Alles in Ocker! Die Garden Route durch Südafrika kennt jeder – aber die Kleine Karoo? In dieser Halbwüste braucht man auch als Tourist etwas Pioniergeist

 

Ein schnurgerader Teerstreifen erstreckt sich über sanfte Hügel bis zum Horizont. Kein anderes Fahrzeug ist in Sicht. Links und rechts der Straße: ausgetrocknete Flussbetten, ockerfarbene Erde, einzelne Sträucher, die sich im Wind ducken. Die nächste Tankstelle? Erst wieder in hundert Kilometern.

  Im Gegensatz zur viel befahrenen Garden Route im Süden kann man sich in der Karoo, der Halbwüstenlandschaft in den Hochebenen Südafrikas, immer noch verlieren. Nicht nur wegen der zweifelhaften Hilfe, die das GPS auf mancher Schotterstraße durch endloses Veld leistet. Sondern auch, weil die Karoo dem Reisenden ihren eigenen Rhythmus aufzwingt, ihn immer wieder zu Abstechern verlockt: in schläfrige Dörfer, in tiefe Schluchten und auf dramatische Bergpässe.

  Karoo: Der Name stammt angeblich von Garob, was in der Sprache der Urbevölkerung, der Khoikhoi, so viel wie „trocken“ oder „unbewohnbar“ heißt. Die weißen Pioniersiedler, die seit dem 17. Jahrhundert mit ihren Ochsenwagen hierherzogen, korrumpierten das Wort. Heute bedeckt die Karoo ein gutes Drittel Südafrikas. Die Kleine Karoo ist ihr vorgelagert; ein 300 Kilometer langer Streifen Halbwüste, flankiert von den Gebirgsketten der Swartberge im Norden und der Outeniqua- und Langeberg-Range im Süden.

  Warum nicht den dramatischsten Einstieg wählen! Der Prince Alfred’s Pass schraubt sich von Knysna aus in steilen Kurven ins Outeniqua-Gebirge. Die Küste ist längst aus dem Rückfenster entschwunden, da mündet die Teerstraße in einen breiten Schotterweg. Im Nieselregen stehen Kuhherden auf sattgrünen Wiesen, eine Gruppe Paviane kauert zwischen Obstbäumen. Dann wird die Landschaft karger. Und die Fahrbahn immer enger. Grobe Schlaglöcher und Steine zwingen zur Fahrt in Schrittgeschwindigkeit. An einer Furt steht eine Gedenktafel: eine Ehrung für Thomas Bain. So hieß der Baupionier, der Ende des 19. Jahrhunderts einige der bedeutendsten – und schönsten – Passstraßen durch die Berge der Karoo trieb. Für die Fertigstellung des Prince Alfred’s Pass setzten Hunderte Strafgefangene primitivste Sprengtechniken ein. Große Felsblöcke wurden erst mit Feuer erhitzt – und anschließend mit kaltem Wasser überschüttet.

  Hausdächer blinken vom Flussufer im nächsten Tal. Ein Rastplatz im Nirgendwo. Und was für einer! „Angie’s G Spot“, verkündet das Schild vor dem Verschlag aus Brettern, Metall und Antiquitäten, und: „Hot beer, lousy food, bad service.“ Vor dem Eingang liegen verstreut Tierschädel und Motorradskelette. Drinnen läuft Rugby im Fernseher. Als die ersten Gäste des Tages ankommen, zapft Angie Beaumont ein Bier aus dem ausgestopften Hinterteil eines Springbocks. „Ihr habt das schlimmste Stück des Passes hinter euch“, sagt sie. Zusammen mit ihrem Mann Harry, einem Biker mit weißem Zopf, betreibt sie den Schuppen. „G Spot“, erklärt die resolute Wirtin, stehe einfach für Great Spot. Vor allem Motorradfahrer kämen hier am Wochenende vorbei, um draußen Braai zu zelebrieren, die südafrikanische Version einer Grillparty. Der gigantische Hamburger, den Angie serviert, gibt eine Vorahnung davon, dass Fleisch hier Vor- und Nachspeise ist. „An den engen Stellen hupen“, gibt Harry mit auf den Weg. Gut eine Stunde später ist ein schlanker, weißer Kirchturm in einer weiten, grünbraunen Ebene zu sehen. Uniondale. Die Pforte zur Kleinen Karoo.

