Wo sich Hoffnung auf HipHop reimt

Der ugandische Hip-Hop-Star Bobi Wine wurde vom heimischen Regime verhaftet und misshandelt. Er ist kein Einzelfall. Wenn es um Bürgerrechte geht, stehen afrikanische Rapper an vorderster Front – und im Fadenkreuz der politischen Regime.

Wäre Bobi Wine bei den üblichen Gangster-Rap-Posen geblieben, wäre er nicht so übel zugerichtet worden. Die ugandischen Polizisten hätten ihn nicht hinter Gitter gebracht und im Gefängnis gefoltert; auch der konstruierte Gerichtsprozess um den angeblichen Besitz illegaler Feuerwaffen wäre ihm erspart geblieben. Bobi Wine aber hatte den Mut, in seiner Musik auszusprechen, was die frustrierten und stimmlosen jungen Menschen seines Landes bloss zu denken wagen. Der Rapper, der bürgerlich Robert Kyagulanyi heisst, nennt Missstände wie Korruption und staatliche Unterdrückung beim Namen. Und wie kein anderer versteht er es, die jungen Ugander zum Widerstand gegen die Clique um den alternden Staatschef und Ex-Militär Yoweri Museveni zu mobilisieren.

Bobi Wine beschränkt sich dabei allerdings nicht auf Musik. Letztes Jahr hat er sich für die Opposition ins Parlament wählen lassen. Und als dann im August bei einer Wahlveranstaltung der Regierungspartei in der Stadt Arua der Autokonvoi des Präsidenten mit Steinen beworfen worden war, schlug das Regime zurück. Bobi Wines Fahrer wurde bei einem Anschlag getötet; er selbst kam mit 33 weiteren Oppositionspolitikern in Haft. Daraufhin kam es in ganz Uganda zu Strassenprotesten; die Demonstrationen wurden gewaltsam niedergeschlagen. Auf internationalen Druck hin konnte Bobi Wine immerhin zur medizinischen Behandlung nach Nordamerika ausfliegen.

Bobi Wine gilt als Hoffnungsträger der ugandischen Jugend. «Mehr als 85 Prozent der Bevölkerung ist jünger als 35 Jahre alt. Wir sind die Mehrheit – und wir wissen auch, dass die Mächtigen, vor denen wir uns fürchten sollen, in Wirklichkeit uns fürchten», sagt Bobi Wine selber. Gerade die Repressalien seien Zeichen ihrer Angst. Deshalb ruft er die jungen Menschen auf, sich nicht mehr zu ducken: «Sie können uns ja nicht alle töten.» Der charismatische Rapper sieht Museveni wie viele andere alternde Präsidenten Afrikas als Vertreter einer vergangenen Ära. «Ich nenne mich deshalb selber nicht Politiker, sondern Leader», sagt er. «Denn nach ugandischen Standards gilt das Wort ‹Politiker› längst als Synonym für Lügner und Verschwörer.»

Als Rapper, der aus dem Armenviertel kommt und den Ehrentitel «Ghetto President of Uganda» trägt, hat Wine in Uganda offenbar mehr Glaubwürdigkeit als jeder Minister. Er steht dabei für eine ganze Generation afrikanischer Rapper, die all das verkörpern, was den Regierungsvertretern gerade fehlt: Jugendlichkeit, Energie, Stil und klare Worte. Es sind zu Pop-Stars aufgestiegene Jugendliche aus den Slums, die es wagen, den Mächtigen Paroli zu bieten.

In Burkina Faso kämpften Rapper an vorderster Front der Bürgerrechtsbewegung Balai Citoyen, die half, den Diktator Blaise Compaoré aus dem Amt zu jagen. Der gabonesische Rapper Lord Ekomy Ndong konterkariert in einem neuen Song die Worte des ungeliebten Präsidenten Ali Bongo mit Korruptionsvorwürfen politischer Internetaktivisten. Und in Tansania sitzt einer der Pioniere des Swahili-Hip-Hops im Gefängnis, weil er es wagte, John Magufuli, den zunehmend autokratischen Präsidenten des Landes, zu kritisieren.

«Du geniesst die Macht, ohne dein Telefon, deine Villa und deinen Chauffeur zu bezahlen», rappt der senegalesische Rapstar Matador dem senegalesischen Präsidenten Macky Sall entgegen. «Du machst Ferien und reist in fremde Länder. Aber wer bezahlt dir den Luxus? Wir!» Matador ist überzeugt von der politischen Bedeutung seiner Musik. «Wir Rapper waren die Ersten, die es gewagt haben, für Meinungsfreiheit einzutreten und den Regierenden offen die Stirn zu bieten», sagt er. «Wenn man über die Demokratie in Senegal, ja in ganz Afrika redet, dann fängt sie mit Hip-Hop an.»

