„Ich muss niemandem mehr etwas beweisen“: Vor fast einem halben Jahrhundert hat Aretha Franklin ihr „Respect“ in die Welt geschmettert. Seither hat sich viel getan, sagt die 72-jährige „Königin des Soul“: für Afroamerikaner, für Frauen, für Minderheiten. Die jungen Menschen von heute tun ihr trotzdem leid

Soul: Es gibt wenige Musiker, die diesen Begriff so geprägt haben wie Aretha Franklin. Die Sängerin und Pianistin aus Memphis, Tennessee, hat den afroamerikanischen Pop vor einem halben Jahrhundert nicht nur populär gemacht. Sie ist ihm ihr Leben lang treu geblieben, hat bei Bill Clintons und Barack Obamas Amtseinführungen gesungen und nun, mit 72 Jahren, noch einmal ein Album veröffentlicht: „Aretha Franklin Sings The Great Diva Classics“. Es ist eine Sammlung von Coversongs, die der Soul-Königin am Herzen liegen (von Etta James’ „At Last“ bis Gloria Gaynors „I Will Survive“).

SZ: Bevor wir über Ihre Musik sprechen, würde ich gerne kurz über ein ganz anderes Thema reden, Mrs. Franklin. Sie sind in den vergangenen Jahren besonders wegen Ihrer wechselnden Diäten und dem damit einhergehenden Gewichtsverlust in die Schlagzeilen geraten. Wie geht es Ihnen gesundheitlich?

Aretha Franklin: Danke, mir geht es gut. Aber ich musste mein Leben wegen Diabetes umstellen: keine Cola, keine Schokolade, halbe Portionen. Seitdem habe ich 80 Pfund verloren. Und ich mache viermal die Woche mein Fitnessprogramm.

Wie sieht das aus?

Ich mache alle meine Einkäufe zu Fuß, laufe durch den Supermarkt, bis zu dreimal durch alle Gänge . . .

. . . und niemand erkennt Sie?

Oft kann ich ungestört durch den gesamten Laden marschieren. Nur an der Kasse kommen ab und zu Fans, die Autogramme und Fotos wollen.

Vor vier Jahren wurden Sie ins Krankenhaus gebracht. Der Bürgerrechtler Jesse Jackson eilte zu Ihnen ans Bett, und weltweit bangten die Fans um Ihr Leben. Es hieß, sie hätten Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Wollen Sie in meiner Krankheitsgeschichte rumwühlen, oder interessieren Sie sich für meine Musik?

Gut, sprechen wir von Ihrem neuen Album. Neben Klassikern haben Sie auch Songs wie „Rolling In The Deep“ von Ihrer jungen britischen Kollegin Adele neu aufgenommen. Wollten Sie dem Nachwuchs Nachhilfe in Soul erteilen?

Nein, nein! Ich muss niemandem mehr etwas beweisen. Aber lassen Sie mich etwas zu Adele sagen: Ich respektiere sie als großartige Songwriterin – und ich bewundere ihre unverwechselbare Stimme. Zugegeben, zuerst habe ich sie gar nicht mitbekommen. Dann hörte ich ein, zwei Songs im Radio: Das gefiel mir so gut, dass ich sofort jemanden losschickte, um die CD zu besorgen.

Ist Adele die Kronprinzessin des Soul?

Sie sind ein bisschen vorschnell mit Ihren Vorschlägen. Aber gut, in die engere Auswahl würde ich sie durchaus nehmen. Ich möchte nächstes Jahr mit ihr, Alicia Keys und Stevie Wonder ins Studio gehen.

Das Wort Soul wird heute inflationär gebraucht, so gut wie jedes Sternchen einer Castingshow beansprucht es für sich. Wie definieren Sie diese Musik?

Soul ist eine Qualität, die sich einerseits auf herausragende vokale Fähigkeiten bezieht, andererseits bezeichnet sie auch einen spirituellen Zustand.

Einen Zustand, in den Sie hineingeboren wurden – wie in die Kirche Ihres Vaters?

Hineingeboren nicht. Aber ich habe als zwölfjähriges Mädchen angefangen, Gospel zu singen. Das hat meinen Stil geprägt. Die große Gospelsängerin Clara Ward war damals mein Vorbild, oft saß ich auch neben James Cleveland am Klavier.

Ihr Vater, Reverend C. L. Franklin, ebnete Ihnen den Weg zu einer professionellen Karriere.

Oh ja, ich begleitete meinen Vater jedes Wochenende. Er hatte damals schon drei Dutzend Bestseller mit Predigtplatten und füllte große Stadthallen und Arenen. Und ich sang, bevor er predigte. Hinterher gab er mir jeweils 50 Dollar. Viel Geld.

Nach ein paar Alben mit Pop- und Jazz-Covern für Columbia nahm Sie 1967 Atlantic Records unter Vertrag. Ihr Produzent Jerry Wexler soll den Musikern die Anweisung gegeben haben, alles nur noch um Ihre tolle Stimme herum zu arrangieren.

Es hat offensichtlich funktioniert. Meine Begleitmusiker verstanden meine Herkunft aus der Gospelmusik, und wir spielten in kürzester Zeit eine Menge Hits ein: „I Never Loved A Man“, „Think“, „Chain of Fools“. Und „Respect“, das eine Art Hymne der Bürgerrechtsbewegung wurde.

