AUF DIE HARTE TOUR Ein Münchner Boxverein schickt Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen nach Ghana. Nicht nur wegen des Sports, sondern auch, um zu lernen, was wirklich zählt

p1110433Die Boxschule liegt am Rande einer Elektroschrott-Deponie. In einem alten Fremdenführer war Bukom noch als „Fischerviertel“ von Accra beschrieben, doch das ist wohl lange her. Heute landen viele gebrauchte Fernseher aus Europa hier; eine Umweltorganisation hat den Ort als einen der zehn giftigsten der Welt klassifiziert. „Das Fischen rentiert sich nicht mehr. Die Jugendlichen leben auf der Straße, stehlen und schnüffeln Klebstoff“, sagt James Quartey. „Oder sie kommen zu mir.“ Der beleibte Mittvierziger lacht. „James Quartey Boxing Foundation“ steht auf den Mauern des einzigen Hauses, das in Bukom zu sehen ist: vier Mauern, ein asphaltierter Innenhof, ohne Dach und ohne Fenster. Eine Ruine auf einer unwirtlichen Brache, die Stadt hat sie zur Verfügung gestellt.

  Wie so viele aus dem Viertel hat James Quartey einst als Profiboxer in Amerika gearbeitet. Andersherum wäre es undenkbar, weil wohl niemand freiwillig zum Boxen nach Bukom kommen würde, in diesen Slum in der ghanaischen Hauptstadt, aus dem mehr Box-Champions stammen als von irgendwo anders in Afrika. Dort, wo es weder Jobs noch gute Schulen gibt, bleibt Boxen oft die einzige Hoffnung, irgendwann mal rauszukommen.

  Auf dem Weg zum Gym halten sich die deutschen Boxer die Nase zu. Beißende Rauchschwaden wehen von der Müllkippe nebenan herüber. „Ausgerechnet hier sollen wir trainieren?“, fragt Zahoor. Er ist einer von zwölf jungen Boxern des TSV 1860 München, die hierhergekommen sind, um ihren Partnerverein zu besuchen. Doch auf dieser Reise geht nicht nur um den Sport. „Sie werden als Menschen daran wachsen“, hofft Cheftrainer Ali Cukur.

  Dass es keine normale Sightseeing-Reise werden würde, war von Anfang an klar. „In unserem Verein trainieren Menschen aller Hautfarben“, hatte Ali Cukur vor der Abreise erklärt. „In letzter Zeit kommen immer mehr jugendliche Flüchtlinge dazu. Aber wer von uns weiß, aus welchen Verhältnissen sie kommen? Und wie gut es uns im Vergleich dazu geht?“ Dabei haben die meisten seiner jungen Athleten selbst genug zu tun damit, in München anzukommen, sich eine Ausbildung und Wohnung zu sichern, mit ihrem Lehrlingsgehalt in der teuren Stadt über die Runden zu kommen. Buraks Eltern sind aus der Türkei eingewandert, andere Familien aus Kroatien, Afghanistan und Guinea. Doch auch seine deutschen Schützlinge haben nichts geschenkt bekommen.

  Ein gutes Beispiel, wie diese Jugendlichen zum Boxen gekommen sind, ist Rashad. Er kam als Kind aus Togo nach München und ist heute bayerischer Meister im Schwergewicht. Das Boxen, sagt er, sei für ihn lange so etwas wie eine Therapie gewesen. Auch weil er in Ali Cukur einen Ersatzvater fand und sich erstmals freiwillig disziplinierte. Heute ist es kaum mehr vorstellbar, dass der höfliche Mann mit den guten Manieren früher als gefürchteter Schläger galt. „Für mich war Beleidigen und Prügeln damals das einzige Mittel, mich in den Mittelpunkt zu stellen. Es verschaffte mir Selbstbewusstsein“, sagt Rashad. Ständig wurden seine Eltern zum Direktor zitiert, weil der Sohn Lehrer beleidigte und Mitschüler schlug. Irgendwann griff der Vater zum letzten Mittel: Unter dem Vorwand, mit ihm zusammen in Togo Urlaub zu machen, brachte er ihn zur Oma in ein afrikanisches Dorf. „Mein Vater verschwand und ließ mich in der Koranschule zurück.“

  Das hieß für Rashad: Aufstehen um vier Uhr früh, Koran-Rezitationen von morgens bis abends, und jeden Tag den gleichen Maniokbrei mit Soße. „Ich hasste meine Eltern dafür – auch wenn ich heute sehe, wie mir diese Erfahrung die Augen geöffnet hat.“ Als Rashad nach einem halben Jahr schwer erkrankte, holte ihn die Familie zurück. Doch er war verändert: „Ich sah die Schule als Privileg.“ Fortan ging er regelmäßig zum Boxtraining, lernte neue Leute kennen, plötzlich war Disziplin cool. Probleme mit Gewalt gab es nicht mehr. Er machte sein Fach-Abi und studiert heute an der TU, um Sportlehrer zu werden.

