Sagen Sie doch mal laut: Ich bin weiß! Toleranz schützt nicht vor Rassismus: Ein Abend mit der afrodeutschen Schauspielerin, Sängerin und Bürgerrechtlerin Noah Sow

Im „Pavillon” in Hannover erwartet Noah Sow ein Heimspiel: Das Kulturzentrum schmücken Wandgemälde gegen den Bundeswehreinsatz in Afghanistan, die Poster kündigen Vorträge zu „Macht und Machenschaften der Markenkonzerne” an und über dem Eingang zum Lesesaal prangt in zwölf Sprachen das Wort „Willkommen”. Zwischen Töpferwerkstatt und afrikanischem Tanzkurs steht man hier fest auf politisch korrektem Boden. Hier kann die aus Hamburg angereiste Moderatorin, Schauspielerin, Sängerin und Autorin des Buches „Deutschland Schwarz Weiß – der alltägliche Rassismus” eigentlich nur zu den Bekehrten predigen. Und all die Rassisten da draußen geißeln. Denkt man. Bis die zierliche Frau mit der Afrofrisur und den tätowierten Oberarmen jede Unschuldsvermutung vom Tisch fegt: „Viele Linke haben den Rassismus einfach externalisiert. Die Dämonisierung der anderen aber verhindert die Auseinandersetzung mit eigenen Rassismen.”
Oft, sagt Noah Sow, habe sie die Erfahrung gemacht, dass Konservative für ihre Argumente zugänglicher seien. Tatsächlich eckt die Autorin mit ihrem Buch gerade im Gutmenschenmilieu gehörig an. Immerhin lautet ihre These, jeder noch so tolerant tuende Weiße habe einen Rassisten in sich stecken. Davon abweichende Meinungen seien nur Schutzmechanismen.
Afrikanische Völker im Zoo
„Ich kann niemanden bekehren, aber den Leuten ihre Prägung bewusst machen.” Wenn Sow redet, dann hört man unter der schnippischen Oberfläche die Wut. Schlagfertigkeit und verbale Aggression liegen bei ihr nur einen Zungenschlag voneinander entfernt. Und die gerade noch freundliche Gesprächsatmosphäre droht bei jeder „falschen” Frage ins Klamme umzukippen. So verrät Sow zwar, dass ihre weiße deutsche Mutter als Gewerkschaftssekretärin dem linken Milieu entstammte. Weitere Fragen nach ihrem Privatleben aber duldet sie nicht. Der afrikanische Vater? Ihre Familie sei privat. Punkt. Nachhaken zwecklos. Sie sei es gewohnt, in ihren Entscheidungen respektiert zu werden. Entsprechend selbstbewusst bis ungnädig gibt sich die Frau, die sich hierzulande vor allem als Sängerin der afrodeutschen Frauenband Sisters und Radiosprecherin einen Namen machte, auch in ihrem ersten Buch.
Als Noah Sow am Lesepult das Mikrophon ergreift, ist der schummrig-gelb beleuchtete Mehrzwecksaal vollbesetzt – hauptsächlich sind weiße Deutsche aus dem studentischen Umfeld gekommen. „Sie werden auch mal hart angefasst werden”, gibt sie ihrem Publikum zu verstehen. „Nehmen sie es als Erfahrung.” Es geht an diesem Abend weniger um Entertainment als um die Selbstkritik ihrer Zuhörer. Wenn Sow keine dieser gut verkäuflichen persönlichen Leidensgeschichten geschrieben hat, dann weil sie den Fokus weg von sich als Einzelschicksal hin zu den Vorurteilen der Masse lenken will, und sie ihre Objektivität möglichst nicht durch biographische Details in Frage gestellt sehen möchte.
Vielleicht ist es aber doch nicht ganz verkehrt, ein wenig von Noah Sow zu wissen, bevor man ihre 319 Seiten starke Anklageschrift liest. Aufgewachsen in Oberbayern, lebt die Musikerin und Autorin seit zehn Jahren in Hamburg, der Stadt, die ihrer Meinung nach „die einzig normale in Deutschland ist”. Vor allem auf dem Kiez fühlt sie sich zu Hause. Weil die Menschen hier entspannter seien, sie im Millerntorstadion als schwarze Frau ohne dumme Anmache die Fußballspiele ihres Lieblingsvereins FC St. Pauli besuchen kann, und bei Gelegenheit gar der von Noah Sow und ihrer Punkrockband Das Heimlich Manöver eingespielte Song „Es brennt hier drin” durch die Stadionlautsprecher dröhnt. Allerdings erzählt sie auch von einer schweren Enttäuschung. So wurde ihr beim Foto-Shooting für einen FC St. Pauli Merchandising-Katalog beschieden, sie könne unmöglich mit ihrem Afro antanzen, solle erst einmal ihre Frisur glätten. Für die Frau, die einst während der ersten Staffel von „Popstars” als Jury-Mitglied ausstieg, weil sie den von einem „unmöglichen Menschenbild” geprägten Umgang mit den Kandidaten nicht mehr mittragen wollte, der Beweis, dass der Feind gelegentlich in den vermeintlich eigenen Reihen sitzt. Keine Frage: Die Zurückweisung schmerzt dort am meisten, wo man sie am wenigsten erwartet.
Vielleicht ist das der Grund, warum Sow inzwischen als Vorsitzende des Vereins Der Braune Mob am liebsten über rassistische und unfaire Wortwahl in deutschen Medien doziert, sie „braune Karten” etwa an den Zoo in Augsburg verteilt, der mit seiner Veranstaltung „African Village” an die Tradition der sogenannten Völkerschauen des 19. Jahrhunderts erinnert, oder das Wort „Neger” als Beleidigung aus dem Langenscheidt-Wörterbuch zu streichen fordert.
