Mit der sanften Stimme einer Kriegerin – Auf ihrem Album „Arise“ holt die Jazzsängerin Zara McFarlane ihr jamaikanisch-afrikanisches Erbe in die Brexit-Gegenwart

 

Manchmal brauchen Musiktraditionen den geografischen und psychologischen Abstand zu ihrem Ursprung, um ganz neue Blüten zu entfalten. Im Falle von Jamaika sind das gut 4670 Meilen. So weit ist Kingston von London entfernt. Nach dem Krieg hatte Großbritannien Hunderttausende Jamaikaner ins Land gelockt, um dem Mangel an Arbeitskräften beizukommen. Die Einwanderer mischten, bei allen Vorbehalten ihnen gegenüber, auch munter die englische Popszene auf. Weiße Arbeiter und Scooter Boys adoptierten den Ska, Punkbands wie The Clash nahmen Rasta-Hymnen auf, und der verlangsamte, sexy nachhinkende Reggae-Beat schlich sich in die englische Version des Rhythm’n’ Blues ein. Nun macht sich das karibische Erbe auch bemerkbar, wo man es – dank Klassen- und Bildungsbarrieren – vielleicht am wenigsten vermutet hätte: im Jazz. Das liegt vor allem an einer 31 Jahre alten schwarzen Sängerin, an Zara McFarlane.

  Wer McFarlanes zwei bisherigen Alben noch nicht begegnet ist, dem könnte man sie als weiche, melodiös-verspielte Stimme des schwarzen britischen Jazz vorstellen. Kritiker vom Guardian bis zur New York Times haben sie mal mit Sarah Vaughn, mal mit Nina Simone verglichen, die Royal Shakespeare Company lud sie dieses Jahr als Sängerin in „Anthony und Cleopatra“ ein, aber auch jede Popband würde wohl von dieser gleichzeitig besänftigenden und sorgenerfüllten Stimme auf eine höhere Bewusstseinsstufe gehoben. Was McFarlane allerdings auf ihrem dritten, soeben erschienenen Album „Arise“ bietet, ist dann doch einigermaßen unerhört. Eine Fusion, wie sie nur in London entstehen konnte: karibische Percussion, Reggae-Bässe, mollige Bläser und im Jazz ganz und gar unübliche vokale Harmonien. Große Melodien versöhnen sich da mit einer oft minimalistischen Instrumentierung.

  Tatsächlich ist McFarlane mit jedem Album ihren Wurzeln näher gekommen. Aufgewachsen als Tochter jamaikanischer Eltern in einer vorwiegend weißen Wohngegend, lief zu Hause ständig Reggae. Zara aber verliebte sich in Musicals: „Ich lernte all die alten Shownummern, bis ich entdeckte, dass sie auch Jazzstandards waren, und mir in dieser Version noch besser gefielen.“ Später sollte die junge Sängerin an der Guildhall School of Music & Drama studieren. Eine erste selbstproduzierte EP fiel Gilles Peterson in die Hände. Er nahm die 23-Jährige unter Vertrag, und nachdem ihr zweites Album „If You Knew Her“ den MOBO – die britische Version des Grammy – gewann, hätte McFarlane wohl auch Karriere gemacht, wenn sie nur in Rotweinbars Standards gesungen hätte. Doch die Frau, die lange Evergreens wie „Night And Day“ gab und „von einem Job als Sessionmusikerin träumte“, hatte eine Mission: Sie besuchte Jamaika, grub nach Folkmusik-Stilen und adaptierte den vielstimmigen Gesang, den sie in Kirchen und bei Familienfeiern erlebte. „Die Freiheit der Londoner Jazzszene“, sagt McFarlane, „hat damit zu tun, dass wir nicht so krampfhaft nach Amerika schielen. Die Karibik steht uns oft viel näher. Es braucht bloß eine gute Übersetzung.“

  Eine gute Übersetzerin – das wäre eine zu bescheidene Jobbeschreibung für McFarlane. Vom Cover von „Arise“ blickt sie, wuchtige Figur, lange Zöpfe, das resoluten Gesicht von einem Barett gekrönt, eher wie eine Kriegerin. Alles an diesem Album ist gut getimte Rhetorik. Das Eröffnungsstück „Ode To Kumina“ mischt (wie auch das letzte Stück „Ode To Cyril“) afrikanische Handtrommel-Rhythmen der im Jamaika des 19. Jahrhunderts populären Kumina-Musik mit vokalen Chants, Bläserriffs und Pfeifen. Es ist der Ausgangspunkt einer Reise, die mehrere Jahrhunderte afrokaribischer Traditionen von Sklaven-Chants über Reggae, Calypso bis zu Dubstep in geisterhafter Gleichzeitigkeit zusammenbindet. Selbst traditionellere Jazzstücke wie „Pride“ lassen unter der Improvisation afrikanische Rhythmen durchscheinen. Und wenn McFarlane zwei Reggae-Klassiker, Norma Deans quirliges „Peace Begins Within“ und den meditativen „Fisherman“- Chant der Congos, covert, steht ihr eigenes Songwriting dem in nichts nach: Wunderbar etwa, wie die Rhythmusgruppe in „Fussing And Fighting“ einen 70er-Jahre Downbeat hinlegt, während die Sängerin in traumhaften Vokalharmonien darüber schwebt und davon singt, nicht vor dem Leid der Welt in die Knie zu gehen. Klassische „Sufferers Music“. Und eine Band, die keine Note zuviel spielt.

  Querverbindungen zu den jungen Jazzhelden von der anderen Seite des Atlantik liegen auf der Hand. Kamasi Washington begleitete Zara McFarlane nicht nur bei ihrem jüngsten Auftritt in Los Angeles: Beide scheinen auch ähnliche Ambitionen auf ein Hip-Hop-affines junges Publikum zu hegen. Das hat viel mit der Produktion zu tun. So lenkt McFarlanes Schlagzeuger und Produzent Moses Boyd den Fokus stark auf den Rhythmus. Wie die meisten der Bandmitglieder kommt er aus einer afrokaribischen Familie. Und hat dieselbe Schule wie Tenorsaxofonist Blinker Golding, Bassist Max Luthert, Pianist Peter Edwards und Klarinettist Shabaka Hutchings durchlaufen: „Tomorrow Warriors“ heißt die derzeit wohl bedeutendste Talentschmiede des jungen britischen Jazz. Gegründet von Veteran Gary Crosby adressiert sie vor allem schwarze und weibliche Musiker – Diaspora-Angehörige also, die hier die Möglichkeit bekommen, mit seinen Jazz Jamaica Allstars und anderen arrivierten Jazzmusikern aufzutreten und sich zu professionalisieren. Die politische Bewusstseinsbildung ereignet sich in diesem Umfeld quasi als Nebeneffekt. „Ich habe gemerkt“, sagt Zara McFarlane, „dass es mich nicht mehr zufriedenstellt, Liebeslieder zu schreiben. Es dauerte eine Zeit, bis ich verstand, was mir diese karibischen Rhythmen erzählen: Eine Geschichte von Entwurzelung, Widerstand und Trost.“ Einer ihrer neuen Songs erzählt diese Geschichte auch ohne Worte wie Brexit oder Rassismus ganz leise und eindrücklich. Auf „Silhouettes“ klagt eine melancholische Klarinette den Blues – und mündet erst ganz zum Schluss in einen Gesang über die schmerzvolle Suche nach dem zerrissenen Ich. Ja, das ist Zara McFarlanes Thema: den aufrechten Gang zu finden, gerade in der Diaspora.

JONATHAN FISCHER

SZ 4.12.2017zara mcfarlane

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