Faust aufs Herz: Wegsperren oder therapieren? Nach der Attacke auf Tuğçe A. stellt sich wieder die Frage, ob es bei jugendlichen Gewalttätern eine Alternative zum Gefängnis gibt. Christoph Budde glaubt daran. Zu Besuch bei seinem Anti-Gewalt-Training.

„Ich kann mir vorstellen, dass du sehr wütend bist, so alleine gelassen zu sein“, sagt Anti-Gewalt-Trainer Christoph Budde. „Und auch sehr traurig.“ Mert hält sich die Hände vors Gesicht. Niemand soll seine Tränen sehen. Er ist es nicht gewohnt, schwach da zu stehen. Schwach waren bisher immer nur die anderen. Diejenigen, die ihm am falschen Ort zur falschen Zeit über den Weg liefen. Denen er gerne mal „ein paar Fäuste mitgibt“, wie er es ausdrückt.Typen wie Mert gibt es in jeder deutschen Stadt. Seit ein 18-Jähriger, der wegen Gewaltdelikten schon häufiger aufgefallen war, auf einem Parkplatz in Offenbach die 22-jährige Tuğçe A. mutmaßlich so schlug, dass sie in der vergangenen Woche ihren Hirnverletzungen erlag, wird wieder über den Umgang mit Gewalttätern diskutiert: Gibt es eine Alternative zum Wegsperren?Die Alternative erprobt Christoph Budde auf einer Hütte im Alpenvorland bei Lenggries. Dort bilden fünf Jugendliche einen Stuhlkreis um Mert. Einer von ihnen war schon mal Merts Opfer. Die anderen kennen seinen Ruf als brutaler Schläger. Jetzt, „im ungeladenen Zustand“, kann man sich Merts Aggressionen kaum vorstellen. Der kompakte 17-Jährige mit den Kastanien-Augen gilt als einer der gefürchtetsten Diskotheken-Schläger in einer oberbayrischen Kleinstadt, doch das merkt man ihm im „ungeladenen Zustand“ nicht an. Er ist zurückhaltend und lächelt vorsichtig. „Ich verurteile Merts Gewalttaten auf das Entschiedenste“, sagt der Trainer. „Andererseits sehe ich seine guten, starken Anteile, ich glaube, dass er sich anders verhalten kann.“ Ein Satz, den Budde wie ein Mantra wiederholen wird.Wie ein strenger FamilienvaterDas Wochenende auf der Hütte ist Teil eines Anti-Gewalt-Trainings. Christoph Budde gibt seine Anweisungen wie ein freundlicher, aber strenger Familienvater: „Was wir hier reden, bleibt unter uns – und eure Handys schaltet ihr bitte aus.“ Der Arm über der Schulter signalisiert: Wir sind keine Gegner. Eher eine Art Familie.

Wie Mert sind auch die anderen Jugendlichen, deren Namen alle geändert sind, nicht freiwillig hier. Ein Richter hatte sie wählen lassen: Arrest und Geldstrafe – oder Anti-Gewalt-Training an zehn Wochenenden. Einen Vertrag mussten sie unterzeichnen, wonach sie am „heißen Stuhl“ teilnehmen würden, einer harten Konfrontation mit der eigenen Gewaltgeschichte. „Es geht darum, neue Handlungsmuster zu finden“, sagt Christoph Budde. „Dazu müssen die Jugendlichen erkennen, wie sie sich selbst und anderen schaden“.

Eine Statistik des Deutschen Jugendinstituts weist sechs Prozent der Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren als Tatverdächtige aus. Tendenz steigend. Nach Lösungen jenseits polizeilicher Kontrolle und strafrechtlicher Abschreckung wird meist erst gesucht, wenn wieder eine spektakuläre Gewalttat wie die gegen Tuğçe Albayrak stattgefunden hat. So sind es derzeit nur einzelne engagierte Richter, die Jugendliche zum Anti-Gewalt-Training schicken. Selbsterkenntnis statt Sitzen.

Mert interessiert das kaum. „Ich wollte einfach nicht wieder in den Bau. Meine zwei Wochen Arrest waren die schlimmste Zeit meines Lebens“, sagt er. Trotzdem hat Mert auch nach seinem Gefängnisaufenthalt weitergeschlagen: Fünf tätliche Angriffe und Prügeleien hat die Polizei allein im letzten halben Jahr aufgenommen. Wie alle Teilnehmer hat er ein großes Poster mit seinem „Lebensfluss“ gemalt, seinen wichtigsten Bezugspersonen und einschneidenden Erlebnissen. „Alles ganz normal“, sagt er und zeigt auf ein selbstgemaltes Haus. „Hier wohne ich mit meinen Eltern, gehe in den Kindergarten, Grundschule.“ Eine dunkle Wolke im siebten Lebensjahr: „Mein Vater ist weggegangen.“ Die Mutter hatte danach wechselnde Freunde.

