DIE SCHÖNHEIT DES ISLAM: Ein Gespräch mit dem Popstar und ehemaligen Kulturminister des Senegal Youssou N’Dour über die Friedensbotschaft des Koran, den Frust der Politik und warum es kein Problem ist, als Moslem in Nachtclubs zu tanzen und zu feiern.

680x382Youssou N’dour ist der weltweit populärste muslimische Popstar. Er hat mit Peter Gabriel gearbeitet und gemeinsam mit Neneh Cherry mit „7 Seconds“ einen Welthit gelandet. Bei seinem Konzert in der Münchner Muffathalle trat er vergangene Woche mit seiner zwölfköpfigen Band aus Dakar auf, die den westafrikanischen Mbalax-Pop mit einer Präzision und einer Wucht spielte, die selten ist. Dabei geht es N’dour stets auch um Politik, das Bild des Islam und die Vision eines neuen Afrika. Mit dem Song „Immigrés“ veröffentlichte er 1984 eine Art Internationalhymne afrikanischer Flüchtlinge. 2012 wollte er für das Amt des Präsidenten von Senegal kandidieren. Das erlaubte man ihm nicht. Im April 2012 wurde er aber immerhin Kulturminister, auch wenn er das Amt im September 2013 niederlegte.

SZ: Viele der jungen Flüchtlinge bei Ihrem Konzert haben 40 Euro berappt, um ihren ehemaligen Kulturminister optimistische Hymnen über die Zukunft Afrikas singen zu hören. Woher nehmen Sie angesichts von Flüchtlingsströmen, Bürgerkriegen und all den anderen politischen Hiobsbotschaften vom schwarzen Kontinent Ihren Optimismus für Songs wie „New Africa“ her?

Youssou N’dour: Ich will vor allem den Menschen im Westen eine Seite Afrikas zeigen, die sie aus den Nachrichten nicht kennen: Die optimistische Grundhaltung unserer Kultur, die Toleranz unseres Islam, die Menschlichkeit unserer Gesellschaft. Das ist ein Afrika, das uns allen Hoffnung beschert.

Aber Sie singen ihren Klassiker „Immigrés“ in Europa auch immer vor jungen Afrikanern, die ihr Leben riskiert haben um in Pirogen oder Schlauchbooten dorthin zu gelangen. Als Politiker müssten Sie diese Fluchtbewegung doch grundsätzlich verurteilen.

 Die Europäer könnten dem durchaus entgegenwirken. Etwa indem sie afrikanischen Ländern wie Senegal helfen, junge Menschen auszubilden, und ihnen vor Ort Jobs und Zukunftschancen anzubieten. Wenn sie daheim keine Möglichkeiten vorfinden, werden sie weiter fliehen.

Sind die Europäer schuld an der Flüchtlingskrise?

Natürlich liegt die Verantwortung auch bei den Regierungen und der Zivilgesellschaft vor Ort. Aber die jungen Afrikaner haben zu oft ein Trugbild von Europa im Kopf. Sie sehen es als El Dorado und es ist sehr schwer, ihnen ihre falschen Erwartungen auszureden. Darüber hinaus aber tragen die Europäer doch eine historische Verantwortung. Sie haben die Kolonien zwar in die Selbständigkeit entlassen, wirtschaftlich aber hängen wir immer noch am Tropf des Westens.

Sie haben nach der Wahl von Macky Sall zum Präsidenten Senegals im Jahr 2012 für kurze Zeit den Posten des Kultur- und Tourismusministers bekleidet. Hat Sie die praktische Erfahrung in der Politik ernüchtert?

Ganz im Gegenteil. Ich habe dreißig Jahre lang mit meinen Songs an die Machthabenden appelliert, habe geredet und geredet, ohne dass sie mir zugehört hätten. Jetzt konnte ich als Minister wirklich etwas bewegen. Mein Rücktritt hatte andere Gründe. Ich wollte mich wieder mehr meiner Musik widmen. Allerdings diene ich dem Präsidenten immer noch als Berater.

Viele junge Rapper im Senegal fordern mehr Mitbestimmung für die Jugend und kritisieren die Korruption innerhalb der Staatsorgane.

Die Menschen sind nur zu ungeduldig, sie wollen nach einem Regierungswechsel, dass sich alles sofort ändert. Trotzdem ist der Senegal immer noch eines der demokratischsten Länder Afrikas. Wir hatten nie einen Militärputsch, unsere Wahlergebnisse wurden stets respektiert, und der Islam dem über 90 % der Senegalesen angehören, propagiert ein friedliches Miteinander aller.

Allerdings steht der sufistisch orientierte Islam, dem die meisten Westafrikaner folgen, im Kreuzfeuer der Islamisten. Fast jede Woche erleiden Senegals Nachbarländer blutige Anschläge auf Klubs, Hotels und Bars.

Das alles ist kein Ausdruck des Islam. Als Muslime grüßen wir mit „Asalam aleikum“, das bedeutet Frieden für alle, nicht nur für die Muslime. Das Unheil, die ganze Aggression und Radikalität kommt meist mit den Konvertiten, die keine Erfahrung mit der gelebten Kultur des Islam haben. Oft diskutiere ich mit ihnen: Was behauptet ihr für verrückte Sachen? Ich gehöre der gleichen Religion an wie ihr und ich kenne sie seit meiner Geburt! Im Koran steht, Gott hat die Menschen verschieden gemacht, damit sie sich kennenlernen. Nicht, damit sie sich umbringen.

