Kurzmitteilung

Aus dem Magma-Kern des Menschseins

Noch Amy Winehouse hat das Wichtigste von ihm gelernt: mit der Stimme direkt in die Seele zu treffen. Eine Werkschau würdigt das vergessene Soulgenie Donny Hathaway.

 

 Vergrößern Hörprobe: „ The Ghetto – Part 1 “ von Donny Hathaway

„Er hätte Mozart sein können“, sagte Roberta Flack über ihren Duettpartner Donny Hathaway. „Mozart hatte eine Menge Donny und Donny eine Menge Mozart in sich: Beide waren sie übermäßig begabt und dabei äußerst unsicher, wie sie ihr Talent mit dem Rest der Welt teilen könnten.“ Der schwarze Mozart-Bruder wurde nur 43 Jahre alt. Am 13. Januar 1979 stürzte sich Hathaway aus dem fünfzehnten Stock des Essex Hotels in Manhattan und schnitt der an Tragödien nicht armen Soulmusik eine weitere tiefe Narbe ins Herz. Otis Redding kam ein gutes Jahrzehnt früher bei einem Flugzeugabsturz um, Jackie Wilson war 1975 auf der Bühne ins finale Koma gefallen, Marvin Gaye sollte vom eigenen Vater erschossen werden. Sie alle hinterließen zumindest ein umfangreiches Opus.

Hathaway dagegen erlaubte uns nur einen flüchtigen Blick auf sein Genie. Das hatte wenig mit seinem Erfolg, aber viel mit persönlichen Abgründen zu tun: Als er sich das Leben nahm, kam der gefeierte Songwriter, Arrangeur, Produzent und Musiker gerade von einer Aufnahmesession – zu dem postum erschienenen Album „Roberta Flack featuring Donny Hathaway“. Nach Hits wie „You’ve Got A Friend“ oder „Love, Love, Love“ in der ersten Hälfte der siebziger Jahre hatte Donny Hathaway immer seltener den Weg ins Studio gefunden; ihn plagten schwere Depressionen. Vom einstigen Selbstbewusstsein des Showmannes schien nichts mehr übrig. Donny vertraute seiner eigenen Stimme so wenig wie der Begeisterung seiner Kollegen. Den Fans hinterließ er am Ende nur vier Studioalben, einen Livemitschnitt und ein Kompendium von Duetten mit eben jener Roberta Flack.

Nur die Hälfte der Box gilt dem bekannten Werk

Ein schmales Podest für diesen phantastischen Sänger und Musiker. Unverständlich, dass der Name Donny Hathaway nicht längst einen blattgoldbeschichteten Plattenschuber mit bibeldickem Beibuch und auf Bütten gedrucktem Klapp-Poster ziert! Nun haben die Macher des Reissue Labels Rhino Records tief in den Archiven ihrer Mutterfirma Atlantic gewühlt und die Fährten von Hathaways einstigen Mitstreitern aufgenommen. Auch ohne Blattgold: Die dabei entstandene 4-CD-Box mutet an wie ein Geschenk des Himmels. Wer hätte auch erwartet, 35 Jahre nach dem Tod des ungekrönten Soulkönigs noch einmal so viele unveröffentlichte – und unerhört gute! – Songs zu finden?

 

 Vergrößern Hörprobe: „A Song For You“ von Donny Hathaway

Nur die Hälfte der Box widmet sich Hathaways bekanntem Werk. Dabei sind frühe Duette mit June Conquest für Curtom Records, sein Blaxploitation-Soundtrack „Comeback Charleston Blue“, Single- und Promo-Versionen seiner Atlantic-Songs wie „The Ghetto“, „Thank You Master“, „A Song For You“ und natürlich die kommerziell erfolgreichen Duette mit Roberta Flack. Die wahre Sensation dieser Anthologie aber bleiben ein Livekonzert im New Yorker The Bitter End von 1971 und dreizehn Nummern, die bisher in den Studioregalen verstaubten. Hier erschließt sich die ganze stilistische Spannweite Hathaways: Disco, Blues, Jazz, Country und klassische Musik. Neben einem bläsergetriebenen Northern Soul Dancer namens „Always the Same“ oder dem deklamatorischen Swamp Funk „Don’t Turn Away“. Wäre er geblieben, Hathaway hätte wohl auch Hip-Hop gekonnt!

Hitproduzent für den gehobenen symphonischen Soul

Dabei leuchtet stets Hathaways Gospelhintergrund aus seinem Gesang. 1945 in Chicago geboren, wuchs er bei seiner Großmutter, einer bekannten Gospelsängerin und Gitarristin, in St. Louis auf. Schon als Dreijährigen ließ sie ihn in der Kirche auftreten. Bald tourte das Wunderkind, das sich selbst auf der Ukulele begleitete, durch den Gospel-Circuit des mittleren Westens. Erst mit neunzehn Jahren kam er mit der als „sündig“ betrachteten Welt des Rhythm & Blues in Berührung. Donny hatte ein Stipendium für ein Kunststudium an der Howard University in Washington gewonnen und schloss sich widerstrebend – er musste ja Geld verdienen – dem Ric Powell Trio an, das in Supper Clubs Unterhaltungsjazz darbot.