  Richtung Westen geht es vorbei an ausgedehnten Straußengehegen. Straußenfedern bescherten der Gegend um Oudtshoorn einst ihren historischen Reichtum und so einige „Straußen-Paläste“. Nach Ende des Feder-Booms Anfang des 20. Jahrhunderts blieben die großen Vögel – um nun vor allem Fleisch und Leder zu liefern. Ansonsten scheint die Zeit hier stehen geblieben zu sein. Rund um weiß getünchte Farmhäuser breiten sich Obst- und Weingärten aus. Sie sind mit Brunnen und künstlicher Bewässerung der Steppe abgetrotzt. Die Pioniersiedlungen der Buren haben sich seit ihrer Entstehung im 18. und 19. Jahrhundert kaum verändert. Nur dass sich heute hinter den kapkolonialen Häuschen meist die Townships, die gedrängten Wellblechhütten der ärmeren schwarzen Farmarbeiter und Hilfskräfte, verstecken. Orte mit hoher Arbeitslosenquote und billigem Alkohol.

  Die Dunkelheit senkt sich schnell über die Karoo. Wer nachts über Schotterpisten fährt, merkt erst, wie viele Tiere in der Karoo leben: Eine Eule, ein Schakal, Antilopen und Hasen tauchen im Scheinwerferkegel auf. Als sich dann endlich das elektronische Schiebegitter zum Madi-Madi-Naturreservat öffnet, ist bald der Nachthimmel die einzige Lichtquelle weit und breit. Sternengefunkel in eisiger Wüstenluft. Zum Glück verfügen die Häuschen der Madi-Madi Lodge neben Himmelbetten auch über einen offenen Kamin.

  Beim Frühstück wuseln drei Erdmännchen um die Knöchel der Gäste. „Keine Angst“, sagt der Koch und nimmt eines der fiependen Tiere auf den Arm. In der Wildnis aber wird besser nicht gekuschelt. Als wir uns einem Erdmännchen-Bau unvorsichtig nähern, bekommen wir ein paar blutige Gebissabdrücke mit auf den Weg. Die großen Wildtiere – Zebras, Büffel, Elenantilopen – wurden hier von Sportjägern fast ausgerottet. Heute sind es privat betriebene Reservate, die sie in der Karoo wieder ansiedeln. Den Betreibern des Madi-Madi-Naturreservats, Dirk Neethling und seinem Sohn Arnold, gelang es in den 1980er-Jahren, einige der seltenen schwarzen Mutationen der Impala-Gazelle einzufangen, zu züchten und für gewaltige Summen an andere Tierparks und Zoos weltweit zu verkaufen – Geld, mit dem sie nun mehrere Lodges betreiben.

  Vom Tourismus in großem Stil aber ist die Karoo verschont geblieben. Eher sind es die Aussteiger und Kreativen aus den Städten, die hier zwischen Farmern und Schafzüchtern ein entschleunigtes Leben ausprobieren. Sie haben Geld mitgebracht und Ateliers, Galerien, Restaurants und Gasthäuser in alten Siedlervillen eingerichtet. Dörfer wie Prince Albert wären ohne diese Zuwanderer heute Museen. Links und rechts der Dorfkirche stehen schmucke viktorianische Villen und kapholländische Häuschen mit Holzveranden und Ziergittern. In den gepflegten Vorgärten blühen Christsterne und Jacaranda-Büsche. Und auf der Straße werden selbst die Fremden gegrüßt.

