn Jahre nach seinem letzten, unter der Regie von HipHop-Produzent Ahmir Questlove Thompson aufgenommenem Album „Lay It Down“ – einen neuen Song veröffentlicht, ist da ein kleines Soulwunder: „Before The Next Teardrops Fall“ wurde als Teil der Amazon-Serie „Produced By“ in den legendären Sun Studios in Memphis aufgenommen, und wenn der Reverend von seinem alten Hammond-Orgel-Spieler Charles Hodges und scharfem Bläsersatz begleitet wird, dann klingt das fast wie früher: Damals als noch Willie Mitchell hinter den Reglern saß – und Greens liebestrunkenes Falsett, sein ewig unerlöstes Verlangen als Begleitmusik erotischer Beziehungsanbahnung die Charts dominierte. Diese Zeit beschwört gerade eine große Retrospektive: „The Hi Records Singles Collection“ eine 3-CD-Box, deren Anschaffung sich schon allein wegen der B-Seiten lohnt. Wer aber darauf hofft, die flehende Stimme hinter solch unsterblichen 70er Jahre Hits wie „Love And Happiness“, „Tired Of Being Alone“ oder „Let‘s Stay Together“, live zu hören, dem bleibt nur die Kirche. Der Weg über Jesus, Gott und den heiligen Geist.

„Habt keine Angst, sagt der Herr, ich werde bei Euch sein, selbst wenn die Welt zu Grunde geht“, ruft der Diakon. Nach jedem Halbsatz schlägt er die Bibel mit einem kräftigen Hieb aufs Predigerpult. „You‘re right brother!“ schallt es zurück. Noch während der Mann spricht, nimmt die Band an Fahrt auf, einen Funk-Rhythmus mit springenden Bässen, wie er auch Samstag-abend im Club funktionieren würde. Al Green aber ist noch nicht in Sicht. Ob er heute überhaupt predigen wird? „God will make a way“, hatte eine der Kirchen-Schwestern in weißer Uniform orakelt. Hier in seinem zweiten Zuhause, kommt und geht der Reverend wie er will. Das war schon so als der Autor vor gut dreißig Jahren an einem Freitag abend zum Bibelkreis geladen wurde. Bibelkreis, das bedeutet hier: Mit einem Dutzend Gemeindemitglieder in einem Nebenraum knieen, die Hände zum Gebet erheben, und immer wieder für alles danken. Bis draußen auf dem Parkplatz ein grüner Sportwagen den Kies aufwirbelt. Der Reverend! Einen Aktenkoffer in der Hand und mit einem fröhlichen „Praise The Lord“ auf den Lippen platzt er herein, erzählt von seinem Auftritt bei einem John Lennon-Gedenkkonzert in Paris, und den Flaschen mit heiligem Wasser, die er aus Lourdes mitgebracht habe. Und zu seinem auswärtigen Besucher gewandt: „Kommen Sie unbedingt am Sonntag wieder, wenn Sie Gottes Segen wollen“. Was für eine Frage!

Wer allerdings mit deutschen Gottesdienstordnungen sozialisiert wurde – Stunden Stillsitzen in feierlicher Leblosigkeit – der ist nicht darauf vorbereitet, was ein schwarzer sunday service im bible belt bedeutet. Erst recht, wenn ein handauflegender Reverend im Spiel ist, ein weißer Magier, der seine Gemeindemitglieder, schön der Reihe nach, in Ohnmacht singt. Doch dazu später. Denn auch heute im Jahre 2018 ereignet sich in der Full Tabernacle Gospel Church immer noch das eine oder andere Wunder: Man hört sie fast, die erhöhte Herzschlagfrequenz, wenn nach einer Stunde Chorgetöse, Mitklatschnummern und Gebeten der 72-jährige Reverend auf dem Sessel mit der Aufschrift „Minister“ Platz nimmt. Ist er das wirklich? Der Mann dessen Stimme angeblich für den Baby-Boom Mitte der 70er Jahre mitverantwortlich war, der auf seinen alten Soulalben gerne mit Playboy-Lächeln und nacktem Oberkörper posierte und der es genoss in hautengem Strassanzug über die Bühne zu tänzeln während er nicht nur die Frauen im Publikum um den Verstand sang?

