Altes Eisen und neue Musik: Auf «African Fabrics» spielt der Berliner Produzent Daniel Haaksman mit afrikanischen Klängen und Verfahren

Im Internet kursiert eine Fotostrecke eines jungen Namibiers vor seinem selbstgebauten Flugzeug. Der Ingenieur hat angeblich keinen Schulabschluss. Dennoch ist es ihm gelungen, eine Maschine mit fünf Passagierplätzen zu basteln – aus alten Autoteilen und nach Anleitungen aus dem Internet. Nun sammelt er imagesSpenden für Düsenmotoren. Wen kümmert es, dass das Gerät – halb Abenteuerspielplatz, halb Sci-Fi-Phantasie – bis jetzt nur ein paar Handbreit abzuheben vermag? Viel erstaunlicher ist der Optimismus hinter dem Vorhaben.

Das Rezyklieren vorgefundener Teile zu etwas Neuem ist typisch auch für digitale Pop-Musik aus Afrika. Westliche Technologie trifft dabei auf afrikanische Lust am Hybriden. Knirschen, Zirpen, verzerrtes Brummen – genau passt da gar nichts. Doch es ist gerade gut so. Denn wer übersättigt ist mit überproduzierter westlicher Klubmusik, dem pusten Bass-Musiken wie angolanischer Kuduro, Pandza aus Moçambique oder südafrikanischer Kwaito die Gehörgänge durch. Dass diese Musikstile zunehmend Liebhaber auch auf den Dancefloors des Nordens finden, ist ein paar weltoffenen Mix-Pionieren und Musik-Missionaren zu verdanken. Zu ihnen zählt in der ersten Reihe auch Daniel Haaksman. Gerade hat der Berliner DJ ,Techno-Produzent und Betreiber des Labels Man Recordings sein neues Album vorgelegt – und mit ihm die richtigen Fragen gestellt: Wie tickt das urbane Afrika im digitalen Zeitalter? Was bastelt die DJ-Jugend Afrikas an ihren Laptops? Und wie klingt der ständige Techno-Import-Export aus Berliner Perspektive?

Die Liebe zu den rauen Digital-Musiken der südlichen Hemisphäre überkam Haaksman zunächst in Brasilien. 2004 produzierte er «Rio Baile Funk: Favela Booty Beats». Mit Kollegen wie Diplo ebnete er den Lo-Fi-Electro-Hip-Hop-Klängen der Favelas den Weg in die hiesige Dancefloor-Avantgarde. Doch die Ghettos lärmen überall. Und ihre Rhythmen kommen in vielen lokalen Varianten. Bei einem DJ-Trip nach Angola entdeckte der Berliner die örtliche Techno-Variante Kuduro, weitere Reisen durch das lusophone Afrika spülten auch mosambikanischen und südafrikanischen Electro und Reggaeton in seine Plattenkoffer.

Da war es nur eine Frage der Zeit, bis er diese zu etwas Eigenem umformte. «Kultur bewegt sich immer in beide Richtungen», sagt Haaksman. Und wenn sein amerikanischer Produzenten-Kollege DJ Spooky von afrikanischer Kultur als Folie aller Open-Source-Technologien und Vorbote einer hypermultikulturellen Zukunft schwärmt, dann gehört «African Fabrics» zu den zwingenden Belegen. Haaksman stampft ganz nebenbei die Idee der Authentizität ein – und erst recht das überholte folkloristische Etikett Weltmusik. So wie die Afrikaner Electro, europäischen House und amerikanischen Trap mit lokalen Vokal-Stilen panschen, mischt er verwegen drauflos. Hauptsache der Kick stimmt. Hauptsache, der Remix bleibt im Fluss. Dabei nutzt er Samples und afrikanische Musiker nicht als Geschmacksverstärker, sondern baut seine Beats – bald im elastisch pumpenden Kwaito-Stil, bald gebrochen bis minimal – geschickt um die Vokalparts herum. Das Spektrum ist panafrikanisch: Der südafrikanische Rapper Spoek Mathambo wird zitiert, es tauchen Stimmen ugandischer und mosambikanischer Sänger auf, es klingeln kongolesische Soukous-Gitarren.

Und über allem rasselt der Kuduro: Mit der angolanischen Band Throes And the Shine wie auch dem Genre-Erfinder Tony Amado verbeugt sich Haaksman vor der Genialität des afrikanischen Do-it-yourself-Techno. «African Fabrics» ist Zukunftsmusik: Bald wird Afrika mit einer Bevölkerung mit einem Durchschnittsalter von 18 Jahren und einer rasenden Digitalisierung den globalen Pop neu buchstabieren.

JONATHAN FISCHER

NZZ 9.4.2016

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