Neben Bürgerrechtlern haben auch Feministen und Schwule „Respect“ für sich beansprucht. Für wen haben Sie den Song ursprünglich gesungen?

Für die ganze Menschheit. Jeder wünscht sich Respekt, selbst kleine Kinder wollen auf ihre Art gesehen werden. Ich habe aber auch nichts dagegen, wenn die Feministen den Song als Mantra kapern.

Weil Sie sich selbst als Frau Respekt erkämpfen mussten?

Ich werde nicht vor Ihnen mein Privatleben enthüllen. Aber wir Frauen haben seit 1967, dem Jahr, in dem „Respect“ erschien, einiges erreicht. Wir sind nicht nur in Wissenschaft, Medien und Wirtschaft durch eine unsichtbare Mauer gebrochen. In nicht allzu ferner Zukunft könnte es auch die erste amerikanische Präsidentin geben.

Sprechen Sie von Hillary Clinton?

Ja. Ich werde sie auf jeden Fall unterstützen. Sie ist sehr intelligent, hat einen scharfen Verstand und ein großes Herz.

Barack Obamas Popularität ist in den USA momentan im Keller. Glauben Sie, Hillary Clinton kann es besser machen?

Die Frage erscheint mir unangemessen. Ich bin Musikerin, nicht Politikerin.

Obama könnte Ihr „Respect“ gerade ganz gut gebrauchen.

Mir tut es leid, wie viele Menschen schlecht über ihn reden. Er hat es nicht verdient. Ich erinnere mich, wie wir bei seiner Inaugurationsfeier kurz geplaudert haben. Er kennt alle meine Songs. Dass er es zwei Mal ins Weiße Haus geschafft hat, ist eine Botschaft an unsere jungen schwarzen Menschen.

Haben Sie auch eine Botschaft?

Meine Songs sprechen für sich. Jeder junge Mensch sollte versuchen, sein Talent zu entfalten. Aber genauso wichtig ist es, Bücher zu lesen, Filme anzuschauen, die eigene Geschichte zu studieren.

Glauben Sie, dass es junge Menschen heute schwerer haben?

Auf jeden Fall. In den Nachrichten sehe ich nur Verbrechen, in Amerika und überall auf der Welt. Menschen, die andere abschlachten und das auch noch filmen: So etwas gab es zu meiner Schulzeit nicht. Wie soll man da Zuversicht entwickeln?

War es für Sie nicht auch schrecklich zu erleben, wie damals viele Ihrer Mitstreiter von Rassisten ermordet wurden?

Diese Nachrichten waren schrecklich. Aber mein Vater brachte mir bei, mich nicht um Dinge zu sorgen, die außerhalb meiner Kontrolle sind. Martin Luther King war ein Freund unserer Familie. Er saß oft mit uns am Essenstisch und hat uns angesteckt mit seiner Begeisterung für ein neues, gerechteres Amerika. Sein Traum hat etwas bewegt: Zumindest Amerika ist heute gerechter als damals.

Sprechen wir noch kurz über Ihre zweite Leidenschaft, Mrs. Franklin. Sie sind auch als Soulfood-Köchin bekannt. Wo verbringen Sie mehr Zeit, im Aufnahmestudio oder in der Küche?

In der Küche natürlich! Da werkle ich jeden Tag herum – und singe dabei.

Was sind Ihre Lieblingsgerichte?

Gebackenes Hühnchen im Teigmantel, Käse-Makkaroni und Omeletts. Und wenn ich für meine Kirchengemeinde koche, mache ich Ochsenschwanzsuppe.

Besteht die Chance, das mal zu probieren?

Stellen Sie mir eine Küche zur Verfügung, wenn ich nach Deutschland komme, dann sehen wir weiter. Aber ich habe noch eine bessere Idee: Besorgen Sie sich das Aretha-Franklin-Kochbuch. Ich schreibe gerade noch daran.

Sie arbeiten außerdem an einer Verfilmung Ihrer Lebensgeschichte. Das Projekt läuft nun schon seit acht Jahren.

Ich hoffe, bald zu einer Einigung mit dem Kabelsender zu kommen. Sehen Sie, ich muss die kreative Kontrolle behalten. Sonst würden Sie mich und mein Leben nicht wiedererkennen. Auf jeden Fall soll Denzel Washington meinen Vater spielen. Und ich muss noch prüfen, wie weit sich Audra McDonald in meiner Rolle zurechtfindet. Ich habe da einen guten Geschmack.

Welche Musik läuft bei Ihnen daheim?

Country, Opern, alte Aufnahmen von Curtis Mayfield oder Pharrell Williams’ „Happy“. Am liebsten aber höre ich meinen Enkeln Jordan und Victory zu. Die zwei haben bei einer Ehrung im Fernsehen für mich gesungen. Jetzt produziere ich ihre Musik.

Letzte Frage: Was muss man außer einer Gesangsausbildung mitbringen, um zur Königin des Soul zu werden?

Junger Mann, ich kann Ihnen nicht all meine Geheimnisse verraten. Nur so viel: Es hat etwas mit Gottvertrauen zu tun. Man muss sich verlieren können an eine Sache, die größer ist als man selbst.

JONATHAN FISCHER

SZ 21.10.2014

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