Jenseits der Selbstsucht: Cody Chesnutt singt über das richtige Leben in schwierigen Zeiten. Sein Album „My Love Divine Degree“ ist roh, ungeschliffen, auf charmante Weise nicht perfekt

Ein sanftes, ja fast liebenswürdig beiläufig hingeworfenes Trotzdem bringt das bisherige Leben des Cody Chesnutt – pardon, ChesnuTT mit zwei großen T – gut auf den Punkt. Der afroamerikanische Singer-Songwriter hat fast alles getan, was ein Musiker mit Popstar-Ambitionen unbedingt vermeiden sollte. Seine bisherige Laufbahn liest sich wie die Langfassung des Buches „Zehn Wege, deine Karriere zu sabotieren“. Launenhaftigkeit könnte man Chesnutts jahrelange Showbiz-Pausen nennen. Seine Fans aber werten das als Charakterstärke, wenn nicht gar messianische Selbstbestimmung.

Der Auftritt des 48-Jährigen aus Tallahassee, Florida, im barocken Prunksaal der Londoner Bush Hall jedenfalls ist restlos ausverkauft, die Stimmung oszilliert, wie überall, wo Cody seine Gitarre aus dem Koffer holt, zwischen euphorisch und leicht verunsichert: Wer könnte schon voraussagen, was der Mann diesen Abend spielen wird? Rohes akustisches Geschrammel wie auf seinem Debüt „The Headphone Masterpiece“ aus dem Jahre 2002? Den satt gefederten 70er-Jahre-Funk des vor fünf Jahren erschienenen Nachfolgers „Landing On A Hundred“? Oder die grobfaserige Melange aus Rock, Soul und Afrobeat, die sein neues Album „My Love Divine Degree“ prägt?

Der erste Eindruck des Mannes in der abgewetzten Jeansjacke und dem Bowlerhut: ein schwarzer Hipster, wie er im Buche steht. Der zweite: Der traut sich aber was! Bevor Chesnutt in seine ureigene Melange aus Akustik-Balladen, schrägen Keyboards und bisweilen leicht verrutschten Falsettgesängen taucht, hakt er erst einmal die Pflicht ab. Seinen ersten und einzigen Hit. Gitarren und Schlagzeug schieben einen gewaltigen Shuffle an. „She don’t want no rock’n’ roll, she want platinum or ice or gold …“ 2002 hatte Chesnutt „The Seed“ in seinem Schlafzimmer auf einem Vierspur-Rekorder aufgenommen. Lo-Fi und hörbar selbstgebastelt. Chesnutt hatte ihn wie die 40 anderen Songs von „The Headphone Masterpiece“ noch nicht veröffentlicht, da bekam ihn Questlove, der Schlagzeuger und Kopf der Hip-Hop-Band The Roots zufällig zu Gehör – und verliebte sich in die eingängige Mitsing-Melodie. Warum nicht diesen Song gemeinsam als Single einspielen? „The Seed“ avancierte alsbald zur weltweiten Hip-Hop-Hymne. Cody aber verschwand nach einer gemeinsamen Tour wieder dort, wo er hergekommen war, im kommerziellen Nirgendwo.

55 000 Mal hatte sich „The Headphone Masterpiece“ verkauft – immerhin. Die Kritiker schwärmten von dem ungeschliffenen, rauen und nur in Spurenelementen soulhaltigen Bekenntnisbrief eines afroamerikanischen Freigeistes. Nach Industriemaßstäben hätte er in spätestens zwei Jahren ein Folgealbum nachschieben müssen. Eine Folgetournee. Und ein paar Videos. Aber Cody scherte sich einen Dreck um Erwartungen. Er kümmerte sich lieber um seine Kinder, spielte Musik nur nach Feierabend. „Ich hatte schon damals den Begriff Alternative R ’n’ B erfunden“, sagt er. „Und das bezog sich nicht nur auf die Musik.“ Seine Jahre als Songwriter für das Hip-Hop-Label Death Row Records in Los Angeles und die Erfahrung, mit der eigenen Band kurz vor Veröffentlichung eines Albums als „nicht vermarktbar“ fallengelassen zu werden, hatten ihn geprägt.

2012 landete er nach einem zehnjährigen Intervall einen Überraschungscoup: Chesnutt hatte das Album „Landing On One Hundred“ mit einer professionellen Band in den Royal Studios in Memphis aufgenommen, dort wo auch Al Green oder Syl Johnson ihre Hits eingespielt hatten – die Arrangements kombinierten 70er-Jahre-Soul mit der Energie des Hip-Hop. Auch diesmal wieder überboten sich die Rezensenten: Würde der Mann dem Soul neue Wege ins Hier und Jetzt öffnen?

