Wachablösung – Funk-Pionier George Clinton legt noch einmal ein genialisches Album und eine letzte Tour hin, dann soll die nächste Generation seinen P-Funk übernehmen

P1180556Sein typischer Groove“, heißt es im Lexikoneintrag über den Musikstil Funk, „betont den Downbeat.“ Mit dem Gewicht auf dem ersten Schlag, swingenden Sechzehnteln, vielen Synkopen. Aber reicht musikalische Analyse aus, um das Phänomen Funk zu erklären? Seine Frivolitäten, antiautoritären Provokationen, das ganze Arsenal an quietschbunten Fantasiefiguren?

„Du brauchst immer einen Gegner, der den Funk in dir provoziert“, hat George Clinton einmal erklärt. Der Mann, der Anfang der Siebzigerjahre den Afrofuturismus prägte, bevor der Begriff en vogue war, hat den Funk weit über die Musik hinausgetragen. Ein George-Clinton-Konzert ist eine Mischung aus Musik-Comic und aus dem Ruder laufendem Kindergeburtstag. So rätselte sein Publikum vor dem Auftritt des 77-Jährigen mit seiner Band Parliament beim Mempho Festival in Memphis vor allem über die zu erwartenden Show-Einlagen. Würde Clinton grün-violette Haare tragen, noch mal einen nur mit einer Windel bekleideten Gitarristen auf die Bühne jagen, oder gar das „Mothership“ mitbringen, ein aus 1200 Pfund Aluminium und Tausenden Blinklichtern bestehendes Raumschiff, das bei seinen Konzerten Ende der Siebzigerjahre auf den Bühnen landete? Damals, als er die besten Bühnenbildner vom Broadway engagierte und sich mit seinen Materialschlachten buchstäblich ruinierte.

An diesem Abend kam kein Metallmonstrum herabgeschwebt. Das „Mothership“ steht als Teil der ständigen Sammlung zur afroamerikanischen Geschichte und Kultur seit 2011 im Smithsonian Nationalmuseum in Washington. Und doch wirkt die „Mothership Connection“ aktueller denn je, die ein afrozentrisches Leben im All versprach, ähnlich wie das auch der Jazzpianist Sun Ra versprochen hatte. Wann, wenn nicht in dieser Zeit des Anti-Bürgerrechts-Populismus, kommt diesem Symbol für die Entfremdung afroamerikanischer Sklavennachfahren mehr Bedeutung zu?

Aber auch ohne Raumschiff lässt Parliament diese kosmologische Nabelschnur leuchten. Das Dutzend Musiker gleicht einer aus der Zeit-und-Raum-Kontinuität gefallenen Zirkusfamilie: Übergroße Sternenbrillen, Hippie-Patchwork, außerirdische Plateaustiefel. Dazu ein paar Inkarnationen der Kunstfiguren, die seit Jahrzehnten Clintons Funk-Universum bevölkern. Pinocchio alias Sir Nose wirbelt mit langer Gumminase, freiem Oberkörper und Fellhose über die Bühne. Eine Katzenfrau in Striptease-Wäsche rekelt sich zwischen den Boxen. Der Meister selbst sitzt mit Bowler-Hut und weißem Staubmantel auf einem Hocker. Bis ihn eine brutale Rhythmus-Walze auf die Beine reißt: Minutenlang springt er auf und ab, ballt die Fäuste und brüllt keuchend den Refrain ins Mikrophon – „fuck, motherfuckers get up“. Fuck, ja, da geht die Menge mit. Den gestreckten Zeigefinger in Richtung Rassismus, religiöse Doppelmoral, ja dem ganzen diskursiven Ballast der Gegenwart.

„One Nation Under A Groove“, eine Nation im Groove vereint, postulierte ein legendäres Clinton-Album aus dem Jahre 1978 frei nach dem Treueschwur, den in den USA jedes Kind schon in der Schule lernt und der die Nation unter Gott vereint. Das Mythen-Universum teilte sich Clinton damals mit Sun Ra, Jimi Hendrix und den kosmischen Jazzern. Aber er war es, der mit seinen Bands Parliament und Funkadelic eine Gemeinschaftsekstase mobilisierte, bei der jeder Einzelne in einer Gemeinde der Tänzer aufging. Clintons „P-Funk“ (kurz für „pure“, also für „reinen Funk“) stellte das Ideal der individualistischen Leistungsgesellschaft auf den Kopf.

Was George Clinton da Anfang der Siebzigerjahre mit Synthesizer-Bässen, Bläserriffs, ekstatischen E-Gitarren und unsinnigen Chören produzierte, war wegweisend. Prince und die Red Hot Chili Peppers wären ohne diese Fusion kaum denkbar. Der gesamte West-Coast-Hip-Hop von Dr. Dre über Snoop Dogg bis zu Ice Cube baute seine Hits auf Parliament- und Funkadelic-Samples auf. Frisch klingt das auch heute noch. Zuletzt lud Kendrick Lamar George Clinton als Gast auf sein Grammy-gekröntes Album „To Pimp A Butterfly“, holte ihn der junge Avantgarde-Elektroniker Flying ins Studio. Was Björk dem Pop, das liefert Clinton dem Funk: Ein mythologisch überhöhtes Gesamtkunstwerk.

