Mensch, Ahmed! In der Lehre großartig, im Leben fast gescheitert: Wie ein Jugendlicher alle Hoffnungen enttäuscht und am Ende lernt, seine Wut zu kontrollieren

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Alle hatten Ahmed aufgegeben. Der 17-jährige Sohn türkischer Immigranten sammelt Anzeigen wegen Prügeleien und Hausverbote wie andere Fußballbildchen. Er scheint nur einen Weg zu kennen: mit aller Gewalt durch die Mitte. „Du bist ein Scheiß-Pädagoge, von dir habe ich gar nichts gelernt – und außerdem höre ich dir eh nicht zu.“ Ahmed sagt das zu mir, seinem vom Verein für Sozialarbeit bestellten Betreuer. Schmeicheln, fluchen, lügen, Gewalt androhen – Ahmed scheint zu allem fähig. Manchmal nur, um die Hilflosigkeit zu bekämpfen. Die Ohnmacht, dieses Gefühl ausgeliefert zu sein, das Ahmed nur allzu gut kennt, und vor dem er mehr Angst hat als vor physischen Schmerzen, vor Bestrafung oder Einsamkeit. Zugeben würde er das nicht: „Ich habe alles unter Kontrolle“, sagt er. Dann lacht er. Dann beschimpft er irgendjemanden. Wenn das alles nicht hilft, dann hat er immer noch seine Fäuste. Seine Fäuste, die ihm so viel Unglück gebracht haben.

  Ahmed, der Kotzbrocken? Nein, im Gegenteil, es fällt schwer, den Jungen mit dem runden Gesicht und den lebhaften Augen nicht zu mögen. „Guten Morgen, die Dame“, „Schönen Tag noch der Herr“. Ahmed ist ein großer Charmeur, wenn es ihm gut geht. Er hält älteren Mitmenschen gerne Türen auf. Erkundigt sich höflich nach Gesundheit und Familie. „Das Leben ist doch zum Lachen“, sagt er manchmal. Auch seine Vorgesetzten schätzen Ahmeds Aufgewecktheit. „Immer pünktlich, schnelle Auffassungsgabe, selbständiges Arbeiten“. Das sind die Worte, mit denen der Chef des Elektrobetriebs, bei dem Ahmed in die Lehre geht, seinen Schützling beschreibt. Der Chef hat Ahmeds Lehrgehalt von sich aus verdoppelt – „damit er mir noch als Meister bei der Stange bleibt“. Würde man Ahmeds Persönlichkeitsprofil als zwei Konten malen – ein positives für seine Ressourcen, ein negatives für seine Probleme und Ängste: Er wäre wohl weit im Plus. Nur dass sich bei ihm die beiden Konten nicht aufheben. Sondern oft gegenseitig potenzieren: Es ist erstaunlich, wie Ahmed es schafft, nach der Arbeit noch als Pizzabäcker zu jobben und um Mitternacht ins Fitnessstudio zu gehen. Seine Verbissenheit aber, der Vorsatz, niemals aufzugeben, wird ihm auf der Beziehungsebene zum Verhängnis.

  Ahmed ist deswegen in der Jugendhilfe in München. Das Jugendamt stellt Jugendlichen in schwierigen Lebenslagen, die von Elternhaus und Schule nicht aufgefangen werden können, einen Pädagogen zur Seite. Er hilft beim Umgang mit Lehrern, Vorgesetzten, Kollegen und beim Aufbau gesunder Beziehungen. In Ahmeds Fall: gewaltfreier Beziehungen. Manchmal geht es nur noch darum zu retten, was zu retten ist: „Ich schaffe es auch ohne dich“, brüllt Ahmed mir zu, als ich ihn beruhigen will, seinen Namen wie ein Mantra wiederhole: „Ahmed, wo bist du gerade? Schau mich an!“

