„Homophobie ist eine Folge des Kolonialismus“ – Wie reagieren afrikanische Künstler auf Gesetze, die Homosexualität unter Strafe stellen? Kuratorin Koyo Kouoh über Instrumentalisierung, Rassismus und einen afrikanischen Frühling

Koyo Kouoh ist eine der wichtigsten Kuratorinnen für afrikanische Kunst. In Dakar hat die gebürtige Kamerunerin, die sich selbst nur als „Afrikanerin“ bezeichnet, 2008 die Raw Material Company gegründet. „Zentrum für Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft“ steht auf dem Schild vor dem olivgrünen Haus im Universitätsviertel Amitié 2.

Koyo Kouoh SZ

 

Koyo Kouoh gilt als eine der wichtigsten Kuratorinnen für afrikanische Kunst. In Dakar hat die gebürtige Kamerunerin, die sich selbst nur als „Afrikanerin“ bezeichnet, 2008 die Raw Material Company gegründet. „Zentrum für Kunst, Wissen und Gesellschaft“ steht auf dem Schild vor dem olivgrünen Haus im Universitätsviertel Amitié 2. Hinter hohen Mauern befinden sich ein Ausstellungsraum, eine Bibliothek, Künstlerateliers, Café und Versammlungsräume, wo regelmäßig theoretische und analytische Diskussionsforen stattfinden. Kouoh, eine energische Frau mit kurz geschorenem Haar, empfängt die Besucher in ihrem Arbeitszimmer, wo sie abgeschirmt von Hitze, Staub und dem Knattern der Mofas an ihrem nächsten Ausstellungskatalog arbeitet.

 

SZ: Frau Kouoh, Sie haben gerade unter dem Titel „Who Said It Was Simple“ eine einjährige Ausstellungsreihe zum Thema persönliche Freiheiten eröffnet, die sich insbesondere auf den Umgang mit Homosexualität und Homophobie fokussiert. Hat Homophobie in Afrika einen anderen Stellenwert als im Westen?

 

Kouoh: Leider ja. Im Westen wurde nach langjährigen Kämpfen, die mehrere Jahrzente dauerten, Homosexulität gesellschaftlich toleriert, und ich betone toleriert, denn akzeptiert ist sie nach wie vor nicht ganz in mehreren kreisen. Die Debatte um die gleichgeschlechtliche Ehe in Frankreich hat dies nochmals schockierend in Erinnerung gerufen. In Afrika ist Homosexualität heutzutage generell verteufelt und dies war nicht immer so. Anthropologie und Geschichte belegen dies in vielen Schriften. Ohne alles immer der kolonialzeit anzukreiden wollen, darf man jedoch nicht vergessen, daß die meisten Länder Afrikas die Strafgesetzbücher ihrer ehemaligen Kolonialmacht eins zu eins übernommen haben. In den Strafgesetzbücher Englands und Frankreich war Homosexualität in den sechziger Jahren (und dies bis in den 80er Jahren) strafrechtlich verfolgt. Ich persönlich glaube jedoch, daß es keinen spezifisch afrikanischen oder europäischen Umgang mit Homosexualität geben sollte, denn es geht niemanden was an was man mit seiner Sexualität treibt solange niemand dabei zu schaden kommt. Der erste Teil der Ausstellungsreihe dokumentiert, wie die Medien in Senegal und anderen afrikanischen Ländern das Thema aufbereiten. Im Mai zeigt die Raw Material Company eine weitere Austellung mit dem Titel Precarious Imaging: Visibility surrounding African queerness mit Fotographie, Video und Installationen von Künstlern wie Kader Attia, Zanele Muholi, Andrew Esiebo und andere.zum Leben sexueller Minderheiten.

SZ: Geht es Ihnen darum, die Menschenrechte zu verteidigen?

Kouoh: Mir geht es vor allem darum Kunst zu zeigen und anhand der Arbeiten eine offene Diskussion auszulösen: In einem Begleittext zur Ausstellung erklärt der nigerianische Schwulen-Aktivist Ayo Sogunro, dass es in Nigeria über 250 verschiedene Gesellschaften gibt, von denen einige traditionell homosexuelle Handlungen praktizieren. Das gleiche gilt für Senegal und andere Länder Afrikas. Und dann beschließt die nigerianische Regierung, homosexuelle Praktiken mit langjährigen Gefängnisstrafen zu ahnden – angeblich weil sie der Kultur des Landes widersprechen. Das wirft natürlich Fragen auf: Woher kommt diese Radikalisierung der Gesellschaft? Wer steckt dahinter? Und warum? Da geht es vor allem um politische und religiöse Interessen. Die Homophobie wird instrumentalisiert, um die Menschen zu kontrollieren.

