Wieder auf Droge – Der Blues war ihr erster und bester Rausch: Mit ihrem neuen Album kehren die Rolling Stones zurück zur schwarzen Musik. Gerade noch rechtzeitig!

Frustration. Wut. Und der Wille, trotzdem nicht aufzustecken. Kaum ein Song der Rolling Stones bringt dieses Gebräu so sexy auf den Punkt wie You Can’t Always Get What You Want. Du kannst nicht immer kriegen, was du willst. Als Donald Trumps Anhänger auf Wahlpartys aber zu dieser Gegenkulturhymne ihre Rassisten-Plakate schwenkten, ging das den Stones entschieden zu weit. Verkörpern die Trumpisten nicht alle Rassen- und Klassenprivilegien, die verlogene Welt, gegen die man vor einem halben Jahrhundert angetreten war? Jubelten da nicht die gleichen Spießer, die einst die Stones verachtet hatten und zusammen mit der Los Angeles Times die rassische Gefahr beschworen, die von diesen »Schimpansen«, ja so stand das damals in der Zeitung, und »Höhlenmenschen« ausging?

Die Band verbot Trump, ihre Songs zu spielen. Und sie erinnerte an einen Vorfall im Jahr 1989, als einer ihrer Auftritte in Atlantic City von Trump Plaza Hotel and Casino gesponsert wurde. Die Stones untersagten Trump damals vertraglich, das Konzert zu besuchen. Der setzte sich darüber hinweg und ging erst wieder, als Keith Richards zornig ein Messer in den Tisch rammte. Brutal und unmissverständlich. Eine Geste wie aus einem ganz, ganz schmutzigen Blues-Song.

Es passt also, wenn die Stones jetzt dahin zurückkehren, wo sie einst herkamen. Zur Widerstandsmusik. Zur Überlebensmusik. Zum Blues. Blue & Lonesome heißt ihr neues Album, kein einziger Song ist darauf, den sie selbst geschrieben haben. Stattdessen: zwölf Coverversionen. Zwölf Blues-Klassiker, der Großteil aus den Fünfzigern oder aus noch früheren Jahrzehnten, aus einer Zeit, als weiße Rockmusik noch gar nicht erfunden war. Eine Wallfahrt zur rohen Kraft der Ahnen. Zu den schwarzen juke joints, den Kneipen, die nach Feierabend billigen Fusel und wilden Tanz versprachen. Zu dem Stoff, der Jagger und Richards angefixt hatte, als die beiden sich 1961 auf dem Bahnsteig in Dartford thüber den Weg liefen, unter dem Arm Alben von Chuck Berry und Muddy Waters – jener Rock-’n’-Roll-Pioniere, die den akustischen Delta Blues für die Großstädte des amerikanischen Nordens auffrisiert hatten, mit brüllend lauten Gitarren, mit Rhythmen, die nach der Wucht eines Güterzuges klangen. Jagger und Richards schwärmten von einer anderen, einer seelisch und sexuell aufregenderen Welt. In der Blues-Obsession fand eine ganze Generation ihre Droge gegen die moralische Rigidität des weißen Nachkriegsbritanniens.

Als die Stones 1964 selbst nach Chicago reisten, um in den berüchtigten Chess Studios Songs aufzunehmen, waren ihre Helden vor Ort. Die Blues-Männer, erinnerte sich Keith Richards später, hätten aber schnell gemerkt, »dass wir einen feuchten Dreck von dieser Musik verstanden«. Trotzdem waren er und seine Bandkollegen als Tantiemen-Spender hochwillkommen. Die weißen Kunststudenten und Mittelschichtssöhne aus der Londoner Vorstadt lernten mit manischem Eifer die Riffs von Blues-Sängern, die Little, Magic oder Slim hießen. Sie warfen all ihre Autorität in die Waagschale, um schwarze Musik in die Zukunft zu überführen.

So war das damals. Und heute? Heute müssen die Stones sich selbst helfen. Inzwischen wurden sie zu Hintergrundmusik für Baumärkte und Pilskneipen domestiziert, und die legendäre Stones-Zunge klebt statt auf Gitarren auf Amtsstuben-Heftern. Es bleiben nur die alten Blues-Favoriten als letzter Ausweg. Zumal die Band seit dem Album Steel Wheels nichts wirklich Neues mehr geliefert hat, und das war 1989. Andere Rocker ihrer Generation mögen sich im Alter auf Country, Folk oder den braven Pop der Jahrhundertmitte besinnen, die Stones aber tanken noch einmal dreckigen Blues-Diesel . Für Jagger und Richards war es ihr erster und bester Rausch. Aber ob die Molotowcocktails von einst noch zünden?

