Gottes Quittung – Wie werden aus Muslimen Islamisten? Wie konnten in Afrika zwei der gefährlichsten Terrormilizen der Welt Fuß fassen: Boko Haram und al-Schabaab? Eine Spurensuche

Drei Wochen bevor Islamisten letzten Samstag fünf Menschen in der Bar „La Terrasse“ in Bamako erschießen , der Hauptstadt Malis, dient die Ausgehmeile der Rue Princesse noch als Beispiel für friedliche Koexistenz. „Hören Sie“, sagt Souleymane Traoré, ein Sufi-Scheich, während er an einer Cola nippt, „wie die verschiedenen Melodien miteinander tanzen?“ Ein Lächeln erhellt sein von Rasta-Zotteln und einem roten Turban gerahmtes Gesicht. Salsaklänge mischen sich mit Reggae-Bässen, den Rufen des Muezzins und jahrhundertealten Kalebassen-Rhythmen, die aus den Transistorradios der Händler plärren.

„Gott selbst hat die Vielfalt geschaffen“, sagt der Scheich. Er stammt aus Timbuktu in Zentralmali, der Wiege des Islam in Zentralafrika. Er ist nach Bamako gereist, um neue PR-Strategien zu entwickeln, denn lange galten die traditionellen Sufi-Brüderschaften als politik- und medienscheu. Doch nun erhält ihr toleranter Islam in ganz Westafrika Konkurrenz von radikaleren importierten Strömungen: Islamisten, die die Sufis als Ungläubige bezeichnen, ihre Bilder, Heiligengräber und alten Manuskripte als „Fetische“ diskreditieren – oder wie zuletzt in Nordmali gar zerstören .

„Kann Gott so etwas anordnen?“, fragt Scheich Traoré. „Nein, denn der Gott Moses‘ und Jesus‘ und Mohammeds ist ein Gott, der uns Mitgefühl und Gemeinschaft lehrt, nicht die Zerstörung.“

Ansar el-Dine ist eine der größten islamischen Organisationen Westafrikas

Ähnliche Sätze formuliert eine markante Bass-Stimme, die überall in Mali aus Marktständen und Minibussen dröhnt: Sie gehört Scheich Haidara, Anführer von Ansar el-Dine, einer der größten islamischen Organisationen Westafrikas. Zwischen den Lehmbauten des Einwandererviertels Bankoni erhebt sich Haidaras Moschee wie eine Fata Morgana aus Glas und grünen Kacheln.

Der Prediger empfängt die Besucher in weißer Kutte, barfuß, mit freundlich-bestimmtem Händedruck. „Unsere Organisation“, sagt Scheich Haidara, „finanziert sich ausschließlich über die Mitgliedsbeiträge unserer Anhänger. Ohne Spenden aus Saudi-Arabien oder Katar.“ Eine Spitze gegen die Wahhabiten.

Der Selfmade-Man bekennt sich wie die Mehrheit der Malier zum Sufismus, der asketischen, mystischen Strömung im Islam, die er die „Mutter aller Religionen“ nennt: „Warum brauchen wir die Araber? Ich praktiziere meine afrikanischen Sitten, meine Kultur, solange der Koran das nicht ausdrücklich verbietet. Wir Muslime, Animisten, Christen leben schon lange friedlich in diesem Land zusammen.“

Er selbst predige die Scharia. Aber das bedeute nicht, Dieben und Verbrechern Hände und Füße abzuhacken. „Ein wirklicher Muslim versucht, den anderen erst einmal zu verstehen“. Jedes Mitglied von Ansar el-Dine muss ein moralisches Gelübde ablegen, Ehebruch, Diebstahl und Korruption abschwören. Haidaras Organisation soll allein in Mali über eine Million Anhänger zählen und noch einmal so viele in den Nachbarländern.

Haidara gründete die Bewegung als Gegenbewegung zu den Wahhabiten

Bereits in den Achtzigerjahren verhängte die Militärdiktatur ein Predigtverbot gegen Haidara – wegen seiner unverblümten Kritik an der Korruption und der ungerechten Verteilung des Wohlstands im Land. In der Folge gründete er Ansar el-Dine. Auch als Gegenbewegung zu den mit Arabien bestens vernetzten Wahhabiten, die in den Fünfzigerjahren begonnen hatten, Fuß zu fassen. Momentan stellen sie geschätzte 15 Prozent der malischen Bevölkerung. Dennoch sieht man sie immer häufiger: die bis auf Sehschlitze schwarz verschleierten Frauen. Die bärtigen Männer mit den abgeschnittenen Hosen.

Ihre Führungsfigur ist Mahmoud Dicko, ein in Saudi-Arabien ausgebildeter Imam, der gerade als Präsident des Hohen Islamischen Rates von Mali wiedergewählt wurde. Die Wahhabiten erhielten von der laizistischen Regierung in den Siebzigerjahren gar eigene Predigtsendungen im Staatsradio eingeräumt. Saudi-Arabien leistete im Gegenzug großzügig Entwicklungshilfe.

