Größe und Selbstzweifel – Kendrick Lamars HipHop-Manifest „To Pimp A Butterfly“

Die letzten Jahrzehnte urbaner schwarzer Musik erschienen wie ein langer Werbespot für Luxusgüter, Klubnächte und einen dazugehörigen Lebensstil als «Baller». Ferguson hat hier eine Zäsur gesetzt. Seit die Nachrichten fast wöchentlich von brutaler Polizeigewalt gegen Afroamerikaner berichten, schwappt eine vergessen geglaubte schwarze Wut in den Pop zurück. Die amerikanische Apartheid und der schwelende Rassismus erweisen sich plötzlich wieder als künstlerischer Treibstoff einer jungen Generation von Afroamerikanern. Kendrick Lamar beeindruckt nun mit dem Hip-Hop-Manifest «To Pimp A Butterfly». Schon das Cover erzählt eine Geschichte: Lamar hält ein Kind auf dem Arm, während eine Gang junger schwarzer Männer – die Sorte «Hood-Jungs», die sonst am Rand der Gesellschaft zu finden sind – sich auf dem Rasen vor dem Weissen Haus lümmelt. Zwar bleibt Lamars Herkunft aus Compton wie auf dem Vorgängeralbum «good kid, m.A.A.d city» ein Referenzpunkt. Doch der Rapper zieht diesmal mehr Register: Er schaut sich die eigene Zerrissenheit an. Und sieht darin die Zerrissenheit Amerikas. In verschiedenen Rollen und Stimmen inszeniert er die Misere Amerikas als Gangkrieg zwischen «Democrips» und «Rebloodicans», klagt er Macho-Politik und die Gewalt zwischen Schwarzen an. Mit «Kinta Kunte» macht er einen schwarzen Sklaven, der sich ein Bein abschnitt, um die Freiheit zu gewinnen, zur Metapher für das von Schwarzen immer noch verlangte Opfer. Mittendrin aber bleibt Kendrick Lamar mit seinen Selbstzweifeln sichtbar. Nein, seine Welt ist grösser als nur Wut. Er spricht in vielen Stimmen. Schlüpft in verschiedene Rollen. Bald erinnern seine technisch wahnwitzigen Raps an die Selbstreflexion eines Gil Scott-Heron, bald an die Verletzlichkeit eines Curtis Mayfield. Auch die Musik – ein gewagter Wurf: Einerseits haben Rap-Ahnen wie Dr. Dre und Snoop Dogg Auftritte; Tupac Shakur gibt auf «Mortal Man» postum ein Interview. Und dann klingt zwischen Neo-Soul, Funk und grossartig pumpenden Basslinien immer wieder, ja, Jazz an. Schräge Bläsereinwürfe à la Sun Ra. Flying Lotus‘ abstrakte Beats. Ätherische Stimmen aus dem Off. «To Pimp A Butterfly» macht Hip-Hop wieder relevant, als künstlerische wie politische Plattform. «You hate me, don’t you?», fragt Lamar in «The Blacker The Berry». Ja, grosse Hip-Hop-Kunst ist kein Ort zum blossen Wohlfühlen.

JONATHAN FISCHER

NZZ 27.3.2015images

 

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