Und wie. Die Songs auf Blue & Lonesome rocken – und zwar aus der tiefsten Magengegend heraus. Intellektueller Blues-Diskurs kann ja ziemlich langweilen. Aber hier nicht, hier geht es um nicht weniger als die »Lizenz dafür, in der Gegenwart zu leben«, wie der Autor John Leland das mal genannt hat. Kein Zufall, dass ganze vier der zwölf Songs einem Mann gewidmet sind, der gestorben ist, als er nicht einmal 40 Jahre alt war, gestorben an einem Leben aus Alkohol und Gewalt: Little Walter, Sänger und Held der Blues-Mundharmonika. Keith Richards arbeitete sich zeitlebens an seiner Dynamik und seinen raffiniert verwobenen Arrangements ab. Die erste Single-Auskopplung Just Your Fool, ein schmutziger, mahlender Boogie mit Honky-Tonk-Piano, Harmonika und Jaggers Marken-Gerotze, bleibt dicht an Little Walters Urversion. Wie überhaupt die meisten der Songs kaum etwas verbessern wollen. In Howlin’ Wolfs Commit A Crime lässt sich so etwas wie das Urmeter aller Stones-Musik erkennen: Düsternis, Getriebenheit, latente Gewalt. Intensiver hat man Jagger und Richards lange nicht gehört. Das gilt auch für Little Walters Blue and Lonesome: Jagger fleht mehr als zu bellen, lässt die Mundharmonika ganz wie Little Walter davondriften, um mit wilden Stakkato-Noten wieder nach vorn zu springen, während Richards’ Gitarre in zärtlicher Verzweiflung dahinstolpert.

Und das alles im alten Sound des Chess-Studios: wenig Technik, aber Dreck unter den Fingernägeln. Der Studio-Gründer Leonard Chess und sein schwarzer Arrangeur Willie Dixon hatten damals ihre Liebesbeziehung zu verzerrten und verhallten Sounds gepflegt. Das Publikum dürstete nach neuen Rhythmen, neuen Effekten – und oft war ein Fehler das Beste, was passieren konnte. Nur sehr vorsichtig glätten die Stones in ihren Neuaufnahmen hier mal einen Bruch, lassen sie da mal die Muskeln spielen, wo die technischen Möglichkeiten einst bremsten. Ob Otis Rushs aufgestacheltes Can t Quit You mit Eric Clapton an der Gitarre, Lightnin’ Slims spartanischer Hoodoo Blues oder die dampfend-lasziven Drones von Jimmy Reeds Little Rain: Die Stones spielen die Songs auf merkwürdige Weise »richtiger« als die ursprünglichen Interpreten. Gegen ihre fetten Bässe und Beats wirken manche der Originale fast wie Demos: Da bleibt kein Platz mehr für unscharfes Gewaber, es verschwindet das dissonante Piano und die dramatisch kieksende Gitarre aus Commit A Crime, und Fred Belows Jazz-Drumming auf den Little-Walter-Stücken wird ein paar Pfund Blei umgehängt.

Egal. Rumpeln tut es trotzdem großartig. »Wir haben keine Zeit mit Üben vergeudet«, erklärte Ron Wood nach den Jam-Sessions mit Langzeitproduzent Don Was. »Wir suchten einfach ein Gitarrenriff oder einen Song, der zu Micks Mundharmonika passt, und der Rest ergab sich von selbst.« Zwölf Songs in drei Tagen – das klingt nach den Urzeiten des Rhythm ’n’ Blues, als jedes Stück auf Anhieb sitzen musste. So weit, so lässig.

Andererseits, und da sind wir dann wieder bei Trump und den Unzufriedenen, die You Can’t Always Get What You Want singen, wissen die Stones natürlich, dass sie vermintes Territorium betreten. Gerade hat, rechtzeitig zum neuen Album, der renommierte amerikanische Rockjournalist Jack Hamilton eine überfällige Debatte angestoßen: Wie konnte der schwarze Rock ’n’ Roll von Howlin’ Wolf, Chuck Berry oder Muddy Waters zum Rock weißgewaschen werden, zu einer Musik, an der sich selbst Rassisten das Herz wärmen? Welche hegemonialen Erzählungen stecken dahinter? »Das Problem war«, schreibt Hamilton in seinem Buch Just Around Midnight , »dass dieselbe Musik, die die Stones immer noch als etwas Gegenwärtiges erleben, von ihren Fans nur noch als ein längst vergangener, musikalischer Monolith gehört wurde.«

