Stil kann eine Form des Widerstands sein – Von der Frisur zur Handy-App: Das Vitra Design Museum zeigt in „Making Africa“ eine selbstbewusste, lösungsorientierte afrikanische Designer-Kultur

hh03„C-Stunners“, so hat der Kenianer Cyrus Kabira seine überdimensionalen Brillen genannt. Sie erinnern einerseits an bekannte afrofuturistische Konzepte, sind in der gewagten Verlötung von Drahtstücken, Flaschenringen, Gepäckträgern aber doch erfrischend weit weg von Sachlichkeit, Nützlichkeit, von der ganzen westlichen Design-Glätte. Ob man durch so eine Sehhilfe eine afrikanische Perspektive erhaschen kann?

Nicht zufällig prangt so eine C-Stunners-Brille auf dem Plakat von „Making Africa – A Continent of Comtemporary Design“, einer im besten Sinne bewusstseinserweiternden Ausstellung des Vitra Design Museums in Weil am Rhein. „Die Zukunft eines Landes“, hat der kongolesische Schriftsteller Muepu Muamba einmal deklariert, „liegt in der Fähigkeit seiner Bewohner, sich eine Utopie zu erfinden, die diese Zukunft tragen kann.“

Wer Afrika immer noch über den korrupten Diktator, den edlen Wilden oder das hungrigen Kind definiert, der verpasst einen Kontinent im Wandel. Einem Wandel, den afrikanische Designer mitformen – kulturell, sozial und politisch. „Was kann Design mehr als einen Stuhl herzustellen?“, fragt die Kuratorin Amelie Klein. Und erinnert daran, dass auch Le Corbusier, das Bauhaus oder die Futuristen nicht nur Stahlrohrstühle, sondern eine neue Gesellschaft entwerfen wollten. Entsprechend weitläufig präsentiert „Making Africa“ insgesamt 120 Designpositionen: von Hip-Hop-Filmen aus Ghana bis zu nigerianischen Computerspielen, von der Demokratie-Bewegung im Senegal bis zu Handy-kompatiblen Banksystemen aus Kenia.

Dieser neue Blick auf Afrika präsentiert ein global vernetztes Experimentierfeld, von dem Lösungen für weltweite Probleme ausgehen. Gerade die Interdisziplinarität, sagt Klein, entspringe einem traditionellen Kulturverständnis, in dem etwa die Rollen von Maskenmachern, Tänzern und Regisseuren praktisch zusammenfielen. „Die Afrikaner designen nicht nur Gegenstände, sondern ganze soziale Systeme. Und hier sind sie uns Europäern in mancher Weise sogar voraus – von der spielerischen Verfremdung von Technik bis zur sogenannten ,Digital Literacy‘“.

Immerhin zählten 2014 bereits gut ein Drittel der Afrikaner zur Mittelklasse, verzeichnet die Wirtschaft des Kontinents überdurchschnittliche Wachstumsraten. Klein bereiste zwei Jahre lang afrikanische Metropolen, veranstaltete Thinktanks und führte Interviews mit über 70 Designern, Künstlern und Wissenschaftlern, um am Ende festzustellen, dass es „das eine afrikanische Design“ nicht gibt, aber unzählige individuelle Positionen.

„Wenn wir über Design und Afrika reden,“ sagt Okwui Enwezor, der die Ausstellung beratend begleitet, „müssen wir die Vergangenheit hinter uns lassen, denn dieses Begriffspaar war zumeist auf Kunsthandwerk beschränkt“. Er erinnert daran, dass „eine Milliarde Menschen in Afrika lebt, die diese ideenreichen konzeptionellen Rahmenbedingungen jeden Tag auf sehr komplexe und innovative Weise mitgestalten.“ Das demonstrieren etwa Mario Macilaus Portraits gut gekleideter junger Männer. Geht es um Mode? Ja auch. Vor allem aber scheint hier ein ganz neues Selbstbewusstsein auf. Eine historische Selbstreferenz. Deutlich zitiert Macilau die Fotografien von Seydou Keita und Malick Sidibe aus den Sechzigerjahren, in denen sich afrikanische Jugendliche als Teil einer globalen Jugendkultur feierten.

Heute weht ein ganz ähnlicher Aufbruchsgeist durch die Großstädte Afrikas, ein seit vierzig Jahren nicht mehr gekannter Zukunfts-Enthusiasmus. „Wir sind die erste Generation, die sich über das Partymachen definiert“, behauptet der kenianische Schriftsteller Billy Kahora. Schützenhilfe leisten ihm nicht nur die grellen Modedesigns, die wie bei Buki Akib traditionelle nigerianische Web- und Stricktechniken in einen gefühlten Hip-Hop-Kontext stellen, sondern auch 24 urban-afrikanische Versionen von Pharell Williams Welthit „Happy“. Sie lassen unser Bild vom ewig darbenden Afrikaner verblassen.

