FAHRSTUHL NACH BAMAKO: St.Germain veröffentlicht das erste Album seit 15 Jahren – und adaptiert die malische Musik vor der eigenen Haustür

imagesNichts langweilt schneller als das Hipstertum von gestern. Und wenn der französische Elektroproduzent Ludovic Navarre alias St. Germain Mitte der 90er Jahre noch als Stilgott des „French Touch“ gefeiert wurde, wirft nach eineinhalb Jahrzehnten Veröffentlichungspause und unzähligen Cappuccinos, Haarschnitten und Jeansladen-Einkäufen zu Downbeat-Hymnen wie „Rose Rouge“ ein neues St. Germain – Album doch eine gewisse Skepsis auf. Würde man das Teil gleich der nächsten Hotel-Lobby weiterreichen? Navarre, dessen in Gips ausgegossenes Konterfei in den Umrissen Afrikas das Cover schmückt, stand ja im Rückblick nicht nur für die supergeschmackvolle Adaption von Blues-, Soul- und Jazz-Samples in die elektronische Tanzmusik – sondern auch für einen Wildleder-Slipper-Hedonismus, der die House-Peitsche aus den Abbruchläden Detroits zu einer sexy Sound-Tapete für Rotweintrinker zurechtgeschmirgelt hatte. Eine Ästhetik, so abgestanden wie das Glas Wein vom Vortag.

Der Pariser Produzent weiß wohl selbst darum: Als er und seine Mitmusiker 2001 nach einer 260 Tage-Welttour ins Studio gingen, fanden sie nicht mehr zur alten Kreativität. „Wir wiederholten uns nur noch. Einen Teil zwei des Vorgänger-Albums einzuspielen, aber interessierte mich nicht“. Kommerziell gesehen eine Dummheit: St. Germains 1995er Debut-Album „Boulevard“, ein samtiger Downbeat-Teppich mit Rauchspuren alter Jazz- und Bluesaufnahmen, verkaufte sich über eine Million mal. Der Nachfolger „Tourist“ setzte noch eins drauf: Auf dem legendären Blue Note Label veröffentlicht, weichte er mit Hilfe vieler Gastmusiker die Grenzen zwischen live und digital auf und fand drei Millionen Käufer – auch damals schon Michael Jacksonsche Dimensionen. Mit Navarres ensthafter und eher grüblerischen Persönlichkeit ließ sich das kaum erklären. Eher mit seinem Rezept: Neben Pariser Produzentenkollegen wie Daft Punk, Etienne de Crecy oder Cassius hatte er in den 90er Jahren angefangen, schwarzer amerikanischer Musik den „French Touch“ zu verpassen. Sie eklektisch umzudichten. Diese Adaption fremder Kulturen prägt auch sein neues Album – nur dass Navarre sich für „St. Germain“ auf ungleich schwierigeres Terrain begibt. Zwar haben Produzenten wie Mark Ernestus, Batida oder Daniel Haaksmann Techno längst auf Afrika gereimt. Aber afrikanische Musik als bloßer Geschmacksverstärker?

Um es vorwegzunehmen: „St. Germain“ bleibt nicht bei der stilistischen Fingerübung stehen. Auf seinem dritten Album lässt der Pariser Elektronik-Tüftler den malischen Blues vielmehr seine unwiderstehliche Eigendynamik entfalten. Die Vorab-Single „Real Blues“ wie auch „How Dare“ bauen mit Gesangssamples von Lightnin‘ Hopkins und R. L. Burnside elegante Brücken – vom Mississippi zum Niger. Sollte die These von der Entstehung des Blues im Sahel zutreffen, dann untermauert sie Navarre mit malischen Klagegesängen, die wie Echos alter Robert Johnson-Schellacks aus dem Mix stechen. Nervöses Ambient-Gezischel treibt traditionelle malische Instrumente vor sich her. Klöppelnde Balafone, Kora-Harfen und eine aufreizend schräge Ngoni-Laute tanzen um Pariser Beats. Oder ist es doch umgekehrt? Auch wenn Navarre das Endprodukt am Mischpult verlötete: Die malischen Musiker haben seine Elektronik hörbar beeinflusst. Immer wieder wechseln die Instrumente zwischen rhythmischem Puls und manischen Ausbrüchen. Knotigen Blues-Clustern. Kurze wiederkehrende Gitarrenriffs stacheln Mitspieler und Vokalisten zu gegenläufigen Einwürfen an. Eine Dynamik, die malischerLoop-Logik schwer entgegenkommt. Dabei fand Navarre seine wichtigsten Mitspieler, wie den großartigen Gitarristen Guimba Kouyate, dessen erhitztes Ad-libbing wesentlich die Temperatur des Albums prägt, überraschenderweise vor Ort: In der malischen Community von Paris, wo zwischen Telefonläden und Trockenfisch-Märkten immer noch die traditionelle Musik aus der Heimat spielt.

