Grossherziger Rebell – Tom Hayden, der Mann der die Protestsongs der 60er Jahre in politische Programme umsetzte, ist mit 76 Jahren gestorben

Bei einem Interviewth mit Tom Hayden 2010 auf einem Bauernmarkt in Los Angeles faszinierte die analytische Scharfsicht des damals 71-jährigen. Der Mann, den die New York Times den „wichtigsten Aktivisten der Studentenbewegung der 60er Jahre“ genannt hatte, konnte noch immer die großen politischen Linien schlagen – von der einstigen Rassen-Segregation zum „War on Drugs“ bis zur Masseninhaftierung von Gang-Jugendlichen in seiner Heimatstadt: „Das neue Code-Wort für Rasse heißt Kriminelle. Das Rassenproblem, das einst viele Sympathien der Mittelschicht erhielt, ist nun rhetorisch in ein Kriminalitätsproblem verwandelt worden.“ Der Autor des Buches „Street Wars“ geißelte zeitlebens eine Politik, die Jugendliche in den Ghettos als menschlichen Überschuss des amerikanischen Wirtschaftssystems wegsperrte oder in den Krieg schickte. Hayden, der durch seine später geschiedene Ehe mit Jane Fonda eine gewisse Hollywood-Prominenz erlangte, galt als eine Ikone der amerikanischen Gegenkultur. Ein Mann der die Songtexte von Joan Baez und Bob Dylan in politische Programme umsetzte. Nach einem Interview mit Martin Luther King Jr. Hatte sich der junge, 1939 geborene Journalist radikalisiert: „Aus dem Berichten wurde Anwaltschaft, aus der Anwaltschaft Aktivismus“. Hayden fuhr als Freedom Rider nach Georgia, wurde geschlagen und inhaftiert, schrieb im Gefängnis das für die Studentenbewegung maßgebliche Port Huron-Manifest und organisierte ein Jahrzehnt lang Proteste gegen den Vietnamkrieg. Ende der 60er Jahre stand er mit Black Panther Gründer Bobby Seale und den Chicago Seven vor Gericht. Später wurde er von allen „Verschwörungs“-Vorwürfen freigesprochen. Hayden begann ein neues bürgerliches Leben, kandidierte als Gouverneur und Bürgermeister von Los Angeles und lebte mit seiner Familie in einem bescheidenen Häuschen in Santa Monica. Acht Jahre lang, von 1992 bis 2000 saß er für die Demokraten im Senat von Kalifornien. Nebenbei schrieb er über ein Dutzend Bücher, die auch Fragen der Umwelt und der internationalen Politik behandelten. Sein letztes Werk erschien 2016 unter dem Titel: „Listen Yankee! Why Cuba Matters“. Am Sonntag verstarb Hayden an den Folgen eines Herzinfarktes. Amerika hat einen großherzigen Rebellen verloren.

JONATHAN FISCHER 24.10.2016

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