MALI BLUES Die Sängerin und Schauspielerin Fatoumata Diawara über ihren Film „Mali Blues“ und die Macht der Musik in ihrer afrikanischen Heimat

hh03Roger Willemsen hat das arme westafrikanische Land Mali einmal eine „musikalische Großmacht“ genannt – sein Erbe soll an der Entstehung von Jazz und Blues beteiligt sein und elektrisiert bis heute ein weltweites Publikum. Der Film „Mali Blues“ liefert die Bilder dazu. Der Berliner Regisseur Lutz Gregor kommt hier den malischen Musikern und ihrem Leben zwischen Tradition und Erneuerung, Verfolgung und gesellschaftlicher Mission nahe. In der Hauptrolle: Die Sängerin und Songwriterin Fatoumata Diawara. Die Brüche ihrer Biografie spiegeln die Spannungen einer Gesellschaft, in der Musiker einerseits Identität stiften, andererseits jedoch zunehmend von religiösen Extremisten bedroht werden.

SZ: Madame Diawara, der Film „Mali Blues“ hält fest, wie Sie, während in Teilen des Landes Dschihadisten Musiker bedrohen und Anschläge verüben, aus Ihrem europäischen Exil in ihre Heimat und das Dorf ihrer Familie zurückkehren. War das nicht viel zu gefährlich?

Fatoumata Diawara: Nein, ich muss über die Klischees, die im Westen über ein so großes und diverses Land kursieren, oft lachen. Der Alltag in meiner Heimat läuft wie eh und je, in Bamako merkt man nichts von den Spannungen im Norden. Das Leben ist dort genauso gefährlich wie in Paris und Brüssel. Für „Mali Blues“ haben wir lediglich darauf verzichtet, in Timbuktu zu drehen – um unser weißes Kamerateam nicht unnötig zu gefährden.

SZ: Warum sind Sie 2002 als 19-jähriges Mädchen aus ihrer Heimat Mali nach Paris geflüchtet?

Meine Eltern wollten mich gegen meinen Willen mit meinem Cousin verheiraten. Ihr zwingt mich, sagte ich ihnen, in eure Welt von gestern. Trotzdem habe ich mich im europäischen Exil immer wieder nach Mali zurückgesehnt: In Frankreich muss man sich für alles bedanken: „Merci, merci, merci.“ In Mali ist das anders: Man gibt um des Gebens willen. Die afrikanische Großzügigkeit inspiriert mich bis heute.

In Mali gehören Sängerinnen zu den größten nationalen Popstars, doch viele von ihnen mussten und müssen gegen Vorurteile ankämpfen. Sie auch?

Ich habe erst in Paris angefangen, zu singen und Lieder zu schreiben, als Teil eines Straßentheaters. Malische Sänger verstecken ihre Botschaften traditionell in Gleichnissen und Umschreibungen. Ich dagegen bin sehr konfrontativ: In meinen Songs klage ich Zwangsheiraten und die Beschneidung von Mädchen an. Ich singe: „Steht auf für eure Rechte und die Rechte eurer Kinder!“ Das ist für manche ein Schock. Aber die jungen Mädchen in Bamako sind auf meiner Seite.

In „Mali Blues“ sieht man Sie mit dem aus dem Norden vertriebenen Tuareg-Gitarristen Ahmed Ag Kaedi den Wüstenblues spielen, dann wieder mischen Sie zusammen mit Bassekou Kouyate Rock und jahrhundertealte Bambara-Melodien oder jammen mit dem jungen Polit-Rapper Master Soumy. Ist dieser Zusammenhalt von jungen und alten Musiker verschiedenster Ethnien wirklich die Realität?

In Mali kennt jeder die Sprache unser traditionellen Musikinstrumente Ngoni oder Kora. Egal, wer man ist, ob ein armer Bauer oder der Präsident: Wenn ein Musiker zu einem spricht, muss man ihm Respekt entgegenbringen. Andererseits geht mit dieser Achtung eine große Verantwortung einher. Ich kenne kein anderes Land, das in dieser Hinsicht mit Mali vergleichbar ist: Wir Musiker werden als Schiedsrichter der Politik betrachtet. Das eint uns.

