Eine große alte Seele – Zum Tod von Aretha Franklin, der ewigen Königin des Soul und eindrucksvollsten Stimme der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung

Es war in der zweiten Märzwoche des Jahres 1967, als das schwarze Amerika zu seiner ureigenen Stimme fand – in einem Pop-Song, der scheinbar mühelos das Erbe des Blues, die Erlösungsbotschaft des Gospel und die Energie der Bürgerrechtsdemonstrationen zusammenbrachte: „Die Menschen tanzten auf der frostigen Straße“, beschreibt der Soulhistoriker Peter Guralnick die Szene vor einem schwarzen Plattenladen in Boston, nachdem am selben Tag Aretha Franklins Single „I Never Loved A Man“ veröffentlicht worden war. „Sie tanzten allein oder paarweise und reihten sich vor der Ladentheke ein, um diesen magischen Sound zu erstehen, während die Platte immer wieder aufs Neue lief. Es schien der Anbruch eines neuen Millenniums zu sein.“

  Keine Frage: Aretha Franklins Gesang war eine Naturgewalt, ein reißender Strom, dessen Kraft sich niemand entziehen konnte. Und „Never Loved A Man“ war erst der Anfang, die Debüt-Single ihrer mindestens zehn Jahre andauernden Herrschaft als unangefochtener Königin des Soul.

  Tatsächlich wirkte Aretha Franklins Königreich weit über den Pop hinaus: Nur Monate später brachte die Soulsängerin den Aufbruchsgeist der Sechzigerjahre in nur sieben Buchstaben kongenial auf den Punkt: „R-E-S-P-E-C-T!“ Auch wenn es im Song, den Otis Redding zwei Jahre zuvor geschrieben hatte, vordergründig um weibliche Selbstbehauptung ging – die schwarzen Jugendlichen, die überall in den Innenstädten „Black Power“ skandierten, benutzten ihn als Botschaft an das Mainstream-Amerika.

  „Ich und die Mehrheit der Schwarzen“, erklärte Franklin damals, „schauen gerade ein zweites Mal in den Spiegel. Wir fangen an, uns wertzuschätzen, so wie wir sind, uns in unser natürliches Ebenbild zu verlieben.“

  Mit der Empathie einer großen alten Seele bündelte sie all die Hoffnungen und Ängste des schwarzen Amerika, präsentierte sich in Wickelturban und afrikanischen Roben. 17 ihrer Songs erreichten die Spitze der Soulcharts, gleich acht Mal hintereinander hat sie den Grammy in der Sparte „beste weibliche Rhythm’n’-Blues-Sängerin“ gewonnen. 73 Aretha-Franklin-Songs schaffen es schließlich in die Billboard-100-Chart (ein Rekord, den die Rapperin Nicki Minaj erst 2017 einstellte). Die Songtitel sind oft Manifeste: „Think“, „Rock Steady“, „Young Gifted And Black“. Oder „Chain Of Fools“ mit seiner prophetischen Zeile: „One of these mornings that chain is gonna break“. Eines Morgens werden wir die Ketten brechen.

  Aretha Franklins voluminöser, in den tieferen Lagen sinnlich belegter, in den hohen Registern ekstatisch jubilierender Gesang fusioniert dabei eine uralte Spiritualität mit der Sinnlichkeit des Funk. Hat jemand seit Ray Charles so überzeugend Glauben und Lust, Gebet und Erotik zusammengebracht?

  Von Kindesbeinen an hatte die Detroiter Pfarrerstochter die parfümierte, verschwitzte, adrenalinschwangere Gospel-Chemie aufgesogen. Ihr Vater C.L. Franklin galt als einer der charismatischsten Prediger seiner Generation.

  Wenn er unter dem neonblau leuchtenden Kruzifix über dem Altar seiner New Bethel Baptist Church im „whooping style“ nach Luft japste, rief ihm seine Tochter aus der ersten Reihe ihre „Yes Sirs“ und „Mylordies“ zu. C.L. Franklin war ein Popstar: Seine Predigtplatten verkauften sich hunderttausendfach, und wenn der „Mann mit der Millionen-Dollar-Stimme“ live auftrat, benötigte er eine Schar von Krankenschwestern, um die in Trance oder Ohnmacht gefallenen Zuhörer wiederzubeleben.

