Heute lache ich Rassisten aus: Ein Gespräch mit dem Journalisten Theodor Michael, dem ersten schwarzen Schauspieler im deutschen Fernsehen

Interview: JONATHAN FISCHER

Er trat in UFA-Filmen mit Baströckchen auf, später heuerte ihn der BND an: Ein fast Neunzigjähriger über deutschen Rassismus

In Ihrer Biographie berichten Sie von der schwierigsten Zeit Ihres Lebens: dem Überleben als schwarzer Deutscher unter einem Regime, das Sie zum Angehörigen einer „minderwertigen Rasse“ abstempelte, Sie ausbürgerte und in den letzten Kriegsjahren in ein Lager mit Fremdarbeitern steckte.

Es wurde zu meiner Überlebensstrategie, bloß nicht aufzufallen. Wer aufmuckte, landete schnell im KZ – und wir alle wussten von den Zwangssterilisationsprogrammen für Schwarze. Das hing wie ein Damoklesschwert über uns.

Ihr Vater allerdings hatte Deutschland anfangs noch ganz anders erlebt: Er wurde 1884 als Bewohner von Deutsch-Kamerun zum Deutschen gemacht, reiste voller Tatendrang nach Berlin und heiratete dort eine Preußin.

Die Hautfarbe spielte damals noch keine so große Rolle, Afrikaner aus den deutschen Kolonien galten als Landsleute. Mein Vater kam zudem aus einer vornehmen Kameruner Familie, er war Respekt gewohnt. Erst die Kolonialkriege gegen aufständische Afrikaner – etwa der Krieg gegen die Herero in Südwestafrika – ließen die öffentliche Meinung kippen: Plötzlich verunglimpften Zeitungen Afrikaner als unzivilisierte Wilde.

Hat sich Ihr Vater dennoch als Deutscher gefühlt?

Ja, durchaus. Wie das in afrikanischen Sozialsystemen üblich ist, steht man loyal zur eigenen Obrigkeit.

Sie selbst waren sehr ehrgeizig, gehörten stets zu den besten Schülern Ihrer Klasse – und erlebten dann, wie Sie wegen Ihrer Hautfarbe aus dem Gymnasium und später auch aus dem Arbeitsleben ausgeschlossen wurden.

Ich erinnere mich noch gut, wie ich den kindlichen Wunsch hegte, bei der Hitlerjugend mitzumachen. Damals gingen eben alle Kinder in das Jungvolk. Mir aber sagte man: Du gehörst nicht zum Volk. Für mich war das ein Schlag ins Gesicht.

Sie schreiben, dass damals jeder Zirkus, der etwas auf sich hielt, eine Völkerschau ins Programm aufnahm. Weil es keine Alternativen gab, heuerten Sie mit Ihrem Vater und Ihren Geschwistern dort als „Wilde“ an. Wie empfanden Sie diese Auftritte im Baströckchen?

Mein Vater vermittelte uns, dass das ein Job wie jeder andere sei. Er sah das professionell: Dann schlüpfe ich eben in das Baströckchen und ziehe nach Feierabend wieder meinen Anzug an. Anfangs genoss ich sogar die Aufmerksamkeit, in meiner Klasse galt ich als Schauspielstar. Aber mit vierzehn Jahren begann ich zu stottern und bekam Magengeschwüre. Dass dauernd Menschen in mein Haar fassten und an meiner Haut rieben, um zu sehen, ob ich nicht bloß angemalt war – das machte mich krank.

Sie spielten auch in UFA-Produktionen mit und dienten da als Statist der Verherrlichung der deutschen „Herrenrasse“ und Kolonialherren wie Carl Peters.

Wir Schwarze durften damals nur Rollen spielen, die nicht zu positiv besetzt waren. Liebesszenen oder selbstbewusstes Auftreten waren tabu. Beim Dreh für den „Carl Peters“-Film gaben wir die sogenannten Eingeborenen, zusammen mit afrikanisch-französischen Kriegsgefangenen. Unterhalten durften wir uns mit denen leider nicht. Aber wir haben den afrikanischen Kollegen Tabak und Brot zugesteckt.

Sie verwaisten früh, wurden zu Pflegeeltern gesteckt, die Sie wie einem Hausdiener behandelten und, so schreiben Sie in ihrem Buch, ganz unverblümt die Ansicht äußerten, Sie seien „in Anbetracht ihrer afrikanischen Abstammung ohnehin zu nichts anderem als zum Dienen bestimmt“. Haben Sie sich damals schon mit der politischen und ideologischen Dimension des Rassismus beschäftigt?

