Wo man singt, da schießen sie dich nieder! Zum Konzert mit Tuba, Akkordeon und Bazooka: Narcocorridos sind der musikalische Flügel der mexikanischen Drogenkartelle – und ein höchst erfolgreiches Latin-Genre

 

Die Nachricht von Joaquin „El Chapo“ Guzmans Verhaftung war noch keine zwei Tage alt, da geisterten auch schon Dutzende Elogen auf den geschnappten Gangsterboss durchs Internet. Eine der ersten war Gonzalo Penas „El Captura de El Chapo“: Ein Akkordeon animiert zum Tanzen. Bass und Schlagzeug hüpfen im Polka-Rhythmus. Und der Schmachtgesang über einen seiner Freiheit beraubten Helden – „auf fünf Kontinenten war er der Übervater….“ – könnte einem glatt Tränen des Mitgefühls in die Augen treiben. Nur Popstars und Volksheilige dürfen so viel Anteilnahme an ihrem Leben erwarten.

Joaquin „El Chapo“ Guzman gilt aber als mächtigster und meistgesuchter Drogenboss der Welt. Dass an seinen Händen das Blut von Tausenden, wenn nicht Zehntausenden erschossenen, gelynchten, verstümmelten Opfern des mexikanischen Drogenkrieges klebt; dass sein Kartell mit Bestechung, Erpressung und Mord arbeitet, Richter, Politiker und Journalisten einschüchtert und mit seinen schmutzigen Geschäften die mexikanische Zivilgesellschaft zerstört: solche Details spielen in den Songs auf „El Chapo“ kaum eine Rolle. „Er hat mit ehrlicher und entschiedener Hand regiert“, heißt es in einer der Heldenballaden. Und: „Guzman ist ein ehrenwerter Mann“. Ob die Songs Besitztümer des Drogenbosses aufzählen oder auf dessen neuerliche Flucht wetten: Ein bewundernder Unterton schwingt so gut wie immer mit.

Die alte Binsenweisheit, wonach „böse Menschen keine Lieder“ haben, sie hat sich im Reich der Drogenmafia ins Gegenteil verkehrt: In Mexiko und Nordamerika leben Hunderte volkstümliche Combos davon, das kriminelle Leben derjenigen zu besingen, die auf den Fahndungsplakaten ganz oben stehen. Viele Mythen ranken sich um die Narco-Paten und ihre unterirdischen Poolanlagen, Privatzoos und hochgerüsteten Privatarmeen. Die Krönung ihres Ruhms aber bleibt ein eigener Tribut-Song. Ein Narcocorrido.

„Schon als Kind vertickte ich Kokain/ wir sind nun mal harte Burschen in meinem geliebten Mexiko“, singen etwa die Los Capos. Während der Narcocorrido-Hit „Sanguinarios del M1“ der Buknas de Culiacan erst gar keine lyrischen Schnörkel bemüht: „Mit einer AK-47 und einer Bazooka auf der Schulter/ mach ich dich einen Kopf kürzer/ wenn du meinen Weg kreuzt/ ich bin verrückt und liebe es, meine Feinde abzuknallen“. Ein Song, den Zehntausende Fans bei jedem Auftritt der Band aus Los Angeles begeistert mitsingen, während die Musiker nicht nur Tubas und Akkordeons, sondern auch Bazookas schultern.

Andere Narcocorrido-Stars wie El Komander lassen sich schon auf ihren CD-Covern mit Maschinengewehr abbilden. In den Songs geht es denn auch ausschließlich um das lustige Gangsterleben zwischen Poolpartys, Prostituierten und peng peng peng. Oft ist dabei schmutziges Geld im Spiel. Ein wohlwollender Narcocorrido, so schätzt der mexikanische Journalist Edmundo Perez, bringt dem Autor mindestens fünf- bis zehntausend Dollar ein. Nebst Engagements für Privatkonzerte der Drogenmafia. Wer mag schon einen so mächtigen Sponsor ausschlagen?

Fast noch schockierender als die Käuflichkeit der Sänger ist die Popularität ihrer Songs: Manche mexikanische Bundesstaaten haben zwar Narcocorridos aus dem Radio verbannt, Städte wie Chihuahua Auftrittsverbote für ihre Interpreten erlassen. Die Zugkraft der Musik aber scheint das kaum gemindert zu haben. Eher im Gegenteil. Die meist von Südkalifornien aus vermarkteten Narcocorridos sammeln Millionen Youtube-Klicks, verkaufen Hunderttausende Tonträger und hängen in Nordamerika die gesamte Latin-Konkurrenz ab.

Zumindest in kommerzieller Hinsicht. Längst verdient eine Multimillionen-Dollar-Industrie an den so harmlos mit Akkordeons, Tubas und Gitarren daherkommenden Verbrecherlegenden. Selbst ins amerikanische Prime-Time-Fernsehen haben sie es geschafft: So durften in der zweiten Staffel von „Breaking Bad“ Los Cuates de Sinaloa einen Narcocorrido-Song auf den Meth dealenden Hauptdarsteller darbieten. Kritiker unterstreichen gern die Parallelen zum US-amerikanischen Gangster-Rap: Romantisierung des Outlaws.