Es war ein langer Weg vor die eigene Haustür. Zunächst hatte Navarre Nigeria und Ghana bereist. Doch Afrobeat schien ihm schon zu ausgewalzt. In Mali wurde er dann fündig: Hier hatte sich die Musik ihre jahrhundertealten Wurzeln bewahrt ohne im Mindesten gestrig zu klingen. In letzter Zeit waren bereits Robert Plant, Damon Albarn oder Howard Bilerman von Arcade Fire der Faszination des Archaischen erlegen, hatten mit den rauhen, pentatonischen Traditionen Malis experimentiert. Doch es musste Navarre kommen, um sie nach Clubland zu übersetzen. Die Schwellen zu schleifen. Man darf diese Leichtläufigkeit nicht mit Unter-Komplexität gleichsetzen. Das Argument würde auch Brian Enos Ambient-Alben disqualifizieren – und kaum erklären, warum „St. Germain“ so viel Zeit brauchte: Sechs Jahre für acht Tracks. „Ich grübelte lange über die Plausibilität meines Projekts“, sagt Navarre im Rückblick. „Denn so sehr ich die technischen Fähigkeiten der Malier schätzte, so sehr brachten sie mich aus dem Gleichgewicht. Sie zählen ihre Beats anders als wir. Und spielen doch viel organischer. Ich musste mich notgedrungen anpassen“. Am Ende entdeckte er die Rhythmen südafrikanischer House-Musik als ideale Ergänzung zu Kora, Ngoni und Balafon. Einen weiteren Glücksgriff macht er mit Jorge Bezerra. Der Perkussionist aus Rio und Ex-Sideman von Joe Zawinul untermalt malische Gesänge mit Regentropfen-beats, gibt den Samba zum Wüstenblues und bricht den Rhythmus immer rechtzeitig auf, bevor er ins Einförmige kippt.

Wird „St. Germain“ am Ende als logische Weiterschreibung von „Boulevard“ und „Tourist“ in die Geschichtsbücher eingehen? Als Urbarmachung afrikanischer Traditionen für ein Dinnerparty-Publikum? Zum Glück hat Navarre diesmal das Schmirgeln nicht zu weit getrieben. Dem Mali Blues ein paar Zähne gelassen. Möglich, dass er so manchen Hörer gar auf die Idee bringt, die famose Musik der in Bamako lebenden und auf „St. Germain“ gastierenden Gesangs-Diva Nahawa Doumbia auszuschecken. Viel wichtiger noch: Navarre, Sohn eines Innenarchitekten aus dem wohlhabenden Pariser Vorort St. Germain-en-Laye – daher sein Künstlername – nahm für sein Werk zum ersten mal Tuchfühlung mit der Migranten-Kultur in seiner urbanen Nachbarschaft auf, und führte nolens volens zwei Welten zusammen, die in Metropolen wie Paris oft mehr nebeneinander als miteinander existieren: Hier die Lounge-Clubs der heimischen Jeunesse Dorée, dort die Wohn-Quartiere afrikanischer Musiker, Händler und Schichtarbeiter. Beide haben hörbar zu diesem Album beigetragen: „Die Malier wussten nichts über elektronische Musik“, erzählt Navarre. „Ich dagegen kannte ihr Leben bisher nur aus den Medien“. Und schon sind wir mitten in der aktuellen Integrations-Diskussion.

JONATHAN FISCHER

SZ 23.10.2014 (in gekürzter Form)

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