  Das historische Onse Rus Guest House passt zu dieser Karoo-Heimeligkeit: handgedrechselte Stühle, Porzellangeschirr, schwere Gardinen und Plumeaus. Tatsächlich stammt Lisa Smith, die Herbergsmutter, aus Kapstadt. Sie hat das alte Haus vor zwei Jahrzehnten übernommen. „Mein Mann und ich wollten der urbanen Hektik entrinnen.“ Jetzt schickt sie ihre Gäste in die Kunstgalerien der Nachbarschaft. Empfiehlt den Lammbraten und die Boerewors im Gallery Café. Und erklärt den erstaunten Stadtmenschen, dass es hier kaum Kriminalität gebe. „Schwarz oder Weiß, wir halten hier zusammen.“

  Nirgends aber kommt man der Karoo so nahe wie auf den Backroads, den ungeteerten Straßen durch das Hinterland. Und das am besten auf Mountainbikes. Arno Botha, ein freundlicher Bure mit schwieligen Händen, der in seiner Freizeit Jugendlichen aus den Townships das Fahrradreparieren beibringt, verleiht sie zu einem Spottpreis. Kurz nach dem Ortsende von Prince Albert führt eine Piste schnurstracks in die Swartberge. Nur selten passiert ein Jeep, ansonsten gleißende, flimmernde Weite. Am Wegesrand: violett leuchtende Kiesel, winzige Sukkulentenblüten und ein ausgebleichter Pavianschädel. Erst nach einer Stunde taucht ein großer Gutshof auf. „Vrisch gewaagd“, nur zu!, verkündet eine gemauerte Tafel, dahinter erstrecken sich Weinberge bis an die Bergflanken. Der Pioniergeist der einst in die Karoo gezogenen Voortrekker ist hier nach wie vor spürbar.

  Ein wenig versteckt außerhalb von Calitzdorp liegt die Soeterus Guest Farm. Ein reetgedeckter Gutshof inmitten von Aprikosenplantagen und Weinstöcken. Innen rustikale Gemütlichkeit. Außen ein Ornithologen-Paradies, mit Schwärmen von Webervögeln und Kolibris. Der Betreiber James Rutherford war im Vorleben ein erfolgreicher Versicherungsmakler in Johannesburg. Nun betreibt er neben der Herberge noch ein wenig Schafzucht. Begeistert erzählt er von seiner ersten Lamm-Geburt in der Vorwoche. „Wenn du so etwas erlebst, möchtest du nie wieder zurück.“

  Durch Ladismith, vorbei am Felsdom des Towerkop, führt die R 62 zum touristisch erschlosseneren Westende der Kleinen Karoo. In Montagu dienen viele der historisch geschützten Villen um die Long Street als Bed & Breakfast, es gibt gepflegte Wanderwege und zu einem Freizeitpark ausgebaute Warmwasserquellen. Sehr viel bescheidener präsentiert sich dagegen das Garten-Dörfchen Barrydale. Ein Steak-Restaurant, eine Buchhandlung, ein Antiquitätengeschäft. Der Laden der örtlichen Handweberei-Kooperative verkauft schicke naturfarbene Leinentücher und Taschen. Das war es dann aber auch.

  Der Kontrast jedenfalls zwischen den vor Kunstwerken fast überquellenden Räumen des Karoo-Art-Hotels und der umgebenden Landschaft könnte nicht größer sein. Ein örtlicher Klub von Wanderfreunden bietet geführte Touren an. So ziehen wir mit Matt Kruger los, einem jungen, aus Kapstadt zugezogenen Biologen, der in mühsamer Handarbeit Wege über den Hausberg angelegt hat. Barrydale schrumpft zu einer Ansammlung blinkender Dächer im Wüstengebirge, während unser Führer die Wegränder untersucht. Hier eine Agame-Echse. Dort eine Fynbos-Blüte. „Riecht ihr diesen Marihuana-Geruch? Der stammt vom Zuckerbusch.“ Nur das Rascheln der Eidechsen und ein quietschendes Windrad durchbrechen die Stille. Ja, die Karoo mag wie ein Meer aus Steinen und Büschen erscheinen. Die Mitte des Nirgendwo. Und genau hier spürt man es schlagen, das träge Herz Südafrikas.

JONATHAN FISCHER

SZ 30.11.2017P1100586

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