Cody Chesnutt aber hasst Festlegungen. Er verlegt sich selbst, ist an kein Label gebunden und an keine Marketingstrategie. Wenn schwarzer Pop um die Jahrtausendwende zu den konservativsten Genres überhaupt gehörte, nahm Chesnutt schon damals etwas von der Freiheit des Internets vorweg, bewegte sich in seiner eigenen Nische. „Ich habe schon vor langer Zeit aufgehört, über Strategien und Genres nachzudenken“, sagt der Mann mit dem weiß gesprenkelten Bart, während er sich bei einer Tasse Kräutertee an einem der Off-Tage einer Acht-Wochen-Tournee in der Lobby eines Münchner Hotels rekelt. Er redet leise, aber mit Nachdruck. „Schreibe ich für dieses oder jenes Publikum? Ich war selbst als junger Songwriter Teil des R ’n’ B-Mainstreams. Aber die Musik, die am Ende herauskam, schmeckte nach einem durchgekauten Stück Papier.“

Nach fünf Jahren Auszeit habe er für sein neues Album nur die Vorgabe gehabt, „die organische Herangehensweise meines Debütalbums wiederaufzunehmen“. Roh, ungeschliffen, auf charmante Weise nicht perfekt. Das alles kann man von „My Love Divine Degree“ behaupten. Und doch klang Cody nie überzeugender. Er schafft ein Meisterwerk des exzentrischen Soul – und setzt dem hochpolierten, oft überproduzierten Rhythm ’n’ Blues der Gegenwart eine ergreifende Mischung aus Lo-Fi und Persönlichkeit entgegen.

Selbst das Erwachsensein klingt in diesem Kontext gar nicht mal so unsexy. Auf dem Debüt feierte Chesnutt noch die eigene Untreue – und schob mit „Landing On One Hundred“ ein Reuebekenntnis nach. Auf „My Love Divine Degree“ aber sorgt sich Cody um seine Familie, das Vatersein, die Gewalt auf den Straßen, das friedliche Zusammenleben der Menschen. Akustische Gitarrensongs wie „So Sad To See A Lost Generation“ oder „Have You Heard Anything From The Lord Today“ könnten – mit Ausnahme einiger Elektronika – auch einer alten Folkplatte entstammen. Der Gesang lebt vom klassischen Südstaaten-Soul-Erbe. Und doch wirkt Chesnutt sehr gegenwärtig. Zum sanft schaukelnden „It’s gonna bring us all down“-Chor nimmt er das brandaktuelle Thema Polizeigewalt („Bullets In The Street And Blood“) auf. Über einem federnden Afrobeat („Africa The Future“) entreißt er die Heimat der Vorväter den Negativ-Projektionen. Und irgendwo taucht dann auch noch Jesus auf, als Vorbild für „ein Leben, das sich über die Selbstsucht hinwegsetzt“. Nein, die Welt ist, besonders für einen schwarzen Amerikaner, gerade nicht leichter geworden. Chesnutts Trotzdem klingt nie wütend, eher wie eine waidwunde Weltumarmung.

Das Video „Bullets In The Street“ ist aufreizend schlicht und doch anrührend. Zwei schwarze Kinder spielen im Park, bewerfen sich mit Blättern, verstecken sich hinter Baumstämmen, mimen eine Schießerei mit Stöckchen-Pistolen. Der Krieg ist noch ein Spiel. Codys Ästhetik geht tiefer unter die Haut als die Hochglanz-Selbstinszenierungen der Konkurrenz, auch weil der dazugehörige Sound diesen Straßenmusiker-lässt-mitsingen-Charme hat.

„Musik muss organisch kratzen“, erklärt Chesnutt. Seine antiheroische Haltung und sein unpolierter Sound mögen 2002 zu früh dran gewesen sein. Inzwischen hat er ein paar Wegbegleiter. Anderson .Paak etwa oder Kanye West. „Kanye“ sagt Chesnutt, „mag denselben Crossover-Ansatz, den ich verfolge.“ Der Hip-Hop-Superstar hatte Chesnutt letzten Herbst zusammen mit Bon Iver, Common, Aesop Rocky und einigen anderen Freunden zu einem Workshop jenseits aller Genres eingeladen. Diese Jamsessions sind zwar noch nicht erschienen, aber der Singer-Songwriter aus Florida lernte dort den Chicagoer Hip-Hop-Produzenten und West-Kollaborateur Anthony „The Twilite Tone“ Khan kennen – und engagierte ihn für sein aktuelles Album. Chesnutts sanftes Trotzdem ist ausdauernder, als man denkt. huge_avatarhuge_avatar

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