Auferstanden aus Reimen – Deutsche Entwicklungshilfe, senegalesische Ideen: Zu Besuch bei der Hip-Hop-Akademie in Dakar

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Pikine, ein Viertel am östlichen Stadtrand von Dakar: Viele der Häuser hier sind unverputzte Ruinen, die Straßen voller Schlaglöcher, gesäumt von Eselskarren und Wellblechständen. Wenn der Senegal auch als Hoffnungsträger Westafrikas gilt, ein paar Kilometer weiter teure Restaurants, Boutiquen und Elektronikläden von nationalem Wirtschaftswachstum zeugen – in Pikine wohnen diejenigen, die mit Sonnenbrillen, Handtüchern und Plastikgeschirr an den Autofenstern der Reichen hausieren gehen. Viele von ihnen investieren ihr bisschen Profit irgendwann in einen Schlepper Richtung Europa.

  An einem weiß getünchten Betonkasten hängt die Reklametafel einer lokalen Radiostation. Dass hier auch die Hip-Hop-Akademie residiert, Afrikas einzige Einrichtung dieser Art, lässt sich höchstens an den Graffiti-verzierten Mauern erahnen. Schwere Beats klatschen durch den zweiten Stock. Zwischen Hip-Hop-Postern, Computertischen und Bücherregalen stehen Grüppchen von Studenten beieinander und diskutieren. Von Weitem betrachtet, könnte es fast eine Szene aus New York, London oder Paris sein: Dieselben Käppis, dieselben Apple-Computer, derselbe Hip-Hop-Handschlag. Nur der Blick auf die Müllbrachen vor den Fenstern ernüchtert.

„Wir haben zum Glück einige ausländische Sponsoren gewonnen“, sagt Amadou Fall Ba, der Manager der Hip-Hop-Akademie. „Aber unsere Idee, unser Konzept entstand hier in Pikine.“ Gerade sind – finanziert durch das Goethe-Institut – ein paar deutsche Hip-Hop-Kollegen zu Besuch. Der Münchner Produzent Sepalot demonstriert senegalesischen Jugendlichen, wie man Bass-Files druckvoller gestaltet, während die Rapper David P, Roger Rekless und Cajus mit lokalen Rappern einen Deutsch-Wolof-Freestyle improvisieren. Am Tag darauf werden sie ihn auf die Bühne von Festa 2H, dem größten Hip-Hop-Festival in Dakar, bringen. „Der senegalesische Hip-Hop“, begeistert sich David P, „stiftet vor allem eine politische Gemeinschaft. Bringt alle zusammen, die die Gesellschaft verändern wollen. Dieser Spirit ist uns in Deutschland leider abhandengekommen“.

Der Akademie-Manager Amadou Fall Ba, ein unaufgeregter junger Mann im Karohemd, schaut auf seine Armbanduhr: „Ich setze 40 Minuten für unser Interview an.“ „L’allemand“ nennen ihn die Studenten im Scherz: Wegen Amadous selbstloser Disziplin, aber auch weil er über ein Stipendium des Goethe-Instituts eine Ausbildung zum Kulturmanager in Deutschland absolviert hat. Resolut führt er durch die Klassenzimmer. Ein Multimedia-Raum mit Videoschnittplätzen. Ein professionelles Tonstudio. Eine Hip-Hop-Bibliothek. Auf einer Bühne im Innenhof stehen einige Jugendliche noch etwas unbeholfen vor zwei Plattenspielern und einem Mischpult. „Tschikki, tschikki, tschikk, kchchrr, tschikk . . .“ Der Grundkurs Scratchen.

  „Wir bilden Jugendliche aus, die sonst keine Chance hätten“, sagt Amadou, „damit sie als DJs leben können, als Tontechniker, Grafiker, Videofilmer.“ Professionalität sei oberstes Gebot – vom korrekten Finanzierungsantrag bis zum Studium der Hip-Hop-Geschichte. 80 Studenten sind derzeit eingeschrieben. Der Dachverband Africulturban, der auch Grundkurse in Event-Management anbietet, hat sogar 1200 Mitglieder. „Früher blieb dir in Pikine nur eine Wahl: Bauchladen-Händler oder Krimineller“, sagt Amkane. Der 27-jährige Akademie-Student lebte lange auf den Straßen des Viertels, kam wegen Drogenbesitzes ins Gefängnis und ging 2007 bei Africulturban in einen Kurs, der sich an Strafentlassene richtete. „Ich habe hier Lesen und Schreiben gelernt – und wie man Videos filmt. Vor allem aber wurde mir hier Hoffnung gegeben.“

  Amkane bekommt inzwischen Aufträge als Videoproduzent und kann davon leben. Damit ist er unter den Absolventen kein Einzelfall. Mehr als die Hälfte der 15 Millionen Senegalesen sind unter 18 Jahre alt. Die Arbeitslosigkeit beträgt je nach Berechnung zwischen 46 und 75 Prozent. Die Wirtschaft kann mit dem Bevölkerungszuwachs kaum Schritt halten. Da bedeutet Hip-Hop nicht nur die größte Jugendkultur, sondern auch: potenzielle Jobs.