  Weil Boxen ein billiger Sport ist und Selbstkontrolle lehrt, schicken Schulen und Jugendämter schwierige Jugendliche wie Rashad gerne in Ali Cukurs Training. Die von der Boxabteilung von 1860 München mit Zuschüssen des Kreisjugendrings finanzierte Afrika-Reise passte da nur zu gut zu Cukurs Idee: „Du hast immer die Wahl: Entweder siehst du dich als Opfer – oder du erkennst deine Chancen.“ Warum sollten seine Boxer nicht freiwillig etwas von der Erfahrung mitnehmen, zu der Rashad damals von seiner Familie verdonnert worden war?

  Beim Boxen sind es die Gesten, die Menschen zusammenbringen: das Abschlagen der gegnerischen Handschuhe, ein anerkennendes Kopfnicken für eine gelungene Kombination, die verschwitzte Umarmung am Ende. In Bukom stecken manche der deutschen Boxer hingegen verschüchtert ihre Köpfe zusammen. „Hast du die Augen von dem Jungen da gesehen? Ganz gelb. Ob das Hepatitis ist?“ Während Zebu-Rinder wie verirrte Geister durch die Rauchschwaden der Müllberge staken, hat sich vor dem Gym eine kleine Menschenmenge versammelt. Nur selten finden Touristen den Weg hierher. Eine Horde Kinder in dreckigen Lumpen folgt lachend den Besuchern mit ihren schweren Sporttaschen. Foto, Foto, Foto, rufen sie. Schwergewichtler Burak setzt sich einen kleinen Jungen auf die Schulter, Rashad folgt einigen von ihnen in die benachbarte Moschee, ein paar Matten unter einem Wellblechdach. Er drückt jemandem ein paar Geldscheine in die Hand, „für die Einrichtung“. Später erfährt er, dass es gar nicht der richtige Imam war. Egal. „Hier sehen alle so aus, als ob sie das Geld besser gebrauchen können als wir.“

  Im Smog der Müllhalde schwitzen nun deutsche und ghanaische Jugendliche zusammen, schlagen sich an den Schultern ab, boxen sich in die offenen Handschuhe. Bei 30 Grad und hundert Prozent relativer Luftfeuchtigkeit eine Qual. „Jungs, zwei Runden schafft ihr noch“, sagt Ali Cukur, der auf dreißig Jahre Jugendarbeit zurückblicken kann. Die Münchner in den schicken Trikots und den teuren Sportschuhen greifen nach jeder Übung zu den Wasserflaschen. Ihre meist barfuß boxenden Gegner dagegen scheinen noch frisch. Oder zumindest gewillt, ihren Ehrgeiz zu demonstrieren.

  Viele der Ghanaer sind kaum einmal sechzehn Jahre alt. „Sie trainieren nicht nur bei mir“, sagt James Quartey, „ich lasse sie hier auch schlafen und sorge dafür, dass sie in die Schule gehen.“Ohne seine Boxschule würden sie womöglich Metalle aus alten Fernsehern schmelzen, um wie die meisten Müllhalden-Kinder kaum älter als zwanzig zu werden. „Sie träumen davon, ihren Idolen aus der Nachbarschaft zu folgen, weltberühmten Boxern wie Ike Quartey, Azumah Nelson oder D. K. Poison.“ Reale Chancen aber haben nur die wenigsten. Es fehlt an allem, die staatliche Unterstützung reiche gerade mal fürs Essen. Tatsächlich ist die Ausrüstung der mehr als ein Dutzend Gyms im Viertel beschämend: geplatzte Sandsäcke, mit Gaffer-Tape verklebte Fäustlinge. James Quarteys junge Boxer stören sich nicht daran. Sie staunen über den Berg neuer Handschuhe in den Taschen der Münchner.

