Soul in Zeiten der Robotik: Janelle Monae und ihr neues Album „Electric Lady“

Lange her die Zeiten, als schwarzer Pop noch einen Anspruch auf Echtheit hegte: Der seine Seele ausschwitzende Soulsänger, der aufpeitschte und Geständnisse intonierte, ist seit Ende der sechziger Jahre ein Anachronismus. Ihm folgten die Stars von Disco, Garage, New Jack Swing und des heute allgegenwärtigen Rhythm’n’Blues-Radiokleisters. Mit der Künstlichkeit allerdings ging ein Freiheitsanspruch einher. Eröffneten sich ungeahnte Möglichkeiten. Denn jede neue schwarze Pop-Welle lieferte Freiräume, um die alten Klischees hinwegzufegen, sich selbst noch einmal neu zu erfinden. Das konnte in dem Raumschiff-Wahnsinn eines George Clinton münden. In Princes androgyner Rock-Funk-Oper. Oder zuletzt in der esoterischen Selbstinszenierung von Erykah Badu als ägyptische Königin, Afro-Feministin und kosmische Heilerin.

Nun aber rekombiniert Janelle Monae die Bausteine all dieser freisinnigen Pop-Vorgänger zu etwas ganz Eigenem. Insbesondere steigert sie das afro-futuristische Spiel mit dem Ausserirdischen zu einer grellen Androiden-Disco. Die 27-jährige Musikerin aus Kansas City treibt die Künstlichkeit auf die Spitze. Und mit ihr die Lizenz, alle Hautfarben- und Gender-Zuschreibungen zu umtanzen. Geniale Notwehr, könnte man meinen. Wie liesse sich die Softporno- und Leistungsethik einer Beyoncé & Co., das Bikini-Gerobbe und Bettkanten-Geschmachte all ihrer singenden Kolleginnen besser aushebeln?

Janelle Monae, Tochter einer Putzfrau und eines Müllmanns, taucht ihre «Electric Lady» – so der Titel des neuen Albums – in ein Bad aus Glitter, Glamour und Stahl. Sex habe sie nur mit Androiden. Und ihr Privatleben gehe uns nichts an. Jede unziemliche Nähe erstickt Monae schon mit ihrem Outfit: Smoking, Fliege, Riesentolle, ein Cyber-Geschöpf im Körper einer jungen Frau mit glänzenden Backenknochen.

Die dazugehörige Musik gibt sich indes viel irdischer als die Superheldin: Abgesehen von den hörspielartigen Skits, in denen ein durchgeknallter Radiomoderator in der Androidenstadt Metropolis das Leben von Janelle Monaes Alter Ego Cindy Mayweather kommentiert («Robot Love Is Queer»), versammelt «Electric Lady» eineinhalb Dutzend unterhaltsamer Rhythm’n’Blues-Vignetten. Bald folgt sie dem Frühwerk ihres Verehrers Prince (mit dem sie sich im Slow Jam von «Givin‘ em What They Love» duelliert), bald schwelgt sie in Siebziger-Jahre-Soul-Funk («Victory», «Can’t Live Without Your Love»), dann wiederum reitet sie auf Jazz-Harmonien und den Synthesizer-Spielereien des späten Stevie Wonder durch ihr Privat-Universum. Am schönsten ist das Gipfeltreffen zweier Space-Queens: Auf «Q. U. E. E. N.» buchstabiert Janelle Monae mit Erykah Badu alle Missverständnisse von Weiblichkeit durch – unterfüttert von kalten, synthetischen Beats, die sich in Streicher-Soul-Wohlgefallen auflösen.

Nur dass das Roboter-Thema irgendwann nervt und man sich Monaes virtuose Stimme zurück auf die Erde wünscht – als Instrument all der menschlichen Entzückung, Zärtlichkeit und Verzweiflung, die der Black Music noch immer humane Grösse verleihen. Monae kann als Roboter nichts falsch machen. Aber was sagt es über den Zustand des gegenwärtigen Rhythm’n’Blues aus, wenn die Liebe in eine Androidenstadt fliehen muss?
JONATHAN FISCHER
NZZ 11.10.2013

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