Stehlen Weiße die schwarze Kultur Amerikas? Wenn die Stones Songs von Little Walter spielen, erweisen sie dann den Vorbildern die Ehre, die ihnen gebührt? Oder beuten sie den schwarzen Blues aus, einmal mehr, so wie er immer ausgebeutet wurde? Unbestritten ist, dass eine auf den Mainstream geeichte Musikindustrie weiße Rockbands bevorzugt hat und wohl noch immer begünstigt. Schwarze Rock ’n’ Roller bekamen nie die Werbung, die Spielzeit im Radio und die Fernsehauftritte ihrer weißen Zeitgenossen zugeschanzt. Und doch bleibt die Grenze zwischen Weiß und Schwarz fiktiv. Denn amerikanischer Pop war und ist grundsätzlich hybrid. Musiker beleihen sich seit je gegenseitig über alle Genres hinweg – von den schwarzen Wurzeln des Country, den Hillbilly-Einflüssen auf den Rock ’n’ Roll bis zu den Kraftwerk-Samples im Hip-Hop. Niemand verkörpert das besser als die Stones: Ihre Riffs und Posen klaubten sie aus dem Blues, Mick Jaggers Bühnenshow wurzelt – wie alle weiße Rocktheatralik – in der von Little Richard exemplifizierten Subkultur schwarzer schwuler Südstaatler. Einerseits. Andererseits wird man in den Südstaaten immer wieder schwarzen Blues-Bands begegnen, die Phil Collins oder Eminem zitieren. Oder eben auch die Stones. Und waren es nicht erst die scheppernd-verzerrten Hits der Briten, die die Soundingenieure bei Chess davon überzeugt hatten, ihre Blues-Gitarristen selbst an die Lautstärkeregler zu lassen?

»Schwarze Kultur«, sagt der afrobritische Soziologe Paul Gilroy, »entsteht eher aus semiotischem Spiel denn aus einer fixierten Ethnizität. Sie hat die Kapazität, verschiedene Stimmen, Stile und Motive aus allen möglichen Quellen zu einem beständigen Flow zu collagieren.« Gilroy vergleicht schwarze Kultur mit einem Open-Source-Computerprogramm. »Jeder kann daran mitschreiben.« So haben sich letztlich auch die Rolling Stones eine Kulturtechnik angeeignet, die – von Jazz bis Hip-Hop – durch geschicktes Klauen und Rearrangieren stets im Fluss bleibt. Keith Richards, der seine erste Gitarre mit »Boy Blue« beschriftete und sich als junger Mann Sorgen machte, ob er Blues-Mann genug sei, um Songtexte vom »Zitronensaft, der dir den Schenkel runterläuft« nicht nur zu singen, sondern auch zu leben, kam irgendwann von selbst auf den Trichter: »Der Blues ist nicht notwendigerweise schwarz. Sondern eine Haltung.« Wer ihn lebt, akzeptiert das Unpolierte, Ungekämmte. Umarmt das Chaos. Und schert sich um kein Reinheitsgebot.

Letztlich erzählen die Stones auf Blue & Lonesome noch einmal den eigenen Gründungsmythos: die Geschichte vom düsteren, gewaltbesoffenen, moralisch anrüchigen schwarzen Rock ’n’ Roll, der seine Lautstärke und Vitalität nicht den Bedürfnissen des Radios opferte. Woraufhin sich ein paar manische junge Briten die Drogenexzesse, Gewaltfantasien und Teufels-Flirts der Blues-Geschichte aneignen konnten und sie zu apokalyptischen Welthits wie Sympathy For The Devil , Brown Sugar oder Gimme Shelter aufrüsteten. Nur: Am Ende geriet auch das in Vergessenheit. Die musikalische Gewalt der Stones, schreibt Hamilton, sei irgendwann geronnen zu einem bloßen weiteren Marker weißer männlicher Hegemonie. Und damit habe sie jeden politischen Zweck verloren.

Die Botschaft, die im Blues steckt, dieser uralten Musik, die vom Triumph über Sklaverei und Segregation kündigt, ist heute aktueller denn je. Wenn ein Teil der amerikanischen Gesellschaft gerade die Uhren zurück in die fünfziger Jahre dreht, wenn ein kalter Wind weht, der die Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung hinwegfegen will, dann braucht es Alben wie Blue & Lonesome . Nicht weil die Musik etwas Neues sagt. Sondern weil die Stones das Geschichtsbuch zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle aufschlagen.

JONATHAN FISCHER

Die Zeit 24.11.2016

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