Kaputte, meist vaterlose Elternhäuser

„Wie war das für dich?“ fragt Christoph Budde. „Wenn die kamen, bin ich auf mein Zimmer. Wollte deren Fresse nicht sehen“. – „Weil sie den Platz deines Vaters einnehmen?“ Schlucken. „Das Thema langweilt mich.“ Viele der Jungs nicken wissend. Sie kommen selbst aus kaputten, meist vaterlosen Elternhäusern. Haben keinen Halt. Wechseln ständig die Jobs. Und senden Hilferufe: „Egal ob sie wegen Schlägern, Sachbeschädigung oder Dealen da sind“, sagt Budde, „meist steht ein ungelöstes Familiendrama im Hintergrund.“ Die Gewalt sei Abwehr der eigenen Ohnmacht.

„Wie haben dich die anderen provoziert?“, fragt Fabian, ein bulliger, jovialer Typ, der selbst eine Reihe von Bierzelt-Keilereien auf dem Kerbholz hat. „Gar nicht.“ Mert schaut in die Runde, trotzig wie ein Kind, das beim Griff in die Bonbondose erwischt wurde. Mühsam ringen ihm die Anderen ein Geständnis ab: Er habe in Diskotheken Toilettentüren so lange zugehalten, bis sich die Eingeschlossenen aufregten. Das reichte als Vorwand zum Zuschlagen.

„Mert, du darfst jetzt eine Viertelstunde nach draußen gehen. Und du redest mit niemandem“, sagt Christoph Budde. Er beratschlagt mit den übrigen Jugendlichen, wie man Mert am besten packen kann. Hart und konfrontativ oder eher mitfühlend? „Mert hat kein einziges Mal über seine Opfer gesprochen, wie die sich fühlen“, sagt Marius, ein hagerer Kiffer-Typ mit schläfrigen Augen. „Man muss den schon ein bisschen kneten.“ – „Aber ihr habt doch gesehen, wie peinlich ihm das ist“, sagt Nick, dessen kindliche Gesichtszüge so gar nicht zu seinem Strafregister von Körperverletzung bis Handy-Raub passen. Ihm tue Mert leid: „Der braucht einen Ausweg.“ Der Trainer entscheidet sich für eine Strategie, die beides kombiniert. Gegen Angriffe könnten sich die meisten Teilnehmer schützen, sagt er. „Das kennen sie nun mal. Die packst du eher mit Zuwendung.“

Den Panzer aufweichen

Mert setzt sich in die Mitte des Stuhlkreises. Das ist schlimmer als eine zugehaltene Toilettentür. Denn hier sind die Spielregeln nicht seine. Hier wird Stärke neu definiert. Mert rutscht hin und her, knetet die Finger. „Kann es sein“, fragt Budde, „dass deine Wut mit deinem Vater zu tun hat?“ Stummes Kopfnicken. Budde nimmt ein Glas Wasser vom Tisch. „Mert, stell dir vor, dieses Glas bist du, und dieses Wasser ist deine Trauer, deine Wut. Was passiert, wenn es überläuft?“ – „Ich will das alles nicht“. Schluchzen. Ehrfürchtiges, fast mönchisches Schweigen. Das also ist auch Mert. Ein Jugendlicher aus dem Kreis reicht ihm ein Taschentuch. Scheue Blicke streifen den Jungen, der gebückt dasitzt. Als ob seine Trauer auch ihr Geheimnis lüften würde.

