Zur Hölle ins Obergeschoss: Dantes „Göttliche Komödie“ aus der Sicht afrikanischer Künstler – eine mutige Ausstellung in Frankfurt

 

Strumpfsockig und in Jeans, so schlurfen die 72 im Koran versprochenen Jungfrauen durch das Erdgeschoss des Frankfurter Museums für moderne Kunst. Einige folgen mit kreisenden Armbewegungen den Vorgaben der Choreografin, andere stecken am Bühnenrand ihre Haare zurecht. Generalprobe für den Tanz der Houris. Die jungen Damen – alle Haut- und Haarfarben sind vertreten – wirken wie eine Zufallsauswahl junger Passantinnen aus den Straßen der Multikulti-Metropole Frankfurt. Am Abend werden sie unter vielen Schleiern tanzen, als inkarnierte Träume aus dem muslimischen Paradies. Die Aufführung ist Teil einer Installation der marokkanischen Künstlerin Majida Katthari: Den Märtyrer-Himmel hat sie mit erotischen Frauenfotos gepflastert, die sich dank konsequenter Überbelichtung und einem vorgeschobenen weißen Gaze-Vorhang nur in Andeutungen erschließen.

Der Erfüllung all der voyeuristischen Phantasien aber geht die Gewalt des Märtyrertodes voraus. Was für ein Paradies! „Ist Ihnen aufgefallen, dass sich der Himmel ganz unten, im Erdgeschoss befindet?“, fragt Simon Njami. Der Kurator der Ausstellung „Die Göttliche Komödie – Himmel, Hölle, Fegefeuer aus Sicht afrikanischer Gegenwartskünstler“ hockt am Bühnenrand und betrachtet durch seine schwarze Sonnenbrille das Geschehen: „Wir müssen uns erst hinaufarbeiten, um durch das Fegefeuer in die Hölle zu gelangen.“ Dantes göttliche Komödie steht Kopf.   Dass das MMK unter der Leitung von Susanne Gaensheimer nach Schauen brasilianischer und koreanischer Künstler nun Simon Njami einlud, ist ein mutiger Bruch mit der rein europäisch-nordamerikanischen Perspektive. Denn „Himmel Hölle Fegefeuer“ sticht explizit in die eurozentrische Kunstblase. 55 Künstler mit afrikanischen Wurzeln, aber vollkommen unterschiedlichen kulturellen und religiösen Hintergründen werfen einen Blick auf den zentralen christlich-westlichen Epos. Nur ein Remixer wie Njami konnte diesen Coup landen. Seine einzige Vorgabe an die Künstler: Ein jeweils zufällig ausgewähltes Wort aus der „Göttlichen Komödie“. Und der Wille, mitzudiskutieren über die universale Frage, was Glauben bedeutet. „Ich habe beschlossen, ein wenig Humor in Gottes Schöpfung zu bringen“, sagt Njami, der den ersten Afrika-Pavillon der Biennale gestaltete. „Ich möchte nachvollziehen, was Gott sich eigentlich gedacht hat.“ Die moralischen, theologischen und politischen Fragen, die „Die göttliche Komödie“ aufwirft, hätten nichts an Aktualität verloren. Dante lässt sich auf seiner imaginierten Jenseitswanderung von dem antiken Dichter Vergil und seiner Muse Beatrice durch die drei Reiche Paradies, Hölle, Fegefeuer führen. In Hunderten von Einzelschicksalen seziert er die Frage nach Schuld und Läuterung, Dogma und Freiheit.

Eindeutige Antworten will auch diese Ausstellung nicht geben. Viele Künstler stehen mit einem Fuß im Himmel, mit dem anderen in der Hölle. Ihr Vexier-Spiel nimmt dem 700 Jahre alten Drama die hermeneutische Schwere. Das Paradies erscheint hier oft als Neuanfang. So fliegen die filigranen Eisenfiguren des Senegalesen Ndary Lo scheinbar schwerelos wie Vögel in alle Himmelsrichtungen auf, dem Unbekannten entgegen. Überraschend optimistisch auch Zoulikha Bouabdellahs Installation „Silence“. Die nordafrikanische Künstlerin hat glitzernde High Heels auf ausgeschnittenen Flächen eines Gebetsteppichs angeordnet. Müssen sich religiöse Traditionen und westliche Phantasien ausschließen? Nein, behauptet sie, selbst starre Rahmen lassen Freiräume, in denen Frauen ihre Existenz behaupten können.

