Sound der Verdrängten – Von Kingston aus haben vor vier Jahrzehnten Bob Marleys Songs die Welt erobert. In der jamaikanischen Hauptstadt selbst muss man heute schon nach live gespieltem Reggae suchen. Aber man kann ihn noch finden

Abends, wenn sich die Lichter von Kingston wie ein glühender Teppich die Bergflanken der Blue Mountains hochziehen, die schwüle Luft ein paar Grad abkühlt und die Menschen in Parks und vor den Hauseingängen zusammensitzen, dann wird die Musik dieser Stadt hörbar: Patois-Rufe, Motorradgehupe und dumpfe Bässe. Aus vorbeifahrenden Autos dringen Dancehall-Hits. Oder ein paar ölige metallisch verzerrte Gesangsfetzen. Nur wo die Andenkenstände Schals und T-Shirts in den Rastafarben rot-grün-gelb verkaufen, ist die Zeit stehen geblieben. „Get Up, Stand Up“, „Buffalo Soldier“, „Lively Up Yourself“. Vier Jahrzehnte ist es her, dass Bob Marleys einschmeichelnde Melodien und synkopierte Bässe von Kingston aus ihre Heilsbotschaften um die Welt trugen. Heute stellen seine Mythen auch einen Wirtschaftsfaktor dar: Welcher Tourist könnte Jamaika besuchen, ohne „One Love“ auf den Lippen zu führen? Das menschheitsumarmende Reggae-Gebet ist allgegenwärtig. Es prangt auf Taxis, auf Bussen, auf Kioskschildern.

  Und doch macht es Kingston den Reggae-Enthusiasten nicht leicht. Kaum eine Stadt hat mehr Heiligenlegenden hervorgebracht. Kaum eine Stadt hat den globalen Pop mehr beeinflusst. Und dennoch scheint diese Stadt oft weit entfernt von der eigenen Vergangenheit zu sein. „Überall auf der Welt“, sagt der Musiker Billy Mystic, „führen Musiker die jamaikanischen Poptraditionen des Ska, des Rocksteady und Reggae weiter. Nur nicht in Kingston. Hier musst du schon zu einem der jährlichen Festivals wie Sumfest kommen, um Live-Musik zu hören.“ Oder am richtigen Tag in Billy Mystics Surf-Camp sein. Mystic, ein drahtiger Mittfünfziger mit Rasta-Dreads, Perlenkette und einem halb verglühten Joint zwischen den Fingern, hat als Teil der Band The Mystic Revelations seit den 1980er-Jahren den Roots-Reggae mit neuem Leben erfüllt. Jetzt entspannt er sich auf einem Liegestuhl im Innenhof seines Wellenreiter-Hostels im Norden von Kingston. Jamnesia heißt es. Jam wie eine spontane Musik-Session, Amnesia wie das Vergessen der Alltagssorgen. Sanfte Reggae-Bässe wummern aus den Lautsprechern, Touristen in Bermudas bevölkern die Bar. „Jeden zweiten Samstag lasse ich hier Nachwuchsmusiker auftreten. Sie bekommen Publikum und Bühnenanlage, ich verkaufe an der Bar Getränke.“ Mystic ist heute als Surfer bekannter denn als Musiker – er spielt in einigen Surffilmen gar die Hauptrolle. Und doch kommen die größten Nachwuchsmusiker Jamaikas zu ihm: Chronixx, Jah9 oder Protoje. „Sie haben hier ihre ersten professionellen Erfahrungen gesammelt.“

  Billy Mystic ist stolz darauf, dass diese Jungstars die Fackel des Roots-Reggae weitertragen. Denn für Dancehall, diese digitalisierte Gangster-Variante jamaikanischen Pops, hat er kaum gute Worte übrig: „Das funktioniert als Partymusik, okay. Aber jamaikanische Musik ist mehr als Anmachsprüche. Viel mehr.“ Und während er ein paar getrocknete Krümel zu einem neuen Joint dreht, erklärt er die Fundamente der Reggae-Musik. Den Glauben der Rastafaris. Marihuana – für die Rastafaris Medizin, um den Blick über die materielle Realität hinaus zu öffnen, gehöre genauso dazu wie das spirituelle Palaver. „Rastafaris haben immer nach der Wahrheit gesucht. 400 Jahre lang indoktrinierten die Sklavenhalter uns mit Lügen, um unser Selbstvertrauen zu unterminieren. So mussten wir in uns gehen und Gott anrufen – um die richtigen Antworten zu bekommen.“ Die richtigen Antworten, das bedeutete die Rückbesinnung auf Afrika, die Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen und ein Leben in Einklang mit der Natur.