„Könnt ihr verstehen, was Mert fühlt?“, fragt der Trainer nach langen Minuten in die Runde. Stummes Nicken. „Ich kenn das gut“, fasst sich Fabian ein Herz und rückt etwas näher zur Mitte. „Von meinem Vater habe ich mich genauso im Stich gelassen gefühlt.“ Er sagt das leise und weich. Als ob aus dem breitschultrigen Bierzeltschläger wieder ein Junge geworden wäre. Am Vortag hatte er noch den Unerschrockenen markiert, getönt, dass ihm das Anti-Gewalt-Training gar nichts könne: „Da bleibe ich cool. Egal was die sagen, ich schalte einfach um auf Show.“ Nun schimmert es in Fabians Augen. Und Olli, der sich daheim als Aschenputtel fühlt, Probleme bereden für einen „Scheißdreck“ hält und seine Familie mit dem Tod bedroht hat, lässt zum ersten mal einen längeren Satz los: „Des is schon schwer zum Aushalten, sowas.“

Aus den Schlägern wird eine Gemeinschaft

Jetzt hat Christoph Budde die Jungs am Haken. Aus dem widerstrebenden Haufen von Schlägern und Kleinkriminellen ist eine Gemeinschaft erwachsen. Ein Beichtkreis. Ein Bruderbund verwundeter Krieger. „Was kann Mert machen, dass das Glas nicht überläuft?“ fragt Budde. HipHop-Marius hat einen fast besorgten Ton: „Du musst darüber reden. Ich konnte das früher auch nicht. Aber jetzt hab ich einen Kumpel, und es geht mir viel besser.“

Budde sagt, Erfolg oder Misserfolg eines Anti-Gewalt-Trainings hänge oft an kleinen menschlichen Gesten. Daran, wieweit er die Panzerung der Gewalttäter bereits im Vorfeld aufweichen kann: Mit Kooperationsübungen, Täter-Opfer-Rollenspielen und Filmen, in denen Empathie für Gewaltopfer geweckt werden soll. Oder einem halbtägigen Boxtraining. Nicht um die Schlagkraft zu optimieren, sondern die Fairness der Jugendlichen zu testen. Vorläufer des Anti-Gewalt-Trainings waren in den 70er Jahren in amerikanischen Resozialisierungseinrichtungen wie der Glenn-Mills-School erprobt worden.

Doch Budde setzt weniger auf Umerziehung, sondern mehr auf das Gute, das in den Jugendlichen steckt: „Wenn du jemandem etwas nimmst, musst du ihm etwas Besseres anbieten können.“ Das Bessere, das sind die Fähigkeiten, die die Jugendlichen in sich tragen, die in ihrem Umfeld aber nie bestärkt wurden. Bei Mert ist es der Mut, seine Verletztheit zu zeigen. Sich anderen zu öffnen – und in der geteilten Geschichte Trost zu finden. „Viele Täter sind sich ihrer Stärken nicht bewusst“, sagt Budde. „Das ist aber die Voraussetzung, um alte, hinderliche Verhaltensmuster abzulegen.“

Kochen, Tischdecken, Aufräumen und Abwaschen sind während des Wochenendes Gemeinschaftsarbeit. Das schafft zwar immer wieder Konflikte. Aber genau die brauchen Christoph und Andre – als Material für ihre Arbeit. Sie beobachten die Jugendlichen: Wer hilft mit? Wer rebelliert? Wer verdrückt sich? „He Nick, du faule Sau, lässt dich von uns bedienen.“ – „Ach fick dich, Alter“. Es gärt in der Küche. „Muss ich kochen?“ motzt Olli. „Ich kann keine Tomaten schneiden.“ Nach ein, zwei Aufmunterungen der Trainer greift Olli doch zum Küchenmesser, schneidet einen ganzen Berg Tomaten, Gurken und Feldsalat. Er strahlt, als er am Esstisch als Koch erwähnt wird.

Der Salat schmeckt super“

Eine Art der Aufmerksamkeit, die dem Schulabbrecher zu Hause noch nie zuteil wurde. „Der Salat schmeckt super“, sagt Mert. Olli, der sonst nie Blickkontakt hat, hebt den Kopf. Es ist nur ein banaler Satz. Aber er wirkt wie der ungelenke Versuch einer anderen, neuen Sprache. Ein vorsichtiges Rückenklopfen. Ein Angebot. Am Vorabend wäre jetzt ein fieser Spruch zum Essen gefallen. Heute bleibt es beim „super“.

Christoph Budde will nicht garantieren, dass ein heißer Stuhl und 80 Stunden Reden ein Leben voller Gewalt umdrehen. Aber die Jugendlichen „haben eine Tür geöffnet. Sie werden sich daran erinnern.“ Zum Abschied klatscht Mert Christoph Budde ab. „Hoffentlich sehe ich dich nicht so bald wieder“, sagt er. Dann fügt er ernst und leiser hinzu: „Das war eine Faust aufs Herz.“

JONATHAN FISCHER

SZ 2.12.2014

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