AUF VERLORENEM POSTEN Flüchtlingsheime brauchen Schutz und Sicherheit, aber die Mitarbeiter der Security-Firmen sind schlecht ausgebildet, unterbezahlt und nicht selten gewalttätig. Wachleute erzählen, wie es dort zugeht

Mohammed Sillas Deutsch ist noch ziemlich gebrochen. Erst vor fünf Monaten ist der 26-Jährige aus Sierra Leone in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge am Fliegerhorst Fürstenfeldbruck angekommen. Aber einen ersten, schmerzhaften Eindruck von Deutschland hat er schon. „Diejenigen, die mich beschützen sollen, können mich zusammenschlagen – einfach so.“ Die Menschen, die Flüchtlinge wie Silla beschützen sollen: Das sind die Mitarbeiter des örtlichen Sicherheitsdienstes. Uniformierte Wachmänner, die für die Ordnung in den Asylunterkünften zuständig sind, bei Konflikten deeskalieren und vermitteln sollen. Glaubt man Mohammed Silla, haben ihn die Wachmänner seiner Unterkunft wie „einen Verbrecher“ behandelt. Es passierte bei der Taschenkontrolle am Eingang. Die Wachmänner hätten seine am Boden geöffnete Tasche mit den Füßen weggekickt. Als Silla sich darüber beschwerte, sei es zu dem Prügel-Exzess gekommen – elf Security-Mitarbeiter hätten sich daran beteiligt oder zugesehen. Silla wurde anschließend ins Krankenhaus eingeliefert.

  Die Polizei wollte Silla aber trotz Augenzeugen, die seine Version bestätigen, nicht glauben. Das Verfahren wurde nach wenigen Wochen von der Staatsanwaltschaft München II eingestellt: „Wir hatten sehr widersprüchliche Aussagen der von uns vernommenen Zeugen“, sagt Andrea Grape, die Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft. So stehe letztlich eine Geschichte gegen die andere, ein Tatnachweis sei nicht zu führen gewesen. Silla blieb nichts anderes übrig, als um eine Verlegung in ein anderes Haus, nach Bad Tölz, zu bitten. „Viele Heimbewohner“, sagt der Flüchtling, „haben das Gefühl, dass sie nicht von den Security-Männern beschützt werden. Sondern Schutz vor ihnen brauchen.“

  Ein Einzelfall? Oder doch Symptom einer Politik, in der die kostengünstige Abwicklung von Flüchtlingen Vorrang hat vor deren Sicherheit? Dass Wachmänner ausrasten oder gewalttätig werden, gehört offenbar zum Alltag in deutschen Flüchtlingsunterkünften.

  Die Liste der dokumentierten Vorfälle jedenfalls ist lang: 2014 ging ein Bild durch die Öffentlichkeit, in dem ein Wachmann im siegerländischen Burbach einem am Boden liegenden Flüchtling mit einem Schuh auf den Kopf tritt. Im März 2016 zettelten Wachmänner in Berlin eine Schlägerei an, bei der auch der Heimleiter verletzt wurde. Zwei Monate zuvor hatten Mitarbeiter einer Security-Firma eine Handgranate auf ein Heim in Villingen-Schwenningen geworfen. Sie hatte zum Glück nicht gezündet. Und das sind nur die aufsehenerregendsten Meldungen. Viele der täglichen Übergriffe auf Flüchtlinge durch diejenigen, die sie beschützen sollen, tauchen in keiner Statistik auf, weil sie gar nicht erst zur Anzeige gebracht werden. Wer im Flüchtlingsheim als aufmüpfig gelte, sagt ein Sprecher der Selbsthilfeorganisation „Refugee Struggle for Freedom“, auf den werde von den Security-Leuten regelrecht Jagd gemacht. Darüber hinaus wüssten viele Flüchtlinge nicht über ihre Rechte Bescheid.

