Meine Haare, meine Energie – Die aus Mosambik stammende und in Kapstadt lebende Künstlerin Lizette Chirrime verarbeitet ihre Leidensgeschichte in materialreichen Collagen. Ihre Umhänge sind auch bei Popstars gefragt

Lizette Chirrime hatte nichts zu verlieren. Ihr Job als Sekretärin in einer Aluminiumfabrik in Maputo war ihr gekündigt worden, sie konnte ihre Wohnung nicht mehr bezahlen und lebte mit nicht viel mehr als ein paar Kleidern auf der Straße. Dann, eines Nachts, „erwischte es“ sie. Lizette Chirrime weiß noch genau, dass es Freitag der 13. Juni 2003 war, als sie im Schein einer Kerosinlampe anfing, aus Stofffetzen, die sie gerade zur Hand hatte, eine Puppe zu basteln. „Von da an konnte ich nicht mehr aufhören. Im Schlaf hörte ich regelmäßig Stimmen, die mir sagten, was ich zu tun hätte. Wie ich meine Stoffe verwenden sollte. Dann wachte ich auf und machte es genauso wie es mir gesagt wurde. Das fühlte sich gut an.“ Lizette Chirrime nähte um ihr Leben. Wenn sie ihre selbst gefertigten Kleider trug, sprachen sie manchmal Menschen auf der Straße an, ob sie ihnen ein Teil verkaufen würde. „Damals hielt ich das nicht für Kunst.“ Ein schmales Lächeln huscht über Chirrimes sehr ernstes Gesicht. Zu Jeans und großen silbernen Kreolen trägt sie eine Wollweste, bei der ihr Kopf aus der Ärmelöffnung schaut. Ihre Lippen hat sie mit knallblauem Lippenstift angemalt. Sie wolle sich nicht mehr verstecken, sagt die 44-jährige. Ihre Kunst – das sei die heilende Kraft ihres Lebens.

In ihrem kleinen Atelier in Observatory, einem Vorort von Kapstadt, stapeln sich neben einer elektrischen Nähmaschine Stofflagen, Scheren und Plastikkanister mit verschiedenfarbigen Flüssigkeiten. Die Fenster sind staubig. Es riecht nach Leim. In diesem Kabuff arbeitet eine der erfolgreichsten jungen Künstlerinnen Südafrikas. Chirrime wurde 2016 als „Neuentdeckung“ auf der Contemporary African Art Fair 1:54 in London gefeiert. Die südafrikanische Nationalgalerie stellte sie aus. Und natürlich werden ihre Textil-Collagen und Kostüme auch im Zeitz-MOCAA, dem spektakulären neuen Museum für zeitgenössische afrikanische Kunst an der V&A Waterfront in Kapstadt zu sehen sein. Und doch illustriert Chirrimes Geschichte, wie schwer es afrikanische Künstlerinnen immer noch haben. Wie sehr sie um Anerkennung ringen müssen. Erst recht, wenn sie wie die Mosambikanerin einen sehr persönlichen, autobiografisch geprägten Stil entwickeln.

Chirrime drapiert ein paar unfertige Arbeiten auf dem großen Resopaltisch ihres Ateliers. Textilcollagen aus farbenprächtigen Waxprint-Stoffen, wie sie afrikanische Frauen für Wickelröcke, Kopftücher und Kostüme verwenden. Rundungen und Schwünge bestimmen die Formen. Chirrimes Arbeiten rufen Assoziationen zu Wasser und Weiblichkeit hervor. Nur die abstrakten verdrehten Körper scheinen die Entfremdungserfahrungen der Künstlerin zu spiegeln. Dazwischen sind aufgenähte Perlen, Schlangenhaut und Haar-Büschel: „Meine Haare enthalten meine Energie.“ Das mag an die schamanistischen Objekte von Joseph Beuys oder die geknitterten Kuhfelle von Nandipha Mntambo erinnern, aber Chirrime interessiert sich kaum für künstlerische Konzepte. Eher spielt die Verbindung mit den Vorfahren für sie eine Rolle. Sie sei immer eine spirituelle Person gewesen sagt Chirrime. Aufgewachsen als muslimisches Stiefkind in einem katholischen Haushalt habe sie nirgends dazugehört. Aber ihr seien ständig Verstorbene erschienen – bis die eigene Hellsichtigkeit ihr Angst gemacht habe. Deshalb habe sie noch in Mosambik die Ausbildung zur traditionellen Heilerin durchlaufen. Jetzt packe sie ihre Träume in ihre Kunst. Oft stehe sie vor ihrer Leinwand und „befrage sie, was sie sein will“. Afrikanische Spiritualität trifft da auf eine abstrakt-expressionistische Ästhetik – und eröffnet magische, unkartographierte Zwischenwelten.