Wieweit darf man überhaupt europäische Ideale auf afrikanische Realitäten anwenden? In Afrika blüht eine Macher- und Hacker-Kultur. Gerade die Flexibilität afrikanischer Designer, ihre an informellen Strukturen wie dem Minibus-Netz afrikanischer Großstädte geschulte Denkweise nimmt schon jetzt viele der Herausforderungen an, mit denen in Zukunft auch der Rest der Welt konfrontiert sein wird.

Die digitale Grenzenlosigkeit eröffnet Afrika hier riesige Chancen. 650 Millionen Mobiltelefone sind auf dem Kontinent registriert – mehr als in Europa oder den Vereinigten Staaten. Darauf läuft auch Software im Dienste der Gemeinschaft – etwa die „Harass Map“ aus Kairo, eine per Crowd-Sourcing aktualisierte Karte, die Übergriffe gegen Frauen verzeichnet und als Grundlage für Aufklärungsaktionen dient. Oder M-Pesa. Diese simpel zu handhabende Handy-App aus Nairobi ermöglicht den mobilen Geldtransfer ganz ohne Bank. Über sie wird bereits ein Viertel des kenianischen Bruttosozialprodukts abgewickelt, andere Länder wie Pakistan oder Rumänien haben die afrikanische Erfindung bereits übernommen.

Bastardisierung, Bricolage, Informalität – man braucht solche Begriffe nicht mehr mit Armut assoziieren, kann sie umdeuten zur Triebfeder von Produktivität. So dokumentiert die Fotografin Joana Choumalis in Zusammenarbeit mit Designern von der Elfenbeinküste den Herstellungsprozess von Schaufensterpuppen, deren Gesichter zwar europäisch anmuten, die aber in Hüftumfang und Taille afrikanischen Schönheitsidealen entsprechen. Und kenianische Künstler zeigen eine metaphorische Metallskulptur: Ein großes glänzendes Zahnrad stellt die formelle Stadt dar, ein kleines rostiges aber sorgt für den Antrieb – die informelle Stadt, die Kleinunternehmer-Kultur, die siebzig Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung erbringt.

Kein Wunder, wenn der südafrikanische Forscher Mugendi M’Rithaa Design als Gemeinschaftsprozess propagiert, der keine Experten-Lösungen für Probleme bietet, sondern ein „in der Gemeinschaft vorhandenes, noch stillschweigendes Wissen“ sprechen lässt. Allgemein zugängliche Open-Source-Designs und 3-D-Drucker würden hier interessante Räume eröffnen: „Statt mit Containerschiffen Dinge aus China zu importieren, können wir sie mitgestalten und dann online dorthin schicken, wo sie gemacht werden“.

Marshall McLuhan hatte bereits in den 70er-Jahren eine Zukunft vorausgesagt, in der alle ihr Wissen miteinander teilen. Er nannte sie „New Africa“. Betrachtet man mit dem New Yorker Künstler-Philosoph Paul D. Miller alias DJ Spooky den Remix, also das „immer neue Zusammensetzen von Vorgefundenem“ als essenziell „afrikanische“ Kulturtechnik, dann müssen wir uns – vom Pop bis zur fortwährend modifizierten Handy-Software – fragen, ob wir nicht längst beim schwarzen Kontinent in die Schule gehen.

„Making Africa“ zeigt eine neue Generation von Afrikanern. Sie haben die postkolonialen Minderwertigkeitskomplexe abgelegt, und finden – analog wie digital – eigene Ausdrucksformen. Da greift das Wort „Recycling“ nicht mehr, wenn der Künstler El-Anutis aus Flaschenverschlüssen Teppiche knüpft, die auf dem Kunstmarkt bis zu einer Million Dollar erzielen. Und da haben die Bilder kongolesischer „Sapeurs“, die wie Salon-Adelige in Slum-Hinterhöfen posieren, eine ganz eigene Würde. Stil kann eben auch eine Form des Widerstands sein. Ein trotziger Beweis, dass man sich nicht mit dem begnügt, was einem die Umstände zugestehen. „In den Köpfen der klugen und scharfsinnigen Afrikaner von heute“, erklärt Ko-Kuratorin Koyo Kouoh, „ist die Zukunft zwar noch unsicher, aber definitiv afrikanisch.“

„Making Africa“, Vitra Design Museum, Weil am Rhein, bis 13. September.

JONATHAN FISCHER

SZ 17.3.2015

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