Afropop-Kolumne

Seun Kuti war erst 14, als er im Jahr 1997 Egypt 80 erbte, die Band seines Vaters Fela Kuti. Ihre Losung lautete: brennende politische Botschaften über polyrhythmischem Funk! Lange spielte Seun Kuti die Rolle des Erbverwalters: So hat er sein sechstes Album „Black Times“ (Srut) demonstrativ in der wiederaufgebauten Kalakuta Republic in Lagos eingespielt, einem Kulturzentrum und Studio, das nigerianische Soldaten 1977 in Vergeltung für Fela Kutis gesungene Provokationen in Schutt und Asche gelegt hatten. Seun Kuti führt den Kampf gegen die Korruption fort und greift die Kritik an der aus dem Westen importierten Konsummentalität auf. Ästhetisch emanzipiert er sich vom Vater: Seinen Musikern gibt er viel Raum für freie Improvisation, er bläst schneidende Kaskaden auf seinem Saxofon, nimmt Soundanleihen sowohl vom HipHop als auch der Ambient Music. Einmal fädelt sich gar Carlos Santanas Blues-Gitarre in den Mahlstrom der Bläser und Gesangschöre ein. Die Musik entwickelt Intensität, die in abstrakten pointillistischen Konversationen zwischen Schlagzeug, Trompeten und Gitarren gipfelt. Kleine bewegliche Funk-Partikel wirbeln um den Groove. Lösen die Melodie auf. Reißen unvorhergesehene Löcher.

Neunzig Prozent des Musikreichtums Afrikas, schätzt der amerikanische Feldforscher Paul Chandler, seien im Westen noch gar nicht erschlossen. Der vom rührigen Berliner Piranha-Label herausgegebene Sampler „I’m Not Here To Hunt Rabbits“, dessen erster Track „Rampoka“ von Solly Sebotso gerade digital veröffentlicht wurde, will das zumindest in Bezug auf Botswana ändern. Die Gitarre und der warme, leidenschaftliche Gesang erinnern hier bisweilen an den frühen Country-Blues – nur ohne die Blue Notes. Wie aber spielen die Musiker nur diese exzentrischen Riffs? Das Geheimnis liegt im Tuning ihrer handelsüblichen Sechs-Saiten-Instrumente. Die botswanischen Gitarristen benutzen nicht nur eine andere Grifftechnik, sondern bespannen ihr Instrument auch mit nur vier Saiten, drei Höhensaiten und einer oft aus einem Fahrradbremszug bestehenden Basssaite. Gestimmt wird meistens nach Lust und Laune, gesungen in traditionellen Metaphern. Viele der hier versammelten Musiker sind in Südafrika Popstars mit mehreren Millionen Youtube-Klicks.

Baloji wusste anfangs kaum etwas von Afrika. Der Mann, dessen Name so viel wie Heiler oder Magier bedeutet, war bereits ein HipHop-Star in Belgien, bevor er sich 2008 auf die Suche nach seiner kongolesischen, in Lubumbashi lebenden Mutter machte. Die Musik, auf die er dort traf, ließ er in seine Alben „Hotel Impala“ und „Kinshasa Succursale“ einfließen. „137 Avenue Kaniama“ (Bella Union) heißt sein neues Opus – benannt nach der Adresse seiner Mutter. Klar, dass HipHop-getunter Rumba hier die Hauptzutat bildet. Fast lieblich klingeln die Ostinato-Gitarren des 70er-Jahre-Kongo-Pop mit seinen galoppierenden Bassdrums und Falsett-Chören. Sie gaben schon früher das ideale Gleitmittel für Balojis französische Raps. Nun aber erweitert der Magier seinen Future Funk. Nicht nur wirft er Rhythmen aus Nigeria, Ghana und Zimbabwe in den Mixer. Zwischendurch verschlägt es den Rapper auch in elektronische Gefilde, kombiniert er metallisch verzerrte Gesänge mit funky Synthesizer und die in der Frühzeit des HipHop so populären 808 Beats. Eine Ästhetik, die perfekt zu seinen surrealen Texten passt. Anders als etwa der Politprediger Seun Kuti wird Baloji persönlich, kombiniert er seine Familiengeschichte mit Betrachtungen über die Entfremdung afrikanischer Migranten und das Überleben in der kongolesischen Großstadt. Selten hat HipHop die komplexen afrikanischen Lebensrealitäten so auf den Punkt gebracht.

Ebenfalls in die Elektronik-Ecke lehnt sich die malische Diva Oumou Sangaré. Wer ihr Meisterwerk „Mogoya“ kennt, der hat sehnlichst auf mehr gewartet. Nun erscheint „Mogoya Remixed“ (No Format!) Das Album vereint 13 Afrohouse- und Elektro-Remixe Dancefloor-lastiger Songs wie „Fadjamou“ und „Yere Faga“. Mit bewährter Lounge-Ästhetik ist St. Germain ebenso dabei wie der britische R’n’B-Shooting Star Sampha, der Oumou Sangaré seine wichtigste Inspiration der letzten Jahre nennt. Richtig großartig aber wird es, wenn nicht weniger Afrika aus dem Remix tönt – sondern sogar mehr. Das schafft etwa Brian D’Souza alias Auntie Flo mit „Djoukourou“: Der Londoner DJ schält die eingängigen Ruf- und Antwort-Gesänge des Originals heraus und unterfüttert sie mit sparsamer Perkussion und einem zwischen zwei Tönen oszillierenden Xylofon. Hier reimt sich Minimal Techno auf die warmen Chöre von Oumou Sangarés Heimatregion Wassoulou.

JONATHAN FISCHER

SZ 23.7.2018P1020736

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