Letztlich kann man Chirrimes Werk nur im Zusammenhang mit ihrer Lebensgeschichte fassen. „Afrikanische Kunst“, erklärte der renommierte senegalesische Maler und Objektkünstler El Hadji Sy einmal, werde vom westlichen Kunstdiskurs allzu oft „allein nach der Stärke des Objekts beurteilt“, während man den Schöpfer des Objekts vernachlässige. „Aber ohne den Menschen, den Künstler als eins mit seinem Objekt zu betrachten wird die Analyse obsolet“. Lizette Chirrime kondensiert nicht nur ihr Leben in ihren Werken Sie dienen ihr auch – so sagt sie – „als Weg, die Ahnenbotschaften wieder loszuwerden“. Anfangs arbeitete sie ausschließlich mit Fundstücken: Alte Jutesäcke, Teile von Kuhfellen, Knöpfe und Nägel. „Richtige Leinwände konnte ich mir da noch nicht leisten“. Die Säcke habe sie sehr bewusst gewählt. „Manche Menschen benutzen sie als Fußmatten, genauso wie sie mich benutzt haben“. Ihr Heilungsprozess habe begonnen, als sie mit Farbe und Stoffen den hässlichen Rupfen in etwas Schönes verwandelte. Aufgenähte Hände legen sich da schützend über symbolische Darstellungen des weiblichen Unterleibs. „Die Hände sagen, was ich als missbrauchtes Kind nicht sagen konnte: Stop.“

Lizette Chirrime hat sich 2005 auf den Weg gemacht. Trotz mehrerer Ausstellungen in Maputo habe sie dort so gut wie nichts verkauft. Mit genug Geld für eine Monatsmiete und ein paar Fotos ihrer Kunstwerke kam sie in Kapstadt an. Welcher Ort hätte ihr schon mehr zu bieten? „In Maputo gab es gute Künstler, die aus Verzweiflung ihre Werke auf dem Markt herumgetragen haben“. In der Stadt unter dem Tafelberg aber ist eine der vitalsten Galerien-Szene des schwarzen Kontinents zu Hause, finden sich Kunstmessen und Museen – all das, von dem Künstler auf dem Rest-Kontinent träumen. Doch zunächst quälte sich Chirrime mit Farbe und Pinsel. Und wusste nicht mehr, ob sie überhaupt eine Künstlerin war. „Meine südafrikanischen Künstlerkollegen erklärten mir, meine Collagen seien bestenfalls Handwerk“, sagt Chirrime, die es irgendwann aufgab, andere Menschen beeindrucken zu wollen. Ab diesem Zeitpunkt ging es aufwärts. Zuerst wurden lokale Galerien auf sie aufmerksam, dann Zeitungen. Die Collagen schienen nicht nur ihrer eigenen Geschichte Ausdruck zu verleihen, sondern auch größere gesellschaftliche Diskurse zu berühren. Etwa die (nicht nur in Südafrika grassierende) Gewalt gegen Frauen. Die Frage, was Kunst mit dem Leben zu tun hat. Und wie spirituelle Erfahrungen eine adäquate Form finden können.

Zuletzt hat die Künstlerin eine Praxis aus ihren Anfangstagen als Obdachlose wiederaufgenommen: Sie näht Patchwork-Kleider. Oder genauer gesagt: Bunte Kapuzenumhänge mit meterlangen Schleppen. „Diese Umhänge schützen mich. Ich hatte keinen Vater und keine Mutter, die mich geführt, mein Wachstum begleitet hätten. Ich musste alles alleine herausfinden.“ Diese Gewänder stellt sie nicht einfach aus. Sie schlüpft hinein und singt. Es sind dramatische, schaurig-schöne Gesänge, die da aus der Künstlerin herausbrechen. Ihr Gesicht aber verschwindet, von der Kapuze bedeckt, im Dunkeln. Ihre Auftritte hatten ungeahnte Folgen. Popstars aus ganz Südafrika, wie etwa die Sängerin und Schauspielerin Zolani, bestellten Kleider bei ihr. Das hat Chirrime zwar Geld und Anerkennung gebracht. Trotzdem, sagt sie, habe sie mit dem Mode-Business abgeschlossen: „Wenn ich zu schnell arbeite, dann verliere ich meine innere Verbindung.“ Dann packt die Frau mit den blauen Lippen ihre Taschen zusammen. Sie bedaure, aber sie müsse noch etwas erledigen. Ihre tägliche Tour eben. Den Sohn bekochen. Schneidereien besuchen. Stoffreste einsammeln.

JONATHAN FISCHER

SZ 12.1.2018hh03.ashx

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