  Ahmed aber scheint nicht zuzuhören. Er schlägt um sich, springt durch sein Ein-Zimmer-Appartement, wirft Geschirr zu Boden. Dann den Plattenspieler. Ich stehe daneben und versuche so ruhig wie möglich zu bleiben – weil meine Worte Ahmed nicht mehr erreichen, und ein Mensch im psychischen Ausnahmezustand das Zehnfache seiner normalen Körperkräfte entwickelt. Eine groteske Szene. Soll ich die Polizei verständigen? Oder probieren, was ich Ahmed schon so oft gesagt habe: „Es gibt Dutzende von Antworten auf eine Herausforderung. Und jede ist besser als deine gewohnte Reaktion.“ Das soll blinde Routinen aufbrechen. Oder zum Spielen einladen – auch wenn die Situation todernst scheint: „Magst du nicht noch den Fernseher auf den Boden werfen?“, frage ich. Ahmed stutzt. Lässt für einen Moment die Hände sinken.

Dann packt ihn wieder die Angst: Die Angst, dass seine Freundin ihn betrügen oder sitzen lassen könnte.

  Die Angst macht Ahmed rasend. Er hämmert gegen die Wand, schreit, er „werde sie umbringen“. Sein Blick ist leer. Er ist nicht mehr da. Man würde ihn jetzt gerne daran erinnern, was in ihm steckt, was er kann. Doch der charmante junge Mann, den sein Meister am liebsten zu seinem Nachfolger ernennen würde – dieser Ahmed ist jetzt verschwunden. Er steckt woanders, in einer anderen Zeit. Wer weiß, was gerade in ihm tobt. Vielleicht erlebt er sich gerade als Neunjähriger: Seine Mutter war gerade an Krebs gestorben, der Vater, rauschgiftsüchtig und gewalttätig, saß eine Gefängnisstrafe wegen versuchten Totschlags ab. Vielleicht ist er aber auch nur drei Jahre alt. Damals verteilte die Familie ihre drei kleinen Söhne auf verschiedene Familien. Ahmed kommt zur Tante, sieht seine kranke und überforderte Mutter kaum noch.

  Schon damals, sagt Ahmed, habe er gelernt, dass „es mir einen Kick gibt, Scheiße zu bauen“. Die Prügel seines Vaters, die Schulbesuche der Eltern, wenn er mal wieder einer alten Frau eine Handtasche entrissen, ein Fahrrad geknackt oder einen Mitschüler geschlagen hat, habe er regelrecht genossen: „Es war meine einzige Art von Zuwendung.“ Seine Stiefeltern versuchen, alles richtig zu machen. Ahmed lernt bei ihnen erstmals gemeinsame Familien-Mahlzeiten kennen, seine Tante übt mit ihm Deutsch, schickt ihn zum Boxen. Ahmed kann es kaum fassen, dass ihn sein Onkel die ersten Tage sogar auf dem Schulweg begleitet: „So etwas kannte ich nicht.“ Er musste schon als Fünfjähriger allein mit öffentlichen Bussen in den Kindergarten fahren. Dank der Nachhilfe der Stiefeltern schafft Ahmed als erster Förderschüler Münchens auf Anhieb seinen Quali. Und doch reicht das alles nicht. Weil er sich niemandem unterordnen will, weil er weder daheim noch in der Schule Regeln einhält. Er ist 16 Jahre alt, als ihn die Stiefeltern in ein Heim für schwer erziehbare Jugendliche geben.

