Im Silo: In Kapstadt eröffnet das Museum of Contemporary Art Africa (MOCAA), das erste Museum für zeitgenössische Kunst des Kontinents. Das Gebäude ist spektakulär – und wird vor allem die Privatkollektion des Mäzens Jochen Zeitz zeigen


Für Menschen wie Jochen Zeitz gibt es im Englischen ein Wort: Game Changer. Was der 54-jährige Deutsche anfasst, muss eine neue Richtung nehmen, sich in Dimension und Erfolg von allem Vorangegangenen unterscheiden. „Ich habe meine Glaubwürdigkeit, was Afrika betrifft“, sagt er. „Punkt.“ Aufgeknöpftes Hemd, Turnschuhe, verwuschelte Frisur, der ehemalige Puma-Chef empfängt den Interviewer ziemlich leger. Als ob er lieber auf seiner Öko-Farm in Kenia geblieben wäre, als in einer Sitzecke eines gewaltigen Beton-Glas-Tempels namens Zeitz MOCAA über Kunst zu reden. Zeitz MOCAA, das steht für Zeitz Museum of Contemporary Art Africa.

Es soll nicht nur das weltweit größte Museum für zeitgenössische afrikanische Kunst werden. Sondern auch die persönliche Mission des Wirtschaftsbosses, Philanthropen und Kunstmäzen Zeitz fortschreiben. Mit 30 Jahren war er der jüngste Vorstandsvorsitzende eines börsennotierten deutschen Unternehmens. Als er im Jahr 2011 namhafte Künstler aus Afrika Trikots für afrikanische Fußballnationalmannschaften entwerfen ließ, da war er schon ein paar Jahre als Kunstsammler dabei, mit Hilfe des südafrikanischen Kurators Marc Coetzee. Aufsehen erregte Zeitz erstmals, als er 2013 auf der Venedig-Biennale ganze 85 Arbeiten afrikanischer Künstler ankaufte, darunter die gesamte Fotoausstellung des Angolaners Edson Chagas. Er sammle, sagt er, nicht enzyklopädisch. „Ich will das Werk bestimmter Künstler in die Tiefe ausleuchten“: Dazu gehören die Kuhhaut-Installationen von Nandipha Mntambo aus Swasiland, Kehinde Wileys heroische Porträts schwarzer Slumkinder, oder auch die fantastischen Brillenskulpturen des Kenianers Cyrus Kabiru. Zeitz hat auch Werke etablierter Diaspora-Künstler wie Chris Ofili, Isaac Julien oder Wangechi Mutu akquiriert. Statt traditioneller Masken oder Kultgegenstände turg er die Werke einer jungen Avantgarde zusammen. Kunst also, die den Eurozentrismus der Kunstwelt infrage stellt. Und die nun, ausgestellt im MOCAA, endlich aus ihrer Nischenexistenz in europäischen Museen und Sammler-Depots befreit werden soll.

„Fotografieren streng verboten“. Das bekommen die aus aller Welt angereisten Journalisten nach dem Passieren der Museumstür mit auf den Weg gegeben. Wenn das MOCAA am 22. September eröffnet, soll das in einem perfekt konzertierten Medienecho nachhallen. Andererseits fällt es den Besuchern sichtbar schwer, das Foto-handy in der Tasche zu lassen. Nicht wegen der Kunst – die lagert zum Großteil noch im Depot. Sondern wegen ihres nicht minder sensationellen Behältnisses. Rostige Öffnungen von Schütteinrichtungen, verwitterte Rauchverbotstafeln und unpolierter Beton: Das Innere des MOCAA strahlt rohe Industrie-Romantik aus. Ein Team um den britischen Architekten Thomas Heatherwick hat das Getreidesilo entkernt und zu einer fast sakral wirkenden Betonkathedrale umgemodelt.