  Das ist die eine Seite der Geschichte. Auf der anderen stehen schlecht ausgebildete, miserabel entlohnte, überforderte Wachmänner. Wer diesen Job wählt, muss einiges mitbringen: hohe physische und oft auch psychische Belastbarkeit. Und eine enorme Frustrationstoleranz. Oft dauern die Schichten mehr als zehn Stunden. Die Sicherheitsleute werden von Betrunkenen bedroht oder bekommen bei Streitigkeiten zwischen Ethnien Beschimpfungen oder Schläge ab. Und ja, es gibt Flüchtlinge, die zu Gewalt neigen. Manche haben selbst eine kriminelle Vergangenheit, manche sind durch Erlebnisse auf der Flucht verroht, andere sind es nicht gewohnt, Weisungen von Frauen zu befolgen.

  Der Wachmann-Job ist schlecht bezahlt: 9,57 Euro pro Stunde. Für den Einsatz in Flüchtlingsheimen gibt es noch mal 1,50 Euro Zuschlag, das bedeutet 11,07 Euro die Stunde, gerade genug für zwei Schachteln Zigaretten.

  Charlie, ein stämmiger Typ mit türkischem Migrationshintergrund, hat sich für diesen Minimallohn vier Jahre lang als Wachmann in der Bayernkaserne verdingt. Die Bayernkaserne, das ist Münchens größtes Flüchtlingsheim. Die Arbeit dort, sagt Charlie, habe ihn an den Rand seiner seelischen Kräfte gebracht. „Wenn Flüchtlingsmütter mit ihren Babys ankamen und die Security-Mitarbeiter um Babynahrung und Decken anbetteln mussten, das ging mir schon an die Nieren“, sagt der 32-jährige Familienvater. „Aber das Schlimmste, das waren die Kollegen.“ Wachmänner, die aus Ostdeutschland rekrutiert worden waren.

  In der Bayernkaserne arbeitete Charlie als Subunternehmer der Firma Siba. Sie erledigte im Auftrag der Regierung von Oberbayern die Registrierung und Erstaufnahme der Flüchtlinge. „Die aus dem Osten haben ständig Streit gesucht. Als ich einmal einen betrunkenen Flüchtling am Boden fixierte, nutzte ein Kollege die Chance, dem wehrlosen Mann mit dem Stiefel ins Gesicht zu treten. Und das kam nicht nur einmal vor.“ Charlie schüttelt den Kopf. Nur unter Zusicherung strikter Anonymität ist er zusammen mit seinem Kollegen Hamid bereit gewesen, sich in einem McDonald’s im Gewerbegebiet mit dem Reporter zu treffen. Beide wollen nicht, dass ihr richtiger Name in der Zeitung steht. „Viele Security-Mitarbeiter haben Kontakte in die Unterwelt, das weiß jeder.“

  Hamid nickt zustimmend. Der afghanischstämmige Wachmann hatte mit seiner Arbeit die Hoffnung verbunden, seinen geflüchteten Landsleuten das Leben zumindest etwas erträglicher zu machen. Auf den Ton im Flüchtlingsheim aber war Hamid nicht vorbereitet: Einige Kollegen hätten ständig davon geredet, „dass man die Flüchtlingsweiber für ein paar Euro ficken könne. Und die Afrikaner hießen bei ihnen sowieso nur Affen“. Die Aussagen ehemaliger Wachmänner der Firma Guardian, die 2016 an die Presse gingen, oder Zeugenaussagen im Prozess gegen Wachmänner in Arnsberg lassen vermuten, dass sich ähnliche Szenen auch in anderen Asylheimen abspielen. Sicherheitsleute, die Flüchtlinge beschimpfen und schlagen, Frauen, die sexuell belästigt, Kinder die über Megafon angebrüllt werden: „Würde das im Zoo passieren“, sagt Charlie, „die Tierschützer wären schon längst zur Stelle.“ Charlie und Hamid lachen. Aber hinter dem coolen Tonfall ist der Frust spürbar: Sie hätten immer versucht, Konflikte über freundschaftlichen Kontakt und Gespräche zu lösen. Doch der Schichtleiter habe das nicht gerne gesehen: „Wenn ihr weiter so viel mit den Leuten quatscht, fliegt ihr raus“, habe er gedroht.