In einer einstöckigen türkisgrünen Villa empfängt der Imam in einem abgedunkelten Büro. „Sind Sie Muslim?“ fragt Dicko. „Warum interessieren Sie sich dann für den Islam?“ Er gibt sich keine Mühe, seine Feindseligkeit zu verbergen. Fragen beantwortet er mit Gegenfragen. Ob es rechtens sei, Gewalt und Zwang im Namen der Religion auszuüben? Keine Religion predige Gewalt, erklärt Dicko. Allerdings äußert er Verständnis für einen Mob junger Islamisten, der in Bamako eine Bar mit Alkoholausschank niederbrannte. Sie sei eben zu nahe an der Moschee gelegen.

„Hat nicht der Westen zwei Weltkriege angezettelt, haben nicht Christen die Atombombe entwickelt? Ihr habt uns keine Moral zu predigen.“ Dann wendet sich der Imam an die malische Übersetzerin, die ihm sichtlich zu selbstbewusst auftritt. Auf Bambara schimpft er gegen ihre „nicht gottgefällige“ Perücke. Den fehlenden Schleier. Spuckt in ihre Richtung.

Mit Hilfe der Ökonomie gelangen die Islamisten an die Macht

Ousmane Diarra, einer der bekanntesten Schriftsteller Malis, hat 2014 seinen dritten Roman veröffentlicht. Er entwirft darin – hallo Houellebecq! – das Bild seines Landes nach der Machtübernahme durch Islamisten. Bereits heute, sagt er, dominierten sie den Markt: Bart und abgeschnittene Hosen seien das Passwort, um bei lukrativen Geschäften wie etwa dem Edelsteinhandel mitzumischen.

Über die Macht der Ökonomie werde in Mali so vollendet, was vor über 150 Jahren als Massaker begann: Die Armee des Islamisten-Generals El-Hadj Oumar Tall metzelte zwischen 1850 und 1860 die animistischen Bambara nieder, verbat Tanz, Tabak und Alkohol – „ein kultureller und physischer Völkermord mit 60 000 Toten“, sagt Schriftsteller Diarra.

Als Feldzüge der berberischen Almoraviden den Islam im 11. Jahrhundert endgültig nach Westafrika brachten, galt das zunächst als Zivilisationsgewinn: Arabische Gelehrte zogen sich afrikanische Schüler, und Religion, Fortschritt und Erkenntnisgewinn gingen Hand in Hand. Die radikalen Ideen kamen erst später. Nicht zufällig breiteten sie sich ausgerechnet im Sahel-Gürtel aus.

Die Katastrophe, Gottes Quittung

Als zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine große Dürre die Existenz der Hirtenvölker im heutigen Norden von Nigeria bedrohte, rief ein Korangelehrter vom Volk der Fulbe namens Ousman Dan Fodio, der Schwiegervater des Generals El-Hadj Oumar Tall, zur Revolte auf – getrieben von einer Vision, die er einige Jahre zuvor gehabt hatte: Darin hatte ihm der Prophet Mohammed das „Schwert der Wahrheit“ überreicht.

In der Dürre sah er eine Bestätigung für seinen Auftrag, den Islam von fremden Einflüssen zu reinigen. Die traditionellen religiösen Autoritäten hätten versagt, die Katastrophe sei nun Gottes Quittung. Fodios Islamisten eroberten mehrere Reiche von Haussa-Königen, und auf dem so unterworfenen, riesigen Gebiet gründeten sie das Kalifat von Sokoto.

Erst die britischen Kolonialherrscher setzten dem Expansionsdrang ein Ende, banden dann aber den Sultan und die Emire des Nordens in ihr System der indirekten Herrschaft ein. So konnte sich der Sultan von Sokoto als geistliches Oberhaupt der nigerianischen Muslime behaupten – bis heute. Und der „Dschihad des Ousman Dan Fodio“ und dessen Kalifat werden als Höhepunkt der islamischen Zivilisation gefeiert. Um sein Erbe allerdings ist ein grausamer Krieg entbrannt.

Schnell schlug das gewaltfreie Treiben in einen Terrorkrieg um

Im Jahr 2002 gründete ein junger Prediger namens Mohammed Yusuf in der Stadt Maiduguri eine Sekte, die im Volksmund schnell bekannt wurde unter dem Namen „Boko Haram“, was soviel bedeutet wie „westliche Bildung ist Sünde“: Yusuf und seine Mitstreiter prangerten Korruption und Armut im muslimischen Norden des ölreichen Landes an – und für all das machten sie den Einfluss des Westens verantwortlich, einschließlich der britisch geprägten Schulen.

Das anfangs noch gewaltfreie Treiben der Sekte schlug in einen Terrorkrieg um, nachdem die nigerianischen Sicherheitskräfte 2009 deren Gründer und mehrere seiner Jünger erschossen. Heute entführen die Terroristen Schulmädchen, brennen Dörfer nieder, köpfen Zivilisten – und sehen sich als die wahren Erben des vorkolonialen Islam in Nigeria. Der heutige Sultan und die Emire im Norden des Landes sind in ihren Augen Verräter und Teil des Systems, das sie bekämpfen. Im November 2014 zündeten sie mehrere Bomben vor der Moschee des Emirs von Kano.

