Klartexter aus Dakar: Der westafrikanische Hip-Hopper Awadi zu Gast im Ampere

München – Während die Flüchtlingskatastrophen vor Lampedusa die Öffentlichkeit aufwühlen, es ins Bewusstsein dringt, dass Hunderte Afrikaner jedes Jahr auf der Überfahrt nach Europa ertrinken, möchten die EU-Politiker das Problem am liebsten vom Halse haben. Was aber würden uns die Afrikaner sagen, wenn sie denn eine Stimme hätten? Der senegalesische Hip-Hop-Pionier Didier Awadi greift mit seiner Mischung aus intelligentem Rap, westafrikanischen Melodien und Rhythmen all das auf, was die „Géneration Consciente“, die selbstbewusste Generation junger Afrikaner bewegt. Und gilt deshalb seit 15 Jahren als wichtigster Hip-Hop-Star in Westafrika.

Dabei sieht Awadi seine Mission auch in den Konzerthallen Europas: „Mir geht es um eine andere Sichtweise auf die Emigration. Wer würde sonst laut sagen, dass all die senegalesischen und afrikanischen Jugendlichen, die sich in Nussschalen auf den Weg nach Norden machen, daheim von ihren Machthabern und deren Vetternwirtschaft betrogen wurden? Dass die Regierungen Europas für diese Misere Afrikas mitverantwortlich sind? Dass die senegalesischen Fischer nichts mehr fangen, weil europäische Trawler das Meer vor ihrer Küste leerfischen? Dass sich Europäer und afrikanische Eliten bereichern, während die einfachen Menschen immer ärmer werden?“

Awadis Raps schonen niemanden – weder die heimischen Machthaber noch die opportunistischen Politiker Europas. Klar, dass er damit aneckt. Doch die Jugendlichen zwischen Lomé, Bamako und Dakar geben mehr auf die Zeilen dieses Hip-Hop-Klartexters als auf die Regierungspropaganda. Bereits 1989 hatte Awadi die senegalesische Erfolgsband Positive Black Soul gegründet. Seitdem greifen seine Raps den Polit-Diskurs der Straße auf: So heißen seine letzten Soloalben „Kaddu gor“ (Ehrenwort), „Un autre monde est possible“ (Eine andere Welt ist möglich), oder „Sunuuugal“, ein Plädoyer gegen die Flucht und für die Entwicklung Senegals.

Awadis Hip-Hop-Songs erzählen panafrikanische Geschichte von unten und geben den von ihren Eliten im Stich gelassenen Jugendlichen Westafrikas politische und moralische Orientierung. Dazu passen die neuen musikalischen Töne auf seinem Album „Ma Revolution“. Reggae-Bässe und der Pianist von Bob Marleys Wailers treffen auf senegalesische Mbalax-Trommler und programmierte Beats. Eine Mischung, die bereits die Straßen von Dakar rockt. „Die Herausforderung“, sagt der Hip-Hop-Star, „ist es, euch zum Tanzen, aber gleichzeitig auch zum Nachdenken zu bewegen.“
JONATHAN FISCHER
SZ 18.10.13

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