In meinem Bett beginnt mein Exil: Der kongolesische Schriftsteller Fiston Mwanza Mujila über Modefetischisten, die sich Sapeurs nennen, Jazz als Musik der Besserverdienenden und darüber, was die afrikanische Literatur von Ernst Jandl lernen kann

Der 35-jährige Schriftsteller Fiston Mwanza Mujila stammt aus der Minenstadt Lubumbashi im Ost-Kongo, lebt und arbeitet aber seit sieben Jahren als Dozent für afrikanische Literatur in Graz. Gerade ist sein preisgekrönter Debut-Roman „Tram 83“ (Zsolnay) auf deutsch erschienen. Nächstes Jahr soll sein neues Drama über die Wirren der Globalisierung – „In der Zeit des Goldrausches“ – auch hierzulande auf die Bühnen kommen.

Ihr Schriftsteller-Kollege Muepu Muamba hat einmal gesagt: „Nicht die Politiker definieren uns, die Poesie erfindet die Welt“. Funktioniert Literatur in Afrika heute noch als Gegen-Code der politisch Ohnmächtigen?

Mujila: Die junge Generation kongolesischer Schriftsteller hat aus dem Leben ihrer Vorgänger wie Muamba ihre Lehren gezogen: Wir können nicht ewig kämpfen. Wir können nicht ewig auf eine Veränderung im Politischen warten. Viele kongolesische Schriftsteller saßen im Gefängnis und als sie entlassen wurden, hatten sie Folter und Haftbedingungen seelisch gebrochen. Sie konnten nicht mehr schreiben. Wir Jungen müssen also subtilere Formen finden, eine Wahrheit auszudrücken.

Viele Ihrer Kollegen leben im erzwungenen Exil. Sie dagegen sagen, Sie könnten ohne regelmäßige Besuche in ihrer Heimatstadt Lubumbashi weder leben noch schreiben…

Mujila: hh03Ich brauche die Rückbindung an mein Land, mein Bauchnabel ist dort begraben. Ich möchte nicht all die Taufen, Hochzeiten und Begräbnisse verpassen, die meine Familie dort feiert. Der Kongo liefert mir die Rohstoffe für meine literarische Arbeit…

Haben Sie denn beim Schreiben Ihrer Bücher und Gedichte kongolesische Leser im Sinn?

Nicht nur, denn die Korruption und Gewalt, die die Kongolesen täglich erfahren, kennen auch Leser in vielen südamerikanischen Ländern, in Osteuropa oder in der Türkei. Eine meiner Kolleginnen während meines einjährigen Stipendiats im Heinrich-Böll-Haus in Langenbroich war die türkische Autorin Asli Erdogan. Jetzt sitzt sie im Gefängnis. Sie hat versucht, gegen ein Monster, gegen die Regierung anzutreten – diese Art von Schreiben kann uns sehr gefährlich werden. Wir sollten als Schriftsteller lieber in Utopien und Träume investieren.

Der Kongo gehörte in den 60er Jahren zu den bestalphabetisierten Ländern Afrikas, Dutzende von Zeitschriften in lokalen Sprachen kündeten von einer blühenden Literaturszene. Was ist nach einem halben Jahrhundert der Zerstörung davon geblieben? Billigen Sie Büchern in Afrika noch die Kraft zu, Menschen zu befreien?

Wo die einzige Sprache der Regierung die Gewalt ist, sie ihre Literaten einsperrt und foltert, kämpfen wir mit ungleichen Mitteln. Ich habe viele deutsche Schriftsteller der Nachkriegszeit wie Heinrich Böll, Ingeborg Bachmann, Siefried Lenz und Günter Grass gelesen. Für mich als Kongolese ist diese Literatur sehr wichtig. Es gibt viele Ähnlichkeiten zwischen dem Nachkriegsdeutschland und dem vom Bürgerkrieg verwüsteten Kongo von heute. In beiden Ländern ist alles kaputt. Daraus erwächst ein gemeinsames Anliegen: Der Gewalt die Poesie entgegenzusetzen.

Sie arbeiten allerdings anders als Ihre deutschen Vorbilder vor allem mit Ironie, Satire und einem Feuerwerk an Assoziationen….

Da sehe ich mich in der Tradition von Ernst Jandl. Wir spielen mit den Worten und ihren Bedeutungen – und schaffen dadurch eine andere Ebene. Gegen die Gewalt muss man wieder Kind werden. Kinder schauen die Gewalt mit anderen Augen an, sie können nicht alles verstehen. Aber sie können vieles lustvoll im Spiel verarbeiten.

Kongolesen scheinen ja Meister in diesem Spiel. So taucht etwa in einem Video der kongolesischen Popband Mbongwana Star ein Künstler aus Kinshasa auf, der Tag für Tag in seinem selbstgebastelten Astronauten-Kostüm durch die Stadt kreuzt…

Ja so etwas ist sehr kongolesisch. Wir Kongolesen bemühen uns, eine neue satirische Sprache, eine neue Kunst, ein neues Theater zu erfinden – um dem Theater der Grausamkeiten etwas eigenes entgegen zu setzen. Und zu lachen. Ist es nicht absurd, mit welchen Argumenten etwa unserer Präsident entgegen der Verfassung eine dritte Amtszeit regiert? Er behauptet einfach, es gäbe kein Geld, um Wahlen zu organisieren! Im Kongo zu leben – das fühlt sich an, wie in einer Fiktion zu leben. Oder eben auf dem Mond.

