Ich bin der Querschläger – Ein Gespräch mit dem vietnamesisch-amerikanischen Autor Viet Thanh Nguyen über seinen provozierenden Agentenroman „Der Sympathisant“, für den er 2016 den Pulitzerpreis erhielt, und darüber, wie Coppolas „Apocalypse Now“ ihn traumatisierte

hh03Der vietnamesisch-amerikanische Autor und Literaturdozent Viet Thanh Nguyen gewann 2016 mit seinem Romandebüt „The Sympathizer“ den Pulitzerpreis. Als Geständnis eines Untergrundagenten der Vietcong in Südvietnam und Amerika geschrieben, erzählt die Geschichte von den widersprüchlichen Masken, mit denen der Romanheld leben muss. Jetzt erscheint das Buch unter dem Titel „Der Sympathisant“ auf Deutsch.

SZ: Stimmt es, dass das Manuskript Ihres inzwischen mit Preisen überhäuften Romans „Der Sympathisant“ von dreizehn Verlagen abgelehnt wurde?

Viet Thanh Nguyen: Ja, dreizehn von vierzehn Verlagen lehnten das Buch ab. Die Verleger waren darauf wohl nicht vorbereitet: dass ich den Vietnamkrieg aus einer völlig anderen Perspektive erzähle, als es die bisherige Lesart in Amerika erlaubte – inhaltlich wie stilistisch.

Sie hatten beschlossen, keine Rücksicht auf den Literaturmarkt zu nehmen?

In Amerika gehöre ich als Vietnam-Amerikaner einer Minderheit an. Und für Schriftsteller ethnischer Minderheiten gilt seit jeher: Wenn ihr gehört werden wollt, dann sprecht gefälligst zur Mehrheit. Ich aber habe mir das Privileg herausgenommen, als Vietnamese einen fiktiven vietnamesischen Leser zu adressieren, also so zu tun, als ob ich selbst Teil einer Mehrheit wäre.

Ihr Romanheld gerät als Untergrund-Agent der Vietcong in eine Identitätskrise. Französischer Vater, vietnamesische Mutter, katholische Erziehung, kommunistische Ideale und über allem der korrupte amerikanische Traum. Wie weit haben Sie da aus Ihrer eigenen Biografie geschöpft?

Innerlich kann ich jederzeit mit ihm fühlen. Ich bin in Vietnam geboren, kam mit vier Jahren in ein amerikanisches Flüchtlingslager, in dem vietnamesisch gesprochen, gekocht und über unsere Geschichte debattiert wurde. Nie konnte ich ein vollständiger Amerikaner sein. Und das schmerzte. Als Schriftsteller aber hilft mir meine multiple Persönlichkeit, weil ich meine Figuren aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten kann. Tatsächlich habe ich während der zwei Jahre, die ich an meinem Roman schrieb, zum ersten Mal so etwas wie inneren Frieden verspürt. Da war die Einsicht: Wir alle tragen Masken – und wir müssen uns nicht den anderen zuliebe einfacher machen, als wir sind.

Aber definiert sich Amerika denn nicht von Anfang an über seine Einwanderer? Wo, wenn nicht hier, konnte man sich selbst eine Identität zusammenbasteln?

So würde sich Amerika gern selber sehen. Aber wir gehen in unserer Geschichte durch Zyklen, in denen wir immer wieder Einwanderer zurückweisen, sie verteufeln, wie die Japaner im Zweiten Weltkrieg oder wie es gerade mit den Mexikanern unter Präsident Trump geschieht.

Sprechen Sie mit Ihrem Buch nicht indirekt auch die Flüchtlingskrise an, die gerade Europa spaltet?

Natürlich braucht Amerika wie auch Europa weiterhin Immigranten. Sie sind ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor, ein wesentlicher Teil der technischen Innovationen geht auf ihr Konto. Stellen Sie sich mal vor, wie scheußlich das Essen in Amerika ohne Immigranten wäre! Aber bei dem Wort Flüchtling haben plötzlich alle Angst.

Was unterscheidet das Verständnis von Immigranten und Flüchtlingen?

Immigranten sind Menschen, die freiwillig und legal herkommen. Während Flüchtlinge, wie die Vietnamesen in Amerika, zu einem Leben in der Fremde gezwungen wurden. Flüchtlinge sind auf jeden Fall unwillkommener als Immigranten. Sie sind stigmatisiert. Man sieht in ihnen keine vollwertigen Menschen, selbst die Ankunft der mit Amerika doch verbündeten Südvietnamesen hat in der Bevölkerung ein Gefühl der Bedrohung erzeugt …

Warum?