Waren Sie schon mal in einer lebensgefährlichen Situation? Da gibt es keinen Raum zum Nachdenken. Alles dreht sich nur um die praktische Frage: Wie überlebe ich den heutigen Tag?

Absurderweise wurden Sie später von den amerikanischen Besatzern verdächtigt, ein Nazi-Kollaborateur zu sein.

Die wunderten sich wohl, dass ich als Schwarzer diese Zeit so unbeschadet überleben konnte. Mir nutzte dann mal ausnahmsweise meine Hautfarbe: Ich marschierte, ohne kontrolliert zu werden, an den Wachen vorbei aus dem amerikanischen Lager heraus.

Andererseits lebte der Rassismus in den Köpfen vieler Menschen weiter. Sie fanden nur schwer Arbeit und mussten Ihre Familie mit sporadischen Jobs als Radiosprecher und Schauspieler ernähren.

Die Arbeitgeber befürchteten damals, ein schwarzer Angestellter könne sie in Konflikt mit ihren Kunden oder ihrer Belegschaft bringen. Sobald ich mich persönlich vorstellte, war der Job schon vergeben. Am Theater dachte man ähnlich: Ich sprach für einen „Wilden“ zu gut Deutsch. Und andere Rollen waren für weiße Schauspieler reserviert, selbst den Othello überließ man lieber einem schwarz angemalten Weißen. Das sollte sich erst in den achtziger Jahren ändern, aber da fühlte ich mich für viele Rollen schon zu alt.

Zumindest den Prospero aus Shakespeares „Sturm“ durften Sie als junger Mann einmal spielen.

Ja, aber da gab es gleich Proteste der Kollegen: Das geht nicht, ein Schwarzer als Prospero!

Offensichtlich war es für einen Schwarzen in den sechziger Jahren leichter, deutscher Schlagerstar zu werden, wie der Erfolg von Roberto Blanco beweist.

Ja, aber eben nur mit höchst harmlosen Liedern. Fälschlicherweise wurde Blanco später als erster schwarzer Schauspieler im deutschen Fernsehen bezeichnet. Dabei war ich dort schon 1955 aufgetreten, unter anderem als amerikanischer GI in dem Stück „Ein Held in unserer Zeit“.

Sie haben sich nach dem Krieg mit den schwarzen GIs verbrüdert. Hat sich da für Sie ein Fenster zu einer größeren Welt geöffnet?

Die GIs bedeuteten ein Ende der Isolierung. Es gab endlich wieder Landsleute, Menschen mit meiner Hautfarbe, die Ähnliches erlebt hatten wie ich und auch darum kämpften, in einer weiß dominierten Welt zu überleben. Es war selbstverständlich, dass wir uns miteinander solidarisierten.

Sie schreiben über die große Sprachlosigkeit nach dem Krieg und dass Sie die eigenen Erfahrungen unter dem Nationalsozialismus selbst mit Ihrer weißen deutschen Ehefrau kaum besprachen.

Das allgemeine Schweigen über die Vorgänge während der NS-Zeit war ein Versuch, mit den eigenen seelischen Verwundungen klarzukommen. Erst die 68er-Generation akzeptierte das nicht mehr. Auch mein Sohn fragte mich damals: Hast du dich denn gar nicht gewehrt? Weshalb hast du das Unrecht zugelassen? Ich habe ihm dann vieles erklären müssen: dass ich Menschen nicht von vornherein verurteile und dass ich stets das Gespräch suche, selbst wenn es sich um ehemalige NS-Parteigänger oder Neonazis in Ostdeutschland handelt.

Glauben Sie wirklich, Rassisten durch Gespräche bekehren zu können?

Nein. Aber ich glaube an die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln. Nach dem Krieg war ich eng mit einem Mann befreundet, der mir Jahre später gestand, dass er in der SS gewesen war. Natürlich erschrak ich erst einmal. Mir gegenüber hatte mein Freund nie Anzeichen von Sympathie für das NS-Regime gezeigt, im Gegenteil, er hatte im Nachhinein vollkommen begriffen, was in dieser Zeit passiert war.

Wie haben Sie Ihre Kinder auf mögliche rassistische Anfeindungen vorbereitet?

Am meisten zählt doch das eigene Vorbild. Meine Kinder lachen Rassisten einfach aus, genauso wie ich. Sie wissen, dass es die Rassisten sind, die ein Problem haben, nicht sie.

Stört es Sie, wenn Sie in alten Kinderbüchern auf das Wort „Neger“ stoßen?

Ich halte manches an dieser Diskussion für überzogen. „Zehn kleine Negerlein“ etwa ist ein Lied aus dem neunzehnten Jahrhundert, das man in seinem historischen Kontext sehen muss. Von mir aus darf auch der sogenannte Mohrenkopf bleiben. Ich bringe mich als schwarzer Mensch nicht in Verbindung damit.