SZ: Mit der Raw Material Company behandeln Sie visuelle Kunst als Ort eines globalen gesellschaftskritischen und politischen Diskurses. Reagieren Sie mit Ihrer jetzigen Ausstellung auf die aktuelle politische Debatte zu Homophobie in Afrika?

Kouoh: Wir arbeiten viel zu langfristig, um auf Trends zu reagieren. So eine Ausstellung hat doch einen Vorlauf von mindestens einem Jahr. Andererseits beschäftigt sich unser Kunstzentrum grundsätzlich mit den Folgen des Kolonialismus: Und dazu gehört auch die Homophobie. Viele der diesbezüglichen Gesetze, die wir in Senegal anwenden, entstammen noch der vierten französischen Republik. Frankreich schaffte die Diskriminierung Homosexueller in den 1980er Jahren ab. Aber in Afrika lebt die alte Politik fort. Sie hat Identitäten geformt, die oft im Gegensatz zu traditionellen afrikanischen Freiheiten stehen.

 

Das Spannungsfeld „konstruierter Identitäten“ zwischen westlichen und afrikanischen Vorstellungen scheint Sie immer wieder zu beschäftigen. So haben Sie im letzten Jahr eine Ausstellung über die überall in Afrika präsenten holländischen Wachsdruckstoffe kuratiert.

Es ist spannend, wie hier eine Geschichte von Kolonialismus, Aneignung und Wiederaneignung geschrieben wird. Warum akzeptieren Afrikaner diese Stoffe, die ja weder in Afrika noch von afrikanischen Designern gefertigt wurden, als „typisch afrikanisch“? Warum glauben die Leute an solche projizierten Ideen? Mir geht es darum, Selbstverständlichkeiten infrage zu stellen, nachzufragen, was „afrikanisch“ heute bedeutet.

Erwarten westliche Betrachter von afrikanischen Künstlern nicht einen Rückbezug auf tribalistische Traditionen?

Ja, es gibt diese Liebhaber afrikanischer Masken und Skulpturen in Europa, die zeitgenössischer Kunst das authentisch Afrikanische absprechen. Um es mal zu übersetzen: Bleibt bei euren Masken und Skulpturen. Diese Haltung ist rassistisch.

Andererseits ist zeitgenössische afrikanische Kunst heute im Westen präsenter als je zuvor. Afrikanische Kuratoren wie Okwui Enwezor und Simon Njami werden weltweit gefeiert. Sie selbst haben im vergangenen Jahr eine Messe für zeitgenössische afrikanische Kunst in London kuratiert.

Es geht mir um die Anerkennung der kreativen Vielfalt in Afrika, von der Fotografie bis zur populären Musik. Hip-Hop etwa entwickelte sich letztlich aus afrikanischen Zutaten. Besuchen Sie eine Gegend 200 Kilometer südlich von Dakar und Sie hören traditionelle Rap-Gesänge. Schwarze Amerikaner haben das weltweit verbreitet, aber hier wird diese Kunst seit Jahrhunderten praktiziert. Stets wird Afrika verleugnet – bis in die politische Berichterstattung hinein. Tunesien und Ägypten liegen in Afrika, und dennoch wird vom „arabischen Frühling“ und nicht etwa vom „afrikanischen Frühling“ gesprochen.

Hat nicht der senegalesische Frühling ein Gegenbild zu vielen Afrika-Klischees geliefert, indem er zeigte, dass Demokratie und Zivilcourage über die Korruption siegen können?

Ich habe 2012 eine Foto-Ausstellung in Berlin kuratiert, um unsere demokratischen Ressourcen sichtbar zu machen. Demokratie und Mehrparteiensystem gehören seit Jahrzehnten zu Senegal. Als klar wurde, wie korrupt unsere Regierung ist und dass Präsident Wade verfassungswidrig eine dritte Amtszeit plante, gingen die Proteste los. Am Anfang standen öffentliche Debatten und politische Diskussionen. Schon bevor die Bewegung Y’en a marre die Massen auf die Straßen trieb, hatten Politiker, Rapper, Journalisten und Studenten zwei Jahre lang Aktionen veranstaltet. Aber ohne dass der Westen davon Notiz genommen hätte.

Soll Ihre Raw Material Company solche Diskussionen anstoßen?

Dazu brauchen die Senegalesen kein Kunstzentrum – schließlich hatten wir bereits 1968 Studentenproteste, die selbst diejenigen in Paris in den Schatten stellten. Aber ich will die Kunst aus ihrer Selbstreferenzialität holen: Kunst hat mehr zu sagen als Ästhetik und Formensprache. Künstler haben feine Antennen, um gesellschaftliche Prozesse sichtbar zu machen – und zwar auf andere Weise als etwa Kommerz und Politik. Kunst hat in Afrika schon immer kritische Positionen ausgedrückt. Viele der Tänze und Griot-Gesänge sind politisch. Und selbst die überlieferten Skulpturen tragen oft eine politische Botschaft. Wir sind nur manchmal nicht imstande, sie zu lesen.

