Tiefe Schnitte – Die amerikanische Sängerin Valerie June vermählt archaische Folk- und Bluesgesänge mit zeitgenössischem R ’n’ B

Ist Valerie June wirklich so alt wie sie klingt? Äußerlich schaut sie ziemlich jung aus, ihr feingeschnittenes, ja fast puppenhaftes Gesicht schmückte kürzlich die Vogue, und wenn jemand mit einem schwarzen Model Werbung für, sagen wir mal Bio-Kosmetik, alternative Mode oder ethisch korrekt produzierte Smartphones machen wollte, gehörte die 35-jährige Schönheit aus Tennessee sicherlich zur ersten Wahl. Andererseits: Kaum einer Sängerin wird heute so oft unterstellt, dass sie aus einer anderen Ära schöpft, dem frühen Soul, dem Vorkriegs-Blues, nein das reicht alles nicht, es müssen die Folkweisen der großen Depression oder die Worksongs Baumwolle erntender Sklaven sein. Und alle haben Recht. Zumindest was die Ahnenlinie von Valerie Junes Gesangsstil betrifft. Jahrhundertealte Mississippi-Melodien und Appalachen-Gesänge kommen durch ihre Musik auf Augenhöhe mit dem globalisierten Rhythm‘n Blues. „Sie schaut aus wie ein Supermodel und singt wie eine 100-jährige Bluesoma“, schrieb der Londoner Standard. Und der Independent schwärmte von „der seit Ewigkeiten betörendsten individuellen Vorstellung“. Das eigentliche Medium aber bleibt ihre Stimme. Zwei Takte aus ihrem neuen Album „The Order Of Time“ reichen – und man ist ihm verfallen: Diesem herben nasalen Flehen, das sich – unbeleckt von allen Popmoden – in den 15 Jahren geformt hat, in denen die junge Frau als Haushaltshilfe, Geschirrwäscherin und Seifenmacherin ihr Geld verdiente, nebenbei Ukulele und Banjo lernte und nach Auftritten in Pubs und Künstlercafes selbstproduzierte CDs aus dem Kofferraum heraus verkaufte.

Ja, sagt, Valerie June, sie habe sich lange für ihre Stimme geschämt. Dann lacht sie ihr kehliges Lachen. Wirft ihr Schlangennest an Dreadlocks in den Nacken. Kokett wirkt das nicht. Eher wie der Stolz, es doch geschafft zu haben. „Wenn ich könnte“, sagt sie zwischen zwei Schluck Ingwer-Tee im Nebenraum einer hippen Berliner Bar, „würde ich so singen wie Robert Johnson oder Maybelle Carter. Aber meine Unzulänglichkeigen kamen mir zum Glück in die Quere: Weil sie mich zwangen, bei mir zu bleiben“. Nein, so eine wie Valerie June würde in keine Casting-Show passen. Ihre einzige Ausbildung, so sagt sie, sei das Singen in der örtlichen Kirche gewesen: „Es gab keinen Chor. Fünfhundert Stimmen sangen gemeinsam, und jeder brachte sich nach seiner Facon ein.“ Im Radio hörte sie vor allem Country. Und sie gibt freimütig zu, dass sie, als sie vor kurzem zusammen mit Nile Rodgers auf der Bühne stehen sollte, erst ihre Bandmitglieder fragen musste, welche Songs der Chic-Gründer und Funk-Gott eigentlich geschrieben hatte. Vielleicht braucht es ja genau diese Unbekümmertheit, um so zu klingen, wie Valerie June nunmal klingt. So befremdlich anders. So aus der Zeit gefallen. Schließlich bezieht sich June auf einige der obskursten Quellen des schwarzen Pop: Worksongs,  also jene afrikanisch inspirierten Arbeitsgesänge von Feldarbeitern und Gefängnisinsassen, in denen ein Vorsänger stets von einem gleichförmigen Chor beantwortet wurde.

Was aber bringt ein junges Mädchen aus Tennessee dazu, eine Welt zum Leben zu erwecken, die seit Alan Lomax Feldaufnahmen und George Mitchells „Anthology of American Folk Music“ scheinbar abgeschlossen in dicken CD-Boxen schlummerte? Wie versöhnt June die Erdigkeit uralter Arbeitsgesänge mit ihrer sehr zeitgenössischen Spiritualität? Und warum klingt das alles so viel frischer als der Rest der sogenannten „Americana“-Szene“?

