„Wenn ich jetzt einen Beat hätte, könnte ich einen neuen Move erfinden“ – der französische Hip-Hop-Star MHD über das von ihm begründete Genre Afro Trap, Fußball, Optimismus und die Chancen junger Immigranten in Europa

mhdDer Hip-Hopper MHD heißt eigentlich Mohammed Sylla. Er hat eine erstaunliche Internet-Karriere gemacht. Der 23-jährige französische Sänger hat mit Videos seit 2015 über eine halbe Milliarde Klicks generiert, eine Popmode begründet und nicht nur dem Fußball coole Stadion-Tänze beschert. Vor etwas mehr als zwei Jahren jobbte Mohammed Sylla als Pizzalieferant. Bis die Videos, die ihn und seine Freunde bei ihrem Alltag im 19ten Arrondissement von Paris zeigen, zur Sensation wurden. Die Musik klang frisch. Afro Trap, so nennt sie MHD, kombiniert den Afropop seiner aus Guinea und Senegal stammenden Eltern mit den Stotter-Flows amerikanischer Trap-Musiker. Nach seinem Debüt „MHD“ ist das zweite Album nun angekündigt. MHD hat auch den gerade erschienenen Sampler „Afrotrap Vol. 1“ (Capitol) inspiriert, der einen Überblick über die europäische und afrikanische Afro-Trap-Szene bietet.

SZ: Ihre Videos haben fast alle Rekordmarken geknackt. Sie gelten als Posterboy einer undogmatischen Rapperszene. Wie erklären Sie sich Ihren Erfolg?

MHD: Ich habe versucht, über Sprachgrenzen hinweg zu funktionieren. Meine Texte liefern da bestenfalls die halbe Botschaft. Mindestens genauso wichtig ist der Rhythmus. Die Tanzbewegungen. Du brauchst ein paar Moves, die alle sofort kapieren.

Ihr erstes Video „Afrotrap Part 1“ nahmen Sie eher als Spaß auf. Und dann war es in den Charts.

Ich hatte mit Freunden zur Musik der nigerianischen Band „P-Square“ getanzt und davon ein Video gemacht. Dann hatte ich diese Eingebung: Warum nicht darüber rappen? Und das Ganze auf Facebook und Twitter hochladen? Auf diese Kombination hatten anscheinend alle nur gewartet.

Sie haben dann neun weitere Folgen von Afro Trap aufgenommen, und zusammen mit ein paar romantischen Nummern ein neues Genre begründet.

Ich hatte nie ein Marketingkonzept. Wir haben nur aufgenommen, was uns Spaß machte. Die Fans lieben Spontaneität.

Manche sehen in Ihnen so etwas wie den Fahnenträger einer jungen Generation afrikanischer Immigranten. Eine Menge Verantwortung?

Fahnenträger? Das ist mir ein zu großes Wort. Ich rappe doch nur über Dinge, die ich selbst erlebt habe. Natürlich weiß ich dass auch viele Jugendliche meine Träume und Hoffnungen teilen. Ihnen allen gebe ich die Botschaft mit: Arbeitet hart! Lasst euch nicht von eurem Ziel abbringen! Ihr könnt alles erreichen!

Früher klang der Rap französischer aber auch deutscher Immigrantenkinder meist melancholisch oder aggressiv. Man rappte über das Ghetto, schimpfte aufs System, Lebensfreude schien uncool …

Um aggressiv zu wirken, müsste ich mich verleugnen. Afro Trap passt zu mir: Ich kenne nichts Schöneres, als mit meinen Freunden zusammen zu albern und zu tanzen. Alles andere wäre eine Lüge.

Im Hip-Hop geht es oft um den Kampf der Egos. Sie dagegen schließen in Ihren Botschaften niemanden aus, lassen Kinder aller Hautfarben durch Ihre Videos tanzen. Woher kommt dieser Gruppengeist?

Ich habe viel von der Erziehung meiner Mutter profitiert. Ich komme aus einer großen Familie. Da übernimmt man Verantwortung, hilft im Haushalt, kümmert sich um die jüngeren Geschwister.

