„Wir sind nicht Malcolm X, wir sind Martin Luther King“: Der Wu-Tang Clan kehrt ins Musikgeschäft zurück. Ein Gespräch mit ihrem Vordenker RZA über die neue Zuversicht im Hip-Hop

 

Seit zwei Jahrzehnten gilt der Wu-Tang Clan als erfolgreichste Hip-Hop-Band der Welt. Robert Fitzgerald Diggs alias RZA, ihr Anführer, stand zuletzt vor allem als Schauspieler und Filmregisseur im Licht. Nun versammelt der Künstler – er beliefert nicht nur Kanye West und Jay-Z mit Musik, er hat auch das philosophische Traktat „The Tao of Wu“ verfasst – den Clan noch einmal zum 20-jährigen Jubiläum. Das Album „A Better Tomorrow“ überrascht mit einer optimistischen Zukunfts-Botschaft

Sie haben das neue Album des Wu Tang Clan als „demütiger“ angekündigt. Demut und HipHop .passt das überhaupt zusammen?

RZA: Wir sind mit dem Alter einfach cooler geworden, müssen andere Künstler und MCs nicht mehr so aggressiv angreifen. Diese innere Ruhe hat etwas mit Reife zu tun…

Aber basiert HipHop nicht gerade auf der aggressiven Zurschaustellung der eigenen Qualitäten, einem Wettbewerb um die größte Klappe und den besten Diss?

RZA: Natürlich, da haben Sie Recht! HipHop wurde als ein Weg erfunden, seine Aggression ohne Gewalt auszudrücken. Wir waren damals jung und New York eine Stadt voller Gang-Kriege. Wir fingen an uns in DJ- und Rap-Battles zu messen, anstatt aufeinander zu schießen. HipHop hatte da eine friedliche Mission. Und um die geht es auch auf „A Better Tomorrow“: Hören Sie sich mal an wie Method Man , GZA oder Cappadonna in ihren Reimen die politischen Probleme Amerikas auf den Punkt bringen – ohne „Fuck the police“ zu schreien oder zu schimpfen. Als junge Männer hatten wir die Energie eines Malcolm X, aber jetzt wo wir älter geworden sind, bevorzugen wir den Tonfall eines Martin Luther King.

Andererseits gehört die Aggression, der schmutzige Straßen-Duktus doch zu den größten Markenzeichen des Wu-Tang-Clan, das können Sie doch nicht so einfach aufgeben…

RZA: Wie bei allem im Leben gilt auch für HipHop: Du musst die richtige Balance finden. Tracks wie „Cross Ego“, „Keep Watch“ oder „Necklace“ bringen die bekannte Wu Tang-Aggression, während ich den Titelsong oder „Wu Tang Reunion“ eher mit Bescheidenheit und Demut assoziiiere. Ich habe sehr auf dieses Gleichgewicht geachtet..

Können Sie mal kurz erklären, von welcher besseren Zukunft der einst als gefährlichste HipHop-Band der Welt geltende Clan da rapt?

RZA: Wir sind immer noch hungrig. Aber es geht heute eben nicht mehr ums nackte Überleben. Ich musste mir als Kind in den Sozialhilfe-Wohnblocks von Staten Island ein Bett mit zwei Geschwistern teilen, täglich Grießbrei essen und das Geld für meinen ersten Sampler durch Zeitungsaustragen verdienen. Das habe ich nicht vergessen. Egal ob ich heute zusammen mit Quentin Tarantino und Jim Jarmusch Soundtracks produziere, für einen Hollywood-Film wie „Man With The Iron Fist“ Regie führe oder in meiner Freizeit das Wu-Tang Kloster in China besuche: Es geht mir immer darum, mich als Mensch zu vervollkommnen, mein Potential zu entwickeln. Ich bin Vegetarier. Warum? Kein Tier braucht zu sterben, damit ich lebe. Ich setze mich für erneuerbare Energien ein. Ich vermeide Plastikflaschen und überflüssigen Müll. Kung Fu hat uns als Teenager wegen dem Kampfsport und der Brüderlichkeit fasziniert: Heute habe ich mit GZA oder Ghostface Killah die dahinterliegenden fernöstlichen Philosophien studiert, es geht darum alle Menschen zu respektieren, egal welche Hautfarbe sie haben, ob sie männlich, weiblich, homosexuell oder sonstwas sind…

Das klingt ja fast so, als würde der Wu Tang Clan demnächst Yoga-Studios beschallen. Woher nehmen Sie als HipHop-Produzent ihr politisches Sendungsbewusstsein?

