Es ist nicht weit von Lagos nach New Orleans: Sagt ein Pass etwas darüber aus, wo die Heimat ist? Der nigerianisch-amerikanische Schriftsteller Teju Cole über Afrika, Brooklyn und Hip-Hop

TejuSein Roman „Open City“ machte Teju Cole 2011 schlagartig berühmt. Mittlerweile ist auch das ursprünglich nur in Nigeria publizierte literarische Debüt „Jeder Tag gehört dem Dieb“ des 39-jährigen nigerianisch-amerikanischen Autors bei uns erhältlich. Darin kehrt der Ich-Erzähler aus den USA in seine Heimatstadt Lagos zurück. Es ist auch der Versuch Coles, seine Biografie aufzuarbeiten: Kurz nach seiner Geburt in Amerika ging er mit seinen Eltern zurück nach Nigeria. Mit 17 Jahren nutzte Cole seine amerikanische Staatsbürgerschaft, um im Westen Medizin und Kunstgeschichte zu studieren. Heute lebt er als Schriftsteller und Journalist in New York.

SZ: In „Jeder Tag gehört dem Dieb“ zeigen Sie das Leben in Lagos als verstörend-gewalttätige Tragödie. Wie haben die Bewohner Ihrer Heimatstadt darauf reagiert?

Teju Cole: Nur westliche Leser finden das Buch tragisch. Nigerianer finden es eher lustig. Sie kennen alltägliche Szenen, wie sich etwa zwei Polizisten um das Bestechungsgeld streiten, natürlich – aber nun hat es zum ersten Mal jemand in einem Buch festgehalten. Und das macht es komisch. Aus demselben Grund lieben Nigerianer Horrorfilme, diese krass überzeichneten Hexer-Dramen, die seit den 90er-Jahren zu einer Groß-Industrie angewachsen sind. Seine eigene absurde Welt gespiegelt zu bekommen, kann stresslösend wirken.

Wie gehen Sie mit dem Stress um?

Als ich noch in Lagos lebte, haben wir uns vor allem durch Tanzen abreagiert. Mit Songs, die mehr als 30 Minuten dauern, oder manchmal sogar zwei Stunden. Exzessive Feiern und exzessive Gottesdienstbesuche – das sind die Medikamente der meisten Nigerianer. Meine Medizin allerdings ist es, zu schreiben. Ich nehme gerade ein Sachbuch über Lagos in Angriff.

Sie leben seit 20 Jahren in Brooklyn. Bezeichnen Sie Nigeria dennoch als Ihre Heimat?

Die Yoruba-Sprache erdet mich. Sie ist mein Anker in der Welt. Aber dann fühle ich dieselbe emotionale Wärme, wenn ich hier in Deutschland einen Buchladen betrete. Wenn ich eine Sportsbar in Brooklyn besuche und Stevie Wonder aus den Lautsprechern tönt. Wenn bei einer Demonstration gegen Polizeigewalt der tiefe, weltumspannende Humanismus der afroamerikanischen Soulkultur aufscheint. Verwandtschaft und Zugehörigkeit: Das hat nichts mit meinem amerikanischen und nigerianischen Pass zu tun. Sondern mit einer Umgebung, die dasselbe Kulturverständnis, dieselben humanistischen Ideen teilt.

Sie werden trotzdem gerne als „junger afrikanischer Autor“ vorgestellt. Was ist afrikanisch an Ihnen?

Wir haben leider noch zu oft das Klischee, dass sich afrikanische Authentizität eher in Baströckchen als in Smartphones findet. Aber die afrikanischen digitalen Eingeborenen werden uns bald allein zahlenmäßig überrunden. Und Brooklyn wächst gerade zu einer der interessantesten afrikanischen Städte heran . . .

Sie meinen Brooklyn, New York?

Ja, und das liegt an einigen der Webseiten aus Brooklyn, wie etwa meinen Lieblings- Blogs „Africaisacountry“ und „Okayafrica“. Sie sind die wichtigsten Versammlungsplätze für die afrikanische Diaspora. Wer afrikanische Kultur heute verstehen will, sollte dort mal reinschauen.

Verstehen Sie sich als „Afropolitan“, als Teil der jungen urbanen Kulturschaffenden, die Taiye Selasi so taufte?

Nennen Sie mich lieber einen Panafrikanisten, das ist politischer. Es gibt eine marxistische Kritik an dem Begriff Afropolitan: Dass in der Regel nur reiche und gebildete Menschen in diese Klasse fallen. Da ist etwas dran. Dennoch mag ich die Gesellschaft anderer sogenannter Afropolitans: Uns verbindet das ständige Ringen um Zugehörigkeit.

Kann die weltläufige afrikanische Diaspora den schwarzen Kontinent vor Tribalismus und korrupten Clans retten?