Wie höllisch wirkt dagegen das Gefängnis des Selbst! Das führt Joël Andrianomearisoas Installation vor. Hunderte blinkende Rechtecke gruppieren sich wie Häuserfassaden um den Betrachter. Es sind Make-up-Spiegel. Sie zerschneiden das Spiegelbild, werfen Begierden zurück,„ein Zuviel selbst für den größten Narziss“, wie Njami kommentiert. Am buntesten aber brennt das Fegefeuer. Da passt der angolanische Künstler Kia Henda in der Fotoserie „Othello’s Fate“ einen nackten schwarzen Mann in die Kulisse eines alten Lissaboner Palastes ein. Die Skulptur des nigerianisch-englischen Künstlers Yinka Shonibare, in der sich zwei kopflose Figuren duellieren, nimmt dank der Bekleidung aus Afrika-Stoffen ganz neue Bedeutungen auf.

Wenn „typisch afrikanisch“ eine Kombination aus javanischem Design, holländischer Wachsdruck-Fabrikation und afrikanischem Markt bedeutet: Wie geht dann der westliche Kunstkanon mit afrikanischer Körperlichkeit um? „Reinheitsgebote sind in Afrika kaum zu finden“, sagt Njami. „Für mich ist das der heterogenste Kontinent überhaupt. Schauen Sie mich doch an.“ Nein, Njami, Kind kamerunischer Eltern, aufgewachsen in Lausanne, studiert in Paris, liegen afrikanische Essenzialismen so fern wie Dante Alighieri die Vorstellung eines straffreien Jenseits.

Gut die Hälfte der ausstellenden Künstler leben und arbeiten in der Diaspora – wo der afrikanische Rückbezug oft an Dringlichkeit gewinnt. So zeigt die kanadische Künstlerin Aïda Muluneh in ihren Fotoportraits eine symbolisch bemalte äthiopische Frau: Das Gesicht weiß wie die für den sozialen Aufstiegskampf notwendige Maske, die Hände rot wie die dazugehörige Schuld. Es böten sich wohl viele Ansatzpunkte, um Dantes Drama als politische Keule zu schwingen, bekannte ideologische Diskurse um Rassismus und Post-Kolonialismus aufzunehmen. Nur, sagt Njami, hätte ihn das nie interessiert. Statt politischer Konzepte möchte er die Ästhetik der Kunstwerke in den Mittelpunkt rücken. Nähe und Stofflichkeit der Symbole: Njami rehabilitiert diese von der westlichen Kunst der letzten Jahrzehnte gering geschätzten Qualitäten. Da braucht es keine Erklärungen zu Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, um Jems Robert Koko Bis „Convoi Royal“ zu verstehen – ein grob gezimmertes Boot aus hellem Holz, in dem sich 80 schwarze Köpfe stapeln. Gleich daneben windet sich ein riesiger Walfisch.

Wo aber findet der Mensch Schutz? Statt Dantes Strafregister zu folgen, befragen viele Künstler mögliche metaphysische Zufluchtsorte: In der Religion, der Kunst – oder auch den eigenen Traditionen. Am imposantesten wirkt hier Dominique Zinkpés Installation „Errance“. Tausende hölzerner Figuren hängen in einem blauen Dämmerlicht von der Decke. Die Kreuze an den Enden des Raumes und die Musik verweisen auf die synkretistische Voodoo-Tradition in Zinkpés Heimat Benin, einst Ausgangspunkt für den Sklavenhandel und bis heute Zentrum einer afrikanischen Kosmologie, die sich über den Atlantik nach Brasilien, Haiti, Kuba und Nordamerika verbreitet hat. „Gehen Sie mal ganz nah an das geschnitzte Kreuz heran“, sagt Njami. „dann sehen Sie, dass es aus lauter Menschenkörpern besteht.“

  Die hängenden Figuren haben wider Erwarten auch etwas Tröstliches: Denn die Lebenden, die aus der großen Ahnen-Gemeinschaft gefallen seien, könnten diese nun um Beistand bitten. Hier lernt nicht nur Dante Alighieris „Göttliche Komödie“ das Tanzen. Sondern auch so manche ermüdete Kunstkonvention des Westens. Simon Njami grinst hinter seiner Sonnenbrille. „Wie viel Treppen muss man hinuntersteigen in den Himmel?

JONATHAN FISCHER

SZ 31.3.2014

Die Göttliche Komödie . Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main. Bis 27. Juli 2014.

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