Die Manuskripte von Mali, ein fragiler Schatz: Eva Brozowsky restauriert in Mali Hunderttausende altertümliche Handschriften. Im Interview spricht sie über ihren unschätzbaren Wert, die dramatische Rettung und die Bedrohung durch Schwarzhandel.

Das dreistöckige Archivierungsgebäude im Süden Bamakos ist seit über einem halben Jahr fertiggestellt: Es beherbergt unter anderem Werkstätten für die Restaurierung, Katalogisierung und Digitalisierung von gut 270.000 Manuskripten, die von Timbuktu nach Bamako geschmuggelt werden mussten, als Nordmali im Jahr 2012 durch radikale Islamisten besetzt wurde. Finanziert unter anderem vom deutschen Auswärtigen Amt und der Gerda-Henkel-Stiftung, lernt die Restauratorin Eva Brozowsky von der Universität Hamburg hier junge Malier in ihrem Metier an und koordiniert die Rettung der bis zu 1200 Jahre alten Schriften vor dem drohenden Verfall.

Die Welt: Frau Brozowsky, die Bundesrepublik Deutschland unterstützt nicht nur die Restaurierung dieser bedeutendsten Sammlung alter Schriften in Afrika. Sie hat bereits bei der Rettung von Hunderttausenden von Manuskripten aus dem von Islamisten besetzten Timbuktu geholfen …

Eva Brozowsky: Die Gefahr für die Schriften war groß. Ihre Evakuierung wurde dringend erforderlich, als die extremistischen Milizen anfingen, Manuskripte aus der staatlichen Ahmed-Baba-Bibliothek in Timbuktu zu verbrennen oder zu verkaufen. Abdel Kader Haidara, Archivar und Eigentümer einer der größten privaten Bibliotheken Timbuktus, fragte an, ob wir bei der Bergung der Manuskripte aus dem Ahmed-Baba-Institut und Dutzenden von Familienbibliotheken behilflich sein könnten. Daraufhin taten sich die niederländische, die luxemburgische und die deutsche Botschaft zusammen: Sie finanzierten unter anderem die Anschaffung von Tausenden von Metallkisten, in denen die Bücher herausgeschmuggelt werden sollten.

Die Welt: Wie haben die Malier diese Rettungsaktion unter den Augen der islamistischen Milizen organisiert?

Brozowsky: Die Metallkisten wurden in Mopti, der nächsten großen Stadt unter Regierungskontrolle, eingekauft und auf 30 private Haushalte in Timbuktu verteilt. Dort wurden sie mit Büchern gefüllt und dann per Eselskarren, Bus oder auch mit Pirogen auf dem Niger Richtung Bamako geschmuggelt. Aus Sicherheitsgründen konnten höchstens zwei bis drei Kisten pro Transport mitgehen – versteckt unter Obststiegen oder Körben mit getrocknetem Fisch. Bis Januar 2013 organisierte Haidara fast jede Nacht geheime Transporte. Am Ende gelangten so über 2500 Bücherkisten nach Bamako.

Die Welt: Es heißt, dass auf diese Weise 95 Prozent der Manuskripte gerettet werden konnten. Wie lässt sich der kulturelle Wert dieser bis ins 9. Jahrhundert zurückdatierenden Schriften einordnen?

Brozowsky: Wir reden von einem Schatz, den man nur mit dem Bestand sämtlicher Bibliotheken in Deutschland vergleichen kann. Bisher gab es noch kaum Forschung an den in Privatbesitz befindlichen Manuskripten. Wissenschaftler könnten hier also vieles zum ersten Mal entdecken. Unter anderem alchemistische Schriften, Abhandlungen über Astrologie und Medizin, Koranauslegungen und historische Schriften zu Ereignissen, über die wir bisher keine Primärquellen haben.

Die Welt: Ist denn der Fortbestand der Manuskripte mit ihrer Rettung nach Bamako schon gesichert?

Brozowsky: Nein, die erste Rettung ist gelungen. Jetzt kämpfen wir um eine zweite Rettung: Denn die Papiere, die viele Jahrhunderte lang den trockenen klimatischen Bedingungen in Timbuktu ausgesetzt waren, drohen sich nun durch das viel feuchtere Tropenklima zu zersetzen. Etwa durch Aufquellen, Verfärbungen, Schimmelpilzbefall. Viele der Manuskripte sind jetzt schon sehr fragil. Und im Mikroklima der Transportkisten können sie bereits in wenigen Wochen immensen Schaden nehmen. Bei der Restaurierung der Papiere ist also höchste Eile geboten …

Die Welt: Könnte nicht eine rasche Digitalisierung der Manuskripte erst einmal deren Inhalte sichern?

Brozowsky: Nur die neuesten stabilen Manuskripte lassen sich ohne Weiteres digitalisieren. Die alten, sehr fragilen Manuskripte müssen erst einmal stabilisiert werden. Das sind etwa 20 Prozent der Manuskripte. Weitere 20 Prozent sind so verschmutzt, dass sie kaum lesbar sind. Die Restaurierung ist also Voraussetzung für alle folgenden Rettungsmaßnahmen. Deshalb beschäftige ich mich mit der historischen Herstellung der Manuskripte: Welches Papier wurde verwendet, wie kam es aus Europa nach Afrika, welche Farben und Farbrezepturen enthält es? Das ist Forschung, die bisher noch nie stattgefunden hat.