Lesebrille, Pullunder, Bundfaltenhose: Ein knappes halbes Jahrhundert nach seiner Zeit als ladies man ähnelt Green eher einem Buchhalter. Bis es aus ihm rausplatzt. „Yeehaw!“ Und: „Make a noise for the lord!“ Das Schlagzeug poltert, einige der Touristen fahren erschreckt zusammen, der Reverend aber lacht selig. Klatscht in die Hände. War nur Spaß! „Ihr seid vielleicht wegen mir gekommen. Aber Al Green ist nur ein einfacher Mensch – und Gott hat etwas Größeres mit euch vor.“ Dann greift er zum Mikro. „Let me tell you about the power of love…“ winselt er in gepresstem Falsett. Ja er kann es noch immer. „… love will make you do right/ love will make you do wrong/ make you want to dance / love and happiness“. Die Hammondorgel schmort, die Band pumpt, der Reverend singt nicht, nein er atmet, kichert, seufzt, stöhnt und gurrt. Gänsehaut. Diese Stimme! Selbst in der Gottesdienst-Fassung hat sie nichts von ihrer Verführungskraft verloren.

Als der etwas füllig gewordene Soulmann und Familienvater endlich ans Predigerpult tritt, wedeln die Damen in den ersten Reihen mit ihren Fächern. „Ihr habt zu diesem Song schon mal mit eurem Liebsten getanzt?“ Wieder dieses typische Al-Green-Lachen, ein irres Gegluckse, bei dem der ganze Körper mitbebt. „Vielleicht habt ihr dazu sogar geküsst? Nicht so zaghaft und verkniffen wie man eine alte Tante küsst, nein ich spreche von Küssen mit Saft und Kraft…“ Green schmatzt laut ins Mikro. Gelächter. „Yeehaw!“ Große Comedy vom Honigkuchenpferd Gottes. Der Reverend nimmt einen Schluck aus der Wasserflasche. Wischt sich mit einem Taschentuch die Schweißperlen von der Stirn. „„Jedermann erzählt mir“, sagt der Reverend und Lachfältchen rahmen seine funkelnden kleinen Augen, „Wenn du ein Mädchen rumkriegen willst, lege eine dieser guten alten Al Green Kassetten ein, das klappt immer.“ Gelächter. Die Hammond-Orgel jault kurz auf. Dann zählt Green seine alten Hits auf. „Call Me“, „I‘m Still In Love With You“, „Take Me To The River“, „You Are so Beautiful“ . „Diese Songs sind auch noch 2018 gültig. Denn die Liebe, und ich spreche hier nicht nur von der körperlichen Liebe, kann alles machen, sie kann alles hoffen, sie kann niemals scheitern“.

So sicher war er sich nicht immer, die Zweifel hätten Al Green beinahe seine Karriere gekostet. Mitte der 70er Jahre brach in der Person des Soulsängers ein uralter Konflikt auf: Gottesgehorsam versus Soul-Erotik. Darf der Gospel zur Schlafzimmer-Droge umgemünzt werden? War es okay, wie einst Ray Charles aus „Jesus“ einfach „Baby“ zu machen? Viele schwarze Prediger liefen Sturm dagegen, Soulsänger wie Sam Cooke und später Marvin Gaye sollten an ihrer inneren Zerrissenheit straucheln. Und auch heute wirkt dieser Widerspruch nach: Gerade im HipHop, diesem ewigen Wettbewerb um Platin, Porsches und Playmates hört man neuerdings viel Selbstzweifel und Beichtbereitschaft. Etwa bei Drake und Kendrick Lamar – zwei der populärsten Rapper unseres Planeten – die ihre Gewissens-Konflikte für ein Millionenpublikum aussstellen. Kanye West oszilliert zwischen Jesus-Anrufungen und Yeezus-Egomanie, während etwa Run (die eine Hälfte von Run DMC), Bushwick Bill, Mase oder DMX zur wachsenden Zahl der HipHopper gehören, die ihren Goldschmuck gegen einen Reverend-Titel eingetauscht haben. Selbst Schweinepriester Snoop Dogg hat den Herrn gefunden. Sein letztes Gospel-Album „The Bible of Love“ will ernsthaft aufräumen mit einer von Zuhälterei, Gang-Gewalt und Beihilfe zum Mord gezeichneten Biographie: „What is my name without you, lord?“ Niemand aber hat diese Wandlung dramatischer vorgelebt als Al Green. Der Mann der es gewohnt war bei seinen Konzerten von weiblichen Fans mit BHs beworfen zu werden, forderte, so würde er es wohl formulieren, „die Heimsuchungen des Herrn heraus“ – und überlebte nur knapp.