Bassekou Kouyate behauptet ja sogar, allein die Musik liefere das Schmieröl für den Vielvölkerstaat Mali.

Das stimmt. Die verschiedenen Stämme haben zwischen Timbuktu und Bamako auf dem Niger stets nicht nur miteinander gehandelt, sondern auch ihre Musik ausgetauscht. Wer auf dem Instrument seiner Region spielen konnte, wurde hoch geachtet. Schließlich teilen wir bei aller Vielfalt denselben Rhythmus, denselben Stolz auf unsere Traditionen.

Sie mischen überlieferte Melodien und Tonalitäten mit Rockmusik und E-Gitarren. Wird Ihnen das in einem konservativen Land wie Mali nicht als Verrat ausgelegt?

Nein, ich erneuere doch nur die Musik meiner Großeltern und Urgroßeltern, trage sie mit neuen Instrumenten in die Gegenwart. Niemand der jungen malischen Musiker, die ich kenne, will den Westen kopieren. Das sollten wir auch nicht, sonst verarmen wir kulturell. Die ganze Welt hört ja schon denselben Brei.

In „Mali Blues“ sieht man, wie die malische Jugend junge Rapper wie Master Soumy mit überbordender Begeisterung feiert. Können Sie das nachvollziehen?

Malischer Hip-Hop, wie Master Soumy ihn macht, bezieht sich immer auch auf die Traditionen der Vorfahren. Nur dass die Rapper sehr viel deutlicher über politische Missstände reden können als die zur Diplomatie verpflichteten traditionelleren Sänger. Und genau das bewundern die Jugendlichen. Dass er über die korrupte Regierung rappt und fragt, warum der Staat nicht einmal in der Lage ist, für sauberes Wasser und genug Strom zu sorgen.

Sie und Master Soumy wenden sich in Ihren Songs auch explizit gegen die Propaganda islamischer Extremisten. Welche Rolle spielen Musiker in der Auseinandersetzung zwischen dem in Mali vorherrschendem toleranten Sufi-Islam und radikalen religiösen Strömungen?

Aus gutem Grund nehmen die Islamisten als Erstes uns Musiker ins Visier: Weil wir den Menschen ihre Identität und ihre Würde geben. Ihre Gehirnwäsche funktioniert erst, wenn sie uns mundtot gemacht haben. 2012 wurden nach der Besatzung von Malis Norden durch islamistische Rebellen alle Musiker mit dem Tod bedroht und vertrieben. Inzwischen ist der Norden zwar befreit, aber viele können immer noch nicht zurückkehren. Das betrifft aber nicht nur Mali: Zuletzt wurde etwa in Pakistan der Sufi-Sänger Amjad Sabri von religiösen Fanatikern ermordet. Das macht mich sehr traurig.

In „Mali Blues“ fordern Sie von der Bühne aus die malische Jugend dazu auf, zu ihren afrikanischen Frisuren und ihrer afrikanischen Kleidung zu stehen. Können Sie das erklären?

Ich will ihnen damit sagen, dass sie auch in den Himmel kommen, wenn sie nicht den Kleidervorschriften der in Mali aggressiv missionierenden Islamisten folgen. Am Ende hat die Krise auch etwas Gutes gebracht. Wir haben unsere Musik vorher für selbstverständlich genommen. Jetzt wächst das Bewusstsein für die Einmaligkeit unserer Kultur: Während die Clubs in Bamako aus Sicherheitsgründen geschlossen waren, riefen die Menschen nach uns Musikern und Sängern. Erst wenn offenbar wirklich die Gefahr besteht, dass man etwas verliert, lernt man es wirklich zu schätzen.

JONATHAN FISCHER

SZ 10.10.2016

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