  Anruf bei Joachim Feldhaus, dem Geschäftsführer der Wachfirma Siba in Karlsruhe. Hat er Kenntnis von kriminellen oder ausländerfeindlichen Wachleuten in seiner Firma? „Wir ziehen sofort personelle Konsequenzen, wenn uns etwas zur Kenntnis kommt“, sagt er und seufzt. „Aber was sollen wir denn machen, wenn die Regierung von Oberbayern selbst die Führungszeugnisse überprüft und abgenickt hat?“ Feldhaus räumt allerdings ein, dass er schon Mitarbeiter entlassen habe: Etwa wegen fremdenfeindlicher Facebook-Einträge. Ein „Riesen-Imageschaden“ für die Firma sei das gewesen.

  Trotzdem sieht er die Security-Branche als Opfer vieler Pauschalisierungen. Kein Gewerbe werde stärker kontrolliert. Dagegen werde die Leistung seiner Angestellten oft unterschätzt: „Wachmann ist kein ungefährlicher Job. Und wer das macht, kommt nicht unbedingt von der Sonnenseite des Lebens.“ Die Ansprüche seien hoch: Seine Leute sollten deeskalieren, sich wehren können und Menschen anderer Kulturen verstehen. Und das alles nach einer gerade mal einwöchigen Ausbildung. 40 Stunden dauert die Schulung der Wachmänner. Führungskräfte brauchen eine zusätzliche Sachkunde-Prüfung. „Eine bessere Ausbildung ist natürlich wünschenswert“, sagt Feldhaus und erzählt, dass seine Firma seit zwei Jahren freiwillig einen Trainer für interkulturelle Kompetenz beschäftige. Letztlich aber müsse man konkurrenzfähig sein: „Bei den Preisen gibt es nicht viel Luft.“

  Was Feldhaus nicht sagt: Schon länger gibt es Anzeichen dafür, dass die Security-Szene in Deutschland von Rechtsradikalen unterwandert ist. Bereits 2003 hatte das Internet-Magazin Telepolis entsprechende Verbindungen aufgedeckt. Das Sicherheitsgewerbe hatte sich zur sicheren Einkommensquelle vieler Neonazis entwickelt. „Viele der ostdeutschen Kollegen“, sagt Charlie, „machten gar keinen Hehl aus ihrer Einstellung. Bei einigen konnte man die Hakenkreuz-Tätowierungen noch durch das weiße Hemd durchsehen“, hieß es in dem Beitrag. In ihren Büros und auf den Funkgeräten sei immer wieder Nazi-Musik gelaufen. Und als ein Bus mit Flüchtlingen ankam, habe ein Siba-Wachmann über Funk durchgegeben: „Wir sind voll. Schicken wir die doch gleich zum Vergasen weiter nach Dachau.“ Habe da niemand an eine Anzeige gedacht? So etwas sei in diesem Milieu undenkbar, sagt Charlie. Er habe seine ostdeutschen Kollegen mal gefragt, warum sie als Ausländerfeinde ausgerechnet diesen Job angenommen haben. „Sie sagten, der Action wegen. Um mal ein bisschen draufzuhauen.“

  Dass der Wachmann-Job auch Menschen anzieht, die am sozialen Rand stehen und nun die Möglichkeit bekommen, über noch Schwächere Macht auszuüben, das liegt auf der Hand „Die Ausgrenzungspolitik qua Lager verleiht den Sicherheitsdiensten viel Macht“, sagt Stephan Dünnwald vom Münchner Flüchtlingsrat. „Und dieses Machtgefälle kann zu allen möglichen Formen der Ausbeutung führen.“ So erreichten den Flüchtlingsrat immer wieder Beschwerden von Flüchtlingen über sexuellen Missbrauch – oder die willkürliche Konfiszierung ihrer Habseligkeiten. Aber nur selten ließen sich gerichtsfeste Aussagen erreichen. „Wir erleben da eine Kultur der Angst“, sagt Dünnwald.

