Klänge aus dem Unterleib der Stadt: Kwes ist der König des Elektro-Soul – und legt jetzt sein erstes eigenes Album vor

Seine Unbeholfenheit. Die scheue Art. Das ist das Erste, was an Kwesi Sey alias Kwes auffällt. Der Mann wirkt kaum beeindruckt angesichts seines jungen Ruhms. »Ich bin nur ein Musikliebhaber«, wiegelt er ab, »mir ist es am wichtigsten, neue Dinge zu lernen.« Höflich wirkt er, der schlaksige Typ mit den langen Gliedmaßen und dem Hipsterbart – höflich, aber reserviert. Während er redet, geht sein Blick nach innen. Er zögert, bevor er zu einem neuen Satz ansetzt: »Meine Songs erklären das am besten.« Als ob er seine Musik als Puffer zwischen der eigenen Verletzlichkeit und der Welt brauchte.

Dabei hätte Kwes Grund, mit breiter Brust aufzutreten. Kanye West, Damon Albarn, Bobby Womack, The XX und andere Popgrößen haben seine Dienste als Produzent in Anspruch genommen. Für die englischsprachigen Medien ist die Sache ohnehin klar: Der Londoner Kwes ist der derzeitige Vorreiter des experimentellen Elektro-Soul. Viel Ehre für einen 26-Jährigen. Dem Enkel ghanaischer Immigranten aber ist der Hype peinlich. Vier Jahre hat er gebraucht, um sein Debütalbum ilp fertigzustellen. Der Schritt vom Studiomischpult ins Rampenlicht, zur Präsentation seiner selbst, sei ihm schwergefallen. Dem Klischee eines Soulmans entspricht Kwes nicht. Seine Musik noch weniger.

Das Album beginnt mit einem Spaziergang durch einen Park: Verzerrte Stimmen und metallische Drones mischen sich mit Entengeschnatter und dem Fauchen von Schwänen. Melodiefragmente schweben wie Seifenblasen heran. Erst nach einer Minute findet Purplehands langsam zu einer Songform und einem Beat. Ein verstörender Anfang für eine Popplatte. Und doch kommt das Chaos einem nicht unbekannt vor. Kwes’ körperlose Stimmen, sein Mix aus Melodien, Elektro-Clustern und mäandernden Hip-Hop-Beats ähneln dem Driften kleiner Informationspartikel durch den Datenraum, einem ununterbrochenen Strömen in ständig neuen Formen. »Manche finden Schönheit eher in der Ordnung«, sagt Kwes, »andere in der Schlamperei.« Er selbst neigt zu Letzterem.

Wie Öllachen schillern seine Kompositionen. Hat man nicht gerade eine klassische Soul-Phrasierung gehört? Einen Jazzchor? Eine anmutig funkelnde Melodie? Der Track 36 mit seinem Gummi-Bass und dem melancholischem Pianoriff gehört zu den betörenden Popmomenten eines Albums, das mit Wiedererkennungseffekten spielt, ohne sie je ganz einzulösen: Mal irritiert ein umgekehrtes Echo vor den Vokalen, mal schieben sich windschiefe Keyboardriffs in die Parade, mal versandet der Rhythmus. Anmutig lässt Kwes seine Songs implodieren. Doch selbst der Zerfall bekommt bei ihm etwas Zärtliches, etwa wenn er in Cablecar die Spannung und Verkrampftheit am Anfang einer Beziehung thematisiert. Wenn er metaphorisch Blumen von Zügen überrollen lässt. Oder als Leidensmann in Broke zu verzerrten Wurlitzerklängen und düsterem Rauschen singt: »You’re so beautiful, and I don’t want to destroy you with my desire.«

Mit Marvin Gaye und anderen Größen des Souls ist das nicht zu vergleichen. Soul zielt von seinen Ursprüngen her auf Selbstvergewisserung. Kwes’ Musik hingegen fängt erst an, wenn die Party zu Ende, das Reklamegeschwätz verstummt ist und sich leisere Seelenstimmen regen. Seine Kompositionen haben etwas vorsichtig Tastendes. Immer wieder drohen »verrückte« Geräusche sein Songwriting aus der Bahn zu werfen. Brian Eno hatte schon in den siebziger Jahren mit der Theorie von Musik als Klangfeld gearbeitet und die Vorstellung von fixierten Kompositionen abgelehnt. Kwes übersetzt diese Idee in den Pop von heute. In taoistischer Manier balancieren seine Songs zwischen Form und Auflösung. Er schafft offene Räume, in denen Dinge entstehen und wieder verschwinden.