Der Pianist holte schnell zu den aktuellen Popmoden auf. Als Curtis Mayfield ihm einen Job als Artist & Repertoire-Mann seines Labels Curtom anbot, tauschte Hathaway das Studium gegen eine Fahrkahrte nach Chicago ein. Hier absolvierte er seine Meisterlehre: Den ganzen Tag schrieb er Arrangements, musizierte und begleitete Aufnahmen lokaler Bands, auch für die Konkurrenz von Chess Records. Bald galt der Mann als Hitproduzent für den gehobenen symphonischen Soul: Carla Thomas, die Staple Singers oder die Unifics profitierten von seinen Ideen, und er arrangierte das legendäre Impressions-Album „The Young Mods Forgotten Story“. Die Curtom-Single „I Thank You“ bescherte ihm 1969 den ersten Hit unter eigenem Namen. King Curtis stellte Hathaway bei Atlantic Records vor: Produzent Jerry Wexler war überzeugt, ein weiteres Genie vom Schlag eines Ray Charles oder einer Aretha Franklin gefunden zu haben, ließ ihn einen Langzeitvertrag unterschreiben und buchte das Studio für die Aufnahmen von Hathaways Debütalbum „Everything Is Everything“.

Freie Hand und vierzig Musiker

Die Stimme, mit der der Soulmann zeitlebens haderte, hatte es dem Atlantic-Produzenten angetan. Wexler schwärmte von ihrer „gewaltigen Spannbreite, Tonalität und Treffsicherheit“. Wie eine warme Decke schmiegt sich Hathaways Gesang um den Hörer. Da ist die Erlösungssehnsucht des Gospel. Und eine aus dem Magmakern des Menschseins heraus beschworene Seelenbruderschaft aller Zweifelnden, Liebenden und Hoffenden. „Someday We’ll All Be Free“. Niemand, abgesehen von Curtis Mayfield, schrieb bewegenderen Message-Soul! Hathaway hatte „The Ghetto“ vor Atlantic einigen anderen Plattenfirmen angeboten, die den Song ablehnten, „weil sie dachten, er könnte soziale Unruhen auslösen“. Dabei zielen Hathaways Jazz-Funk-Riffs und die vorwärtsgehende Basslinie vor allem auf den Tanzboden. Songs wie „Tryin’ Times“, eine urbane Meditation über soziale Spannungen und Ungerechtigkeit, oder „Little Ghetto Boy“ sollten später von Hip-Hop-Größen wie dem Wu-Tang Clan gesampelt werden.

„Hathaway hatte „sehr fortgeschrittene Theorien über Musik und Harmonien“, erinnert sich Wexler. „Ich konnte seinen Gedankengängen oft nicht folgen; er aber wusste genau, über was er redete“. Sein 1973er Album „Extensions Of A Man“ eröffnete mit einem symphonischen quasi-klassischen Song „I Love The Lord; He Heard My Cry“. Atlantic ließ den Musiker mit einem vierzigköpfigen Orchester arbeiten. Und Hathaway hatte freie Hand, sämtliche Facetten seines Könnens zwischen Jazz-Instrumentals, Soulballaden und Midtempo-Grooves auszuleben – eine Freiheit, die auch auf den unveröffentlichten Studioaufnahmen zu hören ist.

Sein Einfluss lebt weiter

Warum hat es so lange gedauert, bis jemand es wagte, verschroben-großartige Songs wie die bittersüße Soulballade „Sunshine Over Showers“ oder die zwanzigminütige Piano-und-Orchester-Suite „Zyxygy Concerto“ zu veröffentlichen? Hatte Donny Hathaway sein Universum über die Grenzen der Vermarktbarkeit gedehnt? Oder waren die Atlantic-Macher da schon längst auf den Disco-Zug aufgesprungen? Tatsache bleibt, dass Hathaway auch in seinen letzten depressiven Lebensjahren Musik schrieb, deren Schönheit er selbst wohl unterschätzte.

Sein Einfluss jedenfalls lebt weiter. Nicht jede Rhythm & Blues-Hoffnung mag seinen Namen kennen, seinen Gesangsstil aber bestimmt, dieses leicht rauchige Gospel-Melisma, das so mühelos in die Seele eintaucht. Es wurde seit den siebziger Jahren von Generation zu Generation weitergetragen, von Stevie Wonder bis zu D’Angelo. Heute hört man das Vermächtnis des Sängers aus Chicago unter anderem bei John Legend und Gregory Porter. Und erinnert sich noch jemand an den Hit „Rehab“ der ähnlich tragisch-begabten Amy Winehouse? „There’s nothing you can teach me, that I can’t learn from Mister Hathaway“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

JONATHAN FISCHER

FAZ 6.12.2013

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