Globalisierung des islamistischen Terrors

Vergangene Woche nun hat sich die nigerianische Terrorsekte demonstrativ dem „Islamischen Staat“ angeschlossen , der von Syrien und Irak aus von einem weltweiten Kalifat fantasiert. Einen ähnlichen Globalisierungsschritt hatte Anfang 2012 auch die Al-Shabaab-Miliz im ostafrikanischen Somalia vollzogen, indem sie sich dem globalen Terrornetzwerk al-Qaida anschloss – nachdem die Gruppe, ähnlich wie Boko Haram , auf dem Boden eines lokalen Konflikts herangewachsen war.

Nach fünfzehn Jahren Bürgerkrieg und Chaos in Somalia hatte 2006 eine „Union islamischer Gerichte“ die Macht über weite Teile des Landes übernommen, stellte mit einer extremen Scharia-Rechtsprechung so etwas wie öffentliche Ordnung wieder her und erregte in den USA und im benachbarten christlich geprägten Äthiopien Schreckensvisionen von einem neuen Taliban-Staat. Äthiopische Truppen marschierten in Somalia ein, entmachteten die Islamisten – und ließen so unabsichtlich deren besonders radikalen Ableger erstarken, dessen Name auf Arabisch „die Jugend“ bedeutet: al-Shabaab .

Die Vereinigung mit al-Qaida hat der Gruppe einerseits einen Imagegewinn gebracht und stärkere Vernetzung mit Dschihadistengruppen anderer Länder. Andererseits aber auch interne Machtkämpfe zwischen solchen, die nach eigener Aussage „die islamische Flagge in Alaska hissen“ wollen, und jenen, die derartige globale Ambitionen befremdlich finden und sich weiter als Kämpfer in einem innersomalischen Konflikt sehen.

Erstere Fraktion setzte sich durch, indem sie mehrere interne Widersacher hinrichtete, und untermalte ihren internationalen Anspruch im September 2013 mit einer Attacke auf ein bei westlichen Ausländern beliebtes Einkaufszentrum in Nairobi, der Hauptstadt des Nachbarlandes Kenia. Seither überzieht die Gruppe das Land mit Anschlägen und rekrutiert nach Kräften Anhänger unter frustrierten, verarmten kenianischen Muslimen. Dabei ist der radikale, wahhabitische Islam, auf den sich die Terroristen berufen, dort ebenso wenig verwurzelt wie in Mali.

Einst Hort der Toleranz, jetzt Hochburg der Dschihadisten

Es waren ursprünglich arabische und persische Händler, die vom 9. Jahrhundert an den Islam an die ostafrikanische Küste brachten; sie kamen in Dhow-Segelbooten, sie interessierten sich hauptsächlich für Elfenbein, Gold und Sklaven, und sie gründeten Siedlungen, die später zu den Hochburgen der Swahili-Kultur im heutigen Kenia und Tansania heranwuchsen: Lamu, Kilwa, Mombasa – und Sansibar. Bis heute sind viele Bewohner der Insel stolz auf ihren Ruf als Hort der Toleranz – doch wie im benachbarten Kenia gewinnen auch dort radikale Prediger an Einfluss.

Vor allem die kenianische Hafenstadt Mombasa ist in den vergangenen Jahren zur Hochburg der Dschihadisten geworden; die Polizei hat mehrfach Moscheen gestürmt, deren Imame für al-Shabaab geworben haben sollen. Mehrere dieser in Saudi-Arabien geschulten Prediger wurden – mutmaßlich von der Geheimpolizei – auf offener Straße erschossen.

Die Extremisten greifen zu ähnlichen Methoden: Mitunter trauen sich Imame, die einen moderaten, friedfertigen Islam predigen, nicht mehr in ihre eigenen Moscheen, weil sie fürchten müssen, unterwegs ermordet zu werden. Im Juni vergangenen Jahres erschossen Unbekannte den Vorsitzenden des Rates der Imame und Prediger von Kenia. Er hatte den Dschihad von al-Shabaab immer wieder als „unvereinbar mit dem Koran“ bezeichnet.

Das Gefühl der Ohnmacht säen

Dass die Islamisten Afrikas keine Kompromisse eingehen, wird auch in Mali deutlich. „Die Dschihadisten“, sagt der Schriftsteller Ousman Diarra, „knallten auf ihren Zügen durch die Dörfer am Niger alle Rinderherden ab. Warum? Weil sie das Gefühl der Ohnmacht säen wollen.“

Nun haben sie die Ohnmacht nach Bamako, eine der bisher friedlichsten Städte Afrikas, hineingetragen. Und obwohl Sufi-Scheich Traoré im malischen Fernsehen predigt, dass „Allah all seine Kreaturen liebt“ und „jeder wahrhaftige Muslim dieser Liebe nacheifert“, reichen doch die Bilder der zerschossenen Bar und die Statements islamistischer Mörderbanden sehr viel weiter.

JONATHAN FISCHER/ TOBIAS ZICK

SZ 14.3.2015

 

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