Befreit von dicken Farbschichten leuchtet nun der gelbliche Beton. Die Röhrenstruktur blieb erhalten. Lediglich die vier obersten Ebenen des Förderturms wurden umgebaut – zu einem Luxushotel. Eine Win-win-Situation, heißt es. Nicht nur finanzieren die hohen Quadratmeterpreise des Hotels langfristig das Museum. Mit seinen fünf Meter hohen, nach außen gebeulten Facettenscheiben, die abends wie Drahtlaternen über die Waterfront leuchten, wirkt das Hotel wie eine Reklametafel für die darunterliegende Kunstsammlung.

Den Anspruch des MOCAA, in einer Liga mit dem Guggenheim Museum in New York, dem Centre Pompidou in Paris oder der Tate Modern in London zu spielen, müssen die Kuratoren noch erfüllen, architektonisch aber ist es bereits jetzt ein Triumph. Über hundert White Boxes wurden in den Beton eingepasst. In der Hälfte der über 6000 Quadratmeter Galerienfläche soll die permanente Sammlung gezeigt werden, in der anderen temporäre Ausstellungen. Zusätzlich wird es Räume für Videokunst und afrikanischen Film geben, ein Zentrum für Fotografie, eine Abteilung für Mode und Kostümkunst und auch ein pädagogisches Zentrum für Schulklassen. Herzstück des Museums aber bleibt das gewaltige 33 Meter hohe Atrium, ein Raum, den Heatherwick nach der Form eines Maiskorns aushöhlen ließ. Nur durch das Glasdach fällt Licht in das sonst fensterlose Gebäude, Strahlenbündel, die dessen Rundungen nochmals betonen. Da schauen selbst die Investoren von der V & A Waterfront mit den Journalisten ehrfürchtig nach oben.

„Kunst kann Gedanken verändern, auch in puncto sozialer Verantwortung“, sagt Jochen Zeitz, der allerdings über die Anzahl der von ihm beigesteuerten Kunstwerke – es sollen über tausend sein – keine Auskunft geben will. Ebenso wenig über den Wert der eigenen Sammlung. Ohne Zeitz und seine Kollektion zeitgenössischer afrikanischer Kunst gäbe es hier wohl schlichtweg kaum etwas zu sehen. Das fünfköpfige Ankaufskomitee beteuert zwar, bald einen museumseigenen Grundstock aufzubauen. Trotzdem steht und fällt hier alles mit einer Privatkollektion. Das provoziert auch Widerspruch. So bemängelt der Kunstkritiker Matthew Blackman auf der Kunstplattform Artthrob, dass die Ankaufsentscheidungen von nur zwei Personen getroffen würden. Schlimmer noch: Das MOCAA werde von einem weißen Briten gebaut, von einem weißen Deutschen bestückt und einem weißen Südafrikaner kuratiert – das berühre gerade in Südafrika alte Apartheids-Wunden. Zeitz streitet die Vorwürfe als „lächerlich“ ab. Coetzee entscheide nicht alleine. Man habe Kuratoren aus ganz Afrika geholt, um so panafrikanisch zu arbeiten. Vor allem aber bietet das Museum erstmals überhaupt die Möglichkeit, afrikanische Kunst in großem Umfang auch in Afrika auszustellen.

„Marc Coetzee und mir ging es von Anfang an um eine Museumssammlung“, sagt der Mäzen, „afrikanische Künstler sollen ihre Werke verkaufen können, und das Museum verschafft ihnen einen Zugang zum Markt.“ Marc Coetzee, ein jovialer Typ mit Bauchansatz, springt ihm zur Seite: „Wegen der Apartheid waren Kunst und Kunstgeschichte nicht für alle in diesem Land zugänglich. Nun geht es um die Frage: Wer wird in Zukunft die Geschichte der kulturellen Produktion dieses Kontinents definieren?“ Deshalb werde man aktuelle afrikanische Kunst – die ja, als Kunst eines ganzen Kontinents, ohnehin keine homogene Erscheinung sei – in einer Vielzahl von durchaus auch widersprüchlichen Positionen zeigen. „Immer noch verlassen einige der wichtigsten Kunstwerke den Kontinent. Wir wollen sie in Zukunft in Afrika behalten.“