Wo kommst du eigentlich her?
Dabei hat sie persönlich viel handfestere Anfeindungen erlitten: So will man ihr bei einem Fernsehdreh in Rostock das reservierte Zimmer nicht geben, patrouillieren vor dem Hoteleingang gewaltbereite Glatzen, und weigern sich weiße Mitarbeiter aus Angst vor Übergriffen, im selben Auto wie Sow zu sitzen. Doch davon möchte die „Deutschland-Schwarz-Weiß”-Autorin eigentlich nicht mehr reden. So wenig wie von ihrer ICE-Fahrt nach Potsdam, auf der sie von einem Rudel Neonazis physisch und psychisch so malträtiert wurde, dass sie mehrere Wochen arbeitsunfähig war und sich in therapeutische Behandlung begeben musste. Statt den rechten Rand nimmt sie lieber die sublimeren Formen der Misshandlung durch vermeintlich aufgeklärte Mitbürger aufs Korn. Und erzählt etwa, dass sie im Zug nur noch erste Klasse fährt. Da könne sie wenigstens sicher sein, nicht mit ungebetenen Gesprächen à la „Wo kommst du eigentlich ursprünglich her?” oder „Ich hatte auch schon mal eine brasilianische Freundin. . .” belästigt zu werden.
„Sagen Sie doch mal laut: Ich bin weiß”, ruft Sow ihrem Lesungspublikum zu. Plötzliche Stille. „Merken Sie, dass Sie da gar keine Lust darauf haben, mit anderen in einen Topf geworfen zu werden. Dass Sie sich daran klammern, ein Individuum zu sein?” Wenn sie sich nur mal selbst daran halten würde. Zwar hat Noah viel und ausdauernd recherchiert. Sehr präzise und mit vielen Fallbeispielen belegt sie da einen spezifisch deutschen Rassismus, von der hiesigen Kolonialgeschichte bis zum „strukturellen Ignorieren, dass schwarze Menschen ein Teil Deutschland sind”, vom „Racial Profiling” der deutschen Polizei bis zur Rollen-Beschränkung schwarzer Schauspieler auf die immer selben Entertainer-, Dealer- und Hilfsarbeiter-Klischees. Andererseits krankt „Deutschland Schwarz Weiß” selbst an so mancher Kollektiv-Verurteilung. „Deutschland ist ein Club”, heißt es da etwa, „in dem alle Weißen grundsätzlich hochwillkommen und alle Schwarzen grundsätzlich verdächtig sind”. Da riecht Harry Potter als „Halbblut” nach Nazi-Rassenlehre, und auch in einem Spiegel-Titel, der unter der Überschrift „Das Böse im Guten” ein dunkel und hell eingefärbtes Frauengesicht zeigte, vermutet Noah Sow „aggressive weiße Dominanz”.
Wo aber selbst weiße Mütter schwarzer Kinder wegen ihres „Weiß-Seins” eine Gefahr für das korrekte Selbstbild ihres Nachwuchses darstellen, verlieren sich Sows Spitzen bisweilen im Gestrüpp der Political Correctness. Akademisch-besserwisserisch kommt einem da vieles vor. Und ärgerlich: Vor allem wenn die Provokation wichtiger wird als die Kommunikation. Wenn sie postuliert, dass weiße Deutsche grundsätzlich zu Verstocktheit neigen und weniger misstrauisch agierende schwarze Deutsche ganz einfach den Herrschafts-Diskurs bereits internalisiert haben.
Klassische Verhaltensmuster
„Für unsere unterpigmentierten Freunde”, erklärt Noah Sow, „nun ein paar Sprüche, die wir nie wieder hören wollen.” Man hört ihr die Verachtung für die Fragensteller an: Woher kommst du? Wirst du irgendwann wieder zurückgehen? Fühlst du dich eher als Deutsche oder als Afrikanerin? Warum liegst du in der Sonne, du bist doch schon braun? Du kannst bestimmt gut singen? Die ihrer Meinung nach passend „humorvollen” Antworten liefert sie gleich mit: „Und du kannst bestimmt superschnell laufen. Versuch‚s mal. Über die sechsspurige Straße da.”
Die Lesung ist aus, eine Diskussion mit dem Publikum lässt die Autorin ausdrücklich nicht zu. Sie habe kein Problem mit Aggression, sagt sie, aber erfahrungsgemäß würden dann einige „angepiekste” Hörer den ganzen Raum mit ihrer Wut für sich beanspruchen und „die schöne Atmosphäre kaputtmachen”. Lieber sollten sie daheim mit ihren Freunden diskutieren: Warum ärgere ich mich? Wurde ich gerade als Rassist ertappt? „Sie müssen erkennen, dass sie den Schuh, den sie sich nicht anziehen wollen, schon tragen. Erst dann können sie ihn ausziehen.”
Erst recht aber will Sow keine Therapeutin sein: Einer verunsicherten Leserin, die im Amnesty-International-Journal schreibt, sie habe nun das Gefühl, beim Kontakt mit Schwarzen alles falsch zu machen, wirft sie ein „klassisches weißes Verhaltensmuster” vor. „Sobald nicht mehr alles erlaubt ist, wird die eigene Befindlichkeit in den Vordergrund gestellt.” Konsequent ist das zumindest. Und jenseits jeder Opferrolle. Dennoch gibt es einen Moment, wo Noah Sow sich im angeschlossenen Café eine Zigarette anzündet, und so etwas wie Verletzbarkeit zeigt. Es geht um ihren jüngsten Auftritt mit den Sisters. „Es ist versöhnlich, wenn man mit sieben schwarzen Frauen auf der Bühne steht und einem zugehört wird. Mir sind die Tränen gekommen – das schafft kein Sachbuch!” JONATHAN FISCHER

SZ 2008

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