Herzen und Häuser öffnen: Carlos Santana veröffentlicht ein Soul-Album zusammen mit den „Isley Brothers“ – und bereitet die Botschaft von Woodstock wieder auf

Der Musiker Carlos Santana wurde 1969 in Woodstock zum Weltstar, bereicherte die Rockmusik um eine neue Variante und verkaufte mehr als 90 Millionen Alben. Im Interview spricht der 70-Jährige über seine mexikanischen Wurzeln, den Geist von Woodstock, Trumps Mauer, Angela Merkel und warum wir gerade heute bewusstseinserweiternde Musik brauchen.

SZ: Amerika ist heute gespaltener denn je. Haben Sie das Gefühl, dass Ihre mexikanischen Wurzeln gerade an Bedeutung gewinnen?

Carlos Santana: Ich komme zwar aus Mexiko, aber ich habe als Musiker immer Amerika und seine Offenheit geliebt und alles gemischt, was ich in meiner Zweitheimat San Francisco auf den Straßen hörte.

… um Ende der Sechzigerjahre mit Ihrer Fusion aus Latino-Rhythmen, Rock und Soul zum ersten mexikanischstämmigen Superstar heranzuwachsen.

Nein, Richie Valens und José Feliciano waren schon vor mir berühmt. Aber ich habe vielleicht mehr als andere meine mexikanischen Wurzeln hinter mir gelassen. Meine Helden hießen eben BB King, Jimi Hendrix oder Olatunji. Was ich spiele, hat zu 99 Prozent afrikanische Ursprünge. Ich verdanke Afrika alles. Und auch die Zukunft der Musik wird von dort kommen.

Auf Ihrem aktuellen Album „Power Of Peace“ verpassen Sie allerdings mit Ihrer Frau Cindy Blackman und den Isley Brothers vor allem einem Dutzend Soulklassikern Ihr bewährtes Santana-Conga-Rock-Gewand. Ein Zeichen von Altersnostalgie?

Für mich hat das nichts mit Nostalgie zu tun. Wir haben unseren neuen Song „I Remember“ neben „Higher Ground“ von Stevie Wonder, „Mercy Mercy Me“ von Marvin Gaye oder Billie Holidays „God Bless The Child“ ihrer Botschaft wegen ausgesucht, einer Botschaft, die heute aktueller ist denn je zuvor …

Sie verfolgen mit dem Album eine gesellschaftliche Mission?

Unser Ziel ist es, Ängste umzuwandeln. Auf diesem Planeten regiert gerade Angst: Überall fürchten sich Menschen vor ihren Mitmenschen. Wie John Lennons „Imagine“ oder Bob Marleys „One Love“ hat Musik die Fähigkeit, eine Frequenz des Mitgefühls und der Freude zu aktivieren.

Jetzt klingen Sie fast wie ein spiritueller Lehrer, der seine Lehre als Musikalbum verkaufen will …

Ist denn die Liebe nicht schon immer der Kern aller Soulmusik gewesen? Nur scheint uns die Botschaft, die etwa Ron und Ernie Isley seit über fünf Jahrzehnten verkörpern, abhandenzukommen.

Sie haben jüngst zum Zorn vieler Popfans Beyoncé unterstellt, bei ihrer Sorte Musik gehe es eher um Show als um gesangliche Tiefe. Sie mögen den modernen Rhythm‘n‘ Blues nicht sonderlich?

Ich habe mich für die Äußerung entschuldigt. Natürlich kann Beyoncé sehr gut singen. Aber mir fehlt eine spirituelle Dimension im aktuellen Pop. Ich bin mit James Brown, Marvin Gaye und den Isley Brothers aufgewachsen. Jedes ihrer Alben war, als ob du eine Kerze anzünden würdest. Heute höre ich nur Versprechen, aber noch nicht ihre Einlösung …

Dabei gibt es doch heute gerade in der schwarzen Musik von Erykah Badu bis Kamasi Washington, von Solange Knowles bis Flying Lotus eine Menge musikalisch und politisch spannender Stimmen. Sind Sie als Woodstock-Veteran nicht einfach nur enttäuscht, dass der Aufbruchsgeist der Sechzigerjahre weithin verflogen zu sein scheint?

Ich sehe viel Gutes, das auf dem Bewusstseinswandel von damals basiert. Viele junge Amerikaner gehen bis heute als Entwicklungshelfer nach Afrika und Südamerika, arbeiten dort als Ärzte, Lehrer oder Landwirte. Doch auf den Nachrichtenkanälen werden nur die dunkelsten Seiten der Menschheit präsentiert. Das war schon so, als ich in Woodstock auftrat. Wir wollten die andere Seite zeigen.

Sie stehen noch immer zur „Peace, Love and Harmony“-Parole der Hippies?

Hippie ist für mich kein Schimpfwort. Frieden, Liebe, Harmonie sind 2017 genauso nötig wie damals. Wir brauchen eine Bewegung, um die Liebe zur Macht mit der Macht der Liebe zu korrigieren. Diese Macht habe ich selbst erfahren.

Wie war das damals, als Sie mit Ihrer Mutter als jugendlicher Migrant von Mexiko nach Amerika kamen?

In Mexiko spielte ich in Tijuana in einem Bordell, aber es gab kaum berufliche Möglichkeiten. In San Francisco dagegen wurden wir großzügig aufgenommen, ich durfte so viel von Musikerkollegen wie John Mc Laughlin, John Lee Hooker und Miles Davis lernen, und es war für mich selbstverständlich, eine Band aus schwarzen, weißen und Latino-Musikern zusammenzustellen. Amerika, dieser Melting Pot, hat mir erlaubt, mich zu entwickeln.