Matador, ein Energiebündel, das ernste Gesicht von einer Hornbrille und einem Chicago-Bulls-Käppi gerahmt, empfängt seinen Besucher in seinem Büro in Pikine, einem armen Vorort von Dakar. Inzwischen nennt er sich «Direktor». Vor sieben Jahren hat er die erste Hip-Hop-Akademie auf afrikanischem Boden gegründet. Aufnahmestudio, Schnitträume, DJ-Anlagen, Bibliothek – all das hat er zusammen mit einigen Kollegen und der Hilfe westlicher Sponsoren aufgebaut. 80 Studenten lernen hier in dem weissen, von Blechbuden und Brachen gesäumten Flachbau professionelles Hip-Hop-Handwerk. Die Idee: Es sollen Multiplikatoren ausgebildet werden, die über neue Medien – Video, Internet, digitale Musikplattformen – die Gemeinschaft mobilisieren.

Dass Rapper die Politik beeinflussen können, das haben sie in Senegal schon wiederholt bewiesen. Zum ersten Mal im Jahre 2000. Damals ermutigten sie in landesweiten Aktionen junge Menschen, sich registrieren zu lassen und wählen zu gehen – es bedeutete das Ende eines 40-jährigen sozialistischen Regimes. Elf Jahre später aber sollte Präsident Abdoulaye Wade selbst die Wut der Rapper zu spüren bekommen, die ihm einst ins Amt verholfen hatten. Die Lebensverhältnisse in Senegal hatten sich verschlechtert, die Jugend wollte bessere Bildung und politische Partizipation. Eine Gruppe von Hip-Hop-Stars um Keur Gui, Fou Malade und Djily Bagdad schloss sich mit einigen Journalisten zu einer Bürgerrechtsbewegung zusammen: «Y’en a marre!» – uns reicht es! Das war ihr Schlachtruf gegen ein marodes Schulsystem und Vetternwirtschaft.

Zusammen mit verbündeten Rappern tourten sie auf einem zur Bühne umgebauten Tieflader durch die ländlichen Bezirke Senegals, in denen 70 Prozent der Bevölkerung leben. Ihre Raps forderten die Bürger auf, die Initiative selbst in die Hand zu nehmen. Das war der Schlüssel zum Erfolg. Wade versuchte vergeblich die Rapper mit Gewalt zum Schweigen zu bringen.

Der neue Präsident Macky Sall hingegen versuchte dann seine Wahlhelfer für sich zu kaufen, populäre Musiker mit Geld und Posten an sich zu binden. Keur Gui und ihre Verbündeten jedoch lehnten ab. «Es war nie unser Ziel, an die Regierung zu kommen», erklärte Rapper Thiat. «Wir sehen uns eher als Schiedsrichter und Kommentatoren.» Und so bleiben seine bitteren Zeilen auch für Macky Sall gültig: «Dieselben Wahlversprechen / derselbe Ausverkauf / unser Land versinkt im Chaos / nur zwei Jahre, und wir haben schon die Schnauze voll.»

Auch im Nachbarland Mali, wie Senegal nominell eine Demokratie, herrscht eine tiefe Kluft zwischen der Agenda der politischen Klasse und den Sorgen, die die Menschen in den Teerunden am Strassenrand besprechen. Rapper wie Master Soumy springen in die Bresche. «Anders als die traditionellen Griots setzen wir uns über das Tabu hinweg, die Älteren nicht zu kritisieren», sagt der schlaksige Hip-Hop-Star mit den messerscharfen Reimen. So fordert er in einem Song mit malischen Kollegen «ein Ende der Polizeikorruption oder die Revolte». Auch die fehlende Gesundheitsversorgung und der Strom junger Männer Richtung Europa sind Themen.

Hip-Hop bedeutet hier noch Widerstand. Während die amerikanischen Kollegen, um The-Roots-Kopf Ahmir Questlove Thompson zu zitieren, «nur noch symbolische Fracht auf dem Black Starliner rearrangieren und leere Container hin und her schieben», scheint das Gros der Rapper in Afrika noch einer Mission verpflichtet: Den Mächtigen auf die Finger zu schauen. Ungerechtigkeiten nicht zu verschweigen. Ein besseres Leben für die junge Generation zu fordern.

«Europa kommuniziert nur mit der reichen afrikanischen Elite», hat Didier Awadi, einer der Pioniere des senegalesischen Hip-Hops, einmal erklärt. «Aber die hat mit unserer Lebenswirklichkeit kaum etwas zu tun.» Höchste Zeit also, genauer hinzuhören. Wer wissen will, wie Afrikas Jugend denkt, was die junge Bevölkerungsmehrheit erleidet und erträumt, der sollte auf die Texte ihrer Rapper achten. Niemand spricht schnörkelloser über die Realitäten im Land. Und es gibt wenige Musiker, die so viel Mut aufbringen und für ihre Meinung öfter auch mit dem nackten Leben einstehen müssen. «Es gibt mir Zuversicht», proklamierte Bobi Wine, auf Krücken gestützt, «dass ich nicht als Räuber ins Gefängnis gekommen bin, nicht als Krimineller, sondern als Freiheitskämpfer.»

JONATHAN FISCHER
NZZ 9.10.2018bobi-wine_0
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