  „Krass“ ist das Wort, das die deutschen Gäste während der Reise am häufigsten sagen. „Wir haben alles und die nichts“, sagt Burak. „Wenn ich denke, wie die hier von 40 Euro im Monat leben“, pflichtet ihm Zahoor bei. „So viel gebe ich doch an einem Abend im P 1 aus.“ Das mit der Disko mag Pose sein, aber die Erschütterung ist echt. Bisher sahen sich die meisten eher auf der Verliererseite. Als diejenigen, die von der Polizei immer als Erstes nach dem Ausweis gefragt werden. In Ghana bekommt das Selbstbild Risse. Einige der Boxer, die es zu Hause gewohnt sind, jeden Cent umzudrehen, beginnen nun, in ihren Koffern zu wühlen. „Ich brauche doch nicht so viele Schuhe“, meint Olli. „Was wir an Ausrüstung mitschleppen – das ist doch nicht normal.“

  Die Diskussion darüber, was eigentlich „normal“ ist: Sie begleitet die Boxer die folgenden Tage, etwa wenn sie morgens Eimer mit Wasser zum Waschen aufs Zimmer tragen müssen. Das nächste Training absolvieren sie in Jamestown, den Ghanaern zufolge im „besten Boxclub der Stadt“, zwei Sandsäcke und ein Ring in einer Wellblechbaracke. „Wir sind gekommen, weil wir etwas teilen“, begrüßt Ali Cukur seinen Trainerkollegen. „Die harte Arbeit, den Schmerz und die Mühen, um etwas zu erreichen.“ Ein Boxer-Klischee, ja. Aber haben sich nicht 99 Prozent aller Champions aus ärmlichen, unterprivilegierten Verhältnissen emporgekämpft? Die Münchner und die Ghanaer, sie rufen sich jetzt gegenseitig „No pain, no gain“ zu.

  Obwohl die Gäste nicht mehr als ein paar Brocken Englisch sprechen, entsteht schon bald ein Miteinander. Weil Boxen eben eine eigene Sprache hat. Links, rechts, linker Haken. Alexandra schenkt ihrer ghanaischen Gegnerin mit den roten Zöpfen nichts und steckt selbst ein paar schwere Seitwärtshaken ein. Und doch gibt es da ein wortloses Einverständnis: Sich gegenseitig zu prüfen und daran zu wachsen. Die Münchner Studentin hatte einst die Boxhandschuhe angezogen, um ihre Depression zu bekämpfen. Andere wiederum berichten, dass sie ihre Aggressionen erst im Ring in den Griff bekamen. Oder auch von der Angst, die ihnen sagte: „Du bist nichts. Das schaffst du nicht.“Ghanaer wie Deutsche teilen hier die Ahnung, dass dieser Sport eigentlich gar kein Sport ist. Sondern eine Blaupause für das eigene Leben. Am Ende eines harten Schlagabtausches fallen Abu, Olli, Burak, Hans, Emil, Rashad und Zahoor ihren Sparringpartnern in die Arme. Eine Geste, die ohne Worte sagt: Respekt.

  Die Boxer werden zu Facebook-Freunden, sie laden ihre Gastgeber zum Essen ein, reden ständig über deren ärmliches Leben, das sie hier kennenlernen. „Die haben alle keine Jobs“, sagt Abu, der Lokführer-Lehrling. „Können wir da nicht irgendwas unternehmen? Damit die wenigstens eine Ausbildung machen können?“

  Immerhin hatte Ghanas Sportminister persönlich Ali Cukurs Vorschlag genehmigt, ein Sportinternat mit Berufsausbildung zu gründen – sofern sich die Deutschen um die Finanzierung kümmern. Die Idee führt zu heftigen Diskussionen: Ob junge Sportler ohne politische Lobby überhaupt etwas bewegen können. Ob Politiker Interesse haben, den Menschen zu helfen. Und wie viel Verantwortung man als Deutscher für die Zustände in Ghana trägt. Am Ende steht nur eines fest: Alle wollen etwas tun. „Wir müssen unbedingt Sponsoren finden“, sagt Hans, der Jugendtrainer. Die Boxer wissen noch nicht, wie frustrierend diese Arbeit sein wird.

  Abu, Burak und Zahoor fahren mit dem Bus noch einmal alleine nach Bukom, um die Kinder auf der Müllhalde vor ihrer Abreise zu besuchen. Doch was hat die Reise am Ende ausgelöst außer ein paar Facebook-Freundschaften oder einer Ghana-Flagge im Trainingsraum in München? „Wir wissen nicht, ob wir ihnen wirklich helfen können“, wird Saskia ein paar Wochen nach der Rückkehr erklären „Aber sie haben uns schon jetzt ein Stück weit verändert.“ Rashad findet, dass er seit der Reise viel weniger Gejammer während des Trainings hört. Als es darum geht, freiwillige Helfer für eine Boxveranstaltung zu finden, ruft er: „Jetzt denkt mal an unsere Freunde in Jamestown.“

JONATHAN FISCHER

SZ 3.9.2016

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