Die Handy-Hacker von Bamako – In Mali kommunizieren die Menschen ausschließlich mobil, und der Telefonmarkt der Hauptstadt lebt von kaputten Smartphones. Selfmade-Mechaniker reparieren hier fast alles – zu Spottpreisen

Bamako, Hauptstadt von Mali und eine der am schnellsten wachsenden Metropolen von Afrika, kann den Besucher mit ihrem farbenfrohen Chaos überwältigen. Verfallende Kolonialgebäude, wuchernde Straßenmärkte, Mofatrauben und Eselsgespanne, die sich ihren Weg um die größten Schlaglöcher suchen. Fast alles wirkt reparaturbedürftig. Stromausfälle sind an der Tagesordnung. Nur die in den Smog ragenden Handy-Masten zeugen von einer funktionierenden Infrastruktur.

  Die Ära des Festnetzes hat man in Mali – ebenso wie im Großteil Afrikas – übersprungen. Kommuniziert wird ausschließlich mobil. Und auch wenn Mali eines der ärmsten Länder der Welt ist: Das Mobilfunknetz erreicht fast 100 Prozent der Bevölkerung. Längst ist der Mobilfunk zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig in Afrika aufgestiegen. Smartphones sind nicht nur Statussymbole. Wer keines hat, kann auch auf dem Markt nicht mehr konkurrieren. Zudem haben sich in Ländern wie Ghana, Nigeria, Kenia und Südafrika viele vor Ort entwickelte Apps durchgesetzt – etwa für die bargeldlose Zahlungsabwicklung oder um Nachfrage und Dienstleister zusammenzubringen. In Äthiopien lässt ein großer chinesischer Technikkonzern gar auf den lokalen Markt zugeschnittene Smartphones produzieren. So weit ist Mali noch nicht. Und doch schafft der Mobilfunk eine Menge Arbeitsplätze.

  Der „marché des téléphones“ in Bamako ist kaum zu verfehlen. Schon von Weitem leuchten die blauen und orangenen Sonnenschirme der Handy-Verkäufer, Passanten drängen sich vor den Glaskästen, um einen Blick auf die Gebrauchtgeräte – vom neuesten iPhone bis zur chinesischen Billigfälschung – zu werfen. In einem Land, in dem mehr als die Hälfte der Bevölkerung von 1,90 Dollar pro Tag lebt, ist selbst das billigste Smartphone ein Schatz. Was aber, wenn es nicht mehr funktioniert? Das Display zerbrochen ist, die Lautsprecher ausfallen, sich die Tastatur nicht mehr bedienen lässt? Pas de problème! Auf dem Markt kann man sich nicht nur die neuesten Apps oder Musiktitel auf sein Handy laden lassen. Hier regiert der Improvisationsgeist. Dutzende von Experten schrauben und löten unter offenem Himmel an Geräten herum, die in Europa ein Fall für den Wertstoffhof wären.

  „Früher“, sagt Dan Fernardin Gondo, „habe ich als Übersetzer an der chinesischen Botschaft gearbeitet. Aber hier verdiene ich besser – genug, um meine Familie zu versorgen.“ Gondo betreibt mit einem Kumpel einen Stand auf dem Telefon-markt. Ursprünglich kommt er von der Elfenbeinküste; er hatte dort auf einer Übersetzerschule Spanisch, Portugiesisch, Englisch und Mandarin gelernt. Für sein jetziges Geschäft aber habe er keine formelle Ausbildung gebraucht: „Du musst dir alles selber beibringen – und notfalls eine Anleitung auf Youtube suchen.“ Ein Smartphone, bei dem das Mikrofon nicht mehr funktioniert? „Kleinigkeit“, sagt Gondo und wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Komm in einer Stunde zurück“. Tatsächlich: Zwei Tassen Minztee später schiebt er das Gerät mit stoischer Miene über den Tisch. Ein Probeanruf: Ja, alles wieder laut und gut verständlich. Und die Rechnung? „Für eine Reparatur zahlt man hier in der Regel zwischen 500 und 10 000 CFA“, also zwischen 80 Cent und 16 Euro, hatte Gondo vorab beschieden. Nun will er 1500 CFA, das sind umgerechnet etwa 2,50 Euro. „Bring das nächste Mal etwas Komplizierteres“, flachst er und tippt an sein Baseball-Käppi.