Sie sind weltweit bestens vernetzt. Macht es da noch einen Unterschied, ob ein Künstler in Paris, Berlin oder Dakar arbeitet?

Ich tendiere zu einem Nein. Die Essenz des Kunstschaffens ist überall die gleiche. Gleichzeitig muss ich zugeben, dass gerade die afrikanische Großstadt die Menschen – und mit ihnen auch die Künstler – herausfordert. Sie müssen hier, mehr als irgendwo anders, präsent, intelligent und schnell sein, um zu überleben. Hier wird man dauernd aus seiner Komfort-Zone geschleudert. Und das fördert den kreativen Prozess.

Welche Mittel hat denn ein senegalesischer Maler nach seinem Studium an der Kunstakademie, um seine Bilder einer größeren Öffentlichkeit zu präsentieren?

Wenn er Glück hat, kommt er in die Absolventen-Ausstellung in der Nationalgalerie. Dann aber fehlt ein Netzwerk von Galerien, die ihn fördern könnten. Es gibt kaum Sammler und Käufer für junge zeitgenössische Kunst – und noch weniger Kritiker, die über sie berichten würden. Der Absolvent der Kunstakademie wird sich also sehr einsam fühlen. Gerade die visuelle Kunst in Afrika leidet sehr unter der Abtrennung von den anderen Kunstformen. Traditionell kommt Kunst in Afrika immer in einer Vielfalt von Formen daher: Man ist nicht nur Tänzer oder Maskenbildner, sondern gleichzeitig auch ein Dichter, ein Schriftsteller und Maler. Hier gab es immer eine Simultanität. Die Raw Material Company will an einer Infrastruktur mitwirken, die diese Vereinzelung der Künste überwindet.

Wie weit engagiert sich der Staat? In den Jahren nach der Unabhängigkeit wurden viele afrikanische Künstler von ihren Regierungen gefördert, um über die visuellen Künste ein neues nationales Selbstverständnis auszudrücken.

Senegal ist in dieser Hinsicht vorbildlich. Kunst und Kultur haben ein stetiges Budget im Staatshaushalt, von dem Kunstakademie, kulturelle Zentren oder die Biennale in Dakar profitieren. Allerdings halte ich die Qualität der Kunstvermittlung für problematisch. Als ehemalige französische Kolonie haben wir die Haltung unserer Kolonialherren übernommen: Kunst dient zur Verherrlichung des Staates. Unser letzter Präsident Abdoulaye Wade hat etwa eine Menge Geld für die Errichtung eines monumentalen Theaterpalastes im Stadtzentrum verbraten. Nur: Es fehlt ein Programm, um dieses Theater zu bespielen. Direktor und Angestellte verwalten das Gebäude als reinen Selbstzweck. Ähnlich unqualifiziert werden viele Posten im Kultur-Management vergeben. Diese Vetternwirtschaft ist das wirkliche Problem Afrikas.

Und es bleibt privaten Initiativen wie Ihrer Raw Material Company überlassen, ein Gegenprogramm zu entwerfen?

Mit der Raw Material Company haben wir eine Blaupause für ganz Afrika geschaffen. Einen Ort der Freiheit, wo Kunst nicht nur Vergnügen, sondern auch Schmerz, Angst und Gesellschaftskritik ausdrücken kann. Noch aber fehlen vielerorts die nötigen Infrastrukturen. Deshalb haben wir bei unserem letzten Symposium Künstler, Kuratoren und Kunstfunktionäre über den Aufbau von Kunstinstitutionen in Afrika diskutieren lassen.

Haben Sie noch nie erwogen, wie Ihre Kuratoren-Kollegen Okwui Enwezor oder Simon Njami lieber im Westen zu arbeiten, um womöglich mehr Förderung und Öffentlichkeit für Ihre Projekte zu erhalten?

Nein, es ist mir viel wichtiger, hier in Afrika eine Ausstellung in einem 100 Quadratmeter großen Raum zu machen, als ein großes Kunstmuseum in New York zu bespielen. Wir Afrikaner müssen endlich lernen, auf unsere eigene Größe zu vertrauen. Die Nachwirkungen von Sklaverei und Kolonialismus haben sich tief in unsere Psyche eingegraben, als Gefühl der Minderwertigkeit. Wissen Sie, was der Name Raw Material Company besagt? Dass wir Afrikaner alles Lebensnotwendige, alle Rohstoffe im eigenen Land finden. Und ich spreche nicht nur von Gold, Öl oder Baumwolle. Auch Kunst ist ein Rohstoff für die menschliche Entwicklung.
INTERVIEW: JONATHAN FISCHER
SZ 18.2.2014

Advertisements

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.