Zärtliches Glühen: Der Soul-Sänger Ben E. King, dessen großer Song „Stand By Me“ einer der meistgespielten des 20. Jahrhunderts ist, ist im Alter von 76 Jahren gestorben

Mr. „Stand By Me“ ist tot. Oft wird die Karriere des Soulsängers Ben E. King auf diesen einen großen Hit verkürzt. Und vergessen, dass Ben E. King allen seinen Songs eine Qualität verlieh, die im Soul selten geworden ist: ein zärtliches Glühen in der Stimme. Und Texte die sich nicht scheuen, die eigene Leidenschaft mit persönlicher Verantwortung und Selbstzweifel zu paaren.

King war das Gegenmodell zum schwarzen Macho à la James Brown. Kings Romantik spricht für einen oft übersehenen Teil der schwarzen männlichen Psyche. Das ist die liebeswunde Verletzlichkeit. Heute gehört „Stand By Me“ zu diesen unsterblichen, mit erster Liebe, Engtanz und Teenager-Romantik verbundenen Soulnummern. Auf jedem Nostalgie-Sender wird der Song rauf und runter gespielt; er wurde von vielen gecovert – von Lennon bis Spyder Turner; in neun Versionen erstürmte er die Charts immer wieder aufs Neue – und sowohl im amerikanischen Radio als auch im Fernsehen gehört er zu den vier meistgespielten Songs des 20. Jahrhunderts.

Das ist eine großartige Revanche des Schicksals. Denn Benjamin Earl Nelson hatte seine einstige Band, die Drifters, verlassen, nachdem der Band trotz des von King mitverfassten nationalen Nummer-Zwei-Hits „There Goes My Baby“ von ihrem Manager nur Hungerlöhne ausgezahlt wurden. Ahmet Ertegun, der Boss von Atlantic Records aber ahnte, was dieser Mann mit seiner Stimme wert war: Er spannte ihn mit dem jüdischen Songwriter-Gespann Leiber-Stoller zusammen. „Stand By Me“ war ihre zweite Kooperation. King, der zuvor mit „Spanish Harlem“ punktete und in den 70ern noch einige Alben für Atlantic Records einspielte, wurde seither zum Markenzeichen. Am Donnerstag ist der Soulmann, 76 Jahre alt, gestorben.

JONATHAN FISCHER

SZ 1.5.2015

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.