Die Welt: Wie kommt es, dass trotzdem bisher nur ein Bruchteil der Manuskripte in dem mit Regalen, Luftentfeuchtern und stabiler Stromversorgung eingerichteten Archivierungsgebäude in Bamako gelandet ist?

Brozowsky: Nur die wenigsten Manuskripte befinden sich in staatlichem Besitz. Und viele der malischen Familien, denen die Bibliotheken gehören, fürchten um die Sicherheit der Schriften. Deshalb befindet sich das Gros der über 270.000 Manuskripte immer noch in geheim gehaltenen Verstecken in Garagen und Privathäusern – bewacht von ehrenamtlichen Wächtern und verpackt in dieselben Metallkisten, in denen sie einst aus Timbuktu geschmuggelt wurden.

Die Welt: In Mali sind 70 Prozent der Menschen Analphabeten. Hat die millionenteure Rettung der Manuskripte für die Menschen in diesem armen Land denselben Stellenwert wie für westliche Wissenschaftler?

Brozowsky: Ich glaube, die Manuskripte haben für die Malier sogar noch einen höheren Stellenwert. Selbst denjenigen, die nicht lesen oder schreiben können, ist klar, dass diese Dokumente ein unfassbarer kultureller Schatz sind. Sie sehen die Bibliotheken als Teil ihrer Identität an.

Die Welt: Trotz dieser Wertschätzung von allen Seiten müssen Sie noch immer um den Erfolg Ihres Restaurierungsprojektes bangen …

Brozowsky: Es gibt weder eine Verbindlichkeit der Finanzierung noch eine funktionierende Gesamtorganisation. Die Uni Hamburg hat vor allem Hilfe bei Material und Ausbildung zugesagt – nun wollen wir auf Geberkonferenzen in Europa und Amerika um finanzielle Unterstützung werben. Darüber hinaus fehlt die Einigkeit mit den holländischen und amerikanischen Partnern, die jeweils eigene Projekte unterhalten. Wir brauchten da eine Gesamtkoordination.

Die Welt: Welche Rolle spielen bei dieser „zweiten Rettung“ die Malier?

Brozowsky: Die Federführung des Projektes in Mali unterliegt Herrn Haidara. Er vertritt und koordiniert einige Dutzend Bibliotheken in Familienbesitz. Zusätzlich aber wäre eine gewisse Kontrolle von außen wichtig – vor allem, um Richtlinien aufzustellen, was mit den Bibliotheken passieren darf.

Die Welt: Gehen da die Vorstellungen der Malier und der westlichen Geldgeber auseinander?

Brozowsky: Im Moment ist es in Mali noch völlig legal, als Privatmann mit diesen Manuskripten zu handeln. Hier müssten neue Vereinbarungen zur Schaffung einer wirklichen Bibliotheksstruktur getroffen werden. Wir wünschen uns natürlich einen offenen Zugang für die Wissenschaft, wie das in Europa üblich ist. Doch die Digitalisierung und Öffentlichmachung der Schriften ist umstritten. Viele der Besitzer, auch Haidara, sind hier noch äußerst skeptisch. Sie sehen die Manuskripte als persönlichen Besitz an. Wir wirken in dieser Hinsicht nicht nur als technische Ausbilder – sondern auch als Vermittler neuer Denkweisen, wie eines demokratischen Zugangs zu Wissen, der in Europa ja auch erst seit relativ kurzer Zeit akzeptiert wird.

Die Welt: Vor wenigen Wochen haben Tuareg an der Nordgrenze Malis eine Karawane mit Manuskripten abgefangen und die Schriften beschlagnahmt. Sie müssen also auch befürchten, dass Manuskripte verkauft oder aus Mali herausgeschmuggelt werden?

Brozowsky: So etwas passiert leider laufend. Die Manuskripte sind eine Ware. Und sie ziehen Hehler an, die in Bamako Manuskripte ungeklärter Herkunft an die Baba-Ahmed-Bibliothek verkaufen. Andererseits haben auch Händler aus Katar und anderen arabischen Ländern ihre Hände im Spiel: Sie sehen die alten Bücher und Manuskripte als Wertanlage – die gerade durch ihre Exklusivität gewinnt.

Die Welt: Könnte die Unesco nicht die Manuskripte als Weltkulturerbe anerkennen und schützen?

Brozowsky: Das wäre sehr wünschenswert. Tatsächlich bringt sich die Unesco immer mehr ein: So organisiert sie in den nächsten Monaten eine Konferenz in Bamako, wo Bibliotheksbesitzer, Geldgeber und Restauratoren über das weitere Vorgehen diskutieren sollen.

Die Welt: Welcher Ort ist für die endgültige Archivierung der Manuskripte vorgesehen?

Brozowsky: Irgendwann sollen die Manuskripte auch wieder von Bamako zurück nach Timbuktu kommen. Im Moment ist die Sicherheitslage in Timbuktu dafür aber zu prekär. Außerdem sind wir erst am Anfang eines gewaltigen Restaurationswerkes: Immer noch befinden sich Hunderttausende Manuskripte in Privatbibliotheken im Umkreis von Timbuktu, es wird lange dauern, sie alle ausfindig zu machen und zu sichern.

Interview: JONATHAN FISCHER

Die Welt 8.4.2014

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