In Paris haben islamistische Attentäter letztes Jahr ein Blutbad im Live-Klub Bataclan angerichtet. Von Mali bis Pakistan fielen Musiker ideologisch motivierten Attentaten zum Opfer, erst vor zwei Wochen wurde der pakistanische Sufi-Sänger und Popstar Amjad Sabri erschossen. Haben Sie als muslimischer Popstar Angst?

Nein ich habe keine Angst. Allah beschützt mich. Ich werde im November übrigens als erster internationaler Popstar im Bataclan auftreten. Natürlich unter strengen Sicherheitsvorkehrungen. Aber das soll auch ein Signal sein: Dass es kein Widerspruch ist, wenn wir Muslime Musik hören, tanzen und feiern und gleichzeitig stolz auf unseren Glauben sind.

Sie besitzen ja selbst einen Nachtklub in Dakar, wo sich Männer und Frauen zum Flirten und Tanzen treffen.

Warum nicht? Es ist kein Widerspruch wenn ich einen Abend in die Moschee zum Beten gehe und den nächsten in den Klub zum Tanzen.

Sie gehören den Mouriden an, einer sufistischen Bruderschaft, die im Senegal und Gambia mehr als sechs Millionen Anhänger hat.

Ja, in einem meiner Songs singe ich auch über meinen religiösen Führer Serigne Fallou Mbacke. Zu unserer Lebensphilosophie gehört harte Arbeit für die Gemeinschaft und jährliche Pilgerfahrten in die heilige Stadt Touba im Senegal. Ich bin erst vor vier Tagen von dort zurückgekommen. Millionen Muslime haben dort gemeinsam gesungen und gefeiert.

Ist die Wallfahrt nach Touba eine afrikanische Alternative zu Mekka und dem fundamentalistischen Islam vom arabischen Golf?

Touba liegt zumindest geografisch auf dem fast selben Breitengrad wie Mekka, es hat für uns Mouriden aber auch eine gleichwertige Bedeutung. Sie müssen wissen, dass die Mouriden von Sheikh Ahmadou Bamba gegründet wurden, der den Islam propagierte, während die Franzosen uns kolonisierten. Die Franzosen haben alles getan um Sheikh Bamba zu töten, obwohl er Gewaltlosigkeit predigte. Aber sie konnten ihn nicht besiegen. Wir feiern jedes Jahr den Tag seiner Rückkehr aus dem Exil in den Senegal. Heute kann seine friedliche islamische Botschaft der ganzen Welt helfen.

Ist das Mouridentum ein Vorbild für einen toleranten weltoffenen Islam?

Ja, unbedingt. Es gibt nur einen Islam. Und ich glaube, dass wir Senegalesen seine friedliche Kernbotschaft vorbildlich demonstrieren, weil wir den Glauben in eine Kultur der Arbeit und Nächstenliebe einbetten. Diese Islamisten haben dagegen hegen meist politische Machtansprüche.

Aber auch im Senegal kann der Islam repressiv wirken. Sie selbst hatten das zu spüren bekommen, als sie 2004 das Album „Egypt“ einspielten, eine Sammlung von Lobgesängen auf Allah und die Mouriden, und manche Geschäfte und Radiosender das Werk wegen seiner Vermischung von Religion und weltlichem Pop ablehnten.

Das stimmt, am Anfang gab es selbst unter meinen Mouriden-Brüdern viel Skepsis. Doch dann habe ich einen Grammy gewonnen, sie haben es sich noch mal angehört, und fanden es gut. Sehen Sie, der Senegal hat eine säkulare Verfassung. Jeder darf seinen Glauben leben. Wir respektieren alle gegenseitig unsere Religion, unser erster Präsident Leopold Senghor, war übrigens Katholik. Ich versuche, Gutes zu tun, meinen Mitmenschen zu helfen. Das definiert einen wahren Muslim – und nicht die Äußerlichkeiten.

Im Norden Malis und Nigerias hat die Bedrohung durch Islamisten Live-Musik aber so gut wie unmöglich gemacht. Ist vielleicht doch etwas an der Aussage des nigerianischen Musikers Fela Kuti, der den Islam einmal als Religion der „Sklaventreiber“ bezeichnet hat?

Ich fühle mich jedenfalls nicht vom Islam unterdrückt. Und ich kenne kein besseres Instrument für den gesellschaftlichen Frieden als den Islam. Wenn Menschen behaupten, dieses und jenes sei haram, man sollte der Musik und dem Vergnügen entsagen, dann machen sie Gott kleiner als er ist. Dagegen müssen wir kämpfen. Ich sehe es als unsere Pflicht, das Internet, den Film, die Musik und den Tanz, alles nützen, um für den wahren Islam zu werben. Deshalb werde ich nächstes Jahr auch in ganz Senegal ein Festival für religiöse Musik veranstalten – um die Schönheit islamischer Kultur sichtbar zu machen.

JONATHAN FISCHER

SZ 7.7.2016

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