RZA: Ich schaue mir täglich die Nachrichten an. Was gerade in Ferguson passiert, das Fortleben des Rassismus in Amerika, oder auch unsere Ignoranz gegenüber dem Treibhauseffekt und der Erderwärmung macht mich wütend. Deshalb sehe ich HipHop als eine der Kräfte, die für eine bessere Zukunft stehen. Wir sollten unser Gewicht viel mehr in die politische Wagschale werfen…

Wenn Sie das Amerika von heute mit dem Amerika Ihrer Jugend vergleichen: Hat sich Ihr Land drei Jahrzehnte nach dem Siegeszug des HipHop zum Besseren geändert?

RZA: Ohne die Generation HipHop-sozialisierter Amerikaner gäbe es heute wohl keinen schwarzen Präsidenten. Und egal wie sehr die rechten Medien über Barack Obama lästern: Ich bewundere seine Ausgeglichenheit, er punktet rhetorisch, haut nur auf den Tisch, wenn es unbedingt sein muss. Als uns noch George Buch regierte, konnte ich die Aggression in seinem Gesicht, in all seinen Aktionen lesen. Das ist der Unterschied: Bush wollte allen eins überbraten, während Obama die Balance hält.

Gilt Ihre Versöhnlichkeit auch für den HipHop? Früher haben Sie Rapper, die Tanzmusik machten, als Pop-Marionetten beschimpft und gedroht mit dem Wu Tang Clan die Ghettos zum Brennen zu bringen

RZA: Wir waren arm und wütend, und wollten keine Partymucke liefern, sondern Musik zu der man aus dem Gefängnis ausbricht. „We grew up on the crime side, not the New York Times side“. Aus der Aggression zogen wir unsere Energie: Um gegen die gewalttätige Polizei anzurappen, gegen die Tatsache, dass manche Mitbürger allein aufgrund ihrer Hautfarbe, bessere Chancen hatten. Die rappenden College Jungs wie Kid’n Play oder Run DMC hatten im Gegensatz zu uns keine Ahnung, wie es sich anfühlte, jeden Tag gejagt zu werden, aufgerieben zwischen Polizei, Crack-Dealern und Minderjährigen mit Schusswaffen. Die alten Wu Tang Videos zeigen unsere Welt: Menschen, die über Zäune springen und sich Nachts an brennenden Ölfässern die Hände wärmen…

Diese wilde, raue HipHop-Welt ist ja heute zu einem Nostalgie-Fetisch verkommen, der Stoff mit dem sich junge saturierte Mittelschicht-Kids antörnen…

RZA: Wir Wu Tang Clan Rapper lieben immer noch Filme wie „Scarface“, „Goodfellas“, „Godfather“, und Kung-Fu-Streifen in denen einem Bösewicht ins Gesicht getreten oder gar der Kopf abgesäbelt wird. Aggression im Film kann gute Unterhaltung sein. Ebenso kann brutaler HipHop großartig amüsieren. Nur dass die Konsumenten oft vergessen, dass unsere Wut für uns Protagonisten keine Unterhaltung darstellte, wir uns wirklich unterdrückt fühlten. HipHop bot uns einen Ausweg. All die Kids in unserer Sozialsiedlung rechneten damit, wie Tupac oder Biggie jung zu sterben, erschossen von einem Dealer oder der Polizei, wie sollten wir uns ein Leben als Erwachsene vorstellen? Dass wir mal mit unseren Ehefrauen nach Paris reisen und den Louvre besuchen, uns in einem Restaurant eine Käseplatte bestellen oder Urlaub am Strand machen würden: Das wagten wir vor drei Jahrzehnten nicht mal zu träumen.

