Tüftlers Erweckung – Flying Lotus verstört den HipHop, und das ist gut so

Gäbe es einen Wettbewerb für ein möglichst vermarktungsfeindliches Hip-Hop-Album, der Gewinner hätte es sich nicht besser ausdenken können: Frequenzgefiepe und Sphärenrauschen, zusammengenietet mit Jazz-Breaks und Beats, die immer wieder mal über sich selbst stolpern und zusammenbrechen. Dazu ein maximal spaßfreier Titel: You’re Dead.

Das neue Konzeptalbum des in Los Angeles lebenden Soundtüftlers Flying Lotus will die Seelen-Wirrnis und den Neuanfang nach dem Tod musikalisch einfangen. Der Verlust geliebter Personen, eigene außerkörperliche Erfahrungen und buddhistisches Gedankengut liefern ihm die Startrampe, die interstellare Jazz-Fusion der sechziger und siebziger Jahre das Rohmaterial – zum Samplen, Zersägen, Neuverleimen. Er wolle diesmal »ganz ohne Kompromisse seinem Innenleben folgen«. So hatte John Coltranes Großneffe es angekündigt. Oder vielmehr angedroht.

Zugegeben, Titel wie Dead Man’s Tetris, Turkey Dog Coma oder Descent Into Madness lassen schweren musikalischen Seegang erwarten. Doch es lohnt sich, die ersten Minuten durchzuhalten. Wer mit Steve Ellison alias Flying Lotus durch eine Wellenwand atonaler Gitarren, zerhackter Beats und direkt in die Magengrube fahrender Bässe geschritten ist, den erwartet eine Klanglandschaft von überraschender Zartheit. Und ein subtiler Flow, der – sofern Neugier und Abenteuerlust noch als Pop-Qualitäten zählen – berauscht.

Flying Lotus, der im Aschram seiner Tante, der Jazz-Pianistin Alice Coltrane, aufwuchs und eigenen Angaben nach jeden Morgen eine Stunde meditiert, bevor er den Rechner hochfährt, hatte bereits mit den zwei Vorgänger-Alben Cosmogramma und Until The Quiet Comes Hip-Hop und Spiritualität in seltenen Gleichklang gebracht. Mit You’re Dead legt er die Latte noch mal höher. Er lässt den Jazz-Veteranen Herbie Hancock seine Ideen am Fender Rhodes übersetzen, während er verzerrte Sounds, ätherische Soulchöre und Glockenteppiche aus dem Laptop beisteuert. Nur die beiden Rapper Kendrick Lamar und Snoop Dogg werfen bisweilen Rettungsleinen ins Vertraute. Ziel sei es gewesen, »ein Album zu machen, das Miles Davis die Sprache verschlagen hätte«, sagt Flying Lotus. Die Meinung des Altmeisters lässt sich leider nicht mehr einholen. Sicher ist: So markerschütternd experimentell hat zeitgenössischer Hip-Hop lange nicht mehr geklungen.

JONATHAN FISCHER

Die Zeit 1.10.2014

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.