  Im Direktorenzimmer tippt Matador auf seinem Laptop. Der drahtige Rapper mit dem tief ins Gesicht gezogenen Chicago-Bulls-Käppi ist einer der größten HipHop-Stars des Senegal. 2011 hat er zusammen mit Amadou Fall Ba die Hip-Hop-Akademie initiiert: „Unsere Studenten lernen, mithilfe der neuen Medien die Gemeinschaft zu mobilisieren. Denn wenn man über die Demokratie im Senegal redet, dann fängt sie mit dem Hip-Hop an.“ Matador erzählt das so selbstverständlich, wie ein Meteorologe die Regenzeit im Juli ankündigen würde. „Bis in die 90er-Jahre hatten wir hier kaum kritische Medien und kaum eine ernstzunehmende Opposition. Es waren die Rapper, die es als Erste gewagt haben, die Regierenden offen zu kritisieren. Wir waren die Ersten, die sich zur Demokratie bekannt und die Freiheit des Wortes verteidigt haben.“

  Matador spielt seinen neuesten Track vor. Eine Ansprache an den Präsidenten: „Du genießt die Macht, weil du nicht dein Wasser und deinen Strom zahlst. Du genießt die Macht, weil du nicht dein Telefon, deine Villa und deinen Chauffeur zahlst. Du nimmst dir Urlaub und reist in fremde Länder. Aber wer bezahlt dir den Luxus? Wir!“ Die Bevölkerung, sagt Matador, traue den Politikern nicht mehr. Wer hören will, was die Leute auf der Straße denken, müsse den Hip-Hoppern folgen.

  Bereits seit den 90er-Jahren gelten die senegalesischen Rapper als Vorreiter des politischen Hip-Hop in Afrika. Ihre Konzerte in den Vierteln gleichen wilden Wahlversammlungen. Ihre Beats und Parolen haben die Kraft, Regierungen zu stürzen. Zum Beispiel lag es vor allem an der jungen, mit Hip-Hop sozialisierten Generation von Erstwählern, dass bei den Wahlen im Jahr 2000 das 30 Jahre alte sozialistische System weggefegt wurde. Und Rapper initiierten auch die sogenannte „Zweite Revolution“: Das Hip-Hop-Trio Keur-Gui schloss sich im Januar 2011 mit drei Journalisten zu einer Bürgerinitiative zusammen: Y’en a Marre. Zu Deutsch: Uns reicht’s. Es ging gegen die korrupte Bürokratie, die ständigen Stromausfälle, die unzureichenden Schulen. Andererseits forderte man aber auch mehr Engagement der Bürger. Die Parole vom selbstverantwortlichen Bürger machte die Runde: „nouveau type senegalais“, kurz: NTS.

  Als Präsident Abdoulaye Wade ein Jahr später eine verfassungswidrige dritte Kandidatur anstrebte, protestierte Y’en a Marre und mobilisierte Senegals Jugend zur Wahl. Mit Erfolg: Der Wechsel zum jungen Amtsnachfolger Macky Sall ging relativ demokratisch über die Bühne, wenn auch begleitet von sechs Toten und Hunderten verletzten Demonstranten. Doch mit dem neuen Präsidenten, sagt Matador, sei der Auftrag von Y’en a Marre und Hip-Hop nicht beendet: „Macky Sall suchte die Macht. Wir aber kämpfen für Gerechtigkeit und Gleichheit. Deshalb müssen wir uns Unterstützung im Ausland suchen.“ Eine Bronzetafel vor seinem Büro weist auf die US-Botschaft als einen der Geldgeber hin. Deutsche und französische Partner sollen nun die Erweiterung der Akademie ermöglichen – den Sozialbrennpunkt Pikine zu einem Vorreiter der neuen Medien in Westafrika machen.

  Matador selbst stammt, wie viele seiner Studenten, aus dem Viertel. Die offizielle Arbeitslosenstatistik gilt als gnadenlose Schönfärberei, doch auf einen anderen Rekord ist man stolz: 2000 der rund 3000 senegalesischen Rap-Bands stammen von hier. Damit brüstet sich sogar der Bürgermeister des Zwei-Millionen-Vororts. „Wenn andere Städte ihre Identität über ihre Jazzfestivals beziehen, dann wollen wir Pikine zu einem weltweiten Wahrzeichen des Hip-Hop machen.“ Das klingt großspurig – doch Bürgermeister Abdoulaye Thimbo ist der Onkel des aktuellen Präsidenten und hat beste Kontakte nach ganz oben. Und: Er weiß genau, dass er ohne die HipHop-Jugend keine Wahl gewinnen kann.

  Im Bürgermeisterbüro sitzen Matador und der Münchner Kulturmanager Dietmar Lupfer. Bürgermeister Thimbo hat ihnen soeben ein Grundstück für das neue Kulturzentrum in Aussicht gestellt. Ab 2017 soll hier – mit deutscher Entwicklungshilfe – Kunst entstehen. Nicht so eurozentrisch selbstbezogen wie in Schlingensiefs Operndorf in Burkina Faso. Sondern von den Senegalesen selbst geplant. Und, das betont Lupfer immer wieder, verbunden mit einer soliden IT-Ausbildung. „Wir wollen Kultur und Wirtschaft gleichermaßen anschieben. Denn egal, welche Kunst dabei herauskommt: Am Ende bleiben ein paar gut ausgebildete Webdesigner.“ Matador ballt seine Faust zum Zeichen des Einverständnisses: „On est ensemble“ – „Wir sind zusammen“. Er glaubt, das Zentrum werde einen Bewusstseinswandel beschleunigen. „Du musst nicht nach Europa gehen, um dein Glück zu suchen.“ Fast alle Studenten der Hip-Hop-Akademie folgten schon Einladungen zu Austauschprogrammen in den Westen. Alle sind zurückgekommen. „Wir haben uns entschlossen, zu bleiben. Weil uns niemand anders retten kann als wir selbst!“

JONATHAN FISCHER

SZ 24.6.2015

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