Das sei kein Konzept, sagt Kwes, es entspreche einfach seiner Persönlichkeit. Kwes mag sich nicht auf eine einzige Geschichte festlegen, ilp ist so vielschichtig und polyfon wie ein elektronisches Palimpsest. Dass er vom Techno-Label Warp unter Vertrag genommen wurde, ist da nur folgerichtig, kommen doch die größten Pop-Innovatoren – von James Blake bis hin zu Flying Lotus – derzeit aus der elektronischen Ecke: Die Schnittstellennerds und Laptopprogrammierer sind in Ausdrucksbereiche vorgestoßen, die man bisher für die Domäne analoger Jazz- und Soulmusiker hielt. Das hängt auch mit einem Paradigmenwechsel zusammen: Musiker wie Kwes nutzen Elektronik nicht mehr als Instrument kalkulierter Körpermobilisierung. Es geht um die Simulation menschlicher Unberechenbarkeit.

Die nötige Abgeschiedenheit findet Kwes in seinem Studio in den Docklands, direkt am Themseufer: einst ein Schiffscontainer, jetzt ein Kasten voller Keyboards. Auch eine Bassgitarre und ein Schlagzeug stehen herum, die einzigen analogen Instrumente auf seinen Kompositionen. Früher habe er im eigenen Schlafzimmer auf dem Laptop herumfrickeln müssen und die knapp bemessene Freizeit genutzt – Kwes studierte Philosophie an der Hull University –, um elektronische Klangforschung zu betreiben und eigene Produktionen auf seine Myspace-Seite hochzuladen. Nachdem Bands wie Hot Chip dort auf ihn aufmerksam wurden, ließ er alle akademischen Ambitionen fahren. Nun gibt ihm die von Künstlern bevölkerte Containersiedlung inmitten der Industriebrache von Trinity Buoy Wharf die Freiheit, »jederzeit herzukommen und so lange zu arbeiten, wie ich will«.

Am liebsten spricht er von Löchern in der Wahrnehmung

Mit seiner ruinenhaften Anmutung ist der Ort wie geschaffen für Kwes’ Arbeitsstil. Besonders nach Mitternacht finde er hier die richtige Stimmung, seinen eigenen somnambulen Flow. Wenn Kwes die Tür seines Containers öffnet, sieht er Stadtautobahnen und die monströse O₂-Arena am anderen Ufer – während sich Möwengeschrei in den gedämpften Verkehrslärm mischt. Zweifellos enthält seine Musik eine Menge London. Die Aura einer schlaftrunkenen, verlassen und verloren wirkenden Metropole – man kann sich gut vorstellen, zu Kwes’ Songs nächtens durch Stadtparks, Industriebrachen oder verlassene Bahnhöfe zu torkeln, sogar zu tanzen. Oder mit ihnen in den Unterleib der Großstadt zu lauschen, wenn in den frühen Morgenstunden die leisen Geräusche laut werden und mit ihnen verstörende Erinnerungen, Déjà-vus und Glücksgefühle aus dem Unbewussten aufsteigen.

Als Produzent nutzt er bewusst den Charme des Zufalls: Es muss stets Platz bleiben für Ungereimtes und Spontanes. Besonders deutlich wird das in den letzten zwei, drei Minuten von Cablecar, wenn Kwes ein per iPhone mitgeschnittenes Gespräch in den Song einfließen lässt. »Ich hatte die ganze Nacht lang an meinem Album gearbeitet und wollte mit der Seilbahn über die Themse nach Hause fahren.« Eigentlich sei er todmüde gewesen. Dann aber grüßte ihn ein Kind immer wieder mit einem freundlichen Hallo, deutete auf Dinge und fragte seine Eltern danach. »Das munterte mich auf – und ich beschloss, das in meinen Track einzubauen: als Gegengewicht zu dessen Düsterkeit.«

Die Methode erinnert an die Prinzipien der Situationisten aus den sechziger Jahren. Ihr führender Theoretiker Guy Debord forderte damals zu dérives auf – zu ungeplanten Streifzügen durch urbane Landschaften. Eigennützige Motive hatten dabei nichts verloren. Vielmehr ging es um Entgrenzung der Umgebung: bei der Erforschung der »Psychogeographie« einer Großstadt sollten einen allein die von der Umgebung ausgelösten Emotionen leiten. Letztlich zielte die Strategie auf die Unmittelbarkeit der Erfahrung – Sekunden wahrer Empfindung im Gegensatz zum spätkapitalistischen Spektakel.

Natürlich hat der ehemalige Philosophiestudent Kwes die Debordschen Schriften gelesen. Er mag es nur nicht, zu viel Wissen vor sich herzutragen. In seiner bescheidenen Art spricht er lieber von Löchern in der Wahrnehmung, Täuschung und Enttäuschung, von Schleifen der Erinnerung, von der Freude an »freiem Pop«. Das Ergebnis sind Songs, die sich in jede Richtung bewegen können – auch auf die Gefahr hin, »falsch« zu klingen.
JONATHAN FISCHER
Die Zeit 28.11.2013

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