Zunächst war es der streng religiöse Vater, der strafte: Er warf den 16-jährigen Gospelsänger aus dem Haus und der Familienband in Grand Rapids, Michigan, nachdem er seinen Sohn beim Hören von Jackie Wilson – Songs erwischt hatte. Nach einem Zwischenspiel als Zuhälter landete der junge Albert Greene (er sollte das letzte e später streichen) seinen ersten Hit mit den Soulmates. „Back Up Train“ klang noch recht roh und kraftmeiernd. Erst Willie Mitchell sollte Al Greens eigentliche Stimme hören. Der Produzent feilte dessen Gesang jahrelang zurecht: Zu einem mühelosen Strömen und Atmen, nicht enden wollendem Vorspiel, weich und doch an der Ekstase schrammend. Green erzählt gerne davon, wie er frustriert von Mitchells Vorgaben in seinen Sportwagen stieg und auf dem Studio-Parkplatz powerslides hinlegte. Bis es aus ihm heraus floss. „Silky on top, rough at the bottom“. Seidig in den Höhen, rauh im Unterbau. Mitchell verpackte Greens Crooner-Gesänge in mollige Geigen und einen Beat von der Wucht einer dieser endlosen durch Memphis ratternden Güterzüge. Nie hatte Soul so lasziv geklungen.

Al Green wusste um seine Wirkung: Er schnurrte und gurrte sich von einem Liebesschwur zum nächsten, landete allein zwischen 1970 und 1973 dreizehn Top Ten-Hits. Innerlich jedoch haderte der Soulmann mit sich: Sollten Sex und Glamour wirklich Gottes Wille sein? Green war auf dem Höhepunkt seiner Karriere, der größte Soulsänger Amerikas, als Gott ihm „ein Zeichen zur Umkehr sandte“. 1972 hatte er nach einem Auftritt in Disneyland eine nächtliche Vision. Ein Jahr später überschüttete eine eifersüchtige Geliebte den Sänger im Bad mit einem Topf kochendem Grießbrei und fügte ihm schwerste Verbrennungen zu – anschließend nahm sie sich mit dessen Revolver das Leben. Und dann stürzte er auch noch während eines Konzertes von der Bühne. Was sollte das alles bedeuten? Als der Soulsänger 1977 mit seinem Sportwagen durch Memphis kurvte, spürte er „Gottes Hand am Steuer“. Und landete, nach einer längeren Zickzack-Tour vor einer heruntergekommenen achteckigen Kirche im Süden von Memphis. Green zögerte nicht: Er kaufte die Kirche. Ließ sich zum Reverend ausbilden. Und wollte nur noch Gospel singen. Willie Mitchell zog dabei den Kürzeren: Ohne sein Zugpferd musste Hi Records Konkurs anmelden.

Aber auch mit dieser Geschichte hat sich Green längst ausgesöhnt. Eine erneute Vision erlaubte ihm 2003 die Rückkehr zu Willie Mitchell, mit dem er bis zu dessen Tod im Jahre 2010 noch zwei Soulalben einspielte. Gott, sagt Green, habe die Schönheit der Frauen erschaffen, „damit wir darüber singen“. Dann predigt und singt er über: König Nebukadnezar, das Drogenproblem in Memphis, Michael Jackson, Maria Magdalena und Hank Williams. Man spürt: Dieser Mann hält nichts von verkopfter Bibel-Exegese. Er möchte die Menschen an den Eingeweiden packen. Erregungswellen aussenden. Nach vier Stunden ist die ganze Gemeinde auf den Beinen. Hemmungslos. Weichgekocht. Und während der Chor ein Crescendo in den Kirchenbau jubelt, hebt der Reverend die Schürzen seines Talars an, legt den Kopf in den Nacken und trampelt mit den Füßen. „Amen“ fliegt es zwischen Kanzel und Gemeinde hin und her. Einzelne Gläubige sacken zusammen. Zittern, Schreien. Weißgewandete Schwestern legen ihnen fürsorglich Decken um. Erinnerungen an jenen Gottesdienst vor 30 Jahren kommen hoch, als Green es sich nicht nehmen ließ, jedem Besucher ein paar Tropfen Lourdes-Wasser auf das Haupt zu reiben und ihn dabei anzusingen – solange bis er rückwärts kippte, in die Hände der Riechsalz-bewehrten Diakonissen. Die Reue, damals gekniffen zu haben, die Angst dem Zauber nicht gewachsen zu sein. Wie schafft es diese Stimme, Menschen einfach so umzuwerfen? Al Green aber lacht nur über diese, nun ja doch sehr weltliche, Journalistenfrage: „Wir sind alle Werkzeuge Gottes. Gott hat mich mit einer Stimme gesegnet, und dich mit dem Auftrag darüber zu schreiben“. Dann steigt er in seine schwarze Limousine, und überlässt es seinen Diakonen, die Bewunderer zu vertrösten.

JONATHAN FISCHER

in gekürzter Fassung erschienen in der SZ vom 10.12.2018KUTCHER AND GREEN ARRIVE FOR LETTERMAN

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