Weil es sie daran erinnert, dass die Distanz zwischen ihrem komfortablen, stabilen Leben und einer Flüchtlingsexistenz gar nicht so groß ist. Auch wir können unser Heim verlieren. Auch wir können obdachlos werden, wenn etwas schiefläuft in unserem Leben. Aber da ist noch ein anderer Grund der Ablehnung: Wenn sich Menschen im Westen damit auseinandersetzen, warum es diese Flüchtlinge gibt, dann müssen sie auch Fragen nach der Mitschuld ihrer eigenen Länder stellen.

Sie erklären, dass es keine bloße Großherzigkeit Amerikas war, einige Hunderttausend Boatpeople aus Vietnam bei sich aufzunehmen, ja, dass es ohne Amerikas fatale Politik diese Flüchtlinge gar nicht gegeben hätte. Sind Sie nicht froh, vor dem Kommunismus gerettet worden zu sein?

Genau das erwarten die Amerikaner von uns – und viele amerikanische Vietnamesen haben diese Sicht adaptiert. Ich bin da der Querschläger. Weil ich eben nicht nur an die 60 000 gefallenen GIs, sondern an die drei Millionen vietnamesischen Opfer der amerikanischen Bombardierungen erinnere. Viele Amerikaner wollen das nicht wissen. Genauso wenig wie die Tatsache, dass sie über die Wirtschaft indirekt auch Teil des militärisch-industriellen Komplexes sind.

Welches Feedback haben Sie von amerikanischen Lesern bekommen?

Selbst liberale Amerikaner winden sich offensichtlich bei der Lektüre des Buches. Weil sie es nicht gewohnt sind, eine andere Geschichte als die von Amerika, dem großen Retter, zu hören – erst recht nicht aus dem Mund eines Vietnamesen. Schlimmer noch sind die Patrioten: Von ihnen habe ich eine Menge Hass-Mails bekommen. Wenn ich so undankbar sei, solle ich doch nach Vietnam zurückgehen.

Dabei kritisiert Ihr Buch nicht nur Amerika, sondern zeigt auch das Scheitern des vietnamesischen Kommunismus und seiner Ideale …

Patrioten sind meist taub für Zwischentöne. Sie wollen sich nur an die Gräuel der Gegenseite erinnern. Letztlich geht es ihnen um die Rechtfertigung einer Politik der globalen Vorherrschaft. Die Kriege im Irak und in Afghanistan bilden heute eine Fortsetzung der amerikanischen Expansionsstrategie, die bereits 1898 begann, als die Vereinigten Staaten die Philippinen besetzten, und die mit der Niederlage in Vietnam einen ersten Dämpfer erhielt.

Sie persiflieren in „Der Sympathisant“ Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ als Geschichtsklitterung. Dabei kommen die Amerikaner in dem Film doch gar nicht gut weg …

Ob gut oder böse, die Amerikaner spielen immer und überall die Hauptrolle. Alles wird durch ihre Brille gesehen und gefiltert. So schreiben im Rückblick auf diesen Krieg die Verlierer, die Amerikaner, die Geschichte – während Millionen im Krieg ermordete Vietnamesen bloßes Menschenmaterial bleiben. „Apocalypse Now“ hat mich als Jugendlicher traumatisiert. Einerseits identifizierte ich mich mit den amerikanischen Soldaten, andererseits waren deren anonyme Opfer Vietnamesen wie ich. Ich habe das als persönliche Beleidigung genommen. Deswegen möchte ich als Schriftsteller andere Geschichten erzählen als die Hollywood-Stereotypen, mit denen Amerika der ganzen Welt seine Sicht aufdrückt. Es ist zwar nur ein Buch. Aber schon ein kleines Loch in dieser Lügenfolie freut mich.

Im Gegensatz zu Ihren Eltern haben Sie Ihren vietnamesischen Namen behalten. Warum?

Meine Eltern waren als Lebensmittelhändler Pragmatiker. Sie wussten, dass es dem Geschäft hilft, wenn ein amerikanischer Name über der Ladentür prangt. Das hat sie in ihrer vietnamesischen Identität nicht angetastet. Bei mir verhält es sich umgekehrt. Ich fühle mich zwar als Amerikaner, möchte aber den Teil von mir betonen, den Amerika allzu gerne übersieht. Eine Art Trotzreaktion: Die Amerikaner sollen sich daran gewöhnen, meinen vietnamesischen Namen zu buchstabieren – das ist mein kleiner Beitrag zum Selbstverständnis amerikanischer Kultur und Literatur.

JONATHAN FISCHER

SZ 18.8.2017

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