JENSEITS DES KLEBSTOFFSCHLEIERS Es gibt nicht nur die eine Geschichte Südafrikas: Masande Ntshangas Debütroman „positiv“ zeigt Kapstadts junge, desillusionierte Mittelschicht

„Vor zehn Jahren half ich einer Handvoll Männer, meinen kleinen Bruder zu töten. Ich war nicht dabei, als es passierte, aber von mir wusste Luthando, wo er sie finden würde“, so beginnt der junge Südafrikaner Masande Ntshanga seinen Debütroman „positiv“. Der Erzähler heißt Lindanathi – kurz Nathi – und geht hart mit sich ins Gericht. Er hat seinen Bruder Luthando im Stich gelassen und ihn allein zu einem Initiationsritual fahren lassen, an dessen Folgen er stirbt. Nathi ringt mit Schuldgefühlen. Wie soll er damit weiterleben? Und was bedeutet es, im Südafrika des Jahres 2003 ein junger schwarzer Mann mit literarischen Ambitionen, einem Universitätsabschluss, aber ohne Zukunft zu sein?

  Denn Nathi sieht sich selbst auch schon halb unter den Toten. Bei einem Job in einem Labor für HIV-Tests, hat er sich mit dem Virus angesteckt. Da der Roman in einer Zeit spielt, in der Südafrikas Regierung die Epidemie noch in fataler Weise leugnete und es ablehnte, retrovirale Medizin für alle zugänglich zu machen, hat das einen Vorteil: Nathi kann seine HIV-Medikamente teuer auf dem Schwarzmarkt verkaufen. Mit Ruan und Cecilia, die er in einer Selbsthilfegruppe kennengelernt hat, führt er ein zerstörerisches Leben zwischen dem Schnüffeln von Industriekleber und Künstlerpartys. Eine Notgemeinschaft in einem betäubenden Wattebausch: Mehr ist diesen jungen Südafrikanern von der Post-Apartheids-Euphorie nicht geblieben.

  Nathi, nachdenklich und entscheidungsschwach, beobachtet sein Leben wie durch eine dicke Milchglasscheibe. Er fühlte, heißt es einmal, eine „mystische Barriere“, zu sich selbst zurückzukehren. Darin liegt ein westlichen Lesern wohlbekannter Existenzialismus: London, Berlin, Kapstadt: Fühlen sich frustrierte Mittelschichtsjugendliche nicht überall gleich gelangweilt? Warten auf den nächsten Kick. Warten auf ein Ereignis, das allem einen Sinn geben könnte. Der Roman „positiv“ taucht ein in eine philosophische bis urkomische Blase aus Kleberdunst, Nietzsche, afrikanischer Folklore und Verzweiflungslyrik: „Nur weil manche Leute eine Maske tragen“, sagt Ruan, „heißt das nicht, dass sie etwas falsch gemacht haben.“

  Der lakonische Sound ist nicht die einzige Stärke von „positiv“. Ntshanga, der mit seiner Kurzgeschichte „Space“ 2013 den PEN International New Voices Preis gewann, gilt zu Recht als eine der originellsten Stimmen des jungen Südafrika. Sein im Original „The Reactive“ betitelter Romanerstling lebt von zwischenmenschlichen Subtilitäten. Er wolle der Idee entgegenwirken, „dass Südafrika diese entmutigende, unergründliche Gesellschaft sei“, hat Ntshanga in einem Interview gesagt. Im Gegensatz zu den oft wie Gefangene ihres Milieus agierenden Figuren seines berühmten Landsmannes J.M. Coetzee entwirft er Charaktere, die sich auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen bewegen können. Und hat nicht Chimamanda Ngozi Adichie vor der „Gefahr einer einzigen Geschichte“gewarnt? Ntshanga hat sich das zu Herzen genommen. Rassismus- und Mordklischees bleiben im Hintergrund. Taucht doch einmal brutale Gewalt auf, entpuppt sie sich als Nathis Traum: Bewusstseinsströme statt Action.

  Am Ende lässt Ntshanga den Plot geschickt entgleisen: Ein mysteriöser Kunde, das entstellte Gesicht von einer Maske bedeckt, will Nathis gesamten Pillenvorrat aufkaufen. Mit der Aussicht auf das große Geld machen sich die Freunde auf den Weg durch die morbide bezaubernde Stadtlandschaft von Kapstadt. Aber der Unbekannte verschwindet so jäh, wie er gekommen war, und das bringt Nathi dazu, ein lange aufgeschobenes Versprechen einzulösen. Er nimmt den Bus zu seinem Onkel in den schwarzen Vorort Du Noon. In der Armensiedlung aus Schiffscontainern will er sich seiner Geschichte und der des toten Bruders stellen. Auch wenn die Armut dort erdrückend zu sein scheint und Nathis Job als Budenverkäufer wie ein Abstieg – die Lebenswut um ihn herum steckt ihn an. Die verspätete Initiation tut das ihre. Ja, er ist ein Mann, er gehört dazu, vorerst zumindest. „Was hast du vor, Bruder?“ fragt ihn seine neue Freundin. Nathi denkt „an die klebrige Unterseite ihrer Brüste, an unsere Haare, daran, wie der Grillkohlegeruch noch an uns festhängt, wenn wir wieder mal auf den dreckigen Bänken in einem Chesanyama-Imbiss gehockt haben“. Und jenseits des Klebstoffschleiers erscheint alles wieder möglich.

JONATHAN FISCHER

SZ 23.8.2018Masande2

Masande Ntshanga:
„positiv“. Roman. Aus dem
Englischen von Maria
Hummitzsch. Wunderhorn Verlag, Heidelberg 2018. 195 Seiten, 24,80 Euro.

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