Von diesem Gefühl berichtete der belgisch-kongolesiche Rapper Baloji nach einer Reise in den Ost-Kongo: Er konnte es kaum fassen, dass die Popmusik dort – allen Genoziden und Massenvergewaltigungen zum Trotz – nur die Freuden der Liebe feierte.

Mich wundert das nicht. Die Menschen versuchen, die Gewalt und das Chaos zu domestizieren. Ein typisch kongolesischer Mechaniker etwa hat seine Arbeit in der Straße gelernt und kann alles reparieren: Einen Schrank, ein Fenster, oder auch ein Auto. Einfach alles. Ich benutze die Sprache wie ein kongolesischer Mechaniker. Mit Wörtern und Sätzen lässt sich alles reparieren

Liest man „Tram 83“ aus europäischer Perspektive, kann das in Bezug auf Afrika allerdings nur pessimistisch stimmen: Alle Akteure sind korrupt und moralisch desavouiert.

Der kongolesische Popstar Papa Wemba hat einmal gesagt: „Alles ist eine Frage der Perspektive. Eine Sechs kann auch eine Neun sein“. Nehmen Sie zum Beispiel die Korruption: Ist sie wirklich unmoralisch, wenn 80 Prozent der Bevölkerung wie im Kongo im informellen Sektor arbeiten, und sogenannte Schmiergelder der einzige Weg sind, um die eigene Familie zu ernähren, das Studium seiner Kinder zu finanzieren? Unbestechlich zu sein, das gilt im Kongo als dumm. Dagegen beweisen die Kongolesen eine unglaubliche Intelligenz im praktischen Überleben. Meine Figuren sind keine Opfer. Sie bewahren sich aller Not zum Trotz ihre Würde. Wir sollten also öfter mal die Perspektive wechseln.

Sie bringen in Ihrem Roman immer wieder den Jazz ins Spiel, etwa wenn sich ein Musiker im dionysischen Dschungel eines afrikanischen Nachtclubs an einer John Coltrane Komposition abmüht. Was bedeutet Ihnen diese Musik?

In den Minenstädten wird seit langem eine Art Blues gespielt – und der Jazz kommt vom Blues. Ursprünglich hatte der Jazz also auch in Afrika einmal eine Befreiungs-Botschaft. Heute allerdings hat sich das verkehrt: Der Jazz ist zum Standesmerkmal der Bourgeoisie geworden. Alle Afrikaner tanzen und amüsieren sich zum Rumba. Nur noch Besserverdiener hören Jazz. Ich habe Freunde, die mögen keinen Jazz, aber gehen dennoch zum Jazzkonzert, um dort andere Intellektuelle und Menschen aus Europa zu treffen.

Das heißt, Sie machen sich über den Jazz genauso lustig wie über die Weltfremdheit der afrikanischen Intellektuellen…

Um den Kongo zu verstehen, reicht Intellektualität eben nicht. Man kann Ökonomie studiert haben und doch nicht begreifen, wie die Menschen ihr tägliches Brot verdienen. Man braucht in manchen Ländern eher Bäcker und Mechaniker als Intellektuelle

Plädieren Sie als Intellektueller für die Abschaffung ihrer eigenen Klasse?

Nein so weit gehe ich nicht. Aber wir brauchen in Afrika neue Intellektuelle, die gesellschaftlich Verantwortung übernehmen. Ich halte in Österreich Literatur-Workshops im Gefängnis, im Kongo habe ich unter anderem mit Kindersoldaten gearbeitet. Mir ist es wichtig, mich in meiner unmittelbaren Nachbarschaft zu engagieren.

Wie können Schriftsteller Chronisten ihres Landes und seiner dunklen Geschichte sein, wenn wie im Kongo jede Regierung predigt, man müsse die Vergangenheit endlich vergessen und das Land neu aufbauen?

Der Kongo leidet an dieser Kultur der Amnesie. Aber wir brauchen einen geschützten Ort um uns zu erinnern. Deswegen sage ich: Die Sprache ist mein Bett, und in meinem Bett kann ich machen was ich will. In meinem Bett beginnt mein Exil. Das ist unser Lebensgefühl im Kongo. Und es lässt viel Platz für Abenteuer

Machen Sie sich da nicht zum Fürsprecher eines politischen Eskapismus?

Was heißt schon Eskapismus? Wenn mein Land kaputt ist, kann mein Körper das Land ersetzen. Deswegen schließen sich viele junge Kongolesen den Sapeurs an, das sind Menschen, die unglaublich viel Aufwand für ihre Kleidung treiben und einen exklusiven Stil zelebrieren. Sie mögen hungern, arbeitslos und politisch ohnmächtig sein – aber sie leisten sich diesen einen teuren Anzug. Das beweist, dass sie ihre Würde nicht durch die äußeren Umstände definieren lassen. Auch in meinem Buch ist etwas davon zu spüren. Ich setze als erste Figur den Rhythmus und die Schönheit der Sprache.

Sie behaupten, dass der Kongo trotz der korrupten, gewalttätigen Umstände gerade eine kulturelle Renaissance erlebt?

Ja, ich erlebe im Kongo eine große Euphorie des Kulturschaffens. Viele der Künstler haben kein Material – und erschaffen dennoch große Kunst. Neben den sichtbaren gibt es im Kongo eben auch viele unsichtbare Sapeurs-Vereinigungen: All die Träumer, die Filmemacher, Künstler, Musiker und Schriftsteller gehören dazu.

JONATHAN FISCHER

in gekürzter Form erschienen in der SZ 5.12.2016

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