Tatsächlich mag die Aufmerksamkeit, die afrikanische Kunst in letzter Zeit dank afrikanischstämmiger Kuratoren wie Okwui Enwezor im Westen genießt, vergessen machen, welche Randexistenz sie bis vor Kurzem führte. „Der Anteil afrikanischer Künstler am internationalen Kunstmarkt“, resümiert Max Hollein, der Direktor des Fine Arts Museum in San Francisco in einem Essay, „ist mit derzeit 0,01 Prozent praktisch inexistent“. Auf den großen Auktionen zeitgenössischer Kunst sehe man nur eine Handvoll etablierter Stars aus Afrika wie El Anatsui aus Ghana oder den in London geborenen Nigerianer Yinka Shonibare.

Auch dieser Verzerrung soll das MOCAA nun entgegentreten. Mit ganzen Werkserien von Künstlern wie Kundzanai Chiurai. Der Exil-Simbabwer entlarvt auf satirischen Tafelbildern nicht nur afrikanische Männlichkeits-Stereotype. Er karikiert auch Politiker wie den simbabwischen Präsidenten Robert Mugabe. Ähnlich kritisch aufgeladen ist etwa Kendell Geers Installation von der Decke pendelnder Ziegel. Schwarze Township-Jugendliche hatten die Steine während der Apartheid aus Protest von Autobahnbrücken hängen lassen – wer erwischt wurde, musste mit der Todesstrafe rechnen. Nach Hunderten von Jahren, in denen der schwarze Körper in der Kunst unsichtbar blieb, erscheint selbst das Sinnliche politisch: etwa ein ganzer Raum mit Hunderten weißer Perlendeckchen. Keines hat exakt dieselbe Farbe. Manche Perlen sind gelblich getönt, andere fast farblos. Die Künstlerin Liza Lou hatte in Durban ein Kollektiv schwarzer Frauen für die Stickerei angestellt – mit Perlen, die sich je nach dem Ölfilm auf ihrer Haut verfärben.

Vielleicht ist die Rückkehr der Materialität auch der wichtigste Beitrag afrikanischer Kunst zum aktuellen Diskurs. Und die Sichtbarmachung des menschlichen Faktors. „Wir entdecken gerade nicht die afrikanische Kunst, sondern unsere Ignoranz“, hatte Marc Coetzee gesagt. Nandipha Mntambo würde diesen Satz am liebsten über das Museum hängen. „Hier können wir endlich unsere Geschichte selbst schreiben“, sagt die großgewachsene einstige Biologiestudentin aus Swasiland und lässt mit resolutem Nicken ihre Kreolen klimpern – als ob sie einen bösen Traum abschütteln müsse. „Die Lehrer an der Kunstschule drängten mich einst zur Holzschnitzerei oder Keramik – weil das angeblich meinem ethnischen Hintergrund entspricht.“ Dann habe sie den Traum mit den Kuhhäuten gehabt. „Jedes Volk der Welt hat eine Verbindung zur Kuh“, sagt sie. Kritiker sollten ihre Kunstharz-verstärkten Skulpturen folglich nicht als Derivat einer Stammeskunst sehen. Sondern als globale Metapher für die Verbindung zwischen Frau und Tier.

„Erst seit ein paar Jahren hört man uns afrikanischen Künstlern zu, ist man gewillt, von uns zu lernen“, sagt Nandipha Mntambo, die es am meisten freut, dass jetzt endlich auch ganz normale Südafrikaner – jeden Mittwochvormittag haben sie freien Eintritt – ihre Installationen sehen können. „Wir Afrikaner haben so lange darauf gewartet, in einem Museum Bilder zu sehen, die für uns sprechen. Was kann Kunst schon Besseres schenken als Empathie für die eigene Geschichte?“

JONATHAN FISCHER
SZ 2.9.2017

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