  Gondo ist mit seinem Hochschuldiplom eine Ausnahme. Viel typischer für den „marché des téléphones“ ist der Junge mit der Rasta-Frisur am Nachbarstand: Boubacar Diaware, 19 Jahre alt, ohne abgeschlossene Schulausbildung, beugt sich gerade über die Eingeweide eines aufgebrochenen Smartphones. Fixiert mit halb zugekniffenen Augen das Gewirr aus Drähten und Platinen. Gießt einen Tropfen Öl auf ein Tuch. Reibt damit den Schmutz weg. „Ein Defekt hat oft mechanische Ursachen“, sagt Diaware, „dann musst du die Verbindungen prüfen …“ Er greift zum Lötkolben. Tippt mit der Spitze vorsichtig, ja fast zärtlich wie ein Akupunkteur, an verschiedene Punkte der Platine, als kenne er eine geheime Landkarte, der er folgen würde. Nein, er habe keine Bücher darüber gelesen. Diaware lächelt verlegen. Er könne ja nicht mal lesen und schreiben. Aber sein Gedächtnis funktioniert offenbar gut. Bevor er anfing, Platinen zu reparieren, hat er monatelang den Handy-Flickern hier über die Schultern geschaut. „Grands frères“ nennt er sie, große Brüder. „Alles, was ich kann, verdanke ich ihnen.“ Jetzt ist er selbst einer von ihnen. Zwei seiner Kumpels gucken Diaware bei der Arbeit zu, sie wollen später einmal dasselbe Gewerbe ausüben. „Die Arbeit ist angesehen – und du bleibst sauberer, als wenn du Mofas oder Fahrräder reparierst.“

  Was aber tun, wenn ein Handy gesperrt ist? Man etwa ein Smartphone aus einem der Elektroschrott-Container aus Europa erworben hat, aber den Entsperrungs-Code nicht kennt? Dann ist Ibrahim Diallo der richtige Mann: Dessen Stand auf dem Telefonmarkt mutet fast schon wie High-tech an. Auf dem Blechtischchen vor ihm blinkt ein kleiner schwarzer Kasten, den er an seinen Laptop angeschlossen hat. „Das Gerät kommt aus China“, sagt der Mann, den hier die Aura eines Gelehrten umweht. „Damit bekomme ich fast jedes Handy geknackt.“ Er wisse oft selbst nicht, was greife, arbeite nach dem Prinzip „trial and error“. Auf dem Computerbildschirm leuchten immer neue Textbandwürmer auf. Routiniert gibt Diallo Steuerbefehle ein. Klickt sich weiter. Noch mehr Buchstabenketten. Noch mehr Befehle. „Man braucht Zeit dafür“, meint der Software-Spezialist, aber an Zeit herrscht in Mali kein Mangel.

  Und dann sind da noch Stände, die so nur in einem Land mit Millionen Smartphones, aber teuren und nur für wenige verfügbare Internet-Verbindungen existieren können. Stände wie der von Traore Cheikh Oumar. Der 23-Jährige trägt polierte Schuhe und ein sauber gebügeltes Hemd. Im Gegensatz zu all den Lötkolben-Mechanikern um ihn herum wirkt Oumar wie ein Büromensch – die Augen auf den Bildschirm seines Laptops gerichtet, einen Haufen Handys auf der Tischplatte daneben. „Ich verkaufe Musik“, erklärt er. „Die Kunden nennen mir ihre Lieblingskünstler und sagen, wie viel Geld sie ausgeben wollen. Den Rest erledige ich“. Der Rest: Das bedeutet für Oumar daheim, wo er einen Internet-Anschluss hat, die gewünschten Titel hochladen. 50 CFA, umgerechnet etwa acht Cent, berechne er pro Musiktitel. Seine Bestseller? Heimische Stars wie Salif Keita, Oumou Sangare oder DJ Arafat, ein französisch-arabischer Dancepop-Produzent. Auch Bob Marley und Tupac seien gefragt.

  Ein Junge bringt einen Rucksack voller Smartphones an den Stand. Er hat sie in seinem Viertel eingesammelt. Morgen wird er wiederkommen und die reparierten und mit Musik aufgerüsteten Geräte zurück zu ihren Besitzern bringen. Auch er verdient indirekt an den Smartphones. Und wenn der Markt für Mobiltelefone weiter so wächst wie in den vergangenen zehn Jahren – laut einer Statistik des Online-Portals Africa-Business legt er auf dem Kontinent jährlich um 30 Prozent zu – dann wird das weitere Arbeitsplätze schaffen. Neben Tausenden Geschäften zum Kauf von Telefonguthaben leben auch die Händler auf dem „marché des téléphones“ von dem Boom. „Wir haben hier jede Menge Jugendliche“, sagt Boubacar Diaware, „die Schlange stehen, um bei uns in die Lehre zu gehen“. Handy-Hacker: Das ist in Bamako ein Beruf mit glänzender Zukunft.

JONATHAN FISCHER

SZ 13.11.2018

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