Viele jüngere schwarze Deutsche geben sich da radikaler. Die Autorin und Musikerin Noah Sow etwa attackiert in ihrem Buch „Deutschland Schwarz Weiß“ die Privilegien der weißen Mehrheit und fordert selbst tolerant tuende Weiße auf, sich zum „Rassisten in sich zu bekennen“.

Die jüngere Generation hat das Recht, radikal zu sein, weil man ihr immer noch das Baströckchen anziehen will. Sie haben heute andere Möglichkeiten, sich zu wehren, als wir damals. Und das ist gut so.

Sie waren in den siebziger Jahren Chefredakteur des Afrika-Bulletin und wurden später vom Bundesnachrichtendienst als Afrika-Experte angeworben. Sind Sie angesichts der Anfeindungen in Deutschland nicht manchmal in Loyalitätskonflikte gekommen?

Ich nenne meine Heimat ja bewusst nicht Vaterland, sondern mein Mutterland. Aber die Loyalität zu dem Land bleibt, auch wenn eine Minderheit der Menschen, die darin leben, es mir oft schwergemacht hat. Sowohl als Journalist als auch als Beamter des BND ging es mir um dasselbe Anliegen: ein realistischeres Afrikabild zu zeichnen. Die Deutschen haben sich nach dem Krieg lange nur mit sich selbst beschäftigt. Sie wussten nichts über die Lebenswirklichkeit der Afrikaner.

Heute wird über unsere Verantwortung für Afrika vor allem dann debattiert, wenn wieder mal Hunderte von Flüchtlingen vor Lampedusa kentern. Wie stehen Sie zur deutschen Asylpolitik?

Ich sehe nicht nur unsere Asyl-, sondern auch unsere Einwanderungspolitik sehr kritisch. Da wird Deutschland noch allzu oft als völkisch gedacht. Dabei sind wir längst ein Einwanderungsland. Wie schon zur Zeit meines Vaters sind es ja gerade die bestausgebildeten jungen Afrikanern, die von ihren Familien nach Europa geschickt werden. Beide Seiten könnten bei einer kontrollierten Einwanderung voneinander profitieren. Aber in Brüssel diskutiert man lieber darüber, wie man die Grenzen noch effektiver bewacht.

Was müsste geschehen, damit schwarze Deutsche sich endlich als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft fühlen können?

Das fängt beim Fernsehen und seinen Serien an: Wo tritt da mal ein schwarzer Arzt, Rechtsanwalt, Ingenieur auf? Die gibt es doch längst auch in Deutschland. Aber sie bleiben im öffentlichen Bewusstsein so gut wie unsichtbar. Und auch an jeder deutschen Grenze wird einem klargemacht: Du gehörst nicht dazu.

Können Sie das erklären?

Wie oft habe ich diese Szene schon erlebt: An den Flughafenkontrollen lässt man alle durchmarschieren, ungeachtet ihrer möglichen Nationalitäten. Dann komme ich: Stopp, Ihren Pass bitte! Nicht Personalausweis, nein Pass. Woraus schon zu schließen ist, das mich der Zollbeamte für einen Ausländer hält. Ich frage dann stets: Warum kontrollieren Sie nur mich? Müssen Sie nicht alle kontrollieren? Dann tut er das notgedrungen, und die Leute sehen mich als Schuldigen und schimpfen auf mich. Aber das ist es mir wert

ZUR PERSON

Theodor Michael wird 1925 in Berlin als jüngster Sohn eines Kameruner Kolonialmigranten und dessen deutscher Ehefrau geboren. Mit neun Jahren ist er Vollwaise.

Die NS-Zeit überlebt er unter anderem mit Komparsenrollen in Kolonialfilmen der UFA. Nach dem Krieg arbeitet er als Zivilangestellter bei den amerikanischen Besatzungstruppen, holt das Abitur nach und studiert Politikwissenschaften in Hamburg und Paris. Er wird Chefredakteur der Zeitschrift „Afrika-Bulletin“, Regierungsberater der SPD und Lehrbeauftragter für die Deutsche Stiftung für Internationale Zusammenarbeit. Schließlich heuert er beim Bundesnachrichtendienst an. Heute ist er pensionierter Regierungsdirektor.

Kürzlich erschien bei dtv seine Autobiographie „Deutsch sein und schwarz dazu: Erinnerungen eines Afro-Deutschen“. Erst seine Enkel hatten ihn dazu bewegt, die eigene Geschichte aufzuschreiben.
FAZ 4.1. 2013

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