Es gibt immer noch Ghettos in Amerika. Sieht die Welt für die schwarzen Jugendlichen heute rosiger aus?

RZA: Heute sage ich: Es besteht Hoffnung. Du darfst dich nur nicht vom Weg abbringen lassen. Als amtierender Meister der HipHop Chess Federation gehe ich manchmal in Schulen, um junge Menschen für Schach zu begeistern. Da geht es um Existentielles: Wie behalte ich in der Herausforderung einen kühlen Kopf? Und wie gehe ich mit Sieg und Niederlage um? Beim Schach hast du die Chance, aus deiner Niederlage zu lernen. Du musst dein Spiel anpassen. Das gilt auch für den HipHop. Heute können sich HipHop-Stars wie Drake einerseits als Wu Tang-Fans bekennen, und doch ganz ohne Aggression erfolgreich sein. Auch den Wu-Sound habe ich für eine neue Generation remixt. Mehr Hoffnung, mehr Coolness, weniger Gewalt.

Eine Konstante aber bleibt Ihre Vorliebe für alten Soul. Nachdem der Vorgänger „8 Diagrams“ mit Sitar-Melodien und akustischen Gitarren experimentierte, kehren sie auf „A Better Future“ zu Ihren typischen Soul-Samples zurück.

RZA: Diesmal habe ich viele Samples allerdings von Musikern live einspielen lassen: Einen Teil der Musik habe ich bei Kenny Gamble (Teil des Philly-Produzenten-Duos Gamble & Huff) in Philadelphia eingesammelt. So habe ich eine alte Gesangsspur von Teddy Pendergrass auf „A Better Tomorrow“ verwendet. Den anderen Teil spielte ich in Willie Mitchells Hi-Studios in Memphis ein. Dass ich an diesem Ort aufnehmen durfte und Typen wie den Hodges Brüdern und den Memphis Horns, Soul-Veteranen, die schon für Al Green, Syl Johnson, O.V. Wright und Ann Peebles gespielt hatten, meine Kompositionen erklärte, das machte mich total high…

Weil Sie sich inzwischen mehr als Musiker denn HipHop-Produzent begreifen?

RZA: Früher konnte ich nur den Sampler bedienen, inzwischen habe ich selbst gelernt, ein paar Instrumente zu spielen. Erst Klavier. Als ich dann merkte, dass es nie auch nur halbwegs zu Thelonious Monk reichen wird, habe ich auf Gitarre umgesattelt. Wenn ich eine freie Minute auf meinem Hotelzimmer habe, dann rufe ich mir keine Groupies, sondern übe neue Akkorde. Rocksongs, Blues- und Jazznummern. Mein Horizont ist längst viel weiter als HipHop: Aber für manche meiner alten Wu-Kumpels ist das schwer zu verstehen, es tut weh, wenn sie mir vorwerfen, „Hippiekram“ zu machen…

Sie haben mal gesagt, die von langjährigen Streitereien zwischen Ihnen und einigen Kollegen begleitete Produktion des neuen Wu Tang – Album wäre für Sie so schmerzhaft gewesen wie eine Geburt. Wie gehen Sie mit Frustrationen um?

RZA: Ich kann da zum Glück auf meine Schauspieler-Karriere ausweichen. Während der Produktion von „A Better Tomorrow“ spielte ich in einer Fernsehserie einen Undercover-Polizisten: Da durfte ich – privat ein No Go! – rumbrüllen, zuschlagen, Türen eintreten. Auch zu HipHop gehört ein Teil Theater. Aber wir vergessen oft die andere Seite. Wenn man wie ich in den 40ern ist, dann möchte man Songs mit einer Message schreiben, sich bei Soul-Brüdern wie Curtis Mayfield, Isaac Hayes oder Syl Johnson einreihen. „If There’s a Hell Below We All Gonna Go“ oder „Move On Up“. Das sind die Zukunfts-Botschaften, die bleiben werden.

Interview: JONATHAN FISCHER

unveröffentlichte Langversion, gekürzt erschienen

Die Welt 2.12.2014

 

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.