Wenn jüngere Popkonsumenten Clinton vor allem wegen Cameos in Filmen oder Fernsehserien („How I Met Your Mother“) kennen, dann bringt er sich mit seinem neuen Album noch einmal als Revolutionär in Erinnerung. „Medicaid Fraud Dogg“ (C Kunspyruhzy Records) mit seinen 21 Songs und 106 Minuten ist das erste Parliament-Album seit 38 Jahren. In der Pop-Zeitrechnung (auch wenn man das Album der Zwillings-Band Funkadelic von 2014 mitzählt) ist das wie die Rückkehr einer seltenen Sonnfinsternis. Nur – kann der 77-Jährige noch so sprudeln wie früher? Damals, als er die Blaupausen des Funk lieferte, was ihn nach James Brown zum meist gesampelte Musiker der Welt machte?

Kann er. Auf dem Album katapultiert er den Funk einmal mehr in nicht vorhersehbare Richtungen. So hält er es schon seit Ende der Fünfzigerjahre: Damals probte er noch mit seiner Doo-Wop-Truppe The Parliaments im Hinterzimmer seines Friseursalons in Plainfield, New Jersey. Ein Jahrzehnt später hatte er sie zu diesem psychedelischen Funk-Rock-Zirkus aufgerüstet, mit bis zu dreißig wechselnden Musikern, als schwarzes Gegenstück zum Bühnenbombast von Pink Floyd. Ebenso legendär seine Studio-Sessions, aus der anarchische Funk-Rock-Manifeste wie „Free Your Mind and Your Ass Will Follow“ hervorgingen.

„Medicaid Fraud Dogg“ soll nun das Abschiedsalbum sein. Clinton hat angekündigt, nach der laufenden Tournee aufzuhören. Bis Ende Dezember ist er noch durch die USA unterwegs. Im Frühjahr gibt es noch ein paar Shows in Hawaii und Australien. Dann soll die junge Garde übernehmen. Endgültig. Das Neue im Alten kündigt sich schon auf dem Album an. Einerseits immer noch dieselbe Parliament-Signatur, die auf direktem Weg vom 1974er „Up For The Down Stroke“ zur neuen Single „I’m Gonna Make U Sick O’ Me“ führt. Wuchtige synthetische Bassläufe, quengelnde Keyboards, riffendes Blech. Allein die kraftprotzende Bläsersektion mit den James-Brown-Veteranen Fred Wesley und Pee Wee Ellis schiebt kräftig, während eine junge Generation von Musikern den Parliament-Groove immer wieder neu interpretiert. Zugegeben, streckenweise wirkt das noch skizzenhaft, dünn gestrickt, zumindest im Vergleich mit den Parliament-Klassikern. Eines aber muss man „Loodie Poo Da Pimp“, „Mama Told Me“, oder „All In“ lassen. Niemand würde diese Songs in den Siebzigerjahren verorten. Eher machen sie hörbar, wie viel den P-Funk-Kosmos mit heutigem Rhythm ’n’ Blues und den neuesten Hip-Hop-Spielarten verbindet. Und dabei oft um einiges dadaistischer und origineller daherkommt. „Hump until you hiccup/ pump until the pussy poop“ – das lässt sich beim besten Willen nicht ins Deutsche übersetzen.

Der „Medicaid Fraud“ aber, der Gesundheitsfürsorge-Betrug im Titel, ist nicht als Witz gemeint. Clinton zielt auf all die Auf- putsch und Beruhigungsmittel, mit denen die Pharmaindustrie Millionen Amerikaner abhängig macht, legal und mit Riesenprofit. „Sie machen uns erst krank, um uns dann die Medizin zu verkaufen“ schimpft Clinton und reimt „one nation under sedation“, „eine Nation vereint in der Betäubung“.

Die Alternative liegt auf der Hand: Löst der Funk nicht viele Ängste, weckt Widerstandskräfte – mit leichter Euphorie als Nebenwirkung? Und macht seine verschwenderische Körperlichkeit nicht erst eine Welt erträglich, in der Menschen zur Erhaltung ihrer Existenz meist nur zweckrational funktionieren? Wenn sich der Parliament-Boss über Social-Media-hörige Zombies, Pillenschlucker und zwanghafte Selbstoptimierer mokiert, klingt das weniger belehrend als aus schlechter Erfahrung geboren. Tatsächlich croont die Soulsängerin Tra’zae in „Medicated Creep“ über die Gefahr medikamentös bedingter Persönlichkeitsveränderungen. Und Clinton selbst fordert: „learn to deal with it“, also „lerne mit dem Schmerz zu leben“.

Wer außer ihm könnte geriatrische Themen und Drogenepidemie mit der Adrenalin-Brause des Funk in den Griff kriegen? „Blamier dich ruhig“, beschied er einem Reporter auf die Frage nach seinem Patentrezept für den Funk: „Fahr das Niveau mal runter. Auch wenn du jede Menge weißt, brauchst du das nicht zu zeigen. Der Funk sorgt für sich selbst.“

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