Mich stört das Wort „retten“. Müssen Deutschland oder Italien vor ihren Problemen gerettet werden? Weil ich mich um Nigeria sorge, kämpfe ich für mehr Gerechtigkeit, für mehr Inklusion. Und ich sehe das positive Potenzial dort.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Der Ebola-Ausbruch war eine der größten Bedrohungen für mein Land. Und er rief sofort den weißen Retter-Komplex auf den Plan: Wie können wir diese hilflosen Afrikaner retten? Als die Seuche Lagos, eine der größten Städte der Welt, erreichte, prophezeiten manche ein absolutes Desaster. Aber es wurde kein Desaster. Es ist schlimm, dass elf Menschen starben, aber es waren keine Hunderte oder gar Tausende. Warum? Das hatte zum Großteil mit dem Engagement der Bürger zu tun. Ein Blogger lud eine Seite namens Ebolafacts hoch, verbreitete sie über Twitter, und weil die meisten jungen Nigerianer dieses Netzwerk teilen, wusste am Ende jeder in Lagos, was zu tun war. Niemand hat von außen geholfen. Nein, Afrikaner, die in Afrika leben, aber international denken, bleiben die Schlüsselfiguren für eine Veränderung.

Die großen Helden der Selbstbefreiung Afrikas – Kwame Nkrumah, Thomas Sankara oder Fela Kuti – sind Vergangenheit. Sehen Sie ähnlich charismatische Führungsfiguren in der Gegenwart?

Oh doch, es gibt sie. Typen wie Sankara hatten ja auch etwas Gewalttätiges an sich. Heute glauben wir nicht mehr an die Macht von Putschen. Und das ist gut so. Dafür zählen Literaten wie Binyavanga Wainaina und Chimamanda Adichie oder der kenianische Fotojournalist und Polit-Aktivist Boniface Mwangi zu unseren neuen Anführern. Und auch der nigerianische Bürger, dessen Website „Buharimeter“ die Amtsführung unseres neuen Präsidenten verfolgt und alle seine Wahlversprechen akribisch auflistet. Diese Aktivisten sind keine großen Helden. Aber sie sind Teil eines demokratischen Wandels.

Nigeria ist derzeit vor allem wegen der Gräueltaten von Boko Haram in den Schlagzeilen. Haben Sie rationale Erklärungen für das Chaos in Ihrer Heimat?

Nein, wirklich erklären kann ich mir das nicht. Zwar ist Nigerias Politikerklasse – ob Regierungs- oder Oppositionspartei – höchst korrupt und stellt so etwas wie einen geschlossenen Zirkel dar. Aber auch andere afrikanische Länder haben ähnliche Probleme, und finden doch zu mehr Normalität als meine Heimat.

Sie schreiben in Ihren Büchern viel über Brahms, Mahler, deutsche Klassik, aber so gut wie nie über nigerianische Musik. Spiegelt das Ihre eigenen Vorlieben?

Nun, das ist Julius in „Open City“ – ich wollte dadurch die innere Verbindung zu seiner deutschen Großmutter verdeutlichen. Ich selbst höre jede Menge nigerianische Musik und besuche auch in New York am liebsten afrikanische Clubs. Kennen Sie den neuen nigerianischen Hip-Hop? Wizkid, Davido, D’Banj – von diesem Stoff bekomme ich nicht genug.

Warum bringen Sie das nicht in Ihre Literatur ein?

Ich lasse das ganz bewusst aus – um Abstand zwischen mir und meinen Figuren herzustellen. Tatsächlich kenne ich mich mit Musik besser aus als mit Literatur. Ich höre nicht nur Gustav Mahler und John Coltrane – sondern auch nigerianischen Highlife, kenianischen Pop, Chimurenga aus Simbabwe, Mos Def und Kanye West. Ihm habe ich sogar einen kurzen Text gewidmet, „Dreezus“, eine Zusammenschau von Kanye West und Albrecht Dürer.

Sie ziehen gerne große Bögen, auch psycho-geografische. In „Jeder Tag gehört dem Dieb“ assoziieren Sie die Sklavenverschiffung in Lagos mit New Orleans, wo es um 1850 rund 25 Sklavenmärkte gab.

Ich sehe viele Gemeinsamkeiten zwischen den Häfen am Rande des Atlantiks, also Dakar, Lagos, Rio, Havanna, New Orleans, am Rande auch New York und Liverpool. Die Black Atlantic Cities sind mit ihrem Zirkel gegenseitiger Einflüsse fast so etwas wie eine eigene Nation. Kubanische Musik hat Nigerias Pop geformt. Die nigerianische Küche wiederum hat sich in New Orleans niedergeschlagen. Als ich den Mississippi-Hafen besuchte, fühlte ich mich wie in einer afrikanischen Stadt. Auch wegen dieser großartigen Partys für die Verstorbenen . . .

Sie meinen das feierliche Verschütten von Bier auf den Gräbern, die Brassbands, die beim Verlassen des Friedhofs die Tänzer anfeuern, den Zug durch die Lieblingskneipen des Verstorbenen . . .

All das verbindet die Stadt mit unserer Yoruba-Kultur. Die Rhythmen, die Blue Notes. Die Menschlichkeit. Ich kenne nur zwei Orte, wo Begräbnisse so überschwänglich gefeiert werden: Westafrika und New Orleans. Da liegt Dankbarkeit dahinter: Für alles, was ist. Genauso gut könnte doch auch nichts sein. Die Menschheit muss lernen, das Gute zu feiern. Im Westen wird immer alles zur Tragödie erklärt – egal ob jemand mit 25 an einer Drogenüberdosis oder mit 80 Jahren friedvoll im Kreis seiner Familie verstirbt.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.