Nebst Überhöhung einer skrupellosen Kapitalisten-Ethik. Doch anders als beim Gangsta-Rap und dessen Gepose sind viele der Narcocorrido-Musiker selbst tief in das Drogenmilieu verstrickt. Edmundo Perez zählt in seinem 2012 erschienenen Buch „May They Bury Me With Narcocorridos“ allein über 50 Musiker auf, die in den sechs vorangegangen Jahren ermordet wurden – „unter Beteiligung von Drogenkartellen“, wie der Autor angesichts der Todesumstände vermutet.

Den Sänger Valentin Elizalde etwa erwischte 2006 kurz nach einem Konzert eine Kugel: Er hatte angeblich abfällig über das Zeta-Kartell gesungen. Die Gruppe La Quinta Banda, die von „Lynchkommandos mit eisernen Nerven“ trällerte, wurde 2012 auf offener Bühne niedergemäht. Legende ist die Geschichte von Narcocorrido-Star Chalino Sanchez: Bei einem ersten Anschlag im Jahre 1992 zückte er auf der Bühne seine Waffe und erschoss den Möchtegern-Attentäter im Publikum. Ein paar Monate später aber erwischte es auch ihn.

Bereits seit den 70er-Jahren werden Narcocorridos als Lieder auf die Gegenkultur-Helden der Drogenschmuggler geschrieben. Das passte zur antiautoritären Tradition des Genres: Ursprünglich waren die Corridos aus der europäischen Heldenballade hervorgegangen und dienten während der mexikanischen Revolution von 1910 zur Glorifizierung von Kriegshelden und Rebellen wie Pancho Villa und Emiliano Zapata.

Die Immigration Hunderttausender Mexikaner in die Vereinigten Staaten und der aufblühende Drogenhandel aber hinterließen bald ihre Spuren in den Texten. Besonderen Einfluss sollte ein 1974er-Hit der kalifornischen Norteno-Band Los Pinguinos del Norte ausüben: „Contrabando y Traicion“ (Schmuggelware und Verrat). Die Geschichte von der Drogenschmugglerin, die ihren Gangsterpartner des Geldes wegen umbrachte, inspirierte mehrere Filme und wurde zur Blaupause aller späteren Narcocorridos – als Robin-Hood-Mäntelchen für Gangster.

So absurd die gesungene Sanktionierung des organisierten Verbrechens auch klingen mag: Der Korruptionsfilz der mexikanischen Regierung, ihr Versagen bei der Armutsbekämpfung verschafft den Kartellen vor Ort viele Sympathien. Zumindest schaffen sie Arbeitsplätze. In vielen Armenvierteln haben sie die Grundversorgung der Bevölkerung übernommen. Auch deshalb demonstrierten so viele Menschen nach der Verhaftung Guzmans Solidarität mit „ihrem“ Boss.

Seit dem Militäreinsatz der mexikanischen Regierung gegen die Drogenkartelle 2005 und dem damit verbundenen Blutzoll von über 50.000 Toten sind auch die Narcocorridos immer brutaler geworden: Viele Sänger wechselten in die erste Person. Ihre Lieder preisen die Tötung, Folterung und Zerstückelung von Gegnern und erinnern mit ihrer surrealen Gewaltlust bisweilen an Splatter-Horrorfilme. Songs als psychologische Kriegsführung?

Edgar Quitero, der Bandleader von Buknas de Culiacan, möchte sich lieber als Berichterstatter sehen: „Unsere Texte spiegeln lediglich den Horror des Drogenkriegs“. Doch die Syndikate nehmen immer öfter Einfluss auf die Texte. „Manche Musiker schicken ihre Songs vorab den verschiedenen Drogenkartellen, um sie von diesen freigeben zu lassen“, erklärt der Journalist Edmundo Perez. Im Gegenzug könnten sie Schutz und finanzielle Sicherheit erwarten.

Der Profit beruht auf Gegenseitigkeit. Denn die Narcocorridos bedeuten für die Kartelle willkommene Imagepflege: Selbst die brutalsten Geschichten über Drogenbosse vermitteln doch immer noch die Fiktion eines gegen die Autoritäten rebellierenden Helden. Setzen Menschen ein, wo längst transnationale Wirtschaftsimperien am Werk sind. So täuscht die Drogenfolklore darüber hinweg, dass die Kartelle sich längst nicht mehr auf den Handel mit Kokain, Heroin und Marihuana beschränken. Heute verdienen sie auch mit Waffenschmuggel, Menschenhandel, Raubkopien und Internetbetrug – um den Profit anschließend in karibischen Touristenhotels oder auch in deutschen Einkaufszentren zu waschen. Eine Wirklichkeit, die so in keinen Akkordeonschlager passt.

JONATHAN FISCHER

DIE WELT, 22.4.2014

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