Ein bisschen erinnert Valerie Junes Geschichte an das Märchen vom Aschenputtel Aufgewachsen als Tochter eines Abriss-Unternehmers in einer Kleinstadt westlich von Nashville, hilft sie ihrem Vater bei der Arbeit, klopft den Mörtel von Ziegelsteinen und sammelt Bauschutt zum Wiederverkauf. Die Musik bleibt zunächst ein Zubrot. Eineinhalb Jahrzehnte lang tingelt June als Straßenmusikerin herum, versucht sich in Memphis vergeblich in einer Soulband („meine Stimme legte sich immer quer“), zieht später nach Brooklyn. Dann wird sie von einem gemeinsamen Bekannten Black Keys-Mastermind Dan Auerbach vorgestellt: „Bei Dan absolvierte ich meine Lehrzeit“, sagt June. “Aber es war ein Kampf, ich wollte mir nicht hineinreden zu lassen“. Ihr Major-Debut „Pushing A Stone“ schlägt 2013 ein wie ein Meteorit in ein Museum. Einerseits trägt das Album – dreckiges Gitarren-Geschepper, harte Drums und ein Schuss melancholischer Country – die Handschrift des Roots-Alchemisten Dan Auerbach. Andererseits befördern Junes knarzende, näselnde, scheinbar aus einem Feldgottesdienst einer schwarzen Dorfgemeinde herübergewehten Seelengesänge das Quäntchen Adrenalin, das Bluesrock-Adepten wie den Black Keys immer fehlen wird. Ein Timbre, das direkt ins Rückenmark fährt. Solche Sounds erwartete man nur noch auf Konserve zu hören. Junes Stimme aber trifft den Hörer wie ein Messer. Und sie schneidet tief unter die Haut. Wann konnte man das zuletzt von einem Pop-Act behaupten?

Der Erfolg überrollt sie fast: Die Rolling Stones laden sie als Opener auf die Bühne, Michelle Obama lässt sie im Weißen Haus auftreten und die britischen Triphop-Veteranen Massive Attack geben bei ihr einen Song in Auftrag . Der bleibt dann zwar bei den Aufnahmen liegen – doch Valerie June hat aus der Melodie eine großartige Single gemacht, einen der lyrischen Höhepunkte ihres neuen Albums „Order Of Time“. In die rauen Bluesakkorde des Vorgänger-Albums mischen sich nun sehr viel weichere und komplexere Jazz- und Ambient-Akzente. Und das ist gut so. Die Sängerin hat zu ihrer Erzählstimme gefunden, nimmt uns mit in ihre Welt, in der das Landmädchen aus Tennessee auf die Mysterien des Cosmic Jazz stößt, sie im „reinigenden Regen“ durch astrale Ebenen tanzt, „gleichzeitig blind und voller Hellsicht“. Ja, so tickt sie, die June: Als ob Country-Urmutter Maybelle Carter auf R‘nB-Esoterikerin Erykah Badu träfe. Dass diese Spracherweiterung so gut funktioniert hat womöglich auch mit Junes Art des Komponierens zu tun. Sie „schreibt“ eigener Erklärung nach keine Songs. Sondern „empfängt“ sie. „Einige Songs kommen mir komplett im Traum. Andere schleichen sich langsam in mein inneres Ohr. Astral Planes etwa habe ich zuerst beim Kochen gehört.“ Mit ihren Begleitmusikern und Produzent Matt Marinelli hat sie „Astral Plane“ dann mit warmen Keyboards, Bläsern und einer melancholisch weinenden Pedal Steel ausgemalt.

Entstanden ist das Album im letzten Winter auf dem Land in Vermont. Das fahle Licht, die karge Landschaft, das alles scheint hier abzufärben: Songs wie „Slip Slide On By“ oder „Love You Once Made“ erinnern mit ihren schwellenden Bläsern an klassische Soulballaden – und vermeiden doch die Erlösungstheatralik dieses Genres. Junes Lamento spielt nicht mit Effekten. Ihr geht es um Zeitordnungen. Um das was bleibt. Wie in „Two Hearts“ rahmt oft eine Orgel ihre zitternde Stimme, und erhebt diese über gedämpften Beats zu hymnischer Intensität. Ein stiller Triumph, allem Verlust zum Trotz. Der Blues, womöglich. Wem würden bei zartbitteren Zeilen wie „take what‘s mine, love can be so unkind“ oder „I‘m bound to leave you wating at the frontdoor“ nicht der alternde Dylan oder die sexy Resignation eines Bobby Blue Bland einfallen? Valerie June aber zitiert lieber Querdenker wie Basquiat oder Bowie – neben Appalachen-Bluegrass und dem klassischem Trance Blues der Mississippi Hills. Und dann bringt sie all das in einem rumpelnden Rocker wie „Shakedown“ zusammen: Gitarren-Riffs, Handclaps und eine Orgel kochen da einen Rockabilly hoch, der sich immer mehr zum Drone steigert, mehr Rauschen als Rhythmus, eine dunkle Soundwolke – die Kehrseite des leisen Abschiednehmens, das das Gros von Junes Album prägt.

Warum aber singt sie gerade jetzt, wo sie Karriere macht, Fernsehsender und Zeitungen bis zur New York Times sich um ihre Geschichten reißen, ja selbst die Superstar-Liga des R‘nB in Reichweite scheint, so besessen von Trennung und Verlust? Valerie June zögert einen Moment, bevor sie von ihrer Familie erzählt: „Nichts hat mich mehr erschüttert als der kürzliche Tod meines Vaters.“ Es sei kein schlimmer Abschied gewesen. Ganz im Gegenteil. Die ganze Familie habe sich um das Sterbebett versammelt und zusammen gesungen. „Danach habe ich die Klagen der alten Blues- und Folksongs noch einmal besser verstanden“. Im Refrain von „Shake Down“ hört man übrigens neben ihren Geschwistern auch ihren Vater singen.

JONATHAN FISCHER

in gekürtzer Fassung in der SZ 28.3.2017

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