  Vor fast einem halben Jahrhundert haben Typen wie Bob Marley, Peter Tosh oder auch Jimmy Cliff aus einer spirituellen Haltung eine universelle Botschaft geformt. Sie überhöhten den Widerstand der entlaufenen Sklaven zur universalen Pop-Rebellion. Zur Reggae-Botschaft von Selbstbewusstsein und Widerstand. „Tuff Gong“ steht auf einem Schild über einer Ansammlung länglicher Baracken am Marcus Garvey Drive in Downtown Kingston. Bob Marley übernahm die ehemaligen Federal Studios Mitte der 1970er-Jahre und nahm hier einige seiner größten Hits von „No Woman, No Cry“ bis zu „Trenchtown Rock“ auf. Später sollten auch Gregory Isaacs, Lauryn Hill und zuletzt Snoop Dogg das Studio nutzen. „Das ist hier die Universität des Reggae“, flachst Ricky Chaplin. „Wenn du hier nicht gespielt hast, bekommst du keinen Abschluss.“ Der Mann mit der dicken Rasta-Wollmütze, selbst ein international bekannter Reggae-Sänger, führt Touristen durch die verschiedenen Proberäume, Lounges und holzgetäfelten Studiosäle der Tuff-Gong-Studios. Bob Marleys Pianos und Keyboards stehen noch an Ort und Stelle, das analoge Studiopult aus den 1970er-Jahren, ebenso die aufgeschlagene Bibel, aus der Marley gerne zitierte. Dazu gerahmte Bilder des äthiopischen Kaisers Haile Selassie: Von den Rastafaris als von der Bibel angekündigter „Löwe von Juda“ verehrt, gehört er neben dem radikalen Vordenker Marcus Garvey, der Anfang des 20. Jahrhunderts „Back To Africa“ postulierte, zu den allgegenwärtigen Ikonen Jamaikas. Nirgends auf der Welt blüht ein größerer Afrika-Enthusiasmus als hier. Nirgendwo trägt dieses Wort so viel Sehnsucht in sich.

  Ein paar Kilometer weiter uptown ist die weiß gestrichene Holzvilla, in der Bob Marley zuletzt mit seiner Familie lebte, zum Museum umgewidmet; Bob Marley wird hier wie ein Heiliger verklärt. Barack Obama war auch schon hier. „Lasst eure Sorgen zu Hause“ begrüßt eine junge Dreadlock-Frau die Busladungen japanischer, amerikanischer und europäischer Pilger. „Und erinnert euch dran: One heart, one love.“ Ihr Enthusiasmus wirkt echt. Trotzdem kann man sich als Fan von Marleys Musik diese Zurschaustellung von Bobs Landrover, seiner Fußballhosen, seiner Familienfotos und seines Teegeschirrs getrost sparen.

  Vielleicht lieber nach Trenchtown fahren, um die Armut zu sehen, aus der Marley einst kam? Der Taxifahrer ist nicht begeistert: „Trenchtown? Da steigst du besser nicht aus.“ Entlang der großen Straßen zieren bunte Graffiti von jamaikanischen Musikern die Mauern – das mag den Touristen, die sich mit Bussen zum Geburtshaus Marleys ins Armenviertel Kingstons karren lassen, schöne Fotomotive bieten. Doch die Depression ringsherum ist unübersehbar. Billig-Beton-Häuschen, abblätternde Wohnblöcke, Wellblechhütten. Zwei vollkommen abgebrannte Straßenzüge teilen Trenchtown wie eine große, hässliche Narbe in zwei Teile. Ein Relikt der bürgerkriegsähnlichen Zustände in den 1970er-Jahren, als hier bewaffnete Parteimilizen um die Straßenhoheit kämpften – die eine Seite wurde von Kuba, die andere von den USA mit Waffen beliefert. Heute, so hatte Ricky Chaplin gewarnt, gingen hier Drogen-Gangs ihren Geschäften nach. Und an die vielen Reggae-Songs über „Krieg in Babylon“ erinnert: „Hier findet er Tag für Tag statt. Hier kommt die Gewalt her, die sich in vielen der Dancehall-Texte wiederfindet.“

  Und doch kann man noch zur Verbrüderungs-Botschaft des Reggae tanzen. Eine ganze Nacht lang – vorausgesetzt, man findet den richtigen Hinterhof und das richtige Soundsystem. Ein Soundsystem – das sind eine DJ-Crew, eine Musikanlage und Lautsprechertürme, der Grundstein jeder jamaikanischen Party. „Stone Love“ heißt eines von Kingstons bekanntesten Soundsystemen, jeden Mittwoch zieht es die Nachtmenschen zu der Open-Air-Dancehall. Auf beiden Seiten der Burlington Avenue sind schon Hunderte Meter vorher die Gehsteige zugeparkt. Doch wer dem dumpfen Rollen der Bässe folgt, findet unweigerlich den Einlass. Routiniertes Abtasten durch die Türsteher. Dann darf man das Eisentor durch die Hofmauer passieren, sich im Halbdunkeln seinen Weg zur Tanzfläche suchen.

