Afropop-Kolumne (mit BKO, Les Mangelepa, Fela Kuti)

 

Aus Mali dringen meist nur schlechte Nachrichten zu uns: korrupte Minister, Angriffe auf die von der Bundeswehr unterstützte UN-Friedensmission, Geiselnahmen und islamistische Attentate. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Denn gleichzeitig reisen westliche Rock- und Jazzmusiker nach wie vor an den Niger, um sich in Bamako, der heimlichen Musikhauptstadt Westafrikas, mit schrägen pentatonischen Klängen zu impfen. BKO prangt dann stets auf ihren Instrumentenkoffern. Die drei Buchstaben bezeichnen den Luftverkehrs-Code für den Flughafen Bamako – und neuerdings auch den Bandnamen einer Gruppe junger, experimentierfreudiger Malier, die eine Art Import-Export-Geschäft betreiben. Schon ihr Debüt „Bamako“ (2014) ließ aufhorchen. Der Nachfolger „Mali Foli Coura“ (Buda Musique/Membran) – zu Deutsch „der neue Sound von Mali“ – spielt noch gewagter mit den Reibungsflächen zwischen Tradition, Rock und Funk. Westliches Schlagzeug trifft auf Djembe-Rhythmen. Und immer wieder betört der aufreizende Sound der Ngoni. Ngoni, das ist eine traditionelle Jäger-Laute. Ihre verstärkten und verzerrten Riffkürzel erinnern an schmutzige, jaulende Bluesgitarren. Dazu chanten die fünf Musiker in ungewohnten Harmonien. Trance leicht gemacht! Tatsächlich handeln viele der Texte von der Fähigkeit der Jäger-Musiker, mit den Geistern zu kommunizieren. Sehr rau, sehr fremd und unaufgeräumt klingt das für westliche Ohren. Und wird gerade deswegen all jene glücklich machen, die schon zu viel sanft wogende „Weltmusik“ konsumiert haben.

Wenn in Mali archaische Traditionen im Pop aufgehen, so muss man sie in anderen Ländern Afrikas mühsam suchen, selbst wenn die Moden nur 30 oder 40 Jahre alt sind. Umso größer die Überraschung, eine zeitgenössische kenianische Band in bester kongolesischer Rumba-Soul-Tradition jammen zu hören. Les Mangelepa heißt die Veteranenkapelle. Und „Last Band Standing“ (Strut) ist ihr Debüt. Zumindest im Westen. Denn das halbe Dutzend Alben, das die Band seit Mitte der Siebziger einspielte, erschien nur in Ostafrika. Wer also nicht tief in die Tasche greifen will, um die Vinyl-Originale auf Ebay zu ersteigern, bekommt jetzt ihre größten Hits in frischen Fassungen serviert – und eine Ahnung davon, warum es der kongolesische Rumba einst schaffte, halb Afrika zum Tanzen zu bringen. Les Mangelepa selbst waren auf der Suche nach besseren Instrumenten aus dem Kongo nach Nairobi emigriert. Dort passten sie ihren Sound dem lokalen Geschmack an: schmutzige Bläser, jazzige Riffs und Swahili-Lyrics machten die Band bald bekannt. Dazu kam die honigweiche Melancholie des Gesangs. Und wer kann sich schon galoppierenden Rumba-Rhythmen und silbrig klingelnden Gitarren entziehen? Als die Band 2016, 40 Jahre nach ihrer Gründung, erstmals in Europa auftrat, schlug den Hipstern von Strut Records das Herz höher: Die Soul-Musik Afrikas, die man nur noch als Konserve zu finden glaubte, lebt noch!

Suche nach den Wurzeln, die dritte: Erykah Badu hat ein Vinyl-Box-Set aus dem Werk Fela Kutis zusammengestellt. „Ein verdammtes Genie“ nennt sie den Mann. Es ist dies nicht die erste derartige Huldigung. Zuvor hatten schon Questlove, Brian Eno und der ehemalige Cream-Schlagzeuger Ginger Baker entsprechende Boxen kuratiert. Gab es überhaupt noch genug gutes Material für Badus „Fela Kuti Box # 4“ (Knitting Factory Records)? Absolut, die Soul-Exzentrikerin heulte ohnehin nie mit dem Rudel, scheint jeder Art von Kanon abgeneigt und wählte Songs aus, die wohl selbst Kenner überraschen dürften. Etwa der jazzige Saxofon-Jam von „Yellow Fever“; „Johnny Just Drop“ mit seinem explodierenden Rhythmus; oder das düster schaukelnde „Army Arrangement“. Badus Favorit aber – das verrät sie in den Essays, welche die sieben Alben begleiten – heißt „Coffin For Head Of State“. Das liegt einerseits an diesem hypnotischen Fela-Kuti-Beat mit federnder Funk-Gitarre, eierndem Keyboard und sich hochschaukelnden Chants, andererseits aber auch an der Geschichte dahinter: Denn im Sarg des Titels liegt Fela Kutis Mutter, die nach einem Überfall der Armee auf die Kalakuta Republic ihres Sohnes im Jahre 1977 von Soldaten aus dem Fenster geworfen wurde und später ihren Verletzungen erlag. Fela zog daraufhin mit dem Sarg zu den Armee-Baracken, legte ihn dort ab und forderte mit seinen Anhängern, dass seine Mutter den Platz des Diktators Obasanji einnehmen sollte. Eine wahnwitzige Art der Trauerbewältigung. Trotzdem swingt der Song mit großer Leichtigkeit. Und so ist es auch kein Widerspruch, wenn Badu ihren Hörern empfiehlt, Kutis Tracks „vorzugsweise mit einem schönen, langsam glühenden Joint“, zu genießen.

JONATHAN FISCHER

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