Diese Feier der Gemeinschaft, die Sie ja auch mit Ihrer „Moula Gang“ ausstellen, klingt sehr afrikanisch.

Ja, Afrikaner denken so. In meiner Musik geht es um das gemeinsame Feiern und Tanzen. Stimmung kann man nicht alleine machen. Ich bin sehr dankbar für all die traditionelle Musik, die ich bei Taufen und Hochzeiten gehört habe. Aus diesem Fundus schöpfe ich bis heute.

Viele Hip-Hop-Bands sind über dem Erfolg zerbrochen. Wie hat sich der schnelle Ruhm auf die Moula Gang ausgewirkt?

Mein Geld ist hart erarbeitet. Klar, dass auch meine Freunde und meine Familie davon profitieren. Fünf meiner besten Freunde sind natürlich auch auf der Bühne immer mit dabei. Wir kennen uns seit der Schule, leben in derselben Nachbarschaft, auch der Erfolg hat nichts an diesem Zusammenhalt geändert.

Ihre Musik, Ihre Videos wirken wie beiläufig produziert. Wie entsteht ein Song?

Manche Texte schreibe ich in fünfzehn Minuten. Ob einer etwas taugt, merke ich dann an der Reaktion meiner Freunde. Und die Tänze? Wir albern zusammen herum. Wenn ich jetzt einen Beat hätte, könnte ich Ihnen das hier demonstrieren. Und dabei vielleicht sogar einen neuen Move erfinden.

Welche Rolle spielt Fußball bei Ihnen? Sie und die Gang tragen in Videos Trikots von Paris St. Germain und Bayern München.

Als die Fußballer von Paris St. Germain anfingen, ihre Tore mit einem meiner Tanz-Moves zu feiern, kannten mich plötzlich Leute, die vorher nie Hip-Hop gehört hatten. Fußball ist Teil des Lebens. Energie, Spaß, Leistung – das gehört zusammen. Zu meinen Fans zählen neben Paul Pogba auch Franck Ribery oder David Alaba. Wenn ich in München bin, besuche ich sie beim Training. Und nach den Champions-League Spielen tauschen wir Trikots.

Die Banlieues, in denen das Gros der französischen Immigranten lebt, gelten als Hochburgen von Arbeitslosigkeit, Kriminalität und religiöser Radikalisierung. Was muss sich ändern?

Ich bin zwar kein Politiker. Ein paar Ideen habe ich aber schon: Warum stellt man Jugendlichen nicht mehr Proberäume oder Tonstudios zur Verfügung? Viele haben Interesse an Musik. Und wenn es in den Vierteln nicht mal Kinos, Fußballplätze oder andere Freizeitangebote gibt, dann hängt man leicht mit den falschen Leuten ab.

Der Zustrom junger Migranten nach Europa verändert die Popmusik. In Deutschland haben Rapper wie MC Bonez und RAF Camora das Afro-Trap-Rezept bereits übernommen. Sehen Sie Ihre Musik als Türöffner für neue Pop-Fusionen?

Die Deutschen haben ja etwas Neues aus dem Afro Trap gemacht. Inzwischen höre ich ähnliche Beats aus der Schweiz, Spanien, Amerika und Afrika. Das ist okay. Ich habe die Blaupause geschaffen. Jetzt mischen andere ihre eigenen Zutaten hinein.

Bei Ihrem Besuch in Guinea wurde Ihnen quasi ein Staatsempfang bereitet. Beziehen Sie aus Afrika weiterhin Inspiration für Ihre Musik?

Ich habe in Guinea vor 130 000 Zuschauern in einem Fußballstadion gespielt. Da wusste ich sofort wieder, warum das Afro im Afro Trap so wichtig ist. Ein afrikanisches Publikum nimmt die Musik mit dem ganzen Körper auf – cool rumstehen gibt es da nicht.

Interview  JONATHAN FISCHER

SZ 23.8.2018

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