  Es riecht nach Patties, würzigen jamaikanischen Teigtaschen und Marihuana. Das Essen dampft aus großen Töpfen unter einem Zeltdach, den Rauchernachschub verkaufen Händler: „A lickle weed?“ In ihren Bauchladen haben sie: getrocknete Marihuana-Stengel, Filterzigaretten, Lutscher und Kaugummi – alles wesentlich billiger als der Whiskey, den die meisten Besucher in Plastikbechern konsumieren. Der eigentliche Rausch aber strömt aus den Boxen. Gigantische Basswellen lassen die Hosenbeine flattern. Jede Minute wird eine neue Disco-, Reggae- oder Dancehall-Nummer mit einem launigen Spruch angespielt: „Shell it up man.“ Der Hinterhof füllt sich erst nach Mitternacht. Blondierte Damen in Stretch-Tops, goldbehangene Jungs und Anzugträger nehmen die Bassläufe mit den Hüften auf. Die Tanzfläche aber ist fest im Besitz der Selbstdarsteller, der Akrobaten und Ausdruckstänzer. Auch ein paar ältere Rastamänner in selbstgenähten Sack-Kostümen wirbeln Sägespanwolken auf. „Stone Love“, ruft der DJ ins Mikro, „44 years and still going strong“. Das Soundsystem ist älter als die meisten seiner Gäste.   

  Drei Stunden dauert die Autofahrt von Kingston durch grüne Bergschluchten und Flusstäler, bis man Montego Bay an der gegenüberliegenden Küste erreicht. Hier sind die meisten Hotelanlangen und einige der schönsten Strände Jamaikas. Ein wenig oberhalb der Stadt findet sich aber auch das Rastadorf der Künstlerkommune „Indigenious Initiating Circle of Nature“. An einer Flussbiegung des Montego Rivers wartet ein Guide auf die Besucher. Der hochgewachsene Mann mit dem Weltfriedens-Lächeln im Gesicht stellt sich mit dem Namen Firstman vor. Früher habe er als Bauunternehmer und Hotelmanager gearbeitet. Doch seit er der Kommune beigetreten sei, propagiere er eine andere Art des Tourismus: „Wir wollen das Bewusstsein für unsere Kultur wecken – durch Musik, Poesie und Trommeln. Reggae ist für uns wie ein Impfstoff gegen die Übel der Welt.“ Firstman geht durch eine flache Furt auf die andere Uferseite und dann vorbei an Avocado- und Mangobäumen einen steilen Hügel hinauf. Es riecht nach Holzfeuer. Und dann wirkt auf einmal alles surreal: Die Scheite, die in der Mitte der Lichtung rauchen, nennen sie hier „die ewige Flamme der Weisheit“. Viele der Männer tragen Hemden und Hosen aus selbstgenähtem Sackleinen. Eine junge Frau mit Turban kocht Seife. „Wir stellen unsere Kosmetik nur aus natürlichen Zutaten her“, erklärt Queen B, die in ihrem früheren Leben als Physiotherapeutin ihr Geld verdient hat. „Wenn wir One Love sagen, umfasst das auch die Tiere und Pflanzen.“   Rund zwanzig Personen wohnen ständig hier, einige der bekanntesten Musiker Jamaikas kamen schon mal zum Jammen vorbei. „Es ist ein guter Platz“, sagt National, ein 62-jähriger Trommelbauer mit gelben Zahnstumpen, der die Kommune vor 20 Jahren gegründet hat. „Ich kann hier die Energie unserer Vorfahren spüren.“ Diese spielen auch beim rituellen Nyabinghi-Trommeln eine wichtige Rolle. Während National feierlich einen neuen Joint dreht, schleppen seine jüngeren Mitmusiker ihre Instrumente ins „I-bernacle“, ein rundum offenes Schilfzelt. Ein großes Ölfass gibt den Rhythmus vor. Dumpfe Schläge, die gleichzeitig aufputschen und zurückfallen, Blaupause aller späteren Reggae-Bässe. Zwei Frauen und vier Männer fädeln mit kleineren Djembe-Trommeln und Shakern einen Gegenrhythmus ein. „Congoman shine up!“, ruft ein Typ in Leinenweste mit kehliger Stimme. Der Rest fällt mit feierlichen Gesängen ein. Und je länger der Song, umso intensiver die Stimmen. Wer hier zuhören darf, der braucht kein Museum, um Bob Marley zu verstehen.

JONATHAN FISCHER

SZ 27.4.2017

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