Ihr Präsident Donald Trump allerdings möchte eine Mauer bauen lassen, damit mexikanische Immigranten nicht mehr so leicht in die USA kommen …

Ach, denken Sie doch an Ihre eigene Mauer in Berlin. Die hatte trotz militärischer Maßnahmen keinen Bestand. Genauso wird es Trumps Mauer ergehen. In Wirklichkeit ist sie eine Mauer der Angst. Sie existiert schon in den Köpfen. Also spar dir das Geld, Mr. President. Am Ende, da bin ich mir sicher, werden die Menschen die Steine wieder abtragen – zu Songs von Bob Marley, Pink Floyd oder Santana.

Das bringt Ihnen sicher den Vorwurf mancher Ihrer Landsleute ein, unpatriotisch zu sein.

Ich werde Ihnen jetzt einen Satz diktieren, der mir wichtig ist: Patriotisch zu sein ist prähistorisch.

Sie haben den afroamerikanischen Footballspieler Colin Kaepernick verteidigt, als er ein Symbol gegen rassistische Polizeigewalt setzen wollte und sich weigerte, zur Nationalhymne aufzustehen. Braucht Amerika Akte der Rebellion?

Ich verstehe, wenn jemand eine Fahne, die mit dem Blut unschuldiger Afroamerikaner besudelt wird, nicht grüßen will. Nur setze ich andere Mittel ein: Ich appelliere mit Songs an unsere Menschlichkeit.

Sie glauben wirklich, dass Musik den Hass aus der Welt schaffen kann?

Ich habe erfahren, dass Musik Menschen verändert. Sie werden empfänglich für die Gefühle anderer. Egal ob sie Polizisten oder Soldaten oder gar Terroristen sind.

Ist das nicht etwas naiv anzunehmen, man könne dem Terrorismus mit Friedensliedern beikommen?

Überhaupt nicht. Vielleicht wären die Anschläge in Paris, in Madrid, in London zu verhindern gewesen, wenn wir die richtige Botschaft überall an den Mann gebracht hätten: Göttlichkeit lässt sich nicht durch den Tod erlangen. Göttlichkeit bedeutet Harmonie, Einheit und Mitgefühl. Allah, Jesus, Buddha, Krishna, sie stehen alle dafür.

Wir haben in Deutschland gerade eine große Kontroverse darüber, ob und wie viele Flüchtlinge unser Land aufnehmen soll. Bekommen Sie das in Amerika mit?

Oh doch, und ich hätte da als Migrant auch einen praktischen Vorschlag: Beobachten Sie ein paar Monate lang das Verhalten der Neuankömmlinge. Wenn sie sich anständig benehmen und als gesetzestreu erweisen, warum sollte man nicht Herzen und Häuser für sie öffnen? Betrüger und Gewalttäter allerdings würde ich umgehend zurückschicken.

Sie haben letztes Jahr einen Dokumentarfilm über die amerikanische Gewerkschafterin Dolores Huerta finanziert. Was können die Menschen heute aus dieser Bürgerrechtsgeschichte lernen?

Der Film über Dolores ist der beste Song, den ich je geschrieben habe. Für mich steht diese arme Tochter mexikanischer Einwanderer in einer Reihe mit Martin Luther King, Desmond Tutu oder dem Dalai Lama. Sie war schon in der Jugend meine Heldin. Weil sie als Herz und Seele der Erntearbeitergewerkschaft United Farm Workers für Gerechtigkeit gerackert hat. Jedes Schulkind sollte sie kennen. Dass das heute nicht der Fall ist, hat auch damit zu tun dass sie eine Frau ist. Eine Kämpferin.

Können Sie der Präsidentschaft von Trump etwas Gutes abgewinnen?

Er bringt den Dreck aus Amerikas Bauch ans Licht. Und Amerika kann sich endlich in die eigenen Gedärme schauen. Was wir einmal als Vereinigte Staaten bezeichnet haben, diese Vielfalt aus Deutschen, Engländern, Puertoricanern, Mexikanern, ist längst nicht mehr vereinigt: Wir bestehen vor allem aus fragmentierter Angst.

Was würden Sie Mr. Trump denn sagen oder vorspielen, wenn er auf einem Ihrer Konzerte auftauchen würde?

Ich würde ihn dazu auffordern, weise Frauen aus aller Welt zu sich zu laden und ihnen zuzuhören. Ihr Deutschen habt Glück. Ihr werdet von einer Frau regiert. Die meisten Ebenen der Weltpolitik werden von Männern dominiert und ihrem Machogehabe. Und wenn ich Macho sage, dann meine ich Ignoranz und Angst.

In zwei Jahren jährt sich Woodstock zum 50. Mal. Werden Sie auf dem Jubiläums-Festival auftreten?

Ich habe vor, mit meiner Frau Cindy dort aufzutreten. Außerdem will ich meine Originalband wiedervereinigen und mit Larry Graham spielen, dem einstigen Bassisten von Sly Stone. Man wird mich möglicherweise mit drei Bands sehen. Glauben Sie mir: Ich habe heute tiefere Überzeugungen und mehr Klarsicht als im Jahr 1969.

JONATHAN FISCHER
SZ 2.8.2017images

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