  Ein Teil des Problems ist der Arbeitsmarkt. Nachdem in den letzten Jahren Hunderttausende Flüchtlinge Deutschland erreicht hatten und überall Asylbewerberunterkünfte aus dem Boden gestampft wurden, erlebten die Wachdienste einen Boom. In den letzten fünf Jahren erhöhte sich die Zahl ihrer Mitarbeiter von 183 000 auf 258 000. Derzeit werden laut Bundesagentur für Arbeit 13 800 Wachleute gesucht. Durch die massive Nachfrage sei der Markt total abgegrast, sagt Silke Wollmann vom Bundesverband der Sicherungswirtschaft. So seien im Eilverfahren viele Unqualifizierte angeworben worden. Probleme hat es aber nicht nur mit Rechtsradikalen gegeben. So verweigerten arabischstämmige Wachmänner in mehreren Fällen christlichen Flüchtlingen den Schutz und prügelten mit, als die von muslimischen Mitbewohnern angegriffen wurden. „Die in den deutschen Flüchtlingsheimen eingesetzten Sicherheitsdienste“, wetterte der Bundesvorsitzende der deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, Anfang letzten Jahres, „sind ein Einfallstor für Kriminelle, Salafisten und Rechtsradikale.“

  Im März 2016 reagierte die Bundesregierung: Sie beschloss schärfere Regeln für Sicherheitsdienste – insbesondere im Hinblick auf die Arbeit mit Flüchtlingen. Nun ist außer der vierzigstündigen Unterrichtung auch eine Prüfung für die Zulassung zum Wachdienst vorgeschrieben. Künftig soll es alle drei Jahre eine Zuverlässigkeitsprüfung geben: Dazu gehört eine Abfrage bei der Polizei – und für diejenigen, die in Flüchtlingsheimen arbeiten, auch beim Verfassungsschutz. Ob diese Maßnahmen ausreichen? Wendt bezweifelt das: „Die Achillesferse der privaten Sicherheitsdienste ist nicht beseitigt: Denn noch immer können Subunternehmer eingesetzt werden. Bei ihnen ist die Kontrolle ausgesprochen lückenhaft.“ Die Ausschreibungen setzten leider nur auf Billigangebote. Das Ergebnis: „Es werden Leute beschäftigt, die man nicht kennt.“ Allerdings schiebt Wendt nicht den Wach-Unternehmen die Schuld daran zu. Die meisten in der Branche seien seriös. Vielmehr frage er sich, warum Polizisten eine dreijährige Ausbildung genössen, aber die öffentliche Hand nicht bereit sei, mehr für qualifizierte Wachleute zu bezahlen – und diese mit den Flüchtlingen alleine lasse: „Oft müssen sie sozialpädagogische und psychologische Aufgaben übernehmen, für die sie nicht ausgebildet sind.“

  Stefan Näther, Geschäftsführer des Sicherheitsdienstes Jonas Better Place, hat die Lücke erkannt: In seinem Unternehmen werden Mitarbeiter in Flüchtlingsheimen geschult, sie sollen lernen, was kulturelle Unterschiede bedeuten. Das sei Pflicht. Seine Firma kann als positives Gegenbeispiel in einer schlecht beleumundeten Branche dienen: „Wir legen einerseits auf multikulturelles Personal Wert. Andererseits müssen bei uns alle Bewerber Persönlichkeitstests absolvieren.“ Sie sollten etwa aufdecken, ob jemand „zu missbräuchlichem Verhalten gegenüber Schwächeren neigt“. Näther, selbst ein studierter Psychologe und Therapeut, hat vorher in der Jugendhilfe gearbeitet. Der Erfolg gibt seinem Unternehmen recht. Nachdem die Regierung von Oberbayern sich zum Jahresende aus den meisten Häusern der Bayernkaserne zurückzogen hatte, übernahm dort Jonas Better Place im Auftrag der Stadt München die Verantwortung. Das Klima hat sich seitdem deutlich verbessert: „Früher kam die Polizei viermal am Tag“, sagt Hamid, der inzwischen für Jonas Better Place arbeitet. „Heute lösen wir das meiste mit Reden. Es gibt sogar Tage ganz ohne Schlägerei.“

JONATHAN FISCHER

SZ 13.5.2017

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