  Berühmte Gospelsängerinnen wie Clara Ward und Mahalia Jackson und auch der Bürgerrechtsführer Martin Luther King Jr. gingen bei den Franklins ein und aus, der Vater liebte Partys und wurde schon mal wegen Haschischrauchens zur Kasse gebeten. Seine Frau verließ ihn und ihre fünf Kinder, als Aretha Franklin sechs Jahre alt war. Vier Jahre später starb die Mutter.

  Die Tochter aber wurde als Wunderkind präsentiert: Sie tourte mit der väterlichen Gospelshow, und wenn Art Tatum, Dinah Washington, Sam Cooke oder James Cleveland mit am Familientisch saßen, dann wurde das scheue und introvertierte Mädchen zum Vorsingen gerufen.

  Frühe Gospelaufnahmen zeigen: Schon damals ist ihre Präsenz überwältigend. Über rollenden Klavierakkorden drückt ihre Stimme ein unerschütterliches Selbstvertrauen aus, eine Leidenschaft, die um die Gefahr der Überwältigung weiß.

  Doch ihre Plattenfirma Columbia weiß mit dem Schatz nichts anzufangen: Zwischen 1961 und 1966 presst Hausproduzent und Bob-Dylan-Entdecker John Hammond das Gesangstalent in überarrangierte Pop-Nummern, die so aufregend wirken wie ein zu Spieldosenmusik heruntergedimmtes Tigergebrüll.

  Erst Jerry Wexler von Atlantic Records erkennt Aretha Franklins Potenzial – und lässt ihr alle nötigen Freiheiten. 1966 bringt er sie in die Muscle Shoals Studios nach Alabama, setzt sie vor ein Klavier und gibt den Musikern die Anweisung, sich dem Improvisationsinstinkt von Mrs. Franklin strikt unterzuordnen.

  „Etwas Qualvolles, ein unausgesprochener Schmerz umgab sie wie die Glorie ihrer musikalischen Aura“, erinnert sich Wexler in seiner Autobiografie, und sprach von der „schrecklichen Schönheit“ ihres Gesangs. Tatsächlich blüht die Soulsängerin auf im Zwielicht von heiliger Wahrheit und namenloser Tragödie. Sie berührt in ihren Songs die Bluestiefen und Gospelvisionen hinter dem Politjargon der Nachrichten. Martin Luther King Jr., Malcolm X und John F. Kennedy waren ermordet, die Bürgerrechtsbewegung um viele ihrer größten Hoffnungen betrogen, Amerika durch Vietnam gespalten, als Aretha Franklin die kollektive Soul-Kommunion predigt: „Tell me sister, tell me brother, how do you feel … I wonder how you get the spirit in the dark.“ Im Dunkeln nicht zu verzagen, darum ging es.

  Auch persönlich bleiben Aretha Franklin weitere Schicksalsschläge nicht erspart: Mehrere Ehen scheitern (die ersten beiden ihrer vier Kinder bekommt sie schon im Alter von zwölf und 14), der Vater liegt nach einem Raubüberfall 1979 fünf Jahre lang im Koma, ein Jahr später stirbt auch die ebenfalls singende Schwester Carolyn. Nach dem Weggang von Atlantic fehlt der alte Esprit, ihre Stimme schmückt Weihnachtsalben und Werbejingles. Zwar bugsieren Duette mit George Michael, Elton John und den Eurythmics die „Soul Sister Number One“ wieder in die Charts. Doch da sind längst ihre Schülerinnen im Rennen: Wären all die selbstbewussten Soulfrauen wie Chaka Khan, Lauryn Hill, Mary J. Blige, Erykah Badu und Alicia Keys ohne ihr Vorbild denkbar? Wenn schwarze Frauen den Pop dominierten, dann hatte Aretha Franklin ihnen die Tür aufgestoßen: „Sisters Are Doin’ It For Themselves!“

  Ihren letzten ganz großen Auftritt hat Aretha Franklin bei der Inauguration von Barack Obama Ende Januar 2009 gefeiert. Sie hinterlässt Gesangsaufnahmen, die die ungeschminkte Schönheit Afroamerikas zum Leuchten brachten. Sie starb am Donnerstag nach langer Krankheit in ihrem Haus in Detroit im Alter von 76 Jahren.

JONATHAN FISCHER

SZ 17.8.2018aretha

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