  Wenn Jugendämter in Heime und Betreuer für Jugendliche wie Ahmed investieren, dann ist damit eine Hoffnung verbunden: Dass die Weichen noch einmal umgelegt werden können. Ahmed geht deshalb zwei Mal die Woche in ein Anti-Gewalt-Training. Der Trainer, selbst ein Türke, ist für ihn zu einer Vaterfigur herangewachsen. Ali Cukur lässt Ahmed boxen, er provoziert ihn dabei immer wieder, beobachtet, wie Ahmed darauf reagiert. Und er nimmt ihn ernst, spricht mit ihm über seine eigenen Erfahrungen als Immigrantenkind. „Ahmed“, sagt Cukur, „könnte ein gutes Leben haben, wenn er nur lernen würde, dass sich Vertrauen auszahlt.“

  Doch wie kann man Jugendlichen helfen, die um keinen Preis der Welt die Kontrolle abgeben wollen? Und für die „Hilfe“ so etwas wie eine Demütigung ist? Ahmed erzählt von einem Schlüsselerlebnis: Das war 2010, er besuchte zusammen mit seinen Brüdern den Vater in Istanbul. „Eines morgens war mein Laptop verschwunden. Dafür hatte Papa plötzlich eine Menge Marihuana im Haus. Als ich ihn deswegen zur Rede stellte, schlitzte er sich die Pulsader auf. Ich kann mich genau an die Szene erinnern. Mein Cousin schrie, meine zwei Brüder weinten. Ich war fünfzehn und habe als einziger die Nerven behalten. Zuerst rief ich einen Krankenwagen, dann informierte ich meinen Onkel in Deutschland und tröstete gleichzeitig meine schluchzenden Brüder. Ich wusste: Niemand steht mir bei, ich muss für mich selbst sorgen.“

  „Brauchst Du Hilfe?“ Solche Fragen darf ich Ahmed niemals stellen. Dann legt sich eine Stahlmaske über sein weiches Jungengesicht. „Nein, ich brauche keine Hilfe.“ Dieser Selbstschutz hat den kleinen Jungen einmal überleben lassen. Heute aber ist er dysfunktional. Loslassen – das bedeutet für Ahmed: Untergang.

  Dazwischen keimt immer wieder die Hoffnung. Als Ahmed eines Abends um elf bei mir klingelt und mit verweintem Gesicht vor der Haustür steht und über seine rasende Eifersucht reden will, ist das ein Vertrauensbeweis. Und ich muss aufpassen, dass das Fenster nicht wieder zuschlägt. Wir üben zusammen tief atmen. Und die Feuerkugel im Bauch spüren – ohne sie wegzumachen, ohne etwas zu tun. Vor allem in dem verzweifelten Moment vor dem Zuschlagen. Ahmed will es anders machen. Als es ihm am nächsten Tag nach einem Streit mit der Freundin gelingt, einfach wegzugehen, klingelt mein Telefon. „Ich habe es geschafft“, schreit er ins Telefon. Ein paar Tage danach bringt er seinen älteren Bruder mit ins Café. Ahmed, der sich als Beschützer seiner Brüder sieht, möchte, dass ich seine Ratschläge bestätige. Was tun, wenn man die Freundin vor Eifersucht schlagen will? Ahmed ruft so laut, dass sich die Gäste am Nebentisch umdrehen: „Habe ich dir doch gesagt Alter, musst du atmen, Alter.“

  Aber in den entscheidenden Augenblicken ist kein Anti-Gewalt-Trainer, Betreuer, Vaterersatz da, der Ahmed ans Atmen erinnert. Wenn Ahmed dann überhaupt noch hören könnte. Es ist der übliche Streit mit der Freundin. Ahmed will ihr Handy kontrollieren, er ruft sie bis zu hundertmal täglich an, hat panische Angst, verlassen zu werden. Wie könnte er das überleben? Sie versucht zu gehen, Ahmed hält sie mit Gewalt fest. Einen Passanten, der dazwischen geht, bedroht und beleidigt er. Als die Polizei anrückt, hat Ahmed den Tunnelblick: Er darf nicht aufgeben. Nie. Verzweifelt kämpft er gegen sechs Uniformierte, selbst als er schon am Boden liegt. Drei Monate später im Gericht hat er seine Fassung zurück. „Den Richter werde ich schon um den Finger wickeln“, scherzt Ahmed vor der Verhandlung. Und weil er mal wieder glaubwürdig von „Fortschritten“ und der Reue über sein altes zerstörerisches Ich spricht, belässt es der Richter bei ein paar Dutzend Sozialstunden.

  Ahmed glaubt sich in solchen Momenten selbst – auch wenn er weiß, dass er sein eigentliches Problem nicht gelöst hat: „Ich mache das nur, weil ich kein Selbstbewusstsein habe. Weil ich mich selbst nicht mag.“

  Ahmeds Leben steckt in einer Sackgasse: Eine Trennung von der Freundin? Die Hölle. Über die Gefühle zu seiner verstorbenen Mutter sprechen? Unmöglich. Therapie? Kapitulation. So denkt er. Und konzentriert sich auf den Kampf, den er nicht gewinnen kann. Immer öfter erscheint Ahmed nicht zur Arbeit – stattdessen lauert er Tag und Nacht seiner Freundin auf. Er leistet seine Sozialstunden nicht mehr ab, kommt nicht zum Boxen, ist telefonisch kaum noch erreichbar. Treffen lehnt er ab: „Was nützt du mir schon?“ Ein letzter Besuch bei ihm: Ahmed liegt auf dem Bett, das sonst so aufgeräumte Zimmer ein Verhau, überall ungewaschene Kleider, schmutziges Geschirr. „Ihr Wichser habt mich verraten“, spuckt er mir voller Verachtung entgegen, während ich das Messer auf der Kommode im Blick behalte. Es tut weh. Nicht die Wörter. Sondern, dass es so sinnlos enden soll.

  War alles umsonst? Ahmed verlässt seine Wohnung, seine Lehrstelle, bricht alle Kontakte ab. Erst ein Jahr später erhalte ich ein Lebenszeichen, er ruft aus dem Büro seines Bewährungshelfers an. Er wolle reinen Tisch machen: „Ich musste erst ganz unten ankommen“, sagt er. Seine Freundin hat er aufgegeben, „aus Entkräftung“. Dafür versucht er sich mit Arbeit aufzurichten. Als Messevertreter für die Süddeutsche Zeitung nutzt er seinen Charme, um bis zu 100 Abos am Tag zu verkaufen. Danach macht er sich mit einer Autowaschanlage selbstständig, managt ein mittelständisches Unternehmen mit 70 Mitarbeitern. Ein sattes Monatseinkommen und sein Mercedes überzeugen ihn, „doch etwas wert zu sein“. Ahmed traut sich wieder. Er lernt eine neue Frau kennen. Auch mit seinem Ziehvater, seinem Onkel, redet er wieder.

  Fragt man Ahmed zwei Jahre später, wie er es geschafft hat, ein Leben ohne Gewalt zu führen, zögert er kurz: „Ich vermeide, die Wunde ständig wieder aufzureißen. Andere Menschen werden mir nie die Anerkennung geben können, nach der ich mich so sehne.“ Vielleicht sei das seine wichtigste Einsicht nach den vielen Jahren Betreuung: nicht so schnell zu reagieren. Den Feuerball erst mal im Bauch zu lassen. Nein, leicht falle ihm das nicht. Ahmed tippt auf seinem Smartphone herum, liest eine SMS vor, die ihm sein Onkel geschickt hatte: „Das klingt“, sagt er, „als ob ich und meine ganze Arbeit nichts wert wären.“ Immer wieder hatte er den Impuls, darauf aggressiv zu antworten, immer wieder legte er das Handy zur Seite. Früher hätte Ibo seinen Ziehvater nach so einer Mail verprügelt. Nun sagt er: „Ich entschied, gar nicht zu antworten.“ Am nächsten Tag habe ihn sein Onkel angerufen. Ahmed lacht. „Weißt du, was er gesagt hat? Ich solle die SMS vom Vortag nicht